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      kultur Hannah Ongley 17 Juli 2017

      so sehen new yorker clubber an einem sonntagmorgen aus

      Fotograf Richard Renaldi richtet seine Kamera auf eine Welt, in die er selbst seit über drei Jahrzehnten regelmäßig eintaucht. Seine Serie “Manhattan Sunday“ hält den magischen Moment fest, kurz bevor der Rest der Stadt erwacht.

      Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D US. 

      Richard Renaldi war 11 Jahre alt, als er das erste Mal einen Club von innen gesehen hat. Es war eine Disco in Chicago im Stil von Saturday Night Fever. Für den jungen Renaldi war es damals ein Einblick in eine glitzernde Fantasiewelt fernab der alltäglichen Sorgen. Als er älter wurde, sollte er von diesen Sorgen so einige haben.1987 fing er an zu studieren, also zur Hochzeit der AIDS-Epidemie, die New York damals schon seit sechs Jahren fest im Griff hatte. Sich in das Nachtleben der Underground-Partyszene zu stürzen, war eine befreiende, körperliche Flucht vor der ständigen Gefahr, die über schwulen Männern lauerte. Aber gleichzeitig lag inmitten der Schönheit und Ausgefallenheit dieser nächtlichen Welt auch etwas Dunkles. Schließlich forderte AIDS das Leben seines Freundes und gefährdete auch das seine.

      Auch auf i-D: Modedesigner Charles Jeffrey hat sich ins New Yorker Nachteben gestürzt

      Glücklicherweise erhielt er im Zeitraum der Serokonversion eine neue, lebensrettende Behandlung. Danach entschied er sich, seinen Job zu kündigen, um sich mehr auf seine eigene Fotografie konzentrieren zu können. Er nahm sich eine Auszeit von der Clubszene, bevor er mit einem neuem Lebenspartner an seiner Seite und mit neuem Optimismus zu ihr zurückkehrte. "Die Grenzen zwischen Ethnizität, Gender und Sexualität sind in Clubs schon immer viel fließender gewesen als vor ihren Türen", schreibt er in der Einleitung von Manhattan Sunday, seinem neuen Buch mit Schwarzweiß-Porträts, die er an mehreren Sonntagmorgen vor (und manchmal in) New Yorker Clubs geschossen hat. "Eine gewisse Freizügigkeit und Merkmale spezifischer Mode deuten auf etwas hin, das eines Tages überall zu sehen sein könnte — von Susanne Bartschs extravaganten Drag-Balls, dem Copacabana in den 80ern und 90ern bis hin zur zeitgenössischen, polysexuellen und gender-inklusiven Holy-Mountain-Party, die von der gender-fluiden Ladyfag veranstaltet wird. Diese Abende können des Öfteren als Vorboten der Zukunft gesehen werden." Wir haben uns mit dem Fotografen über die Sehnsucht nach der damaligen Clubszene, die Macht des Feierns und darüber unterhalten, was Sonntage in Manhattan so besonders macht.  

      Warum hast du die Porträts für diese Serie in schwarzweiß fotografiert?
      Viele Leute sagen "Früher waren die Clubs besser", aber ich habe festgestellt, dass das Nachtleben an Orten wie dem Studio 54, Paradise Garage, der Sound Factory und dem Roxy in den 2000ern fortbesteht — jetzt verlagert es sich nur gerade nach Brooklyn. Die Leute denken, "es war cooler, als ich jünger war", weil sie die Clubs und Partys von heute nicht kennen. Schwarzweiße Fotos sind sowohl nostalgisch als auch zeitlos, und ich finde, dass das sehr gut zu diesem Phänomen passt. Ein anderer Grund war die Kulisse von New York City. Ich wollte die Schlichtheit und gleichzeitig die Pracht der Stadt zeigen.  

      Du bist früher sehr oft feiern gewesen. Bist du immer noch regelmäßig in Clubs unterwegs?
      Ja, ich gehe immer noch gerne aus. Zwar nicht so oft wie damals, aber durch das Projekt bin ich noch häufiger losgezogen. Als mir die Idee zu diesem Projekt kam, wollte ich vor allem die Perspektive der Leute zeigen, die in den Clubs feiern und am Sonntagmorgen diesen Bereich der leeren und verlassenen Straßen betreten. Das hat auch meine Art zu fotografieren verändert, denn ich wollte etwas stimmungsvolleres [als die typischen Fotos aus Clubs] kreieren, also habe ich drinnen eine sehr lange Belichtungszeit gewählt und meine große Kamera benutzt, die eine ziemliche Stolpferfalle ist. 

