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      musik Alexandra Bondi de Antoni 28 Oktober 2015

      welcome to berlin: antoine 93

      Berlin Community Radio fördert zusammen mit dem Music Board Berlin junge, in der deutschen Hauptstadt lebende Musiker. Anfang des Jahres starteten wir über i-D einen Open Call und heute freuen wir uns, dir den ersten Teilnehmer vorstellen zu dürfen: Antoine 93 und sein Popsound lassen dich den bevorstehenden Winter leicht vergessen.

      welcome to berlin: antoine 93 welcome to berlin: antoine 93 welcome to berlin: antoine 93
      Pullover von Malaika Raiss. Hose: Artist own's

      Es ist einer dieser verregneten Herbsttage, als ich mich mit Antoine Lahaie treffe. Er ist der erste Künstler, der Teil von Welcome to Berlin, einem Projekt des Berlin Community Radios und dem Music Board Berlin, ist. Die Musiker hatten die Möglichkeit einen Tag in einem professionellen Studio aufzunehmen und sich selbst und ihre Musik im Zuge einer Radioshow beim BCR vorzustellen.

      „Ich hoffe, du hast dir spannende Fragen überlegt und hoffentlich nichts über die Neunziger", begrüßt er mich und beginnt zu lachen. „Interviews können so langweilig sein." Wenn man im Berliner Nachtleben unterwegs ist, dann kann man sich sicher sein, den aufgedrehten 22-Jährigen schon einmal gesehen zu haben. Er ist viel unterwegs, weil „warum eigentlich nicht" und arbeitet fleißig an seinem ersten Album, das Anfang nächsten Jahres erscheinen soll. Popmusik ohne Kompromisse, schnell mit Lyrics, die einen schmunzeln lassen, und ein Lächeln, das einen dahinschmelzen lässt - das scheint das Erfolgsrezept des jungen Kanadiers zu sein. Auf der Bühne versprüht er eine wahnsinnige Energie, hüpft wild herum und man merkt, wie er die Aufmerksamkeit liebt. „Ich will, dass die Leute, die meine Musik hören und mich auf der Bühne sehen, Spaß haben. Es geht nur um den Spaß an der Sache. Nicht alles im Leben muss ernst sein", erklärt er. 

      Antoine trägt eine Jacke von Cottweiler. 

      Also ist der Spaß an der Sache am wichtigsten? 
      Spaß ist wichtig! Ich habe das vor einiger Zeit für mich entschieden. Ich habe akzeptiert, dass man sich im Leben immer weiterentwickelt. Man muss sich bewusst sein, wo man herkommt, aber auch anerkennen, wie man sich verändert. Veränderung ist gut. Ich habe vor fünf Jahren begonnen, Musik zu machen. Damals waren meine Ideen über Musik und Popmusik ganz anders. Nun haben sich meine Grenzen verschoben, meine Limits.

      Warum ist das so? 
      Weil ich eben verstanden habe, dass es Dinge im Leben gibt, die man einfach genießen kann. Dinge können auch einfach sein. Als ich Kunst studiert habe, musste man immer mindestens zweimal über alles nachdenken. Was kann das bedeuten? Was sind die Referenzen? Warum habe ich es nicht so oder so gemacht? Irgendwann dachte ich mir dann ‚Fuck it! Ich will Sachen machen, die mir Spaß machen'. Ich wollte Songs schreiben, bei denen ich grinsen muss und die einen mitreißen. Diese Einstellung habe ich im Mainstreampop gefunden.

      Hast du das Rezept gefunden, um die Menschen zum Lachen zu bringen? 
      Das kann man alles ganz wissenschaftlich erklären. Also man, nicht ich. Aber natürlich sind die Texte wichtig und die Komposition. Es gibt einfache Regeln, denen man folgen kann. Die Akkorde und der Rhythmus versetzen dich in eine gewisse Stimmung. Der Viererbeat ist dem Herzschlag am nächsten, deshalb können sich die meisten Menschen damit leicht identifizieren. Das Gehirn versteht es und du musst nicht mal drüber nachdenken. Deshalb respektiere ich auch EDM so sehr. Es ist so simple. So durchschaubar. Oder der neue Justin Bieber Song. Ich liebe Justin Bieber. Und Spreeradio und die Billboard Charts.

      Denkst du an diese Einfachheit, wenn du Musik schreibst?
      Früher war ich freier, aber nun habe ich begonnen, mir wirklich viele Gedanken zu machen und die Strukturen zu berücksichtigen. Die einfachsten Songs, die ich geschrieben habe, sind am besten. Alles, was ich in Rücksichtnahme auf diese Regeln geschrieben habe, ist besser, als das zuvor.

