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      fotografie i-D Staff 9 Juni 2015

      wir ziehen nach berlin!

      Das Ergebnis der Wahlen in Großbritannien war ein Schlag ins Gesicht vieler junger, in London lebender Kreativer. Sie wollen nicht mehr unter einer solchen Regierung leben und wandern deshalb nach Berlin aus. Wir haben sie getroffen und gefragt, warum Berlin immer noch die Stadt ist, in die man geht, wenn man einfach weg will, was sie dafür tun, dass sich etwas ändert, und was ihnen Hoffnung gibt. Dürfen wir vorstellen: Alexandra, Hannah, Jesse, Luisa und Lyndsey.


      Jesse Tadini Rybolt, 26, Musiker und Tischler 

      Berlin gilt jetzt schon seit 20 Jahren als the new cool place to be. Warum immer noch Berlin? Was findest du so gut an Berlin?
      Das erste Mal war ich 2010 mit meiner Band Dogfeet da. Wir hatten keine Konzertauftritte und wir wussten nicht, was wir zu erwarten hatten. Ein Mädchen, das wir nicht kannten, hat die Band und zwei andere (insgesamt 7) für eine Woche in ihrer Wohnung schlafen lassen. Innerhalb von ein paar Tagen hatten wir Auftritte und sie zahlten uns merklich mehr, als wir jemals in London dafür bekommen hätten. In Berlin scheint alles möglich zu sein. Jeden hat interessiert, was wir machen - als Band und als Privatperson. Die Leute haben bereitwillig ihre Ideen, ihre Unterstützung, ihre Kritik mit uns geteilt und nicht ein Mal hatte ich das Gefühl, dass sie versuchen, uns auszunutzen oder etwas von uns zu bekommen. Es war einfach erfrischend.

      Wieso möchtest du umziehen?
      Ich bin in London aufgewachsen und habe dort fast mein gesamtes Leben verbracht. Mich nervt es.

      Was wirst du an London vermissen?
      Ich werde meine Freunde und Familie vermissen. Dass meine Frau und ich aber dorthin ziehen, wird ihnen ein Grund mehr geben, die Stadt zu besuchen.

      Viele überlegen aufgrund der aktuellen politischen und finanziellen Lage, Großbritannien zu verlassen. Was können wir an der jetzigen Situation verändern?
      Es ist wichtig, dass wir alles blockieren müssen, was die Armen und die Schwachen kriminalisiert oder entmenschlicht. Außerdem ist es wichtig, dass wir aufhören, uns an Unternehmen zu verkaufen, sowohl auf der großen Bühne der Freihandelsabkommen wie TTIP als auch auf individueller Basis; dass Leute ihr Geld für Mode und Werbung ausgeben und Künstler und Musiker sollen aufhören, sich an die Unternehmen zu verkaufen.

      Was macht dir momentan Hoffnung?
      Zu wissen, dass es viele andere gibt, die mit der aktuellen politischen Lage nicht zufrieden sind; ein Zeichen, dass ich nicht verrückt bin. Außerdem dass ich älter werde und dazu lerne, das gibt mir Hoffnung.

      Wieso ist es gut, im Jahr 2015 jung zu sein?
      Es fühlt sich an, als ob sich die Dinge bald verändern würden und hoffentlich ein Teil dessen zu sein.

      Hannah Logic, 26, Kreative 

      Berlin gilt jetzt schon seit 20 Jahren als the new cool place to be. Warum immer noch Berlin? Was findest du so gut an Berlin?
      Berlin ist wie der Freund, den man hat, und von dem man nicht so recht weiß, ob man auf ihn steht oder einfach nur so wie er sein möchte. Man kann für so viel weniger Geld essen und trinken, so lange Party machen und es gibt so viel mehr Auswahl und so viel weniger Bürokratie. Nach der ganzen schrecklichen Unterdrückung und Teilung, die es gab, schöpft die Stadt voll aus ihrer neu gewonnenen Freiheit.

      Wieso möchtest du umziehen?
      Ich möchte auch frei sein.

      Was macht deiner Meinung nach Berlin besser als London?
      In Berlin zählen die Menschen mehr, erst danach kommt die Wirtschaft und Wachstum. Die Stadt ist grüner. Am Tagesende spenden die Supermärkte und Cafés Lebensmittel. Die werden von einem Kühlwagen eingesammelt, der sie in eine große Küche fährt, wo sie jedem, der sie möchte/braucht, zugutekommen.

      Was wirst du an London vermissen?
      Natürlich werde ich es vermissen, ein Teenager zu sein. Ich hatte einige der besten Jahre meines Lebens dort. Aber die Stadt verändert sich und diese Veränderungen mag ich nicht.

      Viele überlegen aufgrund der aktuellen politischen und finanziellen Lage, Großbritannien zu verlassen. Was können wir an der jetzigen Situation verändern?
      Die Leute sollen aufhören, in „Wir"-„Ihr"-Kategorien zu denken. Alle sind so gierig. Großbritannien ist ein fettes, gieriges Land. Wenn wir die ganzen Mauern einreißen und die Welt als Einheit betrachten würden, dann könnte ich besser schlafen.

