Die VICEChannels

      film Catherina Kaiser 21 April 2017

      dieser film erinnert uns schmerzhaft-schön an unsere unerfüllte jugendliebe

      Monja Arts Coming-of-Age-Drama „Siebzehn“ katapultiert uns unweigerlich zurück in das Liebeswirrwarr unserer Jugend.

      dieser film erinnert uns schmerzhaft-schön an unsere unerfüllte jugendliebe dieser film erinnert uns schmerzhaft-schön an unsere unerfüllte jugendliebe dieser film erinnert uns schmerzhaft-schön an unsere unerfüllte jugendliebe
      Edition Salzberger

      Wir alle haben sie wohl: diese eine Person, in die wir mit 16 oder 17 unsterblich verliebt waren — und mit der es, aus irgendeinem Grund, einfach nicht geklappt hat. Vielleicht weil die Liebe nicht erwidert wurde, vielleicht weil wir uns nicht getraut haben, auf die Person zuzugehen — oder einfach weil das Leben verdammt kompliziert ist. Wer den Debüt-Spielfilm der österreichischen Regisseurin Monja Art sieht, wird deshalb unweigerlich mit Herzklopfen an die eigene Jugend zurückdenken. Denn Siebzehn erzählt genau von dieser unerfüllten und hoffnungslos romantischen Liebe, die einem wohl ein Leben lang im Kopf bleiben wird.

      In diesem kleinen Kosmos, der aus Schule und Dorfdisko besteht, fernab der Großstadt und der Realität des Erwachsenseins, verliebt sich die siebzehnjährige Paula unsterblich in ihre Mitschülerin Charlotte, doch diese hat eigentlich einen Freund, fühlt sich aber gleichzeitig heimlich zu Paula hingezogen. Paula lässt sich wiederum mit ihrem Schulfreund Tim ein, der seinerseits echte Gefühle für sie hat. Als sich dann noch die manipulative Lilli einmischt, ist das Liebeschaos perfekt. 

      Auf auf i-D: i-D meets die deutschsprachigen Schauspieltalents von morgen

      In Österreich hat Monja Arts Drama gerade, unter anderem, den renommierten Max-Ophüls-Preis gewonnen und auch auf der Berlinale war Siebzehn bereits zu sehen. Ab dem 27. April wird er nun auch in den deutschen Kinos laufen. Zu diesem Anlass haben wir mit der Regisseurin über ihre eigene Jugend in Niederösterreich gesprochen, über homosexuelle Liebe auf dem Land und darüber, warum wir unerfüllte Liebe als so verdammt romantisch wahrnehmen.

      Siebzehn spielt in Lanzenkirchen, jenem kleinen Ort in Österreich, in dem du selbst aufgewachsen bist. Welche Bilder hast du im Kopf, wenn du an deine eigene Jugend dort denkst?
      Für mich war meine Jugend extrem frei und voller Möglichkeiten. Ich habe die Großstadt noch nicht vermisst, weil ich das Gefühl hatte, alles was ich brauchte um mich herum zu haben. Gleichzeitig erinnere ich mich auch an tieftraurige Phasen, als ich zum Beispiel unglücklich verliebt war.

      Du hast auch das Drehbuch zum Film geschrieben. Wie persönlich ist Siebzehn für dich?
      Das Drehbuch ist daraus entstanden, dass ich meine Jugend selbst auf dem Land verbracht habe. Als ich zu schreiben begonnen habe, war die Geschichte aber noch näher bei mir, als das jetzt der Film ist. Ich habe über dreieinhalb Jahre am Buch gearbeitet, der Film hat sich dann aber langsam von mir selbst wegentwickelt. Die Schauspieler haben auch viel eigenes dazu beigetragen. Was von mir persönlich geblieben ist, sind die Region, die Schuluniform und ganz klar: das Thema Sehnsucht.

      Wie im echten Lieben wird nicht jede Liebe in Siebzehn erwidert oder entwickelt sich tatsächlich zu etwas Greifbarem. Kannst du ein bisschen mehr zu den unterschiedlichen Beziehungen in deinem Film erzählen?
      Ich wollte ganz unterschiedliche Liebesbeziehungen erzählen, so wie sie es im echten Leben auch gibt. In Siebzehn gibt es einmal eine ganz positive Liebesgeschichte zwischen Mesut und Kathrin: die wollen sich gegenseitig, bekommen sich und sind dann auch glücklich miteinander. Interessanter finde ich aber die schwierigen Liebesgeschichten, Geschichten, in denen eigentlich beide Personen in einander verliebt sind, sich aber die Gefühle nicht eingestehen, weil es irgendeine Art von Hindernis gibt. In dieser Situation findet sich zum Beispiel Charlotte, die gleichzeitig in ihren Freund Michael und in ihre Mitschülerin Paula verliebt ist. Ihr Problem ist, dass sie sich nicht zwischen den beiden entscheiden kann. Und Paula wiederum ist hoffnungslos verliebt in Charlotte — das ist natürlich besonders tragisch, weil Charlotte ja eigentlich auch in Paula verliebt wäre. Aber das reicht eben nicht.

      Was bedeutet Charlotte für Paula? Was sieht sie in ihr?
      Paula ist zwar total verliebt in Charlotte, sucht aber im Endeffekt das, was alle suchen: Liebe. Charlotte ist da, glaube ich, austauschbar. Generell ist es ja so, dass die Verliebtheit oft wenig mit dem Gegenüber zu tun hat, sondern mit einem selbst und was man in der anderen Person sehen will.