      Was bedeutet besser?
      Ich bin selbstbewusster, weil ich weiß, dass es viele Menschen berühren wird, aber mich selbst auch noch. Es ist vielleicht etwas konservativ, so zu denken, aber ... (überlegt eine Zeit lang) mir macht es einfach Spaß. Natürlich denke ich auch darüber nach, was wäre, wenn ich mich nicht an diese Regeln halten würde, aber ab einem gewissen Punkt muss man sich als Künstler klar werden, was man macht und worin man gut ist. Man muss sich aufs Wesentliche konzentrieren. Man kann nicht alles machen, so wird man nie was erreichen.

      Viele Musiker denken da ganz anders.
      Verstehe mich nicht falsch. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass es Experimentalmusiker gibt, die neue Klangwelten erschaffen und die Grenzen ausloten. Wir brauchen das. Aber genauso wichtig sind die, die ihre Stärken kennen, eben in diesem Fall, etwas zu machen, das viele Menschen verstehen und gut finden. Man muss wissen, was man machen will und dann Spaß haben und das tun, was am besten für einen ist. Natürlich gibt es auch einen großen Teil von mir, der genau anders denkt. Ich muss mich nicht in eine Box begeben.

      Vielleicht ist es eine gewisse Art des Erwachsenwerdens? Sich zu etwas zu bekennen und zu sagen ‚Das ist mein Ding', auch wenn es bedeutet, dass man sich selbst einschränkt. 
      Ja, das glaube ich auch. Je mehr man weiß, was man machen will, desto mehr schränkt man sich selber ein. Natürlich nur, wenn man ein Ziel vor Augen hat und weiß, dass man durch diese Einschränkung zu diesem kommt. Wie schon gesagt, man konzentriert sich aufs Wesentliche. Vielleicht verpasst man so Sachen, die vielleicht toll gewesen wären, aber Erwachsenwerden bedeutet Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen. Immer nach vorne schauen. Das ist Teil davon, zu wissen, was man will und wo man hin will.

      Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich mit meiner Musik Geld verdienen will. Viele Leute sind so. Vor allem in Berlin. Das sind die, die niemals einen Kompromiss eingehen würden. Ich bin nicht so. Wenn man als Musiker erfolgreich sein will, muss man bereit sein, Kompromisse einzugehen. Man muss eine Balance finden, damit es funktioniert. Viele Leute in der Undergroundszene wollen keine Kompromisse eingehen. Was vollkommen OK ist, aber wenn man wirklich vorankommen will, muss man das machen. Die Zeiten, in denen Künstler Bohemiens waren, sind vorbei. Künstler sind Geschäftsleute und das Projekt ist das Produkt, das sie verkaufen wollen. 

      Es gibt wenige Künstler, die so denken. Vor allem, wenn sie so jung sind wie du.
      Es fühlt sich auch ziemlich falsch an, so etwas zu sagen. Vielleicht denke ich so, weil ich die letzten Jahre schon so frei gearbeitet habe. Ich kann mich sowohl mit dem Mainstream identifizieren, wie mit der Undergroundszene, in der ich mich bewege. Jedoch sehe ich, dass viele Künstler, die independent bleiben wollen, trotzdem in Kategorien denken. Sie wollen unbedingt außerhalb von allem sein und stecken sich somit selbst in eine Schublade. Sie machen manchmal nicht, was ihnen Spaß macht, weil es vielleicht nicht cool genug ist und ich denke mir dann immer, was auch immer. Ich will den Mainstream und den Underground verbinden. Ich will nicht im Underground leben, ich will in den Mainstream. Manche werden nun sagen, dass ich mich verkaufe, aber das ist mir egal. Ich will verkaufbar sein.

      Hose und Pullover: Cottweiler. Schuhe: Converse. Ring: Vintage Bulgari 

      Gehen wir zurück an den Anfang. Wo und wie bist du aufgewachsen?
      Ich bin in Quebec City aufgewachsen. Alle reden Französisch da. Also ist auch meine Muttersprache Französisch. Nach dem Abitur war ich für sechs Monate im Süden von Frankreich, um Kunst zu studieren, bin dann aber ziemlich schnell nach Montreal gezogen. Ich hab dort für drei Jahre gelebt und habe auch schnell viele Musiker und Künstler kennengelernt. Der Mix aus Englisch Sprechenden und Französisch Sprechenden finde ich am spannendsten. In Montreal gibt es immer noch eine Grenze zwischen den Menschen, die unterschiedliche Sprachen sprechen, politisch gesehen. Aber in der kreativen Community scheint es sie nicht zu geben. Es geht nur um die Musik.

