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      kultur Friederike Schneider 13 Juli 2016

      von der webserie zur bühne der kammerspiele und wieder zurück

      Nach dem großen Erfolg ihrer Webserie „Translantics“ hat es die Künstlerin und Filmemacherin Britta Thie an die Münchner Kammerspiele verschlagen, wo sie den Piloten zu ihrer neuen Webserie dreht. Das Publikum ist live dabei.

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      Wenn es nicht so piefig deutsch wäre, würde man sagen, dass im Zentrum des Stücks I'MDB - Ein Live-Drama über die Tragik des Ratings von Britta Thie, das in Zusammenarbeit mit dem Dramaturen Tarun Kade entstanden ist, die WG von Preston (Preston Chaunsumlit) und Sage (Colin Self) steht. Aber da wir uns in Manhattan befinden, irgendwo zwischen Bowery und East Village, kann man von Wohngemeinschaft in diesem Sinn nicht sprechen. Das Apartment mag klein sein, aber nicht klein genug, um nicht noch Airbnb-Gäste darin unterbringen zu können, mithilfe derer die beiden ihre Gehälter als Freelancer aufbessern. In den letzten fünf Monaten seien auf diesem Weg schon 20.000 Dollar zusammengekommen, wie der Zuschauer von einer Stimme aus dem Off erfährt. Eine ganz normale Erfolgsgeschichte, auf New Yorker Gigantomanie zugespitzt.

      Die Bühne ist gleichzeitig das Set. „Mit Airbnb gibt es die Projektion, dass man in diese Wohnung kommt und damit auch diesen Lifestyle mitbekommt. Vielleicht ist das wirklich so. Alles ist gleichzeitig Fiktion und es ist auch keine Fiktion. So wie man hier denkt, man ist Teil einer Kunstperformance. Natürlich ist es nicht nur das, aber es ist eben auch das. Und ich glaube, dass das alles gleichzeitig passiert; dass es was Irreales und Reales gleichzeitig ist, darum ging es dabei auch total", erklärt Tarun Kade. Zwei Kameraleute, Kevin Klein und Katja Oortman, sind mit auf der Bühne und werden von der Regisseurin gelegentlich angewiesen, sich weiter rechts oder links hinzustellen. Sitcom typischerweise ist der Handlungsort eine Wohnung, die Handlung ergibt sich aus der Interaktion mit den wechselnden Airbnb-Gästen. „Unser Traum wäre es, das einmal im Monat zu machen, mit immer neuen Gästen, die durch die Wohnung geschleust werden und die sich dann immer neue Geschichten erzählen." Im Herbst planen sie eine Spielzeit in Berlin. Die Musik, die auch live während der Aufführung in München gespielt wurde, kommt von James K und der Soundtrack wurde von Ville Haimala komponiert. Für die Outfits war Ella Plevin verantwortlich. Mit wem sie in Zukunft zusammenarbeiten werden, ist noch nicht klar.

      Als erstes kommt Ulla von Krass, gespielt von Vera von Lehndorff, die Jahrzehntelang als Model tätig war, wie eine Claire Zachanassian hereingerauscht, von der man sich einen fetten Batzen Geld verspricht. Ihr Auftritt hat etwas von einer Exposition, eine Einführung in das Nachdenken über das Konzept Airbnb als solches, denn diese Grande Dame hat es eigentlich nicht nötig, Geld für Übernachtungskosten zu sparen. Sie erzählt zuerst auf Englisch und dann auf Deutsch, dass sie sich ganz schlimm langweile und sich nach etwas sehne, das ihr herkömmliches Habitat ihr nicht mehr bieten könne. Was sie meint ist unklar. Erfahrung? Jedenfalls lässt sie sich auf das Experiment ein und verlässt mit Preston schließlich die Szene, um in eine Bar zu gehen. Ende der Episode.

      Am nächsten Tag warten ein Kater und ein neuer Gast: die deutsche Schauspielerin Laura Brecht, die in Amerika groß rauskommen will, sich zwei Wochen Zeit dafür gibt und erfrischend naiv an die Sache rangeht. Sie wird von Brigitte Hobmeier gespielt und durch diesen Auftritt müssen die anderen Darsteller sich plötzlich einem Vergleich aussetzen, bei dem sie nur verlieren können. Vorher hatte man Freunden beim Rumhängen zugeschaut, plötzlich erinnert man sich wieder, dass man Geld für eine Theaterkarte bezahlt hat. Laura verschwindet und, überraschend oder nicht, steht wieder jemand anders in der Wohnung, jemand den Preston in der Rauschnacht mit Ulla kennengelernt und dann wieder vergessen hatte (abwechselnd von Franz Rogowski, Niels Bormann und Hassan Akkouch gespielt). Der Kreis zum Anfang schließt sich und auf diese Weise werden in der Fortsetzung sicherlich noch viele Geschichten erzählt werden, die sich alle ein wenig ähneln, die man so oder so ähnlich auch schon mal gehört hat, und die einen alle irgendwie angehen oder auch nicht.

      Und über allem schwebt das iPhone. Britta Thie benutzt es in ihrer Rolle als Regisseurin, um Preston während eines Monologs zu soufflieren, eigentlich ist es aber jenes Gerät, an dessen Oberfläche die Reviews aufscheinen, die Likes, Bewertungen und Ratings die hier so wichtig sind. Gute Ratings versprechen hohe Auslastung und hohe Auslastung verspricht mehr Freiheit, um einen Lifestyle zu kultivieren, den man anschließend zu Geld machen kann. Soziales Kapital. Preston weiß, dass die Wohnung nicht picobello aufgeräumt sein muss, dass das Bett zwar sauber sein muss, aber nicht frisch bezogen. Im Übernachtungspreis ist das Versprechen von Authentizität inbegriffen, nach der sich die erfahrungshungrige Dame von Welt genauso sehnt wie das naive Ding aus der Münchner Provinz. „Wenn ich zum Beispiel irgendwo auf Airbnb ein Zimmer miete, passe ich auf, was ich sage und bin immer freundlich, aber vielleicht kann genau das, womit Airbnb Werbung macht, nämlich dem connecting with other worlds, gar nicht passieren, weil man sich nicht traut, nachts am Küchentisch zu sitzen und sich intime Sachen zu erzählen. Die Angst ist da, dass man sich daneben benimmt, ein schlechtes Rating bekommt", erzählt die Künstlerin ihre eigenen Erfahrungen. Britta Thie spricht bei ihrem Projekt von einer Instanierung—ein Begriff, der sich aus den Komponenten Instant und Inszenierung zusammensetzt. „Dieses Theater oder diese Comedy, diese Soap des eigenen Lebens, in der man sich manchmal wiederfindet, man wünscht sich doch manchmal, man könnte das zurecht editen. Und ich finde das gehört zusammen."

      Dadurch, dass die Entwicklung des Webformats auf der Bühne gezeigt wird, vermittelt sich der Eindruck, als werde hier etwas verhandelt, das gleich doppelt darstellungswürdig ist. Die Hosts feiern ihre Einnahmequelle und die Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich durchreiseweise an ihrer Lebensführung orientieren; die Gäste feiern den gemieteten Ausflug in ein Leben, das mit dem eigenen vermutlich wenig zu tun hat. Also eigentlich alles gut. Man darf gespannt sein, ob in dieser Versuchsanordnung mal jemand vorbei kommt, dem etwas anderes einfällt, als eine Anekdote zu erzählen. 

      Credits

      Text: Friederike Schneider
      Fotos: Stephanie Fuessnich und Fabian Frinzel

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      Themen:theater, kultur, film, britta thie, münchen, kammerspiele

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