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      musikinterviews Catherina Kaiser 19 April 2017

      was die karten für das berliner duo gurr vorhersagen

      Eine Kartenlegerin hat Andreya Casablanca und Laura Lee von Gurr die Zukunft vorhergesagt. Im Interview haben sie uns verraten, woran sie glauben und wie sie selbst ihre Zukunft sehen.

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      Wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, dass wir, seit wir ihr Album In my Head zu ersten Mal gehört haben, Fans der Berliner Girls von Gurr sind. Die Musik, die die besten Freundinnen Laura Lee und Andreya Casablanca zusammen schreiben, ist all das, was wir in den letzten Jahren in der deutschen Popszene vermisst haben: Richtig gute Roadtripmusik (die Gurr selbst als First Wave Gurrlcore bezeichnet), mal frech und laut (#1985), mal melancholischer (Moby Dick) und dabei immer authentisch.

      Die Sterne scheinen gut für Gurr zu stehen: Das Musikvideo zu ihrem Ohrwurm #1985 ging durch die Decke und gerade durften die beiden Berlinerinnen beim South By Southwest-Festival im texanischen Austin auftreten. In den nächsten Monaten folgen eine Englandtour und diverse Festivals. Zwischen all den Terminen haben sich Laura und Andreya Zeit genommen, sich mit uns in einem Berliner Café zu treffen, um (auf eigenen Wunsch) mit uns per Tarotkarten in die Zukunft zu blicken.

      Dafür haben wir eine Expertin dazugeholt: Marion sieht seit über 25 Jahren mithilfe von Tarotkarten in die Zukunft. Für Gurr hat sie sich nichts weniger als den Schicksalsweg der Band angesehen. Bei Kaffee und Sandwichs liest sie aus ihren Karten ab, dass am Anfang der Band ein mysteriöser Mann stand, der Einfluss auf die Gründung hatte und dass die beiden sich eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein zulegen sollten, um im Musik-Business bestehen zu können. Außerdem prophezeien Marions Karten Gurr das Ende eines Abschnitts im Juni, eine wichtige Begegnung im Herbst und einen Vorfall im nächsten Jahr, der ihre Welt komplett auf den Kopf stellen könnte. Magic! Im Interview danach haben wir die beiden Künstlerinnen gefragt, wie sie selbst ihre Zukunft sehen, von was sie als Kinder geträumt haben und was es heute bedeutet, es als Band geschafft zu haben.

      Ihr wolltet euch ja heute die Karten legen lassen. Seid ihr denn generell spirituelle Menschen?
      Andreya: Ich bin da opportunistisch: Wenn in meinem Horoskop etwas Positives steht, glaube ich das — schlimme Vorhersagen dann aber nicht.
      Laura: Generell sind wir beide kritisch was Übersinnliches angeht, aber auch nicht ablehnend. Eigentlich glauben wir auch nicht wirklich an Sternzeichen, aber wir fanden es immer lustig, dass wir in unserem Team alle Fische sind. Da haben wir dann schon festgestellt, dass es Ähnlichkeiten gibt: Fische sind ja sensibel, kreativ und manchmal sehr verletzlich — da erkennen wir uns schon alle wieder.

