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      fotografie Alexandra Bondi de Antoni 29 Februar 2016

      „young gods“: eine intime fotoserie übers erwachsenwerden, freiheit und exzess

      Die unglaublich intime Fotoserie „Young Gods“ der Fotografin Stefanie Moshammer ist ein schönes Porträt übers Erwachsenwerden, über diese komische Zeit, in der man nicht mehr jung ist, aber auch nicht alt, in der man von seinen Hormonen getrieben ist und in der es so wirkt, als gäbe es kein Morgen. Ein Gespräch über Freiheit, Exzess und darüber, ob es Jugend überhaupt noch gibt.

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      Es ist vier Uhr morgens in einem Club in Aarhus. Nicht wirklich ein Club, sondern der Einzige, den es hier gibt. Das Publikum ist eine Mischung aus eindeutig Minderjährigen und viel zu alten Menschen. Aus den Boxen donnert schlechter House. Die Art von House, die man gehört hat, bevor man sich mit elektronischer Musik beschäftig hat. Neben mir steht die Fotografin Stefanie Moshammer und beobachtet die Szene. Plötzlich kommt ein junger Mann aufgeregt auf sie zugelaufen. Sein Gesicht ist blutverschmiert, auf seinem Pullover sind große rote Flecken. „Take a picture. Come on", ruft er durch die laute Musik hindurch. Stefanie holt ihre Kamera heraus und hält drauf. Sekunden später ist der Typ wieder in der Menge verschwunden. Ich schaue sie verwundert an. „Das ist immer so. Sie haben das Vertrauen zu mir gefunden und wollen, dass ich ihr Leben festhalte. Die hatten einen Streit wegen einem Mädchen. Das kommt super oft vor. Die machen das unter sich selbst aus", erklärt sie. Immer wieder am Abend kommen Boys auf sie zu und reden kurz mit ihr. Manchmal macht Stefanie ein Foto und irgendwann gehen wir alle nach Hause. 

      Das war im Mai 2015. Die junge Fotografin arbeitete zu dieser Zeit an einem Projekt in Aarhus. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben von einigen Jugendlichen, die in der kleinen Küstenstadt im Norden von Dänemark aufwachsen, zu dokumentieren. Ein Leben voller Partys, Langweile, Drogen, Alkohol, der ersten Liebe und der ständigen Frage, was es bedeutet, erwachsen zu werden. Kennengelernt hat sie die Jungs, die damals zwischen 17 und 23 Jahre alt waren, nachts beim Ausgehen. Schnell gewann sie ihr Vertrauen. Sie willigten ein, sich in jeder Lebenslage von ihr fotografieren zu lassen. 

      Entstanden ist die unglaublich intime Fotoserie „Young Gods", die ein schönes Porträt übers Erwachsenwerden, über diese komische Zeit, in der man nicht mehr jung ist, aber auch nicht alt, in der man von seinen Hormonen getrieben ist und in der es so wirkt, als gäbe es kein Morgen und in der das ganze Leben noch vor einem liegt.  

      Momentan ist Stefanie in Rio. Für drei Monate wird sie ihre Erlebnisse in einem weiteren Fotografieprojekt festhalten. Einen Einblick lieferte sie mit ihrem Instagram-Takeover beim ZeitmagazinExklusiv auf i-D zeigt sie Bilder aus ihrer Young Gods-Serie. Aus der Ferne hat uns die jungen Fotografin ein paar Fragen beantwortet. Ein Gespräch übers Erwachsenwerden, über Freiheit und Exzess und darüber, ob es Jugend überhaupt noch gibt. 

      Sprechen wir über die Anfänge der Fotoserie. Was sind die zentralen Ideen oder Fragen, die zu diesem Projekt geführt haben?
      Sie handelt von der Selbstbezogenheit junger Männer und die Observation durch mich die Fotografin. Erwachsenwerden ist eine Phase, die jeder durchmachen muss. Es gibt aber einige Dinge, die wir früher oder später alle erleben. Young Gods ist ein Zeitdokument über die männliche Jugend Dänemarks und das Erwachsenwerden.

      Wer sind diese Jungs? Wie, wann und wo hast du sie getroffen?
      Die acht Jungen aus der Fotoserie kommen aus Aarhus und Kopenhagen. Als ich sie fotografiert habe, war der jüngste 17 und der älteste 23. Ich habe sie nachts getroffen, einer saß neben mir und hat das Gas aus Luftballons inhaliert. Er sah so friedlich aus, auch wenn seine Gedanken alles andere als das waren. Er heißt Mathias und war damals 19 Jahre alt. Jetzt lebt er ein Leben auf der Überholspur. Er kann sein Leben genießen, weil er keine ernsthafte Verantwortung trägt und er keine sogenannten Verpflichtungen hat. Da fängt die Freiheit und der Exzess an.

      Musstest du viel Überzeugungsarbeit leisten? Wenn ja, wie hast du dir Vertrauen gewonnen?
      Es war keine Überzeugungsarbeit oder kein Überreden nötig. Ich habe mich mit einigen angefreundet und wir verstehen uns gut. Manchmal habe ich mich mehr wie eine Psychologin denn als Fotografin gefühlt. Mich interessiert der menschliche Geist. Es gibt etwas Himmlisches an ihnen, auch wenn sie alles andere als unschuldig sind.

