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      kunst Kemi Fatoba 2 Mai 2017

      zwei schwarze künstler über den white-savior-komplex in der kunstwelt

      Das Rosa-Parks-Haus steht nun in Berlin. Ryan Mendoza hat es in die deutsche Hauptstadt gebracht und damit für einige Kontroversen gesorgt. Wir haben uns mit den Künstlern Jessica Lauren Elizabeth Taylor und Isaiah Lopaz darüber unterhalten, warum das problematisch ist.

      zwei schwarze künstler über den white-savior-komplex in der kunstwelt zwei schwarze künstler über den white-savior-komplex in der kunstwelt zwei schwarze künstler über den white-savior-komplex in der kunstwelt

      Rosa Parks lebte nach ihrer Flucht aus Alabama mit mehr als 13 Familienmitgliedern in einem kleinen Haus in Detroit, das jetzt in Wedding steht. Nachdem ihre Nichte, Rhea McCauley, niemanden fand, der das Haus restaurieren wollte, bat sie den in Berlin lebenden amerikanischen Künstlers Ryan Mendoza das Haus nach Europa zu bringen, um es vor dem Abriss zu bewahren. Während des Berliner Gallery Weekend letztes Wochenende war das Haus zum ersten mal für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Film The White House von Fabia Mendoza, der nächste Woche im Babylon zu sehen sein wird, erzählt, wie das umstrittene Projekt zustande gekommen ist. Wir haben das Screening zum Anlass genommen, mit den in Berlin lebenden amerikanischen Künstlern Isaiah Lopaz und Jessica Lauren Elizabeth Taylor über den White-savior-Komplex in der Kunstwelt zu sprechen, wie sie als Schwarze Künstler damit umgehen, ob Berlin der richtige Ort für das Haus ist und was das Projekt mit dem Vermächtnis von Rosa Parks zu tun hat.

      Ryan Mendoza und Rhea McCauley in Berlin

      Im Gespräch mit Jessica Lauren Elizabeth Taylor 

      Was waren deine Gedanken, als du gehört hast, dass das Haus von Rosa Parks jetzt in Berlin als Kunstprojekt steht, weil die Stadt Detroit es abreißen wollte?
      Meine ersten Gedanken waren große Fragezeichen. Wenn ein weißer Künstler das Haus von Rosa Parks nach Europa bringt, denkt man natürlich zuerst an kulturelle Aneignung und dass es problematisch ist. Also meine ersten Gedanken waren hinterfragend und kritisch.

      Und was denkst du jetzt, nachdem du die Mendozas und Rosa Parks Nichte Rhea McCauley kennengelernt hast und mehr über das Projekt weißt?
      Ich bin immer noch kritisch. Nachdem ich jahrelang in der Kunst und in Kunstinstitutionen gearbeitet habe, in Schubladen gesteckt wurde und als Schwarze Künstlerin benutzt und vorgeführt worden bin, bin ich im Allgemeinen misstrauisch gegenüber weißen Menschen in der Kunstwelt. Ich habe die Mendozas auf den White-savior-Komplex angesprochen und sie haben mich nicht entgeistert angestarrt. Sie wussten davon und sie waren für Kritik empfänglich.

      In den ersten fünf Minuten der Doku kritisieren die Bewohner Detroits die Künstler, die nur für Armutsporno in ihre Stadt kommen. Es war schlau, den Film mit dieser Kritik zu beginnen. Wenn wir über white allies, also weiße Verbündete reden, reden wir von Leuten, die nicht nur reden, sondern handeln und ihre privilegierte Position nutzen, um etwas zum Positiven zu verändern. Ich denke, dass Ryan versucht, genau das zu machen. Er benutzt seinen Namen, er benutzt sein Privileg als erfolgreicher weißer Künstler, der in Europa arbeitet und fast schon ein europäischer Künstler ist, um die Geschichte von diesem Haus und was in Detroit passiert zu erzählen — aber irgendwie ist im Laufe des Projekts die Geschichte verloren gegangen. Die meisten Medienberichte haben sich auf Ryan konzentriert. Ich habe nicht viel über Rosa Parks gesehen und das fand ich traurig.