      Was macht dir momentan Hoffnung?
      Freigeister. Mir ist egal, was du sagst, aber sag es. Zu viele Leute halten den Mund und machen weiter wie bisher. Sie machen es einem nicht leicht, aber die Leute, die sich nicht alles gefallen lassen, machen mir Hoffnung.

      Wieso ist es gut, im Jahr 2015 jung zu sein?
      Meine Titten und mein Arsch sehen noch gut aus, oder?

      Alexandra Moon-Age, Multi-Media Künstlerin und Creative Director 

      Berlin gilt jetzt schon seit 20 Jahren als the new cool place to be. Warum immer noch Berlin? Was findest du so gut an Berlin?
      Berlin fühlt sich an wie ein Dorf, in dem du für drei Tage Party machen kannst. Wenn man kein Partyanimal sein sollte, dann ist es auch großartig. Es gibt viele, die ihre Energie auf andere Weise loswerden - entgegen dem Ruf. Berlin ist sicherlich nicht mehr der aus der Zeit gefallene anarchistische Traum, der es Anfang der 90er war, aber man erkenne immer noch Spuren aus dieser Zeit. Meiner Erfahrung nach können die Leute die meiste Zeit frei leben. Es gibt eine Offenheit gegenüber alternativen Formen von Liebe, zum Beispiel blühende queere, polygame Szenen und alternative Wohnformen wie Hausprojekte. Obwohl Wagenburgen nicht mehr so zahlreich vorhanden sind wie früher, sind sie dennoch sichtbarer als in London. Es gibt ein starkes grünes Bewusstsein. Es gibt viele Orte, wo man leckeres und bezahlbares Essen bekommt und ein schickes Outfit in einer Freebox findet.

      Wieso bist du hergezogen?
      Ich hatte eine Vorahnung, dass ich hier etwas lernen würde; dass die Ideologien, die ich gut finde, hier mehr Raum haben, um zu wachsen.

      Was vermisst du aus London?
      Hier werden meine kreativen Instinkte nicht dramatisch durch Kommerz geformt. Ich kann Zeit investieren und wirklich in meine Projekte eintauchen, ein schwieriges Unterfangen in dem schnellen Tempo von London. Das gesagt, das schnelle Tempo von London sorgt auch viel für die Energie und die Spannung der Stadt. Ich vermisse die Verrücktheit, Soho, Shows von David Hoyle, die DLR, Ridley Rd, dass man frühere Popstars wie Adam Ant auf der Straße trifft, die Fülle von Möglichkeiten, die man sich nicht ausdenken kann. Tatsächlich muss ich aber all diese Dinge nicht vermissen, ich kann einfach dorthin fliegen und es genießen, ohne diese kranken Mieten zahlen zu müssen.

      Viele überlegen aufgrund der aktuellen politischen und finanziellen Lage, Großbritannien zu verlassen. Was können wir an der jetzigen Situation verändern?
      Ich glaube daran, dass Individuen ihr Bestes tun können, um die Veränderung zu sein, die sie sich für die Welt wünschen, trotz der Untergangsstimmung. Widerstand und Protest sind ein Weg, andernfalls eigenständig leben, was Leute in London immer noch tun, trotz der Widrigkeiten. Daumen drücken, dass Großbritannien nicht aus der EU austritt.

      Was macht dir momentan Hoffnung?
      Einzelgänger, kosmische Witze, Urban Gardening, Aktivitäten wie Kontaktimprovisation, die Berührung und Verbindung einschließen.

      Wieso ist es gut, im Jahr 2015 jung zu sein?
      Ich kann Leute, die am anderen Ende der Welt wohnen, anrufen und sehe ihre Gesichter wie in Die Jetsons. Das Internet hilft einem dabei, ein großes Netzwerk aus Gleichgesinnten zu knüpfen, gleichzeitig verschafft es einem ein Gefühl von grenzenlosen Möglichkeiten und ist Neuland. 

      Lyndsey Lupe, Musiker, Filmemacher und Teil von Goodbye Weirdo Records

      Berlin gilt jetzt schon seit 20 Jahren als the new cool place to be. Warum immer noch Berlin? Was findest du so gut an Berlin?
      Für mich ist es der freigeistigste Ort in Europa, jedenfalls verglichen mit dem, wo ich war. Als ich bei meiner Band ausstieg, habe ich sofort ein One-Way-Ticket nach Berlin gebucht. Ich blieb dort für fünf Monate, den ganzen Winter, und ging zurück nach London, um Wahlkampf für die britischen Grünen zu machen. Aber ich will diesen Monat zurück nach Berlin. Berlin hat mir geholfen, zu verstehen, wie sich Leute organisieren. Die Leute protestieren immer gegen irgendwas und sie sind als Verbraucher viel bewusster; was sie essen, wie sie wohnen, angeblich wurde ein McDonalds aus der Stadt vertrieben. Den Leuten in Berlin scheint ihre Stadt mehr zu gehören als den Leuten in London. Die Leute in London haben nicht viel Zeit nachzudenken, weil sie drei Jobs haben, um das Dach über ihrem Kopf behalten zu können. Wir waren in London zu lange zu apathisch und zahlen jetzt den Preis dafür.