      Was sagt ihr zu Marions Zukunftsvorhersage?
      Laura: Als sie von Juni gesprochen hat, bin ich schon hellhörig geworden, weil dass der Monat ist, wenn unsere Tour vorbei ist. Da bin ich ganz froh, dass sie da nichts Schlimmes vorhergesehen hat. Das Ende des Jahres ist für uns eine Zeit, wo wir einen neuen Cycle anfangen, deshalb war das ganz interessant zu hören, dass zu dem Zeitpunkt eine wichtige Person in unsere Leben kommen soll. Und: Ich habe schon kurz Gänsehaut bekommen, als sie gesagt hat, dass sich nächstes Jahr alles verändern soll. Da hatte ich dann schon Schiss, dass gleich etwas Krasses folgt - wie zum Beispiel, dass einer die Band verlassen wird. Das hätte mich wahrscheinlich schon mitgenommen.
      Andreya: Ich glaube auch, das hätte uns voll gewurmt und negativ auf der Tour begleitet. Ich bin aber generell eher skeptisch, was Tarot angeht. Ich denke, dass darin jeder das sieht, was er sehen will. Seltsam fand ich auch, dass sie von einem Mann gesprochen hat, der angeblich Einfluss auf unsere Bandgründung hatte. Das passt einfach gar nicht zu uns. Es geht in unseren Liedern ja schon um Gefühlsleben — aber es gibt keine männliche Figur, die uns irgendwie zum Schreiben inspiriert hätte. Außer wir haben einen unterdrückten Vaterkomplex, von dem wir noch nichts wissen?
      Laura: Ich habe das eher so interpretiert, dass der Ursprung unserer Band auf Liebe zurückgeht. Aber da stimme ich Andrea zu — das ist eigentlich gar nicht so ein Gurr-Thema. Unser aktuelles Album ist auch kein Liebes-Herzschmerz-Album. Und unser zweites Album, an dem wir gerade arbeiten, wird auch eher konzeptionell. Liebe ist ja aber auch eine Ur-Motivation der Musik und vielleicht müssen wir uns da auch mal rantrauen.

      Vor Walnuss habt ihr ausschließlich englische Songs veröffentlicht. Was hat euch vom Schreiben auf Deutsch abgehalten?
      Laura: Man schreibt ja meistens Musik, die man auch selbst hören würde und wir hören selbst relativ wenig deutsche Musik. Deshalb haben wir uns auch immer eher nach England und Amerika orientiert. Es war schon immer unser Traum dort zu touren, wir fühlen uns in der Szene heimisch. Die deutsche Szene ist so ernst, es muss immer gleich um gesellschaftskritische und tiefe Themen gehen — und das war nicht das Gefühl, mit dem wir an Gurr herangegangen sind. Wir sind jetzt auch keine Spaßband, aber amerikanische und britische Bands können auch mal ein bisschen leichtere Musik machen und da passen wir besser rein.

      Ihr habt euren Musikstil mal als First Wave Gurrlcore bezeichnet. Was bedeutet das für euch?
      Laura: Das Genre kam daher, dass wir frustriert waren, dass unsere Musik als Girl-Pop oder Girl-Rock bezeichnet wurde. Wir haben dann unsere Fans gefragt, wie sie unsere Musik beschreiben würden. Die Kartenlegerin hat ja gesagt, dass wir unsere Fans glücklich machen würden. Ich sage: Unsere Fans machen auch uns glücklich. Es haben sich super viele Leute echt Gedanken gemacht. 

      Ein Mädchen auf Instagram hat dann First Wave Gurrlcore vorgeschlagen und das fanden wir so geil, weil es ja diese Wellen des Feminismus gibt und uns nicht als Teil der Riot-Girl-Bewegung sehen, sondern in einer ersten Welle unser eigenes Ding machen. Und wir machen ja gar keinen Hardcore, aber live klingen wir schon um einiges krachiger. Andrea schmeißt dann teilweise ihre Gitarre weg und hat nur noch das Mikro und geht ins Publikum - von unserer Performance geht das dann schon so ein bisschen mehr in Richtung Hardcore. Trotzdem sind wir auch total beeinflusst von Popmusik, wir hören jetzt nicht nur Underground zu Hause.

      Was ist denn aktuell euer liebster Mainstream-Popsong?
      Laura: Ich hab so eine peinliche Obsession mit Ed Sheeran. Shape of You ist so ein krass guter Song, das ist schon fast gruselig. Das Lied ist so perfekt, das wirkt fast, als wäre das von einem Computer geschrieben worden.
      Andreya: Ich finde den neuen Song von Lorde, „Greenlight", richtig gut.