      Wer profitiert eigentlich von dem Projekt?
      Das ist auch immer meine Frage: Wer profitiert davon? Es geht immer darum, wer es sieht und wie. Bei der Podiumsdiskussion [über den Dokumentarfilm] im Babylon-Kino, waren inklusive mir sieben Schwarze Leute im Raum und ich dachte mir: Für wen machen wir das eigentlich?

      D from Brightmoor, Detroit, 2016

      Im Film sagt Rhea McCauley, dass Schwarze Menschen Amerika lieben, aber sie fragt sich, ob Amerika auch Schwarze Menschen liebt. Was hältst du von dieser Aussage? Liebt Deutschland Schwarze Menschen mehr als die USA?
      Auf gar keinen Fall. Die ganze Welt ist Anti-Schwarz. Amandla Stenberg stellt in ihrem Video Don't Cash Crop On My Cornrows die Frage: Wie wäre es, wenn Amerika Schwarze Menschen genauso lieben würde wie Schwarze Kultur? Schwarze Kultur wird immer in Bezug auf Musik gefeiert, aber sie wird nie in einem akademischen oder intellektuellen Kontext gesehen. Wenn ich in Deutschland sage, dass ich Künstlerin bin, ist die Standardfrage immer, ob ich eine Sängerin bin. Leute in Berlin denken gern, dass sie keine Rassenunterschiede sehen und dass Rassismus ein amerikanisches Problem ist. Sie denken: 'Die armen Amerikaner mit ihrem Rassismus und ihrer Polizeigewalt', aber sie sehen bei sich selbst keine Probleme und das finde ich beunruhigend.

      Es gibt eine Szene, in der sich Mendoza fragt, ob das Haus unbezahlbar oder wertlos sei. Was sind deine Gedanken dazu?
      Ich denke, dass das Haus unbezahlbar ist. Es ergibt keinen Sinn, dass keine einzige amerikanische Institution daran Interesse hatte. Vielleicht lag es daran, dass Rosa Parks nur zwei Jahre dort lebte, aber es ist der Ort, an den sie aus dem Süden geflohen ist, weil sie Todesdrohungen bekam und der KKK vor ihrem Hauses wartete, nachdem sie verhaftet worden war. Daher denke ich, dass es auf jeden Fall eine historische Bedeutung hat, auch weil wir nicht viele dieser Häuser haben. Es gibt all diese Häuser, in denen weiße Persönlichkeiten gelebt haben, die wunderschön erhalten sind, aber wir haben diese Privilegien nicht. Im Moment wird sogar über den Verkauf von James Baldwins Haus gesprochen, also natürlich denke ich, dass es wichtig ist. Das Haus ist unbezahlbar und ich bin total verwirrt darüber, dass keine einzige Institution daran interessiert ist.

      Begegnest du in der Kunstwelt oft white saviors? Braucht die Kunstwelt in gewisser Weise sogar weiße Retter?
      Auf jeden Fall. Oft sind ausgerechnet die liberalen Kulturinstitutionen am problematischsten. Ich sehe eine Ausstellung von weißen Künstlern nach der anderen. Und wenn ich einen Schwarzen Künstler sehe oder wenn PoC repräsentiert werden, geht es oft um Armut oder in letzter Zeit um Flüchtlinge. Es is traurig und ermüdend. Deshalb versuche ich, mich aus der Kunstwelt rauszuhalten. Ich denke, dass es für Kunstinstitutionen einfacher ist, ihr Privileg nicht zu erkennen. Es ist ertragreicher.

      Was wäre anders, wenn ein Schwarzer Künstler beschlossen hätte, das Haus nach Berlin zu bringen?
      Das Projekt hätte definitiv nicht diese Art von Presse erhalten. Auf keinen Fall. Es geht alleine um die Kontroverse. Alles, was ich gelesen habe, beginnt mit „der umstrittene Künstler Ryan Mendoza". Das wäre nicht geschehen, wenn es sich um einen Schwarzen Künstler handeln würde. 

