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      kultur Tereza Mundilová 28 April 2016

      wie eine app digitale kunst in gemäldegalerien bringt

      Mit Augmented Reality beschäftigen sich Carla Streckwall und Alexander Govoni im Rahmen ihres Projekts „Refrakt“. Zusammen entwickelten sie eine App, mit der sie ihre Umgebung digital gestalten können und somit eine neue Welt mit unendlicher Fläche für Kunst erschaffen.

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      Die erste Ausstellung der App Refrakt ließ klassische auf digitale Kunst treffen, der Schauplatz dafür war die Gemäldegalerie in Berlin und der Handyscreen des Besuchers. Durch die Kamerafunktion der App konnte man für einen Moment die Gemälde der alten Meister durch die Augen von Alexander Govoni und Carla Streckwall sehen. Die klassischen Werke wurden mit maßgeschneiderten Animationen verziert und bekamen dadurch plötzlich einen ganz neuen Kontext. Nun planen die zwei Künstler ihre weitere Ausstellung in New York. Mit uns sprachen sie über den Einfluss der Digitalisierung der Gesellschaft und wieso dadurch Kunst heutzutage ganz anders konsumiert wird. 

      Beschreibt doch mal euer Projekt. Was kann eure App und wie funktioniert das genau?
      Alexander: Unsere App Refrakt startete ursprünglich als unsere Meisterschülerarbeit an der Universität der Künste und ist eine Augmented Reality-App, mit der wir in der Lage sind, die Realität, wie wir sie durch unsere Geräte meinen wahrzunehmen, zu verzerren. Das Ganze ist als Wahrnehmungsexperiment entstanden. Bei der ersten Ausstellung in der Gemäldegalerie am Potsdamer Platz haben wir die fünf Räume der Dauerausstellung bearbeitet und haben uns dort mit den Gemälden der alten Meister auseinandergesetzt. Wir haben überlegt, wie man diese Gemälde einerseits als Leinwand für unsere eigenen Arbeiten nutzen kann, aber andererseits auch, wie man diese Gemälde näher untersuchen kann, um sie dem Besucher näher zu bringen.
      Carla: Die App ist als Spielplatz zu sehen. Wir haben mittlerweile gemerkt, wie unterschiedlich verschiedene Generationen darauf reagieren. Während kleine Kinder viel intuitiver mit digitalen Geräten umgehen können und eventuell eher keinen Zugang zu den Gemälden haben, finden sie diesen mittels der App. Andererseits findet die ältere Generation wiederum eine ganz neue Ebene in Gemälden, die sie schon kennen.

      Inwiefern verändert sich die Ausstellung gegenüber dem Besucher durch diese erweiterte Wahrnehmung?
      Carla: Die Ausstellung als solche verändert sich natürlich nicht und wird auch nicht durch die App verändert. Was sich aber ändert, ist die Wirkung auf den Betrachter. Manchmal entdeckt man Details, die man gar nicht bemerkt hätte, oder es ergibt sich eine Interpretation unsererseits zu d em Gemälde, an die der Betrachter nicht gedacht hätte beziehungsweise, an die er schon gedacht hätte, und merkt, dass wir es auch taten.
      Alexander: Wir sind sehr subjektiv an die Sache herangegangen. Manchmal haben wir ein Bild gesehen und haben gedacht, dass es lustig wäre, wenn etwas Bestimmtes passieren würde. Deshalb war es, wie Carla anfangs erwähnt hat, auch eine Art Spielplatz für uns, um auszuprobieren, was wir mit dieser App für Möglichkeiten haben, um sie dann in Zukunft auch abseits des Museums besser umsetzen zu können.

      Was denkt ihr, würden die Künstler zu euren Animationen sagen?
      Carla: Das ist schwierig, da man natürlich gar nicht weiß, wie ein Brueghel heutzutage arbeiten würde. Wir hatten ein bisschen Respekt davor, wie Kunstvermittler darauf reagieren würden, wenn sich jemand wie wir, ohne Ph.D-Abschluss in Kunstgeschichte, nicht allzu tief gehend mit den Gemälden beschäftigt, sondern, so wie in unserem Fall, sehr subjektiv arbeitet. Wir dachten fast, dass sie das ablehnen würden. Aber ganz im Gegenteil, sie waren begeistert, mit was für Ideen wir aufkommen. Wir denken, dass es bestimmt auch für die Künstler ganz interessant zu sehen wäre, wie wir ihre Gemälde digital erweitert haben.

      Durch die Sicht auf den Handy Screen verkleinert sich das Blickfeld des Besuchers. Welche Konsequenzen hat das für den Betrachter?
      Alexander: Wir haben uns dazu entschieden, mit Handys und Tablets zu arbeiten, weil wir heute schon total an die Geräte gewöhnt sind und sie quasi zu einem Fenster wurden, durch das wir unsere Umgebung wahrnehmen. Mittlerweile ist es also zu einem scheinbar objektiven Gerät geworden und wir glauben alles, was wir durch das Handy erfahren. Das Kamerabild ist für uns ein objektives Bild und genau das wollten wir stören indem wir mit Augmented Reality arbeiten.

