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      kunst i-D Team 20 März 2015

      post-internet ist tot!

      Vergiss Post-Internet, laut dem in London lebenden Künstler Paul Kneale sind wir im Zeitalter des Post-Art-Internets.

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      Paul Kneale ist einer der interessantesten Künstler, die sich mit dem Thema Internet und dem Einfluss des Webs auf unser alltägliches Leben beschäftigen. Heute Abend wird er im Rahmen von Lunch Bytes im Berliner Haus der Kulturen seine neue Arbeit präsentieren. Wir haben mit ihm vorab über seine Meinung zu Post-Internet gesprochen. Er erklärt uns, was unter seinen Neologismen „Post-Art Internet" oder dem „New Abject"- einem neuen, digitalen Ekel - zu verstehen ist und was wir uns von seiner vielschichtigen Performance erwarten dürfen.

      Welche Rolle spielen digitale Infrastrukturen in deiner Arbeit?
      Heutzutage sind diese Strukturen allgegenwärtig. Die Infrastrukturen, die unsere Network-Erfahrungen im Alltag produzieren, werden immer ausschlaggebender für unsere Stimmungen und Denkweisen. Ich verwende Twitter seit einigen Jahren als öffentliches Notizbuch - poste kurze Texte, die oft als Titel meiner Arbeiten wiederkehren, oder ich verarbeite sie in längeren Texten weiter. Ich mag, dass diese Fragmente auf Twitter eine Art Abfall sind, aber dass sie trotzdem der Ausgangspunkt für etwas Größeres werden können. Ich beschäftige mich auch ausgiebig mit den Materialien unserer technischen Geräte und Räume. Ich habe eine Serie von Werken mit Hilfe von sehr billigen Druckern und Scannern gemacht, die sogar in Supermärkten gekauft werden können. Sie gehen immer nach ein paar Wochen kaputt, aber jeder Einzelne hat seine eigene visuelle Persönlichkeit und ich verwende sie für eine Serie von Zeitporträts namens „Post-post-post production". Die Tatsache, dass man diese unglaublich billigen Bild-Maschinen für 30 Pfund als Einwegobjekte kaufen kann, steht für mich für einen Mikrokosmos oder als Metapher für das gesamte globale Wirtschafts- und Wunschsystem. Ich habe auch vor Kurzem einen Essay geschrieben, das parasitär auf craigslist.org's Servern gehostet wurde.

      Gibt es beobachtbare Veränderungen in der Art und Weise, wie Kunst sich mit Digitalisierung auseinandersetzt?
      Ich glaube, die größte Veränderung ist die Art und Weise, wie der Kunstmarkt diese Kunst behandelt, sich damit beschäftigt und ihr eine größere Sichtbarkeit gibt. Das ist Teil der etwas späten Erkenntnis des Establishments, dass junge Künstler heute anders denken und arbeiten. Sie arbeiten in einer Weise, in der bestehende postmoderne Erklärungen nicht nachkommen.

      Was ist deine Meinung zum Begriff Post-Internet?
      Ich weiß, dass dieses Label seit ein paar Jahren ebenso beliebt wie auch kontrovers ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es etwas Neues und im Augenblick Geschehendes beschreibt. Ich nenne diesen Moment selbst Post-Art-Internet. Das, was wir Kunst nennen, ist eine historische Periode wie antike Kunst - es hat einen vagen Anfang, der es zur Periode macht, und ein Ende, das auf große Veränderungen in anderen Bereichen des Lebens schließen lässt. Möglicherweise haben wir diesen Punkt nun erreicht. Und das, was wir Internet nennen, ist unsere Lebensart. Es ist das Internet, das du von deinem Browserfenster kennst, aber auch das Internet der Dinge und Materialien und auch das Internet des Denkens, der Geschmäcker und Gefühle. Also, nach dieser vergangenen Epoche namens Kunst, sind wir nun in einer neuen Epoche namens Internet. Es macht also Sinn zu fragen, was diese Veränderung für die Ästhetik bedeutet und wie wir unter diesen neuen Bedingungen präsentieren und repräsentieren.

      In deinen neuesten Texten und Arbeiten verfolgst du die Idee des New Abject - was ist das digitale Verworfene für dich?
      Das New Abject ist ein Gefühl des Ekels, das wir normalerweise im Zusammenhang mit toten Körpern oder Fäkalien empfinden. Evolutionär betrachtet soll uns diese Reaktion vor Krankheiten schützen. Jetzt empfinden wir dieses Gefühl allerdings bei materiell neuen oder überhaupt nicht körperlichen Dingen und Erfahrungen. Es geht um Erfahrungen, die wir für uns selbst kreiert haben, die unser evolutionär altes Gehirn kurzschließen.

      Was hast du für die finale Lunch Bytes Konferenz in Berlin vorbereitet?
      Die Arbeit, die ich zeige, ist eigentlich eher ein Experiment. Es geht darum zu sehen, wie wir Sprache und Diskussionen durch verschiedene Variationen, verschiedene Orte und auch verschiedene Bilder zirkulieren können. Die Arbeit hat mit meinem Talk bei Lunch Bytes in London vor ein paar Jahren angefangen. Das Video des Talks wurde dann auf YouTube hochgeladen und hat ein automatisiertes Skript kreiert, damit Google es in Werbe-Keywords verwandeln kann. Ich habe dieses Skript genommen und daraus ein Drehbuch gemacht, das wiederum in einer 5-kanäligen Video-Installation namens SEO and Co. durch Evelyn Yard produziert und bei Tank.tv in London gezeigt wurde. In der Arbeit, die ich in Berlin verwende, setze ich das Skript entsprechend dem gegebenen Kontext neu um. Diese mentalen Apparate, die durch diese Plattformen, die wir täglich nutzen, hervorgebracht werden, verändern auch die Art und Weise, wie wir die Welt heute sehen.

      Lunch Bytes findet am 20. und 21. März 2015 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin statt. 

      Credits

      Text und Interview: Franziska Wildförster

      Bilder via Paul Kneale

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      Themen:lunch bytes, post-internet, paul kneale, berlin, haus der kulturen der welt, kultur, kunst

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