      Von was habt ihr geträumt, als ihr Kinder wart? Wolltet ihr schon immer Musik machen?
      Andreya: Musik wollte ich immer machen, aber in meiner Familie war das nie ein Berufsbild. Deshalb wollte ich als Kind eher Naturwissenschaftlerin oder Anwältin werden - bis ich dann die jeweiligen Fächer in der Schule hatte, dann hatte sich das auch schnell erledigt. Und um Popstar werden zu wollen, muss man, glaube ich, ein bisschen durchgedrehter sein, als wir das sind. Wenn jetzt deine Mutter nicht Beyoncé oder dein Vater Uwe Ochsenknecht heißt, ist so was ja auch eher eine Spinnerei und überhaupt nicht greifbar.
      Laura: Ich war früher schon gebrainwasht von diesen Castingshows. Unsere Generation ist ja zum Beispiel mit der Mini-Playback-Show und DSDS aufgewachsen — und irgendwie macht das ja schon etwas mit einem. Diese Idee, dass man da hingehen kann und dann berühmt wird, hat mich schon auch ein bisschen fasziniert früher. Ich hätte mich aber nie im Leben getraut, tatsächlich an einem Casting teilzunehmen. Never ever. Ich glaube, Dieter Bohlen hätte mich zerrissen, wenn ich da vorgespielt hätte.
      Andreya: Musik war aber immer Teil unseres Lebens, wir kommen beide aus musikalischen Familien. Meine Schwester hat zum Beispiel in einer Irish Band gespielt und ich bin immer in die Musikschule gegangen. Nach dem ersten Herzschmerz habe ich dann meine ersten Songs geschrieben.

      Die Karten sagen euch für nächstes Jahr ein großes Ereignis voraus. Gibt es etwas bei dem ihr sagen würdet: Wow, dann hätten wir es geschafft?
      Laura: Es gibt ja ganz viele Bands, die ganz bewusst nur in Berlin spielen und denen das reicht. Ich glaube, das kann auch voll befriedigend sein. Das haben wir ja auch schon gemacht. Die haben es auch geschafft. Ich finde, Musik muss keine große Öffentlichkeit haben, damit sie einen Sinn hat. Für uns hat sich seit der aktuellen Tour aber viel verändert. Seither merken wir, dass die Leute die Songs mitsingen und selbst mit Bedeutung füllen, unser Musik mit in ihr Leben nehmen. Wir haben zum Beispiel ein Mädchen am Merch-Stand getroffen, das uns erzählt hat, dass unsere Musik ihr über eine Trennung hinweggeholfen hat. Das ist ein total krasses Gefühl, wenn man merkt, dass die eigene Musik rauskommt aus diesem kleinen Proberaum. Das war für mich schon der Punkt, an dem ich gesagt habe: Wir haben es geschafft.
      Andreya: Es ist eine Illusion, dass es einen bestimmten Punkt gibt, an dem man sagt: Jetzt habe ich alles erreicht. Ich glaube, das auch große Bands ein Album rausbringen und danach schnell wieder unzufrieden sind und nach etwas Neuem streben.
      Laura: Über uns wird ja oft geschrieben, dass es ein Hype ist, der um Gurr entstanden ist. Mir ist es wichtig, dass sich die Band auch darüber hinaus weiterentwickelt und dieses Projekt nicht nach einem kurzen Hoch wieder zu Ende geht.

      Angeblich ist 2017 das Jahr der Sonne. Eigentlich sollte also alles bergauf gehen im Moment. Hat sich das für Gurr bislang bemerkbar gemacht?
      Laura: Wir waren dieses Jahr das erste Mal beim South by Southwest-Festival und hatten da eine richtig geile Zeit. Da haben uns schon gegenseitig angeschaut und uns gesagt: Krass, schau mal wo wir gerade sind. Wir spielen in Amerika und es kommen Leute zu unseren Konzerten und wollen uns unterstützen. Jetzt gehen wir nach England und touren da. Es kommen immer wieder so Punkte, an denen wir auf einem Berg stehen und runterschauen und eine Übersicht haben, was passiert und stolz sind. Wenn man im Workload ist, sieht man das manchmal gar nicht. Dann nimmt man sich nur Etappenziele vor, wie: Mit welchem Auto fahren wir? Welcher Fahrer hat Zeit? Dann ist man so geblendet von diesen kleinen Hürden.
      Andreya: Mein Freund hat mir gesagt, dass er das Gefühl hat, dass wir das gar nicht richtig genießen, was gerade passiert. Aber da habe ich auch Angst davor, zu schnell auf etwas stolz zu sein.
      Laura: Aber laut Karten müssen wir an unserem Ego ja sowieso noch arbeiten.

      Credits

      Text & Fotos: Catherina Kaiser

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      Themen:musik, interview, gurr, band, musikinterviews

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