      Unterscheidet es sich stark voneinander, wenn du vor oder in den Clubs fotografierst? 
      Die Unterschiede sind nicht allzu groß. Wenn die Leute in den Clubs sind, ist das Gefühl von Glamour und guter Laune stärker. Bei den Leuten, die gerade aus dem Club kommen, ist es mehr eine gewisse Art von Gelassenheit, sie machen sich keine Gedanken darüber, ob sie noch gut genug fürs Foto aussehen. Vielleicht wollen manche ihre Sonnenbrille anziehen, aber die Leute sind weder betrunken, noch stolpern sie durch die Gegend und sind völlig fertig. Sie sind eben ein bisschen müde und kraftlos. Außer sie sind in Gedanken noch im Club. Auf einigen meiner Fotos sind Menschen zu sehen, die sich so bewegt haben, als würden sie immer noch diese Glückseligkeit spüren. 

      Spürst du die Sehnsucht nach den vergangenen Tagen, wenn du diese Leute fotografierst oder bist du eher auf die Zukunft fokussiert? 
      Das Gefühl, die gleichen Leute zu sehen und über die Zeit an diesen Orten älter zu werden, verändert sich nicht — nur die Orte und das Lebensgefühl in New York City. Es ist schwieriger, einen großen Club zu finden: Roseland Ballroom und The Palladium beispielweise wurden abgerissen. Sie sind dem ständigen Druck New Yorks, immer neue Gebäude bauen zu müssen, zum Opfer gefallen. Trotzdem gibt es so viele Gebäude in der Stadt, dass immer auch neue Clubs eröffnet werden. Die Musik hat sich vielleicht ein wenig verändert, aber auf gewisse Weise ist es ein ständiger Remix. Die Idee, sich von seinen Sorgen zu befreien, zu tanzen und sich selbst in der Musik zu verlieren und verletzlich zu sein — das verändert sich nicht. Das Nachtleben ist der perfekte Ort, um seinen trainierten Körper oder ein ausgefallenes Outfit zur Schau zu stellen. 

      Mit einigen der Leute, die du triffst, führst du sicher ziemlich spannende Gespräche. Wie stark ist die Verbindung, die du in der Regel zu ihnen aufbaust?
      Manchmal sind es nur kurze Treffen, und manchmal sind daraus gute Freundschaften entstanden. Wenn ich jetzt feiern gehe, sehe ich oft Leute, die ich fotografiert habe. Es ist eine Mischung aus Fremden, Bekannten und Freunden, wodurch sich das Projekt von allen bisherigen unterscheidet. Es ist eine Welt, von der ich selbst ein Teil bin. 

      Worauf achtest du besonders bei deinen Motiven? 
      Ich glaube, dass es in dem Buch ein ziemlich breites Spektrum an unterschiedlichen Leuten gibt, aber klar interessieren mich ganz bestimmte Dinge. Mir fallen edgy und punkige Leute auf, die einen starken Charakter haben. Man schaut sie an und denkt sich "Sie haben etwas zu erzählen."Jemand, der sich über sein Outfit viele Gedanken gemacht hat, bringt damit auch seine Persönlichkeit zum Ausdruck. Ich finde das großartig und möchte das mit meinen Fotos feiern. Manche sind vielleicht nicht auf die traditionelle Art attraktiv, aber in dieser Welt kann man eine Persona und Identität erschaffen, die die Vorstellungen von Glamour erweitern. Glamour "gehört" nicht nur einer Gruppe von Leuten mit bestimmten körperlichen Merkmalen. Ich finde es toll, dass man ein alternatives Ich erschaffen kann, das sich von dem Alltags-Ich extrem unterscheidet. Man kann sein, wer man will. Das Nachtleben lässt sehr viel Raum für Fantasie.

      Manhattan Sunday von Richard Renaldi ist auf Aperture erhältlich.

      @richardrenaldi

      Credits

      Text: Hannah Ongley
      Fotos: Richard Renaldi

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      Themen:new york city, richard renaldi, fotografie, kunst, kultur, interview, manhattan sunday, nachtleben

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