      Was ist die Lösung? Sollten weiße Künstler aufhören, sich mit Themen zu beschäftigen, in denen Rasse eine Rolle spielt?
      Nein. Ich denke, wenn sie wirklich daran interessiert sind, sich mit Rassenproblemen zu beschäftigen, ist der Schlüssel, Leute zu konsultieren. Während der Kontroverse um Dana Schutz im Whitney Museum hat die Künstlerin den Kontakt zu Schwarzen Leuten gesucht und Fragen gestellt: „Wie ist Schwarzer Schmerz nur [ein Thema] für Schwarze Menschen?" Ich denke, manche Dinge sind nur für uns. Warum muss immer alles weggenommen oder vereinnahmt werden?

      Ich habe viele Kuratoren die Frage „Wie kommt es, dass es keine anderen, nicht-weißen Künstler in dieser Ausstellung gibt?" gestellt. Sie werden dann immer rot und das erste, was sie sagen, ist, dass sie keine finden können. Das ist die Standardantwort und ich finde sie so faul. Es geht darum, an den richtigen Stellen zu suchen. Eine andere Sache, die ich von Institutionen höre, ist, dass es nicht rentabel ist. Die Leute wollen das nicht sehen. Die Critical Race Theory ist zu einem Trend in Kunst- und Kulturinstitutionen geworden und wird immer öfter ins Programm aufgenommen, aber ich bin mir auch darüber im Klaren, dass Trends nicht lange anhalten.

      Wird von Schwarzen Künstler erwartet, sich auf Themen zu konzentrieren, in denen Rasse eine Rolle spielt?
      Ja, definitiv. Der Künstler Jayson Musson, aka Hennessy Youngman, hat einmal gesagt: „Wenn ein Künstler eine Blume malt, ist es nur eine Blume, aber wenn ein Schwarzer Künstler eine Blume malt, ist es eine Sklavenblume, eine flower de Amistad".

      thejessicastudy.com

      Rosa Parks Nichte vor dem verhüllten Haus in Detroit

      Im Gespräch mit Isaiah Lopaz 

      Was waren deine Gedanken, als du gehört hast, dass das Haus von Rosa Parks jetzt in Berlin als Kunstprojekt steht, weil die Stadt Detroit es abreißen wollte?
      Meine Gedanken waren: Warum wurde es ausgerechnet hierher gebracht? Warum ist es nicht irgendwo in den Vereinigten Staaten? Wer ist der Künstler, der an diesem Projekt arbeitet, und was ist seine Verbindung zu Schwarzen Menschen und zur Bürgerrechtsbewegung?

      Berlin wurde in Zusammenhang mit dem Projekt als Ort der Freiheit präsentiert, da Deutschland sich mit seiner dunklen Vergangenheit auseinandersetzt und Erinnerungskultur hat. Was hältst du von dieser Aussage?
      Wenn wir über Rosa Parks und die Bürgerrechtsbewegung sprechen, dann sprechen wir von Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen. Was ist Deutschlands Verbindung mit Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen und ist das etwas, das diskutiert wird? Wenn wir nicht über Deutschlands Rolle im Kolonialismus und einen der ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts sprechen, dem Völkermord an den Herero und Nama, dann ist es nicht sinnvoll, über eine Vergangenheit zu sprechen, die sich damit nicht auseinandersetzt. Deutschland hat sich meiner Meinung nach nicht mit seiner kolonialen Vergangenheit beschäftigt. Vielen weißen Deutschen scheint nicht einmal bewusst zu sein, dass Deutschland Kolonien hatte. Sie wissen nicht, dass die Berliner Konferenz hier stattfand, sie wissen nichts von dem Wettlauf um Afrika. In Berlin haben wir noch immer Straßen, die den Kolonialismus würdigen. Ich behaupte nicht, dass die USA sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen — offensichtlich tun sie das nicht. Wenn wir über Berlin reden, gibt es diese Vorstellung, dass die Stadt multikulturell ist und die Leute hier scheinen das zu feiern, aber wenn man mit PoC über ihre Erfahrungen spricht, dann ist nicht alles Gold, was glänzt.

