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      kultur Jovana Reisinger 8 März 2016

      wie feministisch ist die deutsche filmbranche?

      „Wenn ich morgen mein Geld von der Filmförderung bekomme, weil ich eine Frau bin und nicht weil meine Ideen so genial sind, dann empfinde ich das als derben Rückschritt.“ Wir haben uns mit dem Musiker und Filmkritiker Pico Be, der Kamerfrau und Regisseurin Julia Daschner und der Kamerafrau und Drehbuchautorin Jennifer Bräuer über Frauen in der deutschen Filmindustrie unterhalten.

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      Das feministische Filmfest in Berlin hat sich etwas vorgenommen. Es will mit seinem Programm eine Woche lang unterhalten und inspirieren, aber vor allem die wahnsinnig talentierten Frauen in der Branche rühmen. Ihnen den Tribut zollen, der ihnen gebührt. Im Programm findet man Filme von Frauen, die meistens von anderen Frauen handeln. Sie wollen weibliche Sichtweisen, Filmemacherinnen, außergewöhnliche Frauenrollen in Filmen an die Oberfläche bringen.

      Filme von Frauen werden oft ignoriert. Dem wollen die Macher und Macherinnen vom Filmfestival und vergleichbare Events abhelfen. Aber eigentlich dreht sich doch alles um die Frage: Was läuft in der Filmbranche eigentlich falsch? Warum ist ein solches Festival so wichtig? Wir haben dem Musiker und Filmkritiker Pico Be, der Kamerafrau und Regisseurin Julia Daschner und der Kamerafrau und Drehbuchautorin Jennifer Bräuer genau diese und noch mehr Fragen gestellt.

      Jenny, du bist Kamerafrau und Drehbuchautorin. Julia, du hast 2012 den Kamerapreis beim FrauenFilmFest in Dortmund gewonnen: Wie steht ihr zu Filmfestivals für Frauen? Sind sie für euch relevant?
      Jenny: Feminismus ist kein Hobby für Frauen. Feminismus ist sowohl ein politisches als auch gesellschaftliches Muss. Feministische Filmfestivals sind vor allem dann relevant, wenn sie sich in ihrer Programmauswahl auf Filme konzentrieren, die das Kino nutzen, um die Wirkung von Rollenklischees umzukehren und mit diesen endlich aufzuräumen. Feministisch sollte sich ein Filmfestival überhaupt erst nennen dürfen, wenn es relevant ist. Die Relevanz zeigt sich in der Auswahl der gezeigten Filme. Wenn sogenannte Frauenfilmfestivals zu Orten werden, an denen Frauen ihre Stärken abfeiern oder gar so weit gehen, sich zu treffen, um alleine nicht schwach zu sein, dann sind das Orte, die ich gerne meiden will. Ich frage mich oft, wie etwas feministisch sein kann, was den Mann ausklammert—das ist doch nicht auf Augenhöhe.
      Julia: Auf solchen Festivals geht es häufig um die Frage nach dem weiblichen Blick. Je nachdem wie man sich dazu positioniert, steht man auf solchen Festivals im Mittelpunkt oder eher am Rand. Es gibt keine Themen, die ich als Frau gerne umsetzen will. Das, was mich interessiert, sind keine genderspezifischen Inhalte. Es sind meist gesamtgesellschaftliche Themen. Daher kann ich mich auch nicht als feministische Filmemacherin bezeichnen.

      Isabell Šuba hat in einem Q&A nach ihrem Stereotyp-Spielfilm Männer zeigen ihre Filme & Frauen ihre Brüste ernsthaft gesagt, Schwangerschaften seien der Grund dafür, dass es so wenig Kamerafrauen, Regisseurinnen etc. gäbe. Das ist die „natürliche Benachteiligung". Sie ist auch eine Stimme der ProQuote Regie. Was hältst du davon?
      PROQUOTE engagiert sich für einen offenen Dialog im Genderdilemma des deutschen Fernsehens. Sie konzentrieren sich dabei auf sogenannte Auftragsproduktionen und nehmen Stellungnahmen der Fernsehanstalten zur Frage „Warum so wenig Regisseurinnen?" bis ins kleinste Detail auseinander. Sie haben erreicht, dass die ARD nun einen Maßnahmenkatalog zur Einbindung deutscher Regisseurinnen vorstellen möchte. Ich denke aber, dass das völlig am Thema vorbeigeht. ProQuote nennt Fernsehredakteure auf ihrer Seite „Gatekeeper". Welche Tür behüten diese Gatekeeper? Die Tür ins Land der unendlichen Möglichkeiten? Ich finde ProQuote sollte ihren öffentlichen Dialog auf die Frage lenken, wie ein Fernsehen von Morgen aussehen muss, anstatt Beschwerdezirkel zu veranstalten, die der Frage nacheifern, wie man bei einem auf der Stelle tretenden Fernsehen mit einem Durchschnittszuschauer von 60 Jahren mitmachen kann. Wenn jemand dazu gute Ideen hat, dann gehen ihm nämlich plötzlich ganz schön viele Türen auf. Wenn ich morgen mein Geld von der Filmförderung bekomme, weil ich eine Frau bin und nicht weil meine Ideen so genial sind, dann empfinde ich das als derben Rückschritt.

