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      modeinterviews Lisa Riehl 13 Juni 2016

      vom laufsteg ins weltall: wenn mode in neuen sphären schwebt

      Aaron Alexander Arnoldt ist gelernter Herrenmaßschneider und experimentiert gerne mit neuen Technologien. Sein Atelier gleicht einem Labor. Wir haben den aufstrebenden, deutschen Designer in Antwerpen besucht.

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      Vom Schneider zum Modedesigner zum Forscher. So lässt sich die Entwicklung von Aaron Alexander Arnoldt ziemlich gut beschreiben. Bevor der Absolvent der renommierten Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen nämlich begonnen hat, Mode zu entwerfen, hat er sie erst einmal von Grund auf zu verstehen gelernt. Jetzt kann er umso bewusster mit ihr experimentieren.

      „Der klassische Schneider ist immer noch in mir verankert", erzählt Aaron beim Gespräch in Antwerpen. Geboren wurde er in Stuttgart. Dort hat er seine Ausbildung in einer Maßschneiderei gemacht und zog anschließend erst mal nach Paris, bevor er das Studium an der Akademie aufnahm, an der er die Welt noch einmal neu wahrzunehmen begann. „In der Schneiderei heißt es immer, du musst dich entscheiden, für Handwerk oder Mode", so Aaron. Die Erziehung seiner Lehrmeister war konservativ, gegen das Neue statt mit ihm. Aaron Arnoldt hat sich dann für die Mode entschieden. Oder: Auch für die Mode. Denn „das Handwerk verlernt man ja darum nicht."

      In seiner Kollektion Fermi Paradox, die er im zweiten Studienjahr in Antwerpen entworfen hat, vermischen sich sportlich-futuristische Elemente mit jenen der klassischen Herrenschneiderei. Und wer das Handwerk ohnehin beherrscht, kann sich ganz auf das Kreativ-sein konzentrieren. Aaron ist dafür ein wirklich gutes Beispiel. Denn auch wenn in dieser Kollektion Hosen dressiert wurden—eine seltene, besonders mühsam und aufwendige (und entsprechend kostspielige) Technik des in Form Bügelns—und viele Teile höchstpräzise genäht sind, erklärt Aaron: „Ich habe keine Lust mehr, nur zu nähen."

      Stattdessen fügt er klassische, italienische Wollstoffe und technische Stoffe von Schoeller Textil aus der Schweiz in teilweise wasserdichter Verarbeitung zusammen, bei der er viele Stoffe mit Seal Tape, einem Hochleistungs-Dichtband, auf- und aneinander geklebt hat. Die Brillen hat er in Eigenarbeit 3D-gedruckt. Nähen allein wäre, wie bereits betont, zu langweilig. „An der Akademie ist diese Art des modischen Forschens möglich, weil man sich ganz auf seine Ideen konzentrieren kann." Hier darf ein Nachwuchsdesigner ausprobieren, auch mal scheitern, weitermachen, dazulernen.

      Die Kollektion aus dem zweiten Jahr bestand am Ende aus fünf Silhouetten (so wollen es auch die Vorgaben der Akademie). Erschaffen hat Aaron aber nicht fünf Looks, sondern vielmehr fünf Charaktere. „Die Idee der Kollektion hat ihren Ursprung in der Idee von Simulation und in dem Glauben, dass eigentlich nichts, was wir sehen, real ist, sondern in Wirklichkeit computerprogrammiert." Seine fünf Charaktere beschreibt der Designer als fünf Forscher, die wiederum auf die Suche nach der Wirklichkeit gehen, um ihren Erschaffern zu begegnen. Das klingt futuristisch und das ist es auch. Die Grundsilhouette erinnert an Raumfahrtanzüge—die allerdings wie maßgeschneidert aussehen. Nach Fertigstellung der Kollektion schließlich ist aus der Kollektionsidee ein Kurzfilm entstanden. „Ich habe über verlorene Orientierung nachgedacht. Über den Weltraum und die Schwerelosigkeit. Darüber, nicht mehr zu wissen, wo oben und unten ist. Was passiert, wenn man dem Schöpfer unmittelbar gegenüber steht?"

