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      meinung Jovana Reisinger 19 Januar 2016

      warum schafft es der rechtsstaat nicht, menschen wirklich vor sexualisierter gewalt zu schützen?

      Ein Gespräch mit #ausnahmslos-Mitglied, Feministin und Aktivistin Stefanie Lohaus über Aktivismus, Feminismus und die jüngsten Ereignisse in Köln.

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      ausnahmslos

      Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmslos. So lautet der Leitsatz der Initiative, die von Feministinnen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen mit dem Impuls, Bewusstsein für die genannten Themen zu schaffen, ins Leben gerufen wurde. Angelehnt an die aktuellen medialen Diskurse nach den jüngsten Ereignissen in Köln sprachen wir mit #ausnahmslos-Mitglied, Feministin und Aktivistin Stefanie Lohaus über Verleugnung, blinde Flecken in der Berichterstattung und die Frage, ob neu entfachte Ängste diffus oder überaus berechtigt sind.

      Wie hat sich denn #ausnahmslos so schnell gegründet?
      Das ging von Emine Aslan, Anne Wizorek und Kübra Gümüşay aus. Kübra hat eine Rundmail geschrieben und die Gruppe angefragt. Ich selbst hab' ja von Köln erst erfahren, als Journalistin Birgit Kelle in einem Artikel das Missy Magazine, #aufschrei und Emma anklagte, angesichts der Vorfälle nicht „aufzuschreien". Ziemlich absurd, dass ausgerechnet von derjenigen, die ein Buch mit dem Titel Dann mach' doch die Bluse zu geschrieben hat, diese Kritik kam. Ihre eigentliche Argumentation lautet: Knöpf' doch einfach die Bluse zu! Frauen seien selbst schuld, wenn sie sexuell belästigt werden, weil sie sich zu aufreizend kleiden. Anscheinend gilt das aber nicht, wenn die Täter Ausländer oder vermeintliche Ausländer sind. Das ist eine Diskrepanz, auf die wir aber in einem anderen Artikel hinweisen. 

      #ausnahmslos kommt fast wie ein Manifest daher. Ich stelle mir vor, ihr übertragt diese Ansätze in eure eigene politische Arbeit, wie beispielsweise du mit dem Missy Magazine. Gibt es von euch noch konkrete Handlungsanweisungen?
      Es gibt natürlich so etwas Konkretes wie Zivilcourage zeigen und selber nicht dazu beitragen, dass sexualisierte Gewalt verharmlost wird. Du kannst auch politische Arbeit leisten, also Sexismus in der Gesellschaft bekämpfen, politische Lobbyarbeit sozusagen. Frag dich am besten selbst: Was sind deine Mittel? Und dann handle dementsprechend.

      Meine Mutter hat mich neulich am Telefon darauf hingewiesen, jetzt besonders aufzupassen, wenn ich vor die Tür gehe. Dabei habe ich am Anfang noch gar nicht verstanden, wovon sie eigentlich spricht und gewitzelt. Erst als sie sagte, jetzt könnte mich selbst mein Mann nicht mehr beschützen, denn jetzt komme so eine „Übermacht" auf uns zu, habe ich realisiert, um was es ihr geht. Und sie hat mich besonders damit erwischt, weil sie eben nicht aus einem konservativen, rechtsorientierten Kader kommt.
      Das finde ich so schlimm an der Debatte - denn das hat damit zu tun, dass wir das Geschlechterverhältnis in den verschiedenen arabischen Ländern und so weiter gar nicht genau kennen und nicht genau einordnen können, was passiert ist. Es gibt viele blinde Flecken in dieser Debatte und der aktuelle mediale Diskurs führt zu einer noch stärkeren Verunsicherung. Da wird dann über Flüchtlinge, über die ägyptische oder die marokkanische Gesellschaft gesprochen, ohne dass klar ist, wer genau die Täter sind. Wir müssen versuchen, wenn es jetzt um diese spezifische Form dieser Straftat geht, auch spezifisch zu bleiben. Wenn klar ist, wer die Täter sind, müssen wir auch benennen, woher die Misogynie kommt. 

