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      kunst Natalie Mayroth 8 August 2016

      wie zwei deutsche die kunstszene pekings aufrütteln

      „Chinas Kunstszene ist wie Berlin, bevor es so richtig losgegangen ist.“ - Im Gespräch mit Antonie Angerer und Anna Eschbach, die vor zwei Jahren nach Peking ausgewandert sind, um dort die Kunstwelt auf den Kopf zu stellen.

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      Hinter einer grauen Zielsteinmauer in der Pekinger Oststadt liegt der i:project space. Im Innenhof leuchtet das Logo mit den beiden Dreiecken. Dahinter befindet sich ein Stadtgarten, ein Ausstellungsraum und die Wohnräume von Antonie Angerer und Anna Eschbach. Vor zwei Jahren gingen sie nach China. Zunächst nur für ein Projekt, aus dem mittlerweile ein beständiger Kunstraum im Herzen des BanQiao Hutongs geworden ist. Die Kunsthistorikerinnen gründeten den i:project space als Plattform für internationalen Kunstdiskurs, in den sie immer wieder Gäste für Künstlerresidenzen einladen. Durch die Lage des Spaces bringen sie Kunst in direkten Kontakt mit dem täglichen Leben. Ihr Projektraum ist eine nicht-kommerzielle Galerie, in dem sie Ausstellung kuratieren, aber nicht von Kunstverkäufen leben. Nebenbei haben sie letztes Jahr das erste Projektraumfestival der Stadt initiiert und werden im Sommersemester an der Universität Tübingen unterrichten. Wir haben sie in Peking zum Gespräch getroffen.

      Anna, Antonie, warum seid ihr nach China gegangen?
      Antonie: Ich bin 2007 das erste Mal hier gewesen und war seitdem immer mal wieder hier. Anna, die ich aus dem Bachelorstudium kannte, hat mich besucht, als ich meinen Master an der Akademie in Peking gemacht habe. Ich hatte zur Shanghai Biennale 2000 geforscht.
      Anna: Ich bin als Touristin gekommen und war fasziniert, dass China so anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Und dass zu diesem Zeitpunkt so viel mehr Energie zu spüren war als in Deutschland.

      Was ist so anders im Gegensatz zu Deutschland?
      Antonie: Die Szene ist offen und dynamisch. Ab dem Zeitpunkt, als wir unsere Plattform geöffnet haben, kamen Leute mit Projekten, mit Kunstwerken. Man ist sofort in dieser Kunstszene aufgenommen worden. Man hat gemerkt, dass viele einen Raum wollten, der ein bisschen anders tickt.

      Zu den