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      kunst Stefanie Schneider 24 Mai 2016

      und wofür schämst du dich?

      Gegen das Gefühl der Verlegenheit kann sich niemand wehren. Scham hat Macht. Ähnlich wie Liebe, Wut oder Hass. Was uns in dieser Form berührt, beschäftigt natürlich immer auch die Kunst: Vom öffentlichen Outing bis zum Pissmanifest.

      und wofür schämst du dich? und wofür schämst du dich? und wofür schämst du dich?

      Das Gefühl, sich zu schämen, kennt jeder. Wenn man sich umgehend auflösen, Gesagtes ausradieren oder das ekelhaft peinigende Gefühl für immer ausrotten will. Das geht aber nicht. Das Gefühl der Verlegenheit ist über alle Maßen verlässlich, zeigt sich immer dann erkenntlich, wenn das Innerste sich knallrot nach Außen stülpt und man im Kern gnadenlos getroffen wird. Das Gefühl der Scham ist nicht beliebt, ehrlich darüber zu sprechen, noch viel unbeliebter. In einer Welt, in der Scheitern als Schande gilt, gleicht die Scham einer lästigen Begleiterin, die durch Makel, Defizite oder Ungenügen freigelassen wird. Dabei hat sie auch gute Seiten, funktioniert nach Auffassung vieler Wissenschaftler wie Klebstoff, der die Gesellschaft in den Tiefen zusammenhält. Als eines der stärksten und intimsten menschlichen Regungen steckt sie vermutlich in all unseren Genen, verbindet, indem sie deutlich macht, dass wir einander brauchen und voneinander abhängig sind.

      Scham hat Macht. Ähnlich wie Liebe, Wut oder Hass. Was uns in dieser Form berührt, beschäftigt natürlich immer auch die Kunst. Aber wie wird das Gefühl der Verlegenheit in der zeitgenössischen Kunst eigentlich betrachtet? Wie packt man Scham in eine Form? Und wie und wofür schämen sich Künstler? Wir haben uns einige Positionen dazu angeschaut und mit zwei Künstlern über dieses heimliche Gefühl gesprochen.

      Mischa Badasyan, „Pissmanifest"

      Um was geht es bei dem "Pissmanifest"?
      Es ist ein Projekt, das sich mit dem Verhalten von Männern auf dem Klo beschäftigt. Vor einigen Jahren habe ich angefangen, meine Beobachtungen durchzuführen. Anfangs war es ein Fetisch. Mittlerweile ist es eine anthropologische und psychosoziale Untersuchung. Es hat in Berlin angefangen, inzwischen habe ich über zehn Länder wie Iran, Ukraine, Belarus, Armenien, Dänemark, Holland und Schweden besucht und die Toiletten abgecheckt. Neulich habe ich mein erstes Buch herausgebracht, in dem ich Männer in 38 unterschiedliche Pinkel-Typen eingeteilt habe—je nachdem, wie sie sich eben auf dem Klo verhalten.

      Warum hast du dir das Pinkeln ausgesucht? Männer pinkeln doch ständig in der Öffentlichkeit. Ist das überhaupt noch schambesetzt?
      Auf die Toilette zu gehen ist das wichtigste Bedürfnis eines Menschen. Es ist eng an die Privatsphäre geknüpft und daher immer noch ein sensibles Thema. Es gibt zum Beispiel diese Angststörung, Paruresis nennt die sich, bei der Menschen nicht vor anderen urinieren können. Ich selbst leide unter dieser Phobie und traue mich nicht, vor Menschen zu pinkeln. Deswegen gehe ich immer in eine Kabine, so ergeht es zigtausend Männern. Das hat mehrere Gründe, ob religiöser, kultureller oder sexueller Natur.