      Mit Fertigstellung des Films hat Aaron nun bereits das dritte Jahr an der Königlichen Akademie abgeschlossen, seine dritte Kollektion entworfen, die er am vergangenen Wochenende präsentiert hat, und den Bachelor-Abschluss in Modedesign gemacht. An beidem, an dem Film und den neuen Entwürfen, hat Aaron parallel gearbeitet. Konzeptionell haben sich beide Projekte darum automatisch miteinander verwoben. „Der Film steht zwischen der zweiten und dritten Kollektion, beide bauen aufeinander auf."

      Zum einen ist diese Abschlusskollektion nun nämlich eine thematische Weiterentwicklung, die zwar immer noch recht technologisch ist, das aber so fortgeschritten, dass sie sich der Natur wieder annähert, sie gar zu imitieren versucht. Mit bionischen Formen und Robotern und künstlichen Körperteilen. „Hinzu kommt die Idee von Autounfällen und die darin enthaltene Vorstellung des Zusammenstoßens und der Aufhebung der Elemente in ihre natürlichen Formen", erklärt Aaron. Materialdetails erinnern an zerstörte Metallkonstruktionen. Reflektierender Plastikstoff wurde erhitzt und mit Silikon gefüllt. Ein Mantel sieht aus wie ein Fallschirm. Geometrische Formen zeigen sich in organischen Formen abstrahiert—oder ist es eigentlich andersrum? In dieser Kollektion mit acht Silhouetten jedenfalls erzählt Aaron keine Geschichten mehr von Charakteren. Diese Kollektion ist vielmehr eine ganzheitliche Forschungsarbeit.

      Das macht diese dritte Kollektion von Aaron Alexander Arnoldt auch zu einer disziplinären Weiterentwicklung. „Ich habe sehr forschungsorientiert daran gearbeitet." Und tatsächlich sieht es im Atelier von Aaron, das gleichzeitig auch seine Wohnung in Antwerpen ist, an mancher Stelle aus wie in einem Labor, in dem Mode wissenschaftlich bearbeitet wird. Ähnliches zeigt auch sein Skizzenbuch, das die Kollektionsentwicklung dokumentiert. Darin finden sich keine normalen Zeichnungen—„Ich musste ausbrechen, Neues versuchen"—, sondern abstrakte Collagen, die wie Dadaismus und die freist mögliche Form von Kunst, aussehen. Aquarelle, gescannte Fragmente von Objekten, Lagen um Lagen. Silhouetten, Stoffe, überhaupt Mode ist erst mal nicht erkennbar. Hatte Aaron den fertigen Look dabei trotzdem schon vor Augen? „Um mich persönlich frei zu machen, hatte ich das bewusst nicht." Dann ergänzt er: „Natürlich hat man immer irgendwas im Kopf. Aber am Ende hat es mir diese Form des Skizzierens ermöglicht, darin Neues zu entdecken."

      Was ist nun am Ende das Ergebnis seiner Forschungsarbeit? Haptisch ist es die Kollektion. Forschung aber ist in der Lage, die Menschen und die Welt zu verändern, im Idealfall zu verbessern. Die Kollektion von Aaron ist das auch. Sie steht für einen freieren Umgang mit Bekleidung und der Neuinterpretation ihres Sinns. „Sie steht außerdem vielleicht für eine neue Art und Weise, Kleidung in Zukunft zu tragen." Womöglich kehrt die Mode dann zu den klassischen Formen der Maßschneiderei, wie sie Aaron so hervorragend beherrscht, zurück. Dann wird sie vermutlich angereichert sein mit jenen Funktionen, die der Designer in seiner Materialauswahl prognostiziert.

      Credits

      Text: Lisa Riehl
      Fotos: Lee Wei Swee

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      Themen:mode, fashion, modeinterviews, aaron alexander arnoldt, akademie der schönen künste, antwerpen, abschlusskollektion

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