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      meinung Philippa Snow 14 Juli 2017

      wo sind all die mode-exzentriker hin?

      Vor der Wirtschaftskrise, vor Brexit und Trump war die Welt begeistert von ausgefallenen Charakteren. Heute leben wir in einer Welt, in der sich die Realität ein bisschen zu sehr an dem Film “Die Geschichte der Dienerin“ anlehnt.

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      Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D UK.

      Verrückt auszusehen ist, meiner Erfahrung nach, ziemlich billig. Im Unterschied dazu kostet Exzentrischsein richtig viel Zeit und Geld. Ich habe vor Kurzem einen Artikel auf LitHub über die Buchsammlungen der Reichen und sehr Berühmten gelesen, darunter Chanel- und Fendi-Mastermind Karl Lagerfeld, der über 300.000 Bücher besitzt und 200 Millionen Dollar auf dem Konto hat. Da musste ich mich an den Mann erinnern, der von seiner sechs Tonnen schweren Porno-Kollektion zu Tode erdrückt wurde. Der eine ist exzentrisch, der andere einfach nur verrückt.

      Wenn sechs Tonnen erstklassiger Pornos auf eine bekannte Person stürzen würden, würde das genauso die Runde machen? Wenn ein Kunstsammler von der Jeff-Koons-Skulptur erschlagen wird, würde das weniger tragisch, vielmehr als eine poetische Wendung des Schicksals interpretiert werden? Exzentrischsein bedeutet, dass du reich und chic genug bist, damit man über dein Verrücktsein hinwegsehen kann. Es kann auch bedeuten, dass du nicht wirklich verstehst, wie der Rest von uns lebt und warum wir das eigentlich tun.

      Auch auf i-D: Wir haben i-Con Calvin Klein zum Interview getroffen

      Lagerfeld hat das schon vor langer Zeit zur Kunstform erhoben: talentiert, wertend und einfach over the top zu sein. Diese Kunst ist nicht weniger exklusiv und erlesen wie die Luxus-Damenmode, die er entwirft, oder die Modeillustrationen, die er zeichnet. Ich bete seinen Cartoon-Look und seine Boshaftigkeit eines Super-Bösewichts schon ewig an. Schon so lange, dass ich irgendwo auf einem staubfreien Regal eine Ausgabe seines Diätbuches liegen habe. Man kann einen Mann nur lieben, der die Katze seines jüngeren Model-Freundes klaut und sie dann in eine Marke verwandelt, inklusive einem eigenen Instagram-Account natürlich.

      Aber bei solchen Zitaten wie "Hässliche Menschen sind toll. Was ich hasse, sind gemeine und hässliche Menschen … Das Schlimmste sind hässliche, kleine Männer. Frauen können klein sein, aber für Männer gilt das nicht. Das ist etwas, über das sie ein Leben lang nicht hinwegkommen." Man muss zumindest zugeben, dass Karl mit bestimmten Aspekten des modernen Lebens nicht ganz im Einklang steht. Aber wie könnte man sie nicht lieben, die Menschen, die ihre eigenen, kleinen Welten erschaffen und darin leben. Es gibt Schlimmeres, als in seiner eigenen Kreation zu leben. Die persönlichen Sehnsüchte in etwas Konkretes zu verwandeln, bei dem alles andere vom Radar verschwindet, ist der Traum eines jeden kreativen Menschen.

      Das Tolle an der Modewelt ist doch zu einem Großteil ihre Wirklichkeitsverweigerung, diese kompromisslose Denkweise, dass alles außerhalb der Mode nicht ganz so toll ist.

      Alle Künstler sind kindisch, wenn sie ihre Wutanfälle bekommen und sich ganz ihrer fixen Idee hingeben. Die klassischen, grausamen und elitären Doyens der Haute-Couture-Modewelt gehören mittlerweile zu einer vom Aussterben bedrohten Spezies. Sie sind unsere Büffel, auch wenn sie natürlich dünner sind. Über Frauen zu sagen, die etwas gegen zu dünne Models haben: "Das sind fette Muttis, die mit einer Tüte Chips vor dem Fernseher hocken und dünne Models hässlich finden", ist eben auch ein wenig hässlich. Das fühlt sich außerdem altmodisch an. Zwei Dinge, die ich laut Lagerfeld-Diät essen sollte, sind Pferdefleisch und Kaktussuppe. Dass das nicht das Merkwürdigste an dem Buch war, verrät schon, warum ich es besitze und warum es so abgewetzt ist. Und vielleicht auch, warum Lagerfeld nicht die geeignetste Person dafür ist, über die Durchschnittsfrau und ihre Ernährung zu reden. Das Tolle an der Modewelt ist doch zu einem Großteil ihre Wirklichkeitsverweigerung, diese kompromisslose Denkweise, dass alles außerhalb der Mode nicht ganz so toll ist. Wie alle guten Kunstformen auch ist die Mode eine Form von Eskapismus. Sie ist dazu da, unpraktisch und abstrakt zu sein. Mode sollte nie so behandelt werden, dass sie etwas mit dem harten Alltag der Normalsterblichen zu tun hat. Deshalb ist es auch so problematisch, wenn Vertreter dieser Modewelt über die Presse anderen Ratschläge erteilen.

