Die VICEChannels

      kultur i-D Staff 13 September 2016

      das sharehouse refugio ist ein einzigartiges projekt für flüchtlinge und kreative

      Bald feiert das Refugio seinen ersten Jahrestag. Grund genug für uns einige Mitarbeiter und Bewohner zu fragen, was dieses Projekt so einzigartig macht und warum sie hier sind.

      das sharehouse refugio ist ein einzigartiges projekt für flüchtlinge und kreative das sharehouse refugio ist ein einzigartiges projekt für flüchtlinge und kreative das sharehouse refugio ist ein einzigartiges projekt für flüchtlinge und kreative
      Waael und Ezra arbeiten und leben auch im Sharehouse.

      Mitten in Neukölln befindet sich das Sharehouse Refugio, das vom Schriftstellerehepaar Sven Lager und Elke Naters gegründet wurde und ein Wohnort der besonderen Art ist. Kreative und Ausreißer wohnen hier neben geflüchteten Jugendlichen und Familien. Jeder der Bewohner muss etwas zur Community im Haus betragen. Neben gemeinsamem Kochen oder Workshops jeglicher Art, arbeiten manche im hauseigenen Café oder helfen bei den Renovierungsarbeiten. Wichtig ist das Miteinander. „Auf fünf Etagen leben über 60 Menschen, die ihre Heimat verloren haben oder verlassen mussten, oder die nach neuem Leben, Sinn, neuen Gemeinschaften und einer gerechteren Gesellschaft suchen. Sie kommen aus Syrien, Somalia, Afghanistan, der Türkei, Deutschland, Schweden, Türkei, Palästina, England, Kroatien und Bosnien", heißt es auf der Facebook-Seite des Projekts. Man teilt Geschichten und lernt vom Wissen und den Erfahrung der anderen, wobei die Lebensfreude nie zu kurz kommt. Bald feiert das Refugio seinen ersten Jahrestag. Grund genug für uns einige Mitarbeiter und Bewohner zu fragen, was dieses Projekt so einzigartig macht und warum sie hier sind.

      Lena, 16
      Wer bist du und woher kommst du? Was ist deine Geschichte?
      Ich bin Lena und komme aus Berlin. Meine Geschichte, die ich mit dem Refugio erlebt habe, ist irgendwie sehr witzig. Ich war fertig mit der Schule und habe das Abitur angefangen, das war in einem Oberstufenzentrum für Gesundheit und Medizin. Alle wollten irgendwas mit Medizin machen. Ich war die einzige, die Kunst studieren und Bücher schreiben wollte. Ich habe da nicht wirklich da rein gepasst. Nach drei Wochen habe ich mir gesagt: ,,So, Lena, du machst jetzt was, was du schon immer machen wolltest." Also habe ich nach einem Café gesucht. 

      Seit wann bist du im Refugio und warum bist du hier?
      Eigentlich sollte das ein Praktikum für drei Monate sein, aber ich bin einfach nicht mehr weggekommen, weil ich es so cool fand. Anfang Oktober hab ich angefangen zu arbeiten und Ende November bin ich eingezogen.

      Was ist das Beste am Refugio und wieso?
      Das Beste am Refugio sind die schönen Abende auf dem Dach und das tolle Café-Team. Ich habe auf jeden Fall gelernt, Sachen besser zu organisieren, und auch allgemein mehr über den Umgang mit Menschen gelernt.

      Was hast du hier schon lernen können? Hat sich etwas verändert, seit du hier bist?
      Ich bin viel offener geworden und habe gelernt, so zu sein, wie ich bin.

      Wo fühlst du dich zu Hause? Was ist für dich am wichtigsten, um dich zu Hause zu fühlen?
      Ich fühle mich dann zu Hause, wenn ich so sein kann, wie ich bin und dabei akzeptiert werde. Wenn ich merke, dass ich von positiven Menschen umgeben bin.

