Die VICEChannels

      film Hattie Collins 17 Juli 2017

      die neue whitney-houston-doku zeigt uns eine andere seite des superstars

      “Whitney: Can I Be Me“ handelt von den Geheimnissen, Liebesbeziehungen und ungelösten Fragen rund um die Sängerin. Wir haben den Dokumentarfilmer Nick Broomfield zum Interview getroffen, um mehr über die Hintergründe des Films zu erfahren.

      die neue whitney-houston-doku zeigt uns eine andere seite des superstars die neue whitney-houston-doku zeigt uns eine andere seite des superstars die neue whitney-houston-doku zeigt uns eine andere seite des superstars

      Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D UK. 

      Man kann die Eröffnungsszene aus Nick Broomfields Whitney: Can I Be Me kaum mit Worten beschreiben, zumindest nicht mit solchen, die dem Anblick von Whitney gerecht werden, wie sie ihren Hit I Will Always Love You live performt. Die Aufnahme stammt von Whitneys Europatour 1999, also kurz vor dem Wendepunkt ihrer Karriere — nach dem Film Bodyguard und kurz nach der Veröffentlichung von My Love Is Your Love, aber noch bevor ihre Drogensucht die Oberhand gewonnen hat —, und ist sowohl eine körperliche als auch stimmliche Performance. Die Art, wie Whitneys Körper sich förmlich biegt, um auch den letzten Ton perfekt zu treffen, während ihr Schweiß vom Gesicht tropft. Es ist einfach atemberaubend und unbeschreiblich.

      Die außergewöhnliche Performance wurde von dem österreichischen Regisseur Rudi Dolezal gefilmt und gehört zu dem mehr als 100 Stunden beeindruckend ehrlichen Filmmaterial, das er aufgenommen hat, als er Whitney und Bobby auf Whitneys Tour 1999 mit seiner Kamera begleiten durfte. Die Aufnahmen tragen zu einem umfangreichen Film von Broomfield bei, der voller unglaublicher Momentaufnahmen aus Whitneys Welt ist. Von Auftritten als jugendliche Sängerin im Kirchenchor, Clips vom berüchtigten Interview mit Diane Sawyer 2002 bis hin zu einer Szene, in der Whitneys ehemalige persönliche Assistentin und angebliche Geliebte, Robyn Crawford, den Kreis von Whitneys Vertrauten endgültig verlässt.

      Auch auf i-D: Wir haben einen Tag mit Lorde im Museum verbracht

      Die Beziehung der Sängerin zu Crawford ist neben ihrer Ethnizität, ihrer Drogensucht und der zerstörerischen Ehe mit Bobby ein wichtiger Bestandteil von Whitney: Can I Be Me. Vielleicht ist die Dokumentation gleichermaßen eine Untersuchung des Niedergangs der Sängerin als auch eine Aussage darüber, wie weit wir seit den 80ern gekommen sind als es für eine Künstlerin, die bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag war, absolut keine Option war, queer und schwarz zu sein. Ebenso wäre das für ihre Mutter unvorstellbar gewesen.

      Broomfields Film, der Mitte Juni erscheinen wird, hält sich nicht zu lange mit ihrer Drogensucht auf oder verurteilt sie in ihrer Rolle als Mutter, Ehefrau oder Tochter; stattdessen versucht er zu verstehen, welche Faktoren zu ihrer labilen psychischen Verfassung beigetragen haben könnten, bevor sie im Februar 2012 viel zu früh verstorben ist. Obwohl mehr Fragen gestellt als beantwortet werden, zeigt uns Broomfield eine Fülle an glaubhaften Aussagen von Whitneys ehemaligem Bodyguard David Roberts (der ziemlich genial ist), ihrer Tour-Crew, Band-Mitgliedern, Freunden und ihrer Familie — sie alle und wir, das Publikum, versuchen Houstons Leben zu verstehen. Was sich neben ihrem gewaltigen Talent am stärksten abzeichnet, ist der Humor der Sängerin und ihre Warmherzigkeit, die allgegenwärtig ist.

      Broomfield hat sich in seinen Filmen bereits mit den unterschiedlichsten Themen wie dem Mieterstreik in Kirkby 1973 bis hin zu den ungeklärten Morden an Tupac und Biggie beschäftigt. Der Dokumentarfilmer ist für seine verschlagene, freche Herangehensweise an seine Motive bekannt. Und Obwohl Whitney: Can I Be Me nicht die schlüssigste Doku ist, ist es ein Film, den nicht nur alle Whitney-Fans lieben werden. Wir haben Broomfield zum Interview gebeten. 

      Du hast seit deinem letzten großen Film im Jahr 2003, Aileen, ununterbrochen gedreht, aber Whitney: Can I Be Me fühlt sich auf gewisse Weise ein bisschen wie eine Rückkehr an.
      Der Film, den ich davor gemacht habe, The Grim Sleeper, ist das Porträt einer schwarzen Community in Los Angeles; es ist im Grunde wie ein Drittweltland mitten in LA. Eine fesselnde Geschichte mit tollen Charakteren, aber wenn man eine Doku über schwarze Leute dreht, kann man es vor allem in den USA vergessen. Man muss die Leute förmlich dazu überreden, dass sie es sich ansehen. Offensichtlich haben die Leute an jemandem wie Whitney einfach mehr Interesse. Aber die Arbeit an The Grim Sleeper war auch toll. Ich habe einfach sowohl nicht-kommerzielle als auch kommerziellere Filme gedreht. 