      Carla: Inzwischen hat man sich schon sehr daran gewöhnt, auf ein kleines Display zu schauen, sodass man das nach einiger Zeit gar nicht mehr bemerkt und die Größe gar nicht mehr wahrnimmt. Heute werden sehr viele Projekte mit VR Glasses gemacht. Das ist natürlich sehr interessant, aber da ist das Problem, dass man dann zu sehr in dieser Realität ist und man die tatsächliche Umgebung nicht einfach so vergleichen kann.

      Wie beeinflussen Apps die Kunst?
      Alexander: Apps werden, im Vergleich zu den ersten Apps mit praktischen Funktionen, immer mehr als künstlerisches Tool benutzt. Heutzutage gibt es viel mehr Open Source-Projekte, die Künstlern zur Verfügung stehen, um Kunst auf mobilen Geräten herzustellen. So sehen wir unser Projekt auch—wir haben ein weiteres Medium geschaffen. Wie ein Maler mit seinen Pinseln arbeitet, haben wir jetzt ein Tool, mit denen wir neue Sachen ausprobieren können. Am Anfang unserer Arbeit wussten wir eigentlich gar nicht, wo unsere Reise hingehen soll. Am Ende ist es eine App geworden. Damit haben wir wohl nicht gerechnet.

      Carla: Es kursiert viel Kunst im Netz und es gibt wenige Galerien, die diese Kunst ausstellen. Uns war es wichtig, einen neuen Ort zu schaffen und das haben wir auch gemacht. Wir haben eine virtuelle Galerie in der Gemäldegalerie erstellt und haben es dadurch geschafft, digitale Kunst dort hinzubringen, wo sie eigentlich sonst nie hingefunden hätte. 

      Die Technologie heutzutage entwickelt sich rasend schnell. Wie sieht die Zukunft eurer App aus?
      Carla: Für die App ist es sehr positiv, dass sich die Technologie weiterentwickelt, weil momentan immer noch viele Grenzen gesetzt sind, wie zum Beispiel kleine Prozessoren. In Zukunft wird es bessere Möglichkeiten geben punkto Interaktion, abrufbaren Datenmengen und so weiter. Hier arbeiten wir sehr eng mit unserem Developer Michael Schröder zusammen. Momentan planen wir eine Ausstellung in New York, die im September stattfinden wird und in welcher der Besucher im Mittelpunkt steht. Konkret meinen wir damit eigentlich seine Daten. Diese Daten sind etwas, das wir von dem Benutzer auf digitalem Weg erfahren können. Wir versuchen, so viel wie möglich über ihn herauszufinden.

      Das klingt ja ziemlich creepy …
      Alexander: Das ist es auch und ist unser Plan. Die Leute sollen sich denken: „Unheimlich, was die über mich wissen."
      Carla: Bisher war es total interessant, sich die Bilder anzuschauen, oder zu sehen, was für eine Interpretation wir dazu geben. Momentan ist Teil unserer Arbeit und Forschung die Fragestellung, inwieweit man den User, der ja sein eigenes Handy in der Hand hat, miteinbeziehen und Teil der Ausstellung werden lassen kann. Wir bewegen uns als Individuen in dieser Welt und nehmen sie sehr subjektiv wahr. Da das Konzept unserer App immer schon die Störung der Wahrnehmung beinhaltet hat, wird auch das zum Mittelpunkt unserer nächsten Ausstellung werden.

      Alexander: Das Smartphone hat eine ganz andere Wahrnehmung von uns selbst, als wir sie haben. Es weiß beispielsweise, wann du dich an welchem Ort befunden hast—das hat jetzt für dich vielleicht gar keine Relevanz und du weißt gar nicht mehr, wo du am Dienstag vor zwei Wochen gewesen bist, im Gegenteil aber zu deinem Handy, das es eben sehr wohl noch weiß. Es war schon immer unsere Idee, dem Benutzer den Spiegel vorzuhalten.
      Carla: Der polnische Science-Fiction Autor Stanisław Lem war quasi unser passiver Mentor, von dem wir sehr viel gelesen haben. „Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel." Das ist ein Kernzitat, das uns sehr inspiriert hat. Damit bezieht er sich auch auf die Raumfahrt und auf die Suche nach anderen Welten. Es ist immer wieder interessant, auf sich selber zu schauen und sich der Perspektive, aus der man sieht, bewusst zu werden.

      Denkt ihr, dass Kunst heutzutage anders konsumiert wird? Ist das überhaupt gut beziehungsweise was gibt und nimmt das dem Kunstwerk?
      Alexander: Konsum ist heutzutage viel schneller geworden, als er früher war. Es herrscht ein Überangebot an allem. Das macht sich natürlich auch in der Kunst bemerkbar. Digitale Kunst passiert sehr schnell und zieht mit dieser Geschwindigkeit mit. Kunst, die nicht an diese Schnelligkeit angepasst ist, wie zum Beispiel klassische Gemälde, benötigt viel mehr Zeit, um zu wirken. Zeit, die wir uns oft nicht mehr nehmen.

      Credits

      Text und Fotos: Tereza Mundilová 

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      Themen:kunst, kultur, interview, app, technologie, augmented reality, refrakt

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