      Wahrscheinlich geht es viel um das Wegleugnen von Rassismus und sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft. Das hat es nicht zu geben und gibt es auch nicht.
      Ich glaube, das ist ein Problem, das wir in unserer eigenen Kultur bearbeiten müssen. Das Problem auszulagern, in dem wir Täter abschieben, hilft aber eben nicht. Im Sinne einer feministischen, internationalen Solidarität unter Frauen verstehe ich gar nicht, wie das Frauen nützen soll - dann haben wir hier ein paar Straftäter oder Frauenfeinde weniger, gleichzeitig sind sie wieder in ihren Herkunftsländern und treffen auf eine Gesetzeslage, in der Frauen viel weniger Rechte haben. Ich versteh' das nicht. Ich bin nicht der Meinung, dass man nicht darüber sprechen sollte, was in Kairo am Tahrir-Platz passierte. Im Gegenteil. Aber: Was an Köln erinnert uns zum Beispiel an den Tahrir-Platz? Und wie genau war das denn überhaupt auf dem Tahrir Platz? Es gibt doch auch viele Unterschiede zwischen dem Kairoer Tahrir-Platz und dem Kölner Dom-Platz. Auf dem einen haben sich Revolutionäre gegen ein Regime aufgelehnt, auf dem anderen haben sich betrunkene Kriminelle an Silvester versammelt. Auf dem Tahrir-Platz wurde sexualisierte Gewalt gegen Frauen von staatlicher Seite gezielt dafür eingesetzt, die Revolution zu zerschlagen. Auf dem Dom-Platz hat die hiesige Polizei versagt, in dem Sinne, dass sie zu spät eingegriffen und die Aussagen der Betroffenen nicht ernst genommen hat. Das ist fatal und es muss unbedingt aufgeklärt werden, wie es dazu kommen konnte, dass die Polizisten die Frauen nicht ernst genommen haben. Wenn wir den Unterschied zwischen Tahrir-Platz und Dom-Platz nicht kennen, entstehen genau solche diffusen Ängste wie die deiner Mutter. Das ist hochgefährlich, denn es gibt Rechtspopulismus Aufwind und gefährdet die Demokratie. 

      Und jetzt kommen die Aufgaben der Feministinnen ins Spiel...
      Meine Rolle als Feministin ist es, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen, mich für die Reche von Frauen stark zu machen und Sexismus zu bekämpfen.

      Als ich beispielsweise einen Essayfilm über die Rolle der Frau in der Kunst drehte, kamen Kommilitonen wie Dozenten mit dem Vorwurf, ich würde Themen behandeln, die seit 30 Jahren tot sind. Aussagen wie: „Ich habe in meinem Leben noch nie Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts erfahren, deshalb gibt es das nicht." Ich solle mich doch um stattdessen um wirklich Wichtiges kümmern.
      Es gibt eine Masse an Menschen, die der Meinung sind, dass der Stand der Gleichberechtigung oder Geschlechtergerechtigkeit ausreichend ist. So wie „Natürlich werden auch mal Frauen in Deutschland verprügelt, aber das müssen wir ja hinnehmen, das ist ja nur ganz selten. Und vielleicht ist die Frau doch selbst schuld oder lügt." Dann trifft deren unterkomplexes Weltbild, dass hier eben alles in Ordnung ist, auf Köln. Es ist wahnsinnig schwierig, gegen ein Weltbild zu argumentieren, welches zu so einer Mainstream-Erzählung gemacht wird. 

      Das Andere ist die Auseinandersetzung mit Rassismus. Das ist genau dasselbe: das Leugnen von Rassismus in dieser Gesellschaft hat eine lange Tradition. Die Lyrikerin May Ayim wollte in den 80ern ihre Magisterarbeit zum Thema Rassismus in Deutschland abgeben. Sie wurde mit den Worten „Es gibt hier keinen Rassismus. Rassismus gibt es doch nur in den USA." von ihrem Professor abgelehnt. Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens dafür, dass hier eben nicht alles gut ist. Dieses Verneinen von Sexismus und Rassismus in Deutschland trifft eben dann auf so einen Vorfall wie Köln und dann ist ein differenziertes Gespräch unmöglich, wenn man die Realität nicht sehen will. Dann sind wir damit beschäftigt, beweisen zu müssen, dass es Sexismus und Rassismus gibt und uns gleichzeitig gegen die Angstmache und Instrumentalisierung dieser Vorfälle zu stellen. Das ist schon auch sehr anstrengend. Ich mach' mir wirklich Sorgen. Auch wenn ich höre, was deine Mutter sagt.