      "Die haben mich darin fotografiert? Dann kann ich das nicht mehr tragen, sondern brauche neue Sachen." Das sagte Anna Dello Russo, Editor-at-Large der japanischen Vogue, zu einem Journalisten des New York Magazine über ihre Garderobe. ("Wenn du auf Reisen bist, bewahre all' deine Accessoires in einem türkisfarbenen Trolley mit goldfarbenen Barockrahmen auf", erklärte sie in einem anderen Interview, ganz so als ob es total praktisch und einfach wäre.)

      Vor allem im Zeitalter von Twitter bleibt nichts verborgen. Joanna Coles von Cosmopolitan hat im letzten Jahr auf der Plattform verraten, dass sie im Jahr 2007 auf dem Weg zu einem Interview mit Valentino Garavani gebeten wurde, seine Filterblase aufrechtzuerhalten. "Mir wurde gesagt: 'Joanna, bitte erwähnen Sie den Krieg im Irak nicht'", sagte sie der New York Times. Als sie nach dem Grund gefragt hat, wurde ihr geantwortet: "Er weiß nicht, dass es den gibt. Mister Valentino liest keine Zeitung. Er liest nur gute Nachrichten. Mister Valentino ist ein Mann der Schönheit und er muss in einer Welt der Schönheit bleiben'." Auch wenn ich selbst gerne so leben würde: Ich kann nicht anders als festzustellen, dass das Hässliche die Welt wie eine Epidemie heimsucht. Gewalt, Terror, Armut und die Ungerechtigkeiten verschwinden nicht, nur weil manche sich weigern, sie wahrzunehmen, wobei das natürlich schön wäre. Verantwortung verträgt sich nicht so gut mit Fantasie und Maßlosigkeit. Deshalb ist es ratsam, dass diejenigen, die ihren Lebensunterhalt in oder mit der Fantasie verdienen, davon abgehalten werden, sich im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima öffentlich zu äußern.

      So ein Verbot wäre natürlich einfacher durchzusetzen, wenn diese Leute nicht so verdammt interessant wären. Ich persönlich fand es immer toll, über die Marchesa Di Casati zu lesen. Die Modewelt hat sie dafür geliebt, dass sie ein wenig besonders war oder wie es AnOther Magazine formuliert hat: "Sie hatte eine Gabe für Bosheit und eine Vorliebe für Exhibitionismus".

      Verantwortung verträgt sich nicht so gut mit Fantasie und Maßlosigkeit. Deshalb ist es ratsam, dass diejenigen, die ihren Lebensunterhalt in oder mit der Fantasie verdienen, davon abgehalten werden, sich im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima öffentlich zu äußern.

      "Zu ihrer Glanzzeit", heißt es in dem Artikel weiter, "ist sie nur bekleidet mit einem Pelzmantel durch Venedig spaziert und wurde dabei von ihren Geparden an Diamanten-Leinen begleitet. Wenn sich nichts Passendes in ihrer Schmuckschatulle finden ließ, trug sie eben ihre Boa oder nutze weiße Pfauen als Accessoires für ihre ausgefallenen Kostüme. Ihre Haut ließ sie sich bleichen. Um noch blasser auszusehen, hat sie die Schwarze Tollkirsche als Belladonna verwendet. Dieses pflanzenbasierte und giftige Mittel hat ihre Pupillen größer und dunkler aussehen lassen."

      Sie wurde mit einem ausgestopften Pekinesen und falschen Wimpern beigesetzt. Tom Ford hat sie einmal als "ersten europäischen Dandy des frühen 20. Jahrhunderts" bezeichnet. Wie kann man diese schillernde Persönlichkeit nicht mögen. Weniger bekannt hingegen ist der Fakt, dass sie 25 Millionen Dollar Schulden hatte, als Ende der 20er die Weltwirtschaftskrise einsetzte. Ihr Lebensstil galt auf einmal als exzessiv, geschmacklos und aus der Zeit gefallen. Eine weitere stylische und einsame Exzentrikerin, die von der Wirklichkeit mit ihrer wirtschaftlichen Schieflage heimgesucht wurde.Das wirkliche Leben hat und hatte es immer wieder geschafft, sich seinen Weg in diese Welt zu bahnen. Während meiner Recherchen habe ich ein Archivartikel vom New Yorker aus dem Jahr 2003 gefunden. Aber weil mein Abo längst abgelaufen ist, konnte ich nur die Zusammenfassung des Essays lesen, und die war nicht hilfreich.

      Um es kurz zu machen: Das ist die Story eines verrückten, sinnlichen und dann eines ziemlich traurigen Lebens. Ihre Geschichte ist ein abschreckendes Beispiel für jeden Modeexzentriker und sie zeigt auch, warum sich die Sphären von Schönheit und Wirklichkeit nicht so gut vertragen. Über das Ende des Lebens der Marchesa heißt es: "Sie hat so krampfhaft versucht, einzigartig zu sein, dass sie unweigerlich zu einer Marke wurde. Zu einem himmlischen Spektakel. Sie hat nie damit aufgehört, Kleidung einzusetzen, um einen sensationellen Effekt zu produzieren." Die Illustrationen stammen natürlich von Karl Lagerfeld: "Ich bin sehr bodenständig", zitierte ihn Vogue einmal — Lustig? Ja. Selbstkritisch? Ja, wenn auch leicht verrückt. "Nur eben nicht auf dem Boden dieser Erde", so Lagerfeld selbst.

      Credits

      Text: Philippa Snow
      Foto: Still aus Prêt-à-Porter (1994)

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      Themen:meinung, mode, fashion, modeexzentriker, exzentriker, karl lagerfeld, marchesa di casati, luisa casati

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