      Was wünschst du dir für die Zukunft? Und was tust du, um diese Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen?
      Ich wünsche mir für meine Zukunft, dass ich mit dem, was ich mache, glücklich bin und dass ich andere Menschen mit dem, was ich mache, bereichern kann. Ich möchte irgendwann Kunst studieren, mein eigenes kleines Café aufmachen und Kunst mit dem Café verbinden. Natürlich will ich auch reisen. Ich bin dabei, Erfahrungen zu sammeln. Ich beobachte viel und lerne daraus. Ich glaube einfach, dass, wenn man etwas wirklich will, dass man es auch schaffen kann.

      Annamaria Olsson

      Wer bist du und woher kommst du? Was ist deine Geschichte?
      Ich bin Annamaria Olsson und ich bin die Gründerin von GSBTB. Das ganze Projekt startete mit einem spontanen Facebook-Post 2012. Ich war da gerade von Schweden nach Berlin gezogen und habe angefangen, zu studieren und als Journalistin zu arbeiten. Da ich neu in Deutschland und Berlin war, habe ich angefangen, viel über Integration nachzudenken, und darüber, wie verschiedene Städte und Gemeinschaften funktionieren. Wie sie es tun könnten und sollten. Meine eigene Erfahrung, die wachsende Xenophobie in Europa und auch ein paar Lösungen, die sich modern, positiv und lösungsorientiert angefühlt haben, haben mich auf die Idee gebracht, das auf Facebook anzusprechen und neue Leute zum Mitmachen aufzurufen.

      Dieser Facebook-Post hat sich verselbstständigt und es sind Sachen daraus entstanden, die ich mir niemals hätte vorstellen können. Daraus ist ein ganzes Projekt entstanden, das sich rapide entwickelt, natürlich mit sehr viel Arbeit und Herausforderungen verbunden. GSBTB vereint viele kluge Köpfe und ist relativ schnell zu einer großen Community geworden—sowohl online wie offline—, mit Hunderten von talentierten Freiwilligen, mit über 60 sozialen Projekten in der ganzen Stadt. Schon relativ bald wurde das Projekt zum größten Teil meines Lebens. Drei Jahre später und wir das Projekt ist so groß, das sogar von der UN und BMW anerkannt worden ist. Das Leben ist manchmal eben schon mysteriös.

      Seit wann bist du im Refugio und warum bist du hier?
      Seit 2015 befindet sich das Büro von GSBTB hier im Refugio und ich organisiere ein paar von den Projekten hier, wie das Open Art Shelter, das Sprachcafé, den Englischunterricht, die offene Musikschule und vieles mehr.

      Was ist das Beste am Refugio und wieso?
      Die Synergien, die hier entstehen, weil so viele liebe, offene und sozialinvolvierte Menschen auf einem Haufen sind!

      Was hast du hier schon lernen können? Hat sich etwas verändert, seit du hier bist?
      Wir haben hier einen Ort für unsere große Community, die aus ungefähr 100 Freiwilligen besteht. Dadurch haben wir mehr Platz für Ideen und ihre Entwicklung.

      Wo fühlst du dich zu Hause? Und was ist für dich am wichtigsten, um dich zu Hause zu fühlen?
      Wenn ich schreibe und mich auch als Teil davon fühle. Oder wenn ich reise und neue Sachen lerne.

      Was hat sich verändert, seit du in Deutschland bist?
      Ich fühle mich, als wäre ich ein Teil des Kontinents und von Europa, wo Sachen auch tatsächlich passieren. Schweden fühlt sich oft ein bisschen weit weg an ...

      Was wünschst du dir für die Zukunft? Und was tust du, um diese Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen?
      GSBTB nachhaltig zu machen und noch mehr tolle Orte für Begegnungen schaffen, die wir mit unserer Arbeit ermöglichen. Und bald mein zweites Buch zu veröffentlichen!

      Ricarda

      Wer bist du und woher kommst du? Was ist deine Geschichte?
      Mein Name ist Ricarda. Ich komme eigentlich aus Deutschland, aber seitdem ich 16 bin, reise ich immer wieder für längere Zeit um die Welt, jetzt bin ich aber erst mal wieder hier. Ursprünglich habe ich Mode studiert und hatte da auch einen richtig guten Job, aber dann war ich für drei Wochen in Tibet. Dort habe ich viel mit tibetischen Flüchtlingen gearbeitet und English unterrichtet. Das führte mich dann irgendwie zu Refugio.