      Was lernen wir über das Vermächtnis von Rosa Parks und die Bürgerrechtsbewegung, indem wir ein verlassenes Haus betrachten, das aus seinem Kontext genommen hier in Berlin steht? 
      Ich denke, wir lernen nichts über Rosa Parks. Ich weiß nur, dass das Haus zerstört worden wäre, wenn Ryan Mendoza es nicht gerettet hätte. Aber ich verstehe nicht, warum es in seinem Hinterhof steht. Ich finde es schwer zu glauben, dass niemand ihr Haus bewahren wollte und es scheint, als würde er ihren Namen für seinen eigenen Ruhm verwenden. Das ist die einzige Erscheinung, die sie in dieser Arbeit macht. Wie kann ein weißer Künstler das Haus von Rosa Parks in seinem Hinterhof haben und über ihr Vermächtnis reden, aber keine Schwarzen Kulturinstitutionen wie die ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland) kontaktieren?* Wenn du so etwas als weißer Künstler machst, musst du es mit einem Verantwortungsbewusstsein tun und du musst ein Bewusstsein für deine Position haben. Das Beste, was du tun kannst, ist, beiseite zu treten und das ist nicht das, was er tut.

      Sovereign T, Preach the Artist

      Was ist die Lösung? Sollten weiße Künstler aufhören, sich mit Themen zu beschäftigen, in denen Rasse eine Rolle spielt?
      Nein, das denke ich nicht. Weiße Künstler haben eine Verantwortung, über diese Themen zu sprechen, aber sie haben die Verantwortung, darüber auf eine Art und Weise zu sprechen, die ehrlich ist und auch ihre eigene Position kontextualisiert. Als Schwarzer Künstler habe ich mich immer dafür entschieden, über Rassismus zu sprechen und es wurde auch von mir erwartet. Wenn weiße Künstler sich damit beschäftigen, müssen sie sich bewusst sein, wie Rassismus funktioniert und wie sie selbst davon profitieren, einfach nur dadurch, dass sie weiß sind. Ich muss mir dieser Dinge immer bewusst sein. Meine Position ist nie neutral.

      Was wäre anders gewesen, wenn ein Schwarzer Künstler das Haus nach Berlin gebracht hätte?
      Ich denke, wenn ein Schwarzer Künstler das Haus von Rosa Parks gerettet hätte, könnte man zwei Dinge erwarten: dass sich niemand darum kümmern würde, dass ihr Haus bewahrt wurde oder dass Schwarze Leute sich darum kümmern würden, dass ihr Haus bewahrt wurde.

      himnoir.com

      The White House Documentary wird im Babylon Kino am 8. und 9. Mai um 18 Uhr und am 10. Mai um 18:15 Uhr vorgeführt.

      Rosa Parks Nichte Rhea McCauley hält im Juli für die Schüler der Rosa-Parks-Grundschule in Kreuzberg einen Workshop zum Thema Bürgerrechte. Ryan und Fabia Mendoza planen, das Haus in Zukunft mit weiteren Events zu beleben und zugänglich zu machen.

      whitehousefilm.net

      Credits

      Text: Kemi Fatoba
      Fotos: Fabia Mendoza


      *Tahir Della von der Initiative für Schwarze Menschen in Deutschland kommentierte zu dem Projekt, dass er es begrüßenswert findet, dass das Haus der Bürgerrechtsikone Rosa Parks durch den Künstler Ryan Mendoza erhalten bleibt. Er stelle sich jedoch die Frage, ob es im Zuge des Projekts auch zu einer Auseinandersetzung mit Rassismus in Deutschland kommen würde, da Schwarze Organisationen noch nicht kontaktiert worden wären, um gemeinsam zu überlegen, wie das Haus für eine politische Auseinandersetzung genutzt werden könnte. 

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      Themen:kultur, kunst, berlin, rosa park haus, black identity, rosa parks' house

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