      Warum bist du nach Berlin gezogen?
      Es hätte jede andere Stadt sein können. Ich wollte einfach weg und mich in eine weniger gemütliche Situation begeben. Montreal wurde zu klein und ich war etwas „eingeschlafen". Ich hatte genug. Ich werde auch wieder von Berlin wegziehen. Ich habe mich auch sofort zu Hause gefühlt, weil ich schon einige Leute kannte. Außerdem sind sich Berlin und Montreal sehr ähnlich. Die Menschen sind ähnlich. Der Vibe ist ähnlich. Alles sehr entspannt und angenehm. Die Leute chillen. Das ist angenehm. Hier fühlt es sich so an, als würde alle nur das Beste machen wollen, niemand hat einen Druck und will wer sein.

      Hast du dich verändert?
      Ja, sicher. Aber das hat nichts mit Berlin zu tun. Heutzutage sind die physischen Grenzen fast nicht mehr vorhanden. Meine Einflüsse sind nicht an einen Ort gebunden. Es ist schwierig, zu sagen, dass diese Stadt so ist und diese so. Das Internet beeinflusst unsere Generation mehr als der Platz, an dem wir uns aufhalten. Das prägt uns. Vielleicht solltest du mich fragen, wie das Internet mich beeinflusst. Aber das ist auch so schwierig und ich habe keine wirkliche Antwort darauf. Es ist so ein großes Ding. Ich könnte nicht sagen, wie es alles verändert. Es überfordert mich.

      Viele Leute in deinem Alter löschen ihre Social-Media-Accounts. Was hältst du davon?
      Ich finde das ist zu drastisch. Diese Menschen sollen sich einfach besser kontrollieren. Die Accounts zu löschen, bedeutet, dass man sich eingesteht, dass man süchtig ist. Das ist doch traurig. Man sollte die Social-Media-Kanäle für einen benützen und für einen arbeiten lassen, nicht gegen einen. Dafür sind sie auch da. Irgendwie ist das kindisch.

      Viele würden sagen, dass es erwachsen ist.
      Nein, das stimmt so nicht. Wenn man so radikal etwas entzieht, wie feiern oder Drogen oder sonst etwas, dann bedeutet es, dass man nicht damit umgehen kann. Es bedeutet, dass man damit in seiner Realität nicht arbeiten, nicht funktionieren kann. Hör halt auf, den hundertsten Buzzfeed-Artikel zu lesen. Lass es einfach.

      Welche Rolle spielt Sexualität, wenn du Musik schreibst?
      Ich bin super schwul (lacht), aber will mich nicht definieren. Ich habe nicht das Bedürfnis, es von den Dächern zu schreien. Es ist wie es ist und wir können froh sein, dass wir in einer Gesellschaft leben, die das so akzeptiert. Das ist ein Luxus. Ich will auch nicht als queerer Musiker abgestempelt werden. Ich bin einfach ein Typ, der Musik macht. Meine Musik ist nicht anderes, weil ich schwul bin.

      Wie wichtig ist dir dein Aussehen?
      Style ist wie ein unausgesprochener Code. Vor allem auf der Bühne. Ich will mich ausdrücken und den Leuten etwas bieten.

      Warum ist es gut, heutzutage jung zu sein?
      Aus der Sicht eines Millenial muss ich sagen, dass wir akzeptieren müssen, dass wir nicht so speziell sind, wie es unsere Eltern uns immer weiß machen wollten. Man lernt, dass Menschen dich nicht brauchen geschweige denn deine Kunst, bis du sie eines Besseren belehrst. Das klingt ziemlich nihilistisch, aber ist genau das, was mich antreibt, härter zu arbeiten. Das ist natürlich ein Gedanke, der wohl eher auf privilegierte Kids zutrifft, die es immer halbwegs einfach hatten.

      Pullover: Malaika Raiss. Hemd: Levi's Vintage Clothing

      Was sind deine Pläne für die Zukunft?
      Ich werde bald mein erstes Musikvideo rausbringen und im Frühjahr 2016 kommt mein neues Album auf den Markt. Ich will im Jahr 2016 die Leute glücklich machen. Das ist doch nicht zu viel verlangt.

      berlincommunityradio.com

      @antoine93

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      Credits

      Text: Alexandra Bondi de Antoni

      Fotos: Patrick Desbrosses

      Styling: Anastazja Moser und Philip Diep

      Hair & Make-up: Jana Kalgajeva

      Produktion: Anastazja Moser und Alexandra Bondi de Antoni

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      Themen:musik, musik interview, antoine 93, montreal, berlin, welcome to berlin, berlin community radio, bcr, patrick desbrosses, newcomer, alexandra bondi de antoni

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