      Wussten die urinierenden Männer, dass du sie beobachtest? Und wenn ja, hast du bemerkt, dass sie sich schämen?
      Nein, sie wussten nichts davon. Wenn sie es gewusst hätten, wäre meine Recherche grundlos und uninteressant gewesen. Diejenigen, die mich beim Beobachten erwischt haben, wurden aggressiv oder waren völlig gleichgültig. Geschämt haben sie sich viel eher, wenn jemand Neues in die Toilette kam. Dann haben sich viele weggedreht. Und: Oft wurden diejenigen Pissoirs benutzt, mit denen man den größten Abstand zu den anderen Pinkelnden hatte.

      Hast du dich geschämt, aktiv hinzugucken?
      Nein, ich habe mich nie geschämt, sondern hatte mehr Angst, erwischt zu werden.

      Inwiefern, glaubst du, ist das Gefühl der Scham notwendig?
      Scham ist in meinem Kopf sehr negativ geprägt. Aber ich weiß zu schätzen, dass wir Menschen durch dieses Gefühl fähig sind, moralische Grenzen zu ziehen und bestimmte Dinge zu reflektieren.

      Zur Person: Mischa Badasyan, 28 Jahre, Armenier, ist in Russland geboren, mit 20 nach Deutschland ausgewandert und lebt seit drei Jahren in Berlin. Seit fünf Jahren arbeitet der Autodidakt als Performance-Künstler.

      Christian Jankowski, „Schamkasten"

      Christian Jankowski, Schamkasten, 1992, Video (1 x Digital Betacam, 1 x DVD), 120:00 min, PAL,4:3, color, sound, German, and 34 b/w photographs, each 30.4 x 23.9 cm, edition of 5, II. In collaboration with Frank Restle.

      Mit einem seiner ersten Projekte hat sich der deutsche Konzeptkünstler Christian Jankowski, der die im Juni stattfindende Manifesta in Zürich kuratiert, etwas ganz Bestimmtes vorgenommen: die Scham nicht nur nach Außen zu stülpen, sondern ganz explizit auszustellen. Dafür fragte er Passanten auf der Straße, ob sie bereit wären, für bis zu 30 Minuten in einem Schaufenster zu sitzen und ein Schild vor sich zu tragen, das verkünde, wofür sie sich wirklich schämen. Anfänglich waren es knapp 30 Menschen, die in der Scheibe saßen und sich offenbarten, später wurde der Andrang immer größer, öffentliche „Schamsitzungstermine", die scheinbar erleichternd wirken, wurden vergeben und persönliche Unzulänglichkeiten wie „zu dünn, zu gehemmt, zu schweigsam" verkündet. Die Tiefe der Scham-Dimension war dabei immer eine andere: Eine Frau schämte sich dafür, zu viele Seifenopern zu gucken, der breitbeinige Herr auf dem Bild genierte sich für seine Triebhaftigkeit, ein anderer wiederum für die Art, wie er seine Kinder vernachlässigte und ein junger Mann hielt ein Schild hoch, auf dem stand: „Ich schäme mich, dass ich so schnell vergesse, dass ich existiere."

      Vivian Wenli Lin, „Venus"

      Um was geht es in der Videoarbeit Venus"?
      Das Video mit dem S&M-Fetisch-Model Tigerr Benson ist ein intimer und flüchtiger Einblick in die Welt der weiblichen Körperpflege und zugleich ein Tribut an ihre Hingabe für die dafür notwendigen Utensilien, wie Rasierer und so weiter.

      Inwiefern beschäftigt sich „Venus" mit Scham?
      Der Zuschauer sieht Tigerr durch einen kreisförmigen Rahmen, fast so, als würde man durch ein Schlüsselloch schielen, um wenigstens einen minimalen Blick auf den intimen Akt der Rasur zu erhaschen. Das Bild ist abwechselnd verschwommen oder scharf, ist näher an Tigerr dran und wieder weiter weg, um einerseits ihre Schamgrenze einzuhalten und um das Bild des Rasierens zu abstrahieren, da es letztendlich nicht die eleganteste aller Handlungen ist.