      Seit wann bist du im Refugio und warum bist du hier?
      Ich arbeite seit Mai bei Give Something Back To Berlin. Nach den Erfahrungen in Indien stand für mich fest, dass ich hier in Berlin auch mit anpacken musste. Hier bin ich die Ansprechpartnerin für die Projekte, in denen es ums Essen geht. Ob das unsere wöchentliche Kochgruppe fürs Community Building ist oder ob es um Streetfood-Märkte, wie zum Beispiel in der neue Markthalle Neun oder beim Bite Club, geht.

      Was hast du hier schon lernen können? Hat sich etwas verändert, seit dem du hier bist?
      Das Refugio ist irgendwie zu meinem zweiten Zuhause geworden. So wohl hab ich mich noch nie an einer Arbeitsstelle gefühlt. Alle Menschen, denen man hier begegnet, sind total freundlich und nehmen sich Zeit für einander. Ob das im Café ist oder auf der Dachterrasse. 

      Was ist das Beste am Refugio und wieso?
      Gelernt hab ich ganz viel über das Miteinander. Wie einfach es manchmal sein kann, eine Situation für alle Beteiligten besser zu machen. Was es bedeutet, wenn man sich für andere einsetzt. Und wie man respektvoll miteinander umgeht. Ich bin wirklich dankbar, so viel Zeit mit all den positiven Menschen zu verbringen und ich bin überzeugt, dass da in der nächsten Zeit noch viel passieren wird.

      Wo fühlst du dich zu Hause? Was ist für dich am wichtigsten, um dich zu Hause zu fühlen?
      Zuhause ist für mich ein relativ flexibles Konzept. Ich habe schon an vielen Orten gelebt und mich immer wieder dort zu Hause gefühlt. Das hat vor allem mit den Menschen dort zu tun. Wenn mir die richtigen Menschen begegnen, dann kann ich mich in kürzester Zeit an sehr fremden Orten so wohl fühlen, als ob ich dort schon immer gewesen wäre. Das ist mir immer wieder passiert. Manchmal ist das auch nur ein Gefühl, dass sich dann später bestätigt. Das war in Nepal so. Ich war das erste Mal nur zur Durchreise dort und wusste, dass ich irgendwann mal mehr Zeit hier verbringen würde. Ich hatte direkt das Gefühl, hier zu Hause sein zu können. 

      Was wünschst du dir für die Zukunft? Und was tust du, um diese Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen?
      Das klingt zwar vielleicht abgedroschen, aber für die Zukunft wüsche ich mir, dass Menschen noch mehr mit Respekt und Mitgefühl miteinander umgehen. Eigentlich ist das ja so einfach, aber leider fällt den Menschen das immer wieder richtig schwer. Ich denke, das Beste, das ich in dieser Situation machen kann, ist, weiter daran zu arbeiten und anderen zu erklären, warum wir das so machen, wie wir das machen.

      Was wünschst du dir für die Zukunft? Und was tust du, um diese Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen?
      Ich würde natürlich irgendwann gerne wieder weg. Aber das wird schon noch passieren, wenn die Zeit reif ist.

      Max Hoßfeld

      Wer bist du und woher kommst du? Was ist deine Geschichte?
      Geboren bin ich in Leipzig, aufgewachsen in Stuttgart. Im Alter von zwölf oder fünfzehn Jahren bin ich mit meinen Eltern nach Tansania gezogen und habe dort eine internationale Schule besucht. Nach dem Abi hat es mich für ein Jahr nach Jerusalem verschlagen, wo ich in einem Sterbehospiz mit israelisch-palästinensischer Belegschaft meinen Zivildienst abgeleistet habe. Durch diesen Aufenthalt wollte ich Politikwissenschaft und Arabistik studieren, was ich in Jena dann auch getan habe. Seitdem hat es mich immer wieder in verschiedene Länder des Nahen Ostens gezogen—längere Stationen hatte ich im Libanon, in Jordanien und in der Türkei.