      Du hast dazu in einem Interview gesagt, dass das Abwesende immer interessanter ist als die Realität. Das fand ich sehr spannend. Was ist so romantisch an unerfüllter Liebe?
      Die Realität kann im Zweifelsfall zeigen, dass es gar nicht so schön ist, wie man es sich ausgemalt hat. In der Fantasie ist alles wunderbar, wir sehen die perfekte Version dieser anderen Person. Man glaubt auch, dass diese Beziehung einen selbst glücklicher machen würde, obwohl das in der Realität eben oft nicht so ist. Deshalb ist die Illusion interessanter, romantischer und weniger schmerzhaft als die Realität. Ich glaube übrigens auch, dass das kein Thema ist, was vor allem Teeanger betrifft, das zieht sich durch das ganze Leben und hört nie auf. Man glaubt immer, der andere ist glücklicher, hat mehr Geld, oder die bessere Beziehung.

      Vor Siebzehn hast du einen Dokumentarfilm über ein Gruppe von Teenagern gedreht. Was fasziniert dich an dieser Altersgruppe?
      Nach Siebzehn kann ich sagen, dass ich nun erst mal abgeschlossen habe mit der Altersgruppe [Lacht]. Was mich aber ursprünglich interessiert hat, ist dieses Manisch-Depressive, das sich für viele durch die Jugend zieht. Für Jugendliche scheint auf der einen Seite alles möglich auf dieser Welt und gleichzeitig kann sie eine Banalität völlig aus der Bahn werfen. Da kann ein fehlender Like auf Facebook ein tagelanges Down bedeuten. Diese Gefühlsschwankungen sind bei Jugendlichen stark ausgeprägt. Fasziniert hat mich außerdem, dass es eine Zeit ist, die schon während sie passiert, romantisiert wird, weil man weiß, dass man nie wieder zur Jugend zurück kann. Einem wird ständig gesagt, dass man sich in einer großartigen Zeit befindet, die sich so nie wiederholen kann. Deshalb war die Zahl 17 auch so prägend für mich. In Österreich macht man mit 18 die Matura [equivalent zum deutschen Abitur] und danach gibt es kein Zurück mehr. Damit ist auch die Jugend vorbei.

      Bei der Premiere hast du gesagt, dass Siebzehn kein Coming-out-Film sein sollte. Und tatsächlich scheinen alle Charaktere ganz natürlich mit Homosexualität umzugehen. Ist das ein Wunschgedanke oder mittlerweile Realität?
      Ich glaube und hoffe, dass das immer mehr zur Realität wird. Ich habe meine Jugend in den Neunzigerjahren auf dem Land in Österreich verbracht und schon damals war homosexuelle Liebe in meinem Umfeld kein Thema. Mit den jungen Darstellern habe ich mich viel darüber unterhalten und auch sie meinten alle, dass dies in ihrem Umfeld kein Tabu ist - und sie kommen eigentlich aus ganz unterschiedlichen Regionen in Österreich, manche vom Land und manche aus der Stadt. Aber das ist sicher regional verschieden: Denn dann hatten wir eine Schulvorführung in Saarbrücken mit 17- und 18-Jährigen und die hatten ganz andere Erfahrungen gemacht. Die waren sehr überrascht, wie offen und selbstverständlich homosexuelle Liebe in Siebzehn gezeigt wurde.

      Alle deiner jungen Schauspieler waren Laien, die ja tatsächlich in dem Alter waren, das sie gespielt haben. Wie viel haben sie selbst eingebracht?
      Wir haben viel Zeit in das Casting investiert, weil ich tatsächlich wollte, dass die Darsteller ihren Charakteren sehr ähnlich sind. Das war mir bei einem Laiencasting mit 17-Jährigen ganz wichtig. Deswegen haben alle Darsteller einiges von sich selbst einbringen können. Vier der Schauspieler - die Darsteller von Paula, Lilly, Michael und Tim - kannten sich auch vor dem Dreh schon seit sieben Jahren aus einem Laientheater. Interessant war, dass die vier auch im echten Leben ähnliche Verstrickungen hatten, wie ihre Charaktere im Film. Das wusste ich zwar gar nicht, als ich sie besetzt habe - aber im Nachhinein glaube ich, dass das viel zur Dynamik des Films beigetragen hat.

      Würdest du nochmal gern Siebzehn sein wollen?
      Nein, definitiv nicht. Ich habe generell einen großen Hang zu Dramen, den war auch mit Siebzehn so. Ich sehe das Leben jetzt wesentlich entspannter als in diesem Alter. Ich glaube außerdem, dass jetzt durch die ganzen sozialen Medien; dadurch dass man immer sieht was die anderen machen, also zum Beispiel was dein Schwarm so treibt, die Jugend heute noch komplizierter geworden ist. Das würde ich wirklich nicht gerne durchleben müssen.

      Siebzehn läuft ab dem 27. April in den deutschen Kinos.

      Credits

      Text: Catherina Kaiser
      Fotos: Salzgeber & Co. Medien GmbH

      Stay i-D! Like uns auf Facebook, folge uns auf Twitter und Instagram.

      Themen:film, coming-of-age, queer, liebe, kultur, jugend, siebzehn

      comments powered by Disqus

      Heute auf i-D

      Mehr laden

      featured on i-D

      Weitere Features