      In unserer heutigen Welt, in der Nacktheit dauerpräsent istbetrachtest du das Nacktsein immer noch als etwas, das Scham auslöst?
      Bei mir persönlich löst der nackte Körper keine Scham aus, ich sexualisiere ihn auch nicht. Unglücklicherweise sind es die gesellschaftlichen Erwartungen, die ein Gefühl von Scham und Sexualität auf den nackten Körper projizieren - mit dem traurigen Resultat, dass Nacktheit als vulgär oder unangemessen betrachtet wird. Ich denke, das lässt sich auch auf die aktuelle Doppelmoral beim öffentlichen Stillen oder dem Zeigen von Nippeln auf Facebook übertragen, inwiefern also hyper-sexualisierte Bilder akzeptiert werden, im Gegenzug nackte Brüste in einem anderen Kontext aber als unangemessen angesehen werden.

      In welcher Situation hast du dich zuletzt so richtig geschämt?
      Ich bin gerade im neunten Monat schwanger, daher ist mein Körper momentan irgendwie „öffentlich ausgestellt" und tatsächlich auch Vorurteilen ausgesetzt. Ich finde es nicht schlimm, wenn mich jemand fragt, ob er meinen Babybauch anfassen darf, aber ich finde es schon schlimm, wenn ich anders behandelt oder auf eine bestimmte Art angestarrt werde. Ein gutes Beispiel dafür ist, wie andere plötzlich die Kontrolle über deinen schwangeren Körper übernehmen wollen, mit der ständigen Aufsicht darüber, was man essen, trinken oder tun darf aufgrund seines Zustands.

      Inwiefern, glaubst du, ist das Gefühl der Scham notwendig?
      Das Schamgefühl wird in der asiatischen Kultur oftmals missbraucht, um gesellschaftliche Kontrolle auszuüben. Scham hängt nämlich eng mit der Vorstellung zusammen, das Gesicht zu wahren, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen und dem eigenen Gefühl von Würde und Ehre um jeglichen Preis gerecht zu werden. Diese Kontrolle kann Menschen—vor allem jene aus dem asiatischen Kulturkreis—davon abhalten, ihre eigenen Wünsche zu verfolgen, da sie es nicht riskieren wollen, ihre Familie oder ihren Status in der Gesellschaft zu verlieren.

      Zur Person: Vivian Wenli Lin, taiwanesisch-amerikanische Videokünstlerin und Dokumentarfilmerin, die in San Francisco aufgewachsen ist, u.a. Gründerin der „Voices of Women Media", einer Organisation, die multimediale Workshops für Frauen anbietet.

      Birgit Brenner, „Licht aus"

      Birgit Brenner, Licht aus, 2007, Pappe, Holz, Print auf Aludibond, Digitalprint, Farbe, 300 x 900 cm, courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Uwe Walter, Berlin, VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

      Um sich zu schämen, braucht es immer auch einen Gegenpart, einer, der sich schämt, weil ein anderer, wenn auch nur gefühlt, bemerkt, was eigentlich vollkommen verborgen bleiben sollte. Scham ist ein soziales Gefühl, eines, das nur aus dem Miteinander resultiert. Die multimediale Arbeit der deutschen Künstlerin Birgit Brenner, die an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart lehrt, setzt genau an dieser Stelle an: Eine raumgreifende Installation aus Fotografien, Pappe, Holz und Texten, die nicht illustrieren, sondern vielmehr die gewollte Aussage erweitern sollen. „Macht das Licht aus", sagt die im Bett liegende Frau zu ihrem Mann. Weit über 40 sei sie, heißt es im Begleittext zum Werk, schlaflos, müde, erwartungslos. Sie braucht Schlaftabletten, er das Beten, sie denkt an Eigenfett unterspritzen, er an nichts. Birgit Brenner entlarvt anhand alltäglicher Situationen in Szenen zwischen Paaren oder inneren Dialogen der Protagonisten allzu vertraute gesellschaftliche Ängste: Sozialer Abstieg, Einsamkeit, die Angst vor dem Alter - und die Scham, die hinter all dem steckt. 

      Credits

      Text: Stefanie Schneider
      Fotos: via Künstler

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      Themen:kultur, kunst, scham, schamgefühl, christian jankowski

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