      Stefanie war in den Stripclubs von Las Vegas unterwegs. Mit uns sprach sie über Genderdynamiken in der Wüstenmetropole.

      Wie verbringen sie ihre Tage? Was sind ihre Interessen und Leidenschaften? Was sind ihre Ängste und was frustriert sie?
      In meinen Augen sind diese Jungs rastlose Seelen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und ihrem Platz in der Welt. Es ist eine verwirrende Zeit voller Experimente und Selbstentdeckung, dadurch fühlen sie sich gleichzeitig schwach und stark. Irgendwas zwischen Leiden und Gefallen. Neugier und Expedition. Alles, was sie gerade erleben, ist ein Gefühlschaos. Sie bilden ihren eigenen Kult und sie haben eigene Riten. Einige haben die Schule geschmissen, einige gehen zur Schule, einige arbeiten und wieder andere versuchen, das Maximale aus ihrem Leben herauszuholen.

      Alle sind zwischen 17 und 23. Was ist so besonders und faszinierend an diesem Alter?
      Das ist ein Alter, in dem du zwischen zwei Welten gefangen bist. Du bist auf dem Weg erwachsen zu werden, du befindest dich in einem Zwischenstadium zwischen Reife und dem Leben eines Herumtreibers. Ich habe aber das Gefühl, dass Männer immer ein bisschen länger brauchen. Heutzutage ist 30 das neue 20. Dabei darf man aber auch nicht vergessen, dass eine Kategorisierung von Leute aufgrund des Alters, der Hautfarbe oder des Geschlechts nichts über diese Person aussagt. Jeder der Jungen ist anders, trotzdem gibt es ein paar Gemeinsamkeiten. Als Fotografin kann ich meine Rolle und meinen Einfluss nicht leugnen. Es gibt keine Anonymität oder kein Unsichtbarwerden hinter der Kamera, weil ich über den entscheidenden Moment bestimme. Meine Fotos werden zwar durch die Wirklichkeit beeinflusst, aber ich erschaffe sie.

      Welche Rolle spielt Maskulinität in der Fotoserie?
      Sie geben gerne an, auch unter sich. Sie nennen es Bromance—eine ganz bestimmte Liebe zwischen ihnen. Keiner von denen ist schwul, aber unter ihnen herrscht eine ganz eigene Dynamik, die sie mit keinem Mädchen teilen können. Ich nehme an, sie können unter sich mehr wie sie selbst sein. Aber ich spreche aus einer weiblichen Perspektive, weil ich Fotografin bin. Irgendwann müssen sie mich als einen ihrer Jungs akzeptiert haben, so sehe ich das.
      Abgesehen von ihrer Selbstbezogenheit und ihrem Narzissmus, habe ich sensible Charaktere entdeckt. Vielleicht war es einfacher, das als Frau einzufangen.

      Viele der Bilder wirken so, als ob sie in Schlafzimmern entstanden sind. Erzähle uns mehr über die Bedeutung des Raums in diesen Bildern.
      Es ist ein Ort voller Sehnsüchte und Vorstellungen. Die Jungs in gewissen Umgebungen zu packen, die bereits mit Inhalten gefüllt sind, macht den Punkt umso deutlicher.

      Neben den Fotos gibt es in der Serie auch Papierstücke mit Selbstgeschrieben. Eins scheint so eine Art Punkmanifest zu sein: „Fuck the System, fuck the police …". Erzähle uns mehr über die Geschichten dahinter. Wieso sind sie Teil der Serie?
      Ich habe alle gebeten, ihre Gedanken und ihre Gefühle aufzuschreiben. „Fuck the system, fuck the police" hat Lukas geschrieben. Er war der Anarcho der Gruppe. Als er mir das Stück gegeben hat, hatte er einen Gips um den Arm und kam gerade aus dem Krankenhaus. Er hat mir gesagt, dass er Ärger mit der Polizei hatte. Sie hätten ihn nach unten gedrückt und er hätte sich so den Arm gebrochen. In dieser Stimmung hat er dann seinen Brief verfasst. Durch diese Papierstücke wird die Geschichte lebendig. Je mehr Visuelles du miteinander verbindest, desto größer ist die Chance, dass die Betrachter eine unerwartete Verbindung eingehen können; etwas, was du nicht kontrollieren kannst.

      Ist die Jugend die beste Zeit unserer Leben?
      Ich weiß nicht, ob es die beste Zeit ist, aber es scheint so, dass sie die herausforderndste Zeit ist. Wann sonst kannst du dich selbst verlieren, feiern und denken, dass sich die ganze Welt nur um einen selbst dreht? Je älter du wirst, desto größer ist der Druck, in eine Schublade passen zu müssen. Es muss einen bestimmten Grund für die eigene Existenz geben, denn in unserer Welt gilt es als nicht akzeptabel, Zeit zu verschwenden. Manchmal sorgt die Zukunft für Angst und wir wünschen uns, dass wir alle jünger wären. Je älter du wirst, desto mehr Verantwortung trägst du. Wir haben alle eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft. Es ist schwer, aus diesen Mustern herauszubrechen. In unserer Jugend können wir noch am besten die unzähmbare Flut des Lebens ausdrücken.

      stefaniemoshammer.com
      @stefanie_moshammer

      Credits

      Text: Alexandra Bondi de Antoni 
      Fotos: Stefanie Moshammer

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      Themen:kultur, fotografie, stefanie moshammer, aarhus, kopenhagen, boys, young gods

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