      VICE: Die Rape Culture wurde nicht nach Deutschland importiert - sie war schon immer da.

      Mit meiner Mutter ist das noch viel komplexer. Die war selbst jahrelang Opfer von Gewalt. Und sieht jetzt Gewalt gegen Frauen als ein Problem von „Fremden".
      Ich finde es wichtig, genau da den Fokus hinzulegen, konsequent zu sein und genau hinzuschauen, wo sexualisierte Gewalt passiert, vielleicht auch Lobbyarbeit zu betreiben. Schauen, was wir für Organisationen in Deutschland haben, wie beispielsweise der Juristinnenbund - die schlagen nicht nur Veränderungen der Gesetzgebung vor, zum Beispiel im Sexualstrafrecht, sondern schreiben auch tolle Texte zu den kulturellen Grundlagen unserer Gesetzgebung. Diese ganze Debatte über schnellere Ausweisung geht am Thema vorbei. Die Frage, die ich mir eben stelle: Was sind die Handlungsanweisungen an mich? Also ich sehe Politik nicht als das, was die da oben machen, sondern mich selbst als eine politisch handelnde Person. Ich sehe Demokratie als etwas, worauf ich Einfluss nehmen kann. Diejenigen, die den Vorfall auf den Islam reduzieren: Was wollen die denn? Wollen die nun alle ausweisen? Die missbrauchen das Thema, um Angst zu schüren. Das halte ich für sehr gefährlich. Warum benutzen wir nicht die Mittel des Rechtsstaates und verbessern diesen so, dass er Menschen wirklich vor sexualisierter Gewalt schützt? Wenn wir ausweisen, haben wir zwar eine Handvoll Sexualtäter weniger, das Problem der sexualisierten Gewalt aber nicht gelöst.

      So wie München auch gerne die Obdachlosen bei FC-Bayern-Spielen aus der Innenstadt bringt.
      Richtig. Sie verschwinden nicht, sie sind nur nicht mehr sichtbar. Ich sehe mich immer mehr als eine Art Weltbürgerin. Das hat die Globalisierung mit sich gebracht. Und die bedeutet längst nicht mehr nur Warenaustausch. Migration ist einfach Normalität, die gute und schlechte Seiten hat. Das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Ich halte eine „Festung Europa" für keine Lösung! Damit würden wir unser eigenes Wertesystem unterwandern. Abgesehen davon würde für die Sicherung der Grenzen richtig viel Geld an anderen Stellen fehlen, wo es sinnvoller eingesetzt wäre.

      Darf man dann überhaupt fragen, was ihr mit #ausnahmslos plant? 
      Wir sind keine einheitliche Organisation, die einen Masterplan hat. Ich kann gerade nur für mich reden, aber ich plane erstmal nichts mit #ausnahmslos, sondern schaue, was passiert. Es gibt große internationale Aufmerksamkeit für unseren Text, der nun schon in viele Sprache übersetzt wurde. Ich finde die Situation gerade sehr schwer überschaubar. Die Gesellschaft steckt in einer Krise, die sich seit letztem Sommer immer weiter zuspitzt und viele Emotionen hervorruft, soviel ist klar. Ich frage mich manchmal, ob in so einem Klima Kriege entstehen. Ereignisse überschlagen sich, Positionen spitzen sich zu, alle reagieren, reagieren, reagieren. 

      ausnahmslos.org

      Credits

      Interview: Jovana Reisinger
      Einleitung: Zsuzsanna Toth 
      Bild via Facebook 

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      Themen:meinung, feminismus, aktivismus, rassismus, gesellschaft, deutschland, zeitgeschehen, interview

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