      Was wirst du an London vermissen?
      Die Musikszene ist in London stimmiger, die Auswahl ist größer.

      Warum ist Berlin immer noch beliebt?
      Die Musikszene der 80er war fantastisch, unvergleichlich. Die Wirtschaft spielt immer noch eine große Rolle. Vielleicht wurde Berlin immer mit einem gewissen Wohlwollen betrachtet. Aber es hat sich viel geändert, als ich das erste mal 2010 da war. Die Engländer verwässern es stark.

      Viele überlegen aufgrund der aktuellen politischen und finanziellen Lage, Großbritannien zu verlassen. Was können wir an der jetzigen Situation verändern?
      Mein Hauptprinzip ist es, Leute davon zu überzeugen, dass sie etwas ändern können. Es ist verrückt zu sehen, dass 7 Milliarden Leute denken, dass sie nichts ändern können. Durch die Technologie, die uns verbindet, haben wir viel Macht und das nur einen Klick entfernt, wenn wir nur die Angst vor dem Kontrollverlust überwinden. Das Wahlergebnis war auf gewisse Art und Weise positiv, weil sich die Leute jetzt mit der Situation auseinandersetzen müssen. Am wichtigsten ist es, Leute zum Mitmachen zu bewegen, auf lokaler Ebene etwas zu verändern und nett zu sein.

      Was macht dir momentan Hoffnung?
      Wie Künstler auf aufregende Art und Weise auf diese trostlose politische Situation reagieren. Darauf habe ich lange gewartet. Die Leute feiern in Fabrikhallen, weil die Clubs dicht gemacht werden. Die Leute gründen Sender, weil es kein Musikfernsehen gibt. Neue Plattformen entstehen. Sie werden immer neue Wege finden, wenn sie in die Ecke gedrängt werden.

      Wieso ist es gut, im Jahr 2015 jung zu sein?
      Wir befinden uns in einer Situation, die wir nicht kennen. Wir wissen nicht, wo es lang geht und wir müssen unsere Zukunft in unsere eigenen Hände nehmen. Jeder hat darin seine Aufgabe.

      Luisa Le Voguer Couyet, 22, Journalistin und Editor  

      Wieso möchtest du umziehen?
      In London ist es gerade schwierig, die Mieten sind super hoch. Wenn man etwas Kreatives machen will, dann braucht man eine Umgebung, in der man gedeihen kann, ohne dass man unter dem Zwang steht, die ganze Zeit arbeiten gehen zu müssen. Außerdem liegt dieser Vibe in der Luft, dass hier etwas in der Stadt passiert; dass es Spaß macht und dass man machen kann, was man will. Es ist ein bisschen wie ein Spielplatz.

      Was wirst du an London vermissen?
      Englisch zu sprechen, ich kann kein Deutsch. Und Leute. Ich liebe London und die Art und Weise, wie es sich um den Fluss organisiert, beim Anblick der Skyline fühle ich mich zu Hause. Ich wurde in London geboren.

      Viele überlegen aufgrund der aktuellen politischen und finanziellen Lage, Großbritannien zu verlassen. Was können wir an der jetzigen Situation verändern?
      Der Wahlausgang hat mich anfangs richtig heruntergezogen und viele Leute waren enttäuscht, aber ich habe bemerkt, dass sich die Leute zusammentun und langsam begreifen, dass sie sich zusammenschließen müssen, um etwas zu erreichen. In London herrscht ein Gefühl der Unterdrückung, aber man kann mit Kunst Dinge verändern. Deswegen mache ich das Magazin Hate, in dem es darum geht, dass Leute, die einen negativen Background haben, etwas Gutes tun. Wie du aus etwas, das du hasst, etwas Positives machen kannst, das lustig und kreativ ist.

      Was macht dir momentan Hoffnung?
      Kreative Sachen zu machen und Leuten, die ich liebe, nah zu sein. Und mein Magazin, das ich mit meiner Freundin Scarlett gestartet habe. Sobald die erste Ausgabe im Druck ist, kann ich nach Berlin ziehen, was ein guter Ort ist, um kreative Ideen zu entwickeln, wenn man selbst mit sich streng sein und nicht die ganze Zeit auf Partys gehen will.

      Wieso ist es gut, im Jahr 2015 jung zu sein?
      Manchmal vergesse ich, wie jung ich bin. Alter ist ein sonderbares Ding, Ereignisse verbindet man mit dem Alter. Ich sollte das gemacht haben, als ich so alt war. Man sollte darin nicht verharren.

      Credits

      Fotos: Britta Burger

      Produktion: Alexandra Bondi de Antoni 

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      Themen:fotografie, kultur, london, berlin

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