      In vielen deiner Filme geht es um berühmte Persönlichkeiten wie zum Beispiel Kurt Cobain, Tupac, Biggie und jetzt auch Whitney Houston. Was haben diese berühmt-berüchtigten Menschen alle gemeinsam?
      Ich glaube, es ist das riesige Interesse, das die Leute an solchen ikonischen Figuren haben. Bei Whitney bekommt man ein echtes Gefühl für die Frage der Ethnie und die Tatsache, dass sie die erste Crossover-Künstlerin war. Dann ist da noch ihre Sexualität und ihre Drogensucht. Ich denke, das sind die Punkte, die den Film interessant machen. Es geht weniger um eine chronologische Biographie, sondern vielmehr um Whitney als wichtigen Teil unserer Kultur zur damaligen Zeit. Es wird auch viel über andere Themen reflektiert, damit man den Kontext versteht und vielleicht nachvollziehen kann, warum gewisse Dinge passiert sind. Ich habe mich schon immer viel mehr dafür interessiert als für die Musik selbst. 

      Einige der beeindruckendsten Aufnahmen stammen von ihrer Tour aus dem Jahr 1999. Wie bist du an das Material gekommen?
      Ich habe etwa sechs Monate dafür gebraucht, um diesen Typen namens Rudi Dolezal ausfindig zu machen, der immer wieder von der Bildfläche verschwunden ist. Offensichtlich wollte er überhaupt nicht kontaktiert werden. Schließlich habe ich diese unerschrockene Archivarin namens Lisa Savage losgeschickt, die extra aus Australien nach Wien geflogen ist, um ihn aufzuspüren. Als sie ihn gefunden hat, bin ich dann auch rübergekommen und habe mich mit ihm getroffen. Da war das Projekt schon ein Jahr lang am Laufen. Ich habe ihm gesagt, dass ich es toll fände, wenn er als Co-Regisseur mit einsteigen würde, weil sein Material den Film unglaublich bereichern würden. 

      Neben Whitney ist ihre persönliche Assistentin Robyn der Star des Films.
      Sie ist wirklich ein Star. Es ist total bewundernswert, dass sie all die Jahre nichts verraten hat, denn sie war die erste Anlaufstelle. Die Presseleute kannten sie, denn sie war der Weg zu Whitney. Man kann sich vorstellen, dass sie die Erste war, die von allen Netzwerken angerufen wurde, als Whitney gestorben ist. Und sie hat nie ein Wort verraten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden eine Beziehung hatten. 

      Aber Whitney hat Bobby doch aufrichtig geliebt.
      Das hat sie ich auch, denke ich zumindest, aber die Beziehung war von vielen Konflikten geprägt. Bis sie ihn kennengelernt hat, war sie vermutlich mit Robyn glücklich. Es ist faszinierend, dass sie diese Art Dreiecksbeziehung hatten. [Robyn und Bobby] haben sich manchmal sogar kleine Faustkämpfe geliefert.

      Du bist in dieser Doku nicht zu sehen, was für einen Nick Broomfield-Dokumentarfilm sehr ungewöhnlich ist.
      Ursprünglich hat es tatsächlich ein paar Szenen mit mir gegeben, aber es waren eben all die Leute zu sehen, die über Whitney sprechen. Wir haben auch Whitney miteingebracht: ihre Stimme, ihre Gefühle, ihren Humor, und außerdem sichergestellt, dass sie in jeder Szene vorkommt. Indem man zum Beispiel ihre Performance von I Will Always Love You ganz an den Anfang des Films legt, ist man von Beginn an mit dabei. 

      Was hast du bei den Arbeiten zu Whitney gelernt?
      Es ist etwas ganz anders, einen vorwiegend aus Archivmaterial bestehenden Film zu machen und trotzdem Emotionen rüberzubringen, und die Geschichte nur durch die Worte und Eindrücke anderer Leute aufzubauen. Es ist viel mühsamer und anstrengender, weil man sich mit so viel Filmmaterial und Interviews vertraut machen muss. Ich habe wahrscheinlich 80 Stunden Filmmaterial von Interviews, und Rudi hatte weitere 100 Stunden Bildmaterial. Ich war echt erleichtert, als der Film fertig war.

      Hat sich jemand von Whitneys engen Vertrauten, ihr Mann Bobby oder ihre Mutter Cissy, bereits zu deiner Doku geäußert?
      Sie haben versucht, die Veröffentlichung des Films zu stoppen. Sie wollten nicht locker lassen. Es ist eine kommerzielle Angelegenheit. Leider hat die Familie schon immer alles ziemlich kommerziell gesehen. Sie haben zum Beispiel nach Whitneys Tod all ihre Sachen verscherbelt, das Timing war einfach nur schlecht. Es ist ziemlich traurig.

      Um wen wird es im nächsten Broomfield-Film gehen?
      Ich habe mich noch nicht entschieden. Vielleicht wieder ein Film über jemanden aus der Musikbranche, ich weiß es nicht. Ich würde gerne eine Liebesgeschichte erzählen. Vielleicht wird es das sein.

      Whitney: Can I Be Me läuft ab jetzt in den Kinos. 

      Credits

      Text: Hattie Collins
      Foto: David Corio

      Stay i-D! Like uns auf Facebook, folge uns auf Twitter und Instagram.

      Themen:whitney houston, musik, dokumentarfilm, nick broomfield, film, kultur, whitney: can i be me?, can i be me?, robyn crawford, whitney biopic

      comments powered by Disqus

      Heute auf i-D

      Mehr laden

      featured on i-D

      Weitere Features