      Julia, was meinst du dazu?
      Leider wurden in der Vergangenheit Filme von Frauen quasi aussortiert. Das muss sich dringend ändern und daher halte ich—vorübergehend—Maßnahmen wie Quoten und Frauenfilmfestivals unerlässlich, um ein Gleichgewicht herzustellen und um die nach wie vor von Männern dominierte Filmbranche wachzurütteln. In Zukunft hoffe ich wie viele darauf, dass die Filme wieder nach anderen als Geschlechterkriterien wahrgenommen und bewertet werden.

      Gibt es also eine Benachteiligung von Kamerafrauen, Regisseurinnen, Produzentinnen, Autorinnen in der Filmbranche?
      Julia: Ja. Dazu wurde und wird zum Glück immer wieder berichtet. Mittlerweile auch von Erhebungen mit Zahlen unterfüttert. Das kann man vielerorts nachlesen.
      Jenny: Ich sehe meinen Beruf nicht als Rollenspiel. Es gibt bestimmte Aufträge, bei denen man an der Kamera eine gewisse Zähheit mit sich bringen muss. Diese muss ich mir antrainieren, ob Mann oder Frau. Anfragen, die explizit an mich als KameraFRAU gerichtet waren, habe ich bisher immer abgelehnt. Ich bin nicht der Meinung, dass eine Frau automatisch feinfühlig ist. Genauso wenig ist ein Mann automatisch robust. Unser Beruf ist stark an unsere Persönlichkeit gekoppelt. Diese ist individuell. Wer das nicht weiß, hat nicht verstanden, was die Arbeit eines Kameramannes ist und sollte diesen auch nicht auswählen dürfen. Bei der englischen Bezeichnung Director of Photography wird das Geschlecht übrigens außen vor gelassen.

      Pico, du arbeitest seit Jahren als Filmkritiker und machst dich mit deiner Band Das Weiße Pferd für Frauenrechte stark. Findest du, dass Filme von Frauen zu wenig gewürdigt werden? 
      Zunächst einmal ist es nicht wichtig, wie ich zu feministischen Filmfestivals bzw. Frauenfilmfestivals stehe, denn zweifellos gibt es einen Bedarf dafür. Werfen wir nur mal einen Blick auf die bundesdeutsche Fernsehwelt: Für den Beobachtungszeitraum 2010-2013 betrug der prozentuale Anteil von Regisseurinnen bei Primetime-Sendeplätzen nicht mehr als elf Prozent. Und bei der Vergabe von öffentlichen Fördersummen für Filmprojekte kamen Filmemacherinnen in Deutschland nicht einmal an zehn Prozent vom Fördertopf ran. Da stinkt die Bundesrepublik im europäischen Vergleich mal wieder ab. Denn es stimmt ja nicht, dass es keine Regisseurinnen gäbe. Ob ein Festival wie as Berlin Feminist Film Week dann für deren Repräsentanz sorgen oder zu deren Teilnahme am Big Screen führen kann, ist trotzdem fraglich. Ich glaube, dass sich die meisten Filmemacherinnen eher einen Bären, eine Palme oder einen Oscar wünschen, als sich auf die Würdigung innerhalb eines Frauenfilmfestivals reduziert zu sehen.

      Welche Änderungsvorschläge habt ihr an die Filmbranche?
      Jenny: Jedes Filmset sollte einen fahrenden Kindergarten an Bord haben. Keine Dreharbeiten ohne Kinderbetreuung! Jetzt kommt bestimmt jemand und sagt: „Das ist aus versicherungstechnischen Gründen nicht möglich". Dann sage ich „Dann ändert das!"

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      • Lies hier unser Interview mit Karin Fornander, Organisatorin und Gründerin der Berlin Feminist Film Week.
      Credits

      Text: Jovana Reisinger
      Foto: Angès Varda über The Criterion Collection

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      Themen:film, kultur, feminismus, frauentag, berlin feminist film week, weltfrauentag

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