      Seit wann bist du im Refugio und warum bist du hier?
      Ich habe im März angefangen, für Give Something Back to Berlin (GSBTB) hier im Sharehouse Refugio zu arbeiten, direkt im Anschluss an mein Auslandsjahr in der Türkei. GSBTB ist eine migrantische Selbstorganisation, die Neu- und Wahlberliner in ehrenamtliche Projekte vermittelt, und auch selbst einige Projekte, wie zum Beispiel die für alle offene und kostenfreie Musikschule, unterhält. Der Gedanke hinter GSBTB ist, dass es jeder, der oder die in eine neue Stadt kommt, aufgrund eventuell mangelnder Sprach-, Orts- und Kulturkenntnisse zunächst schwer hat, Angebote am neuen Wohnort zu finden und die Tendenz dazu besteht, dass man in den eigenen Kreisen hängenbleibt, anstatt wirklich in das Leben vor Ort einzutauchen. Viele, die mal Erasmus gemacht oder Zeit im Ausland verbracht haben, können ein Lied davon singen. Ich habe diese Erfahrung auch schon nur zu oft selbst gemacht. GSBTB erleichtert den Einstieg und verbindet Neuberliner mit Seiten der Stadt, die sie sonst nicht kennenlernen würden.

      Was ist das Beste am Refugio und wieso?
      Vielleicht liegt das auf der Hand, aber für mich sind die Begegnungen, die man hier macht, das Beste am Refugio. Auch wenn ich schon ein bisschen herumgekommen bin—einen Ort, an dem man in so entspanntem Kontext so viele unterschiedliche Menschen und ihre Geschichten kennenlernen kann, habe ich selten gesehen.

      Was hast du hier schon lernen können? Hat sich etwas verändert, seit du hier bist?
      Das Sharehouse verändert sich ständig! Vor allem, was die Einrichtung angeht. Seit ich angefangen habe, ist zum Beispiel die neue professionelle Catering-Küche eingerichtet worden. Im Keller wurde ein Bandproberaum gebaut, das Dach ist jetzt Teil des Cafébetriebs geworden und viele zusätzliche, kleine, liebevolle Details haben die ohnehin warme Atmosphäre bereichert. Was ich davon lernen konnte, ist, wie schwierig es sein kann, in einer großen und sehr vielseitigen Gemeinschaft Entscheidungen zu treffen und umzusetzen und dabei die Bedürfnisse aller Beteiligten zu berücksichtigen. In dieser Hinsicht funktioniert sicher nicht alles immer völlig reibungslos, aber es ist ein unglaublich wichtiger Lernprozess.

      Wo fühlst du dich zu Hause? Was ist für dich am wichtigsten, um dich zu Hause zu fühlen?
      Ich habe nie viel Zeit am selben Ort verbracht, eine richtige Heimat habe ich nicht. Ich fühle mich wohl, wo immer ich von netten Menschen umgeben bin ,und das Gefühl habe, dass ich zu diesem Umfeld etwas beitragen kann. Das ist hier im Sharehouse definitiv der Fall. Nicht zuletzt deshalb fühle ich mich gerade in Berlin sehr zu Hause!

      Was wünschst du dir für die Zukunft? Und was tust du, um diese Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen?
      Für die Zukunft wünsche ich mir, dass es uns allen in Berlin, Deutschland und Europa gelingt, die weitere Polarisierung der Gesellschaft zu verhindern und vielleicht sogar umzukehren. Nur wenn wir aufstrebenden rechten Gedanken und politischen Bewegungen mit guten Argumenten, Zusammenarbeit und Liebe entgegentreten, können wir die Gewalt und den Hass verhindern, die von AfD und Co. gesät werden. Das ist eine Aufgabe, an der jeder Einzelne mitwirken kann. Ein kleiner Beitrag dazu ist meine Arbeit bei Give Something Back to Berlin hier im Sharehouse Refugio.

      Am 18. September feiert das Sharehouse seinen ersten Geburtstag. Alle Informationen zum Event findest du hier

      refugio.berlin

      Credits

      Interviews: Juule Klier
      Fotos: Tereza Mundilová

      Stay i-D! Like uns auf Facebook, folge uns auf Twitter und Instagram.

      Themen:refugio, refugees, projekt, kultur, berlin, flüchtlinge

      comments powered by Disqus

      Heute auf i-D

      Mehr laden

      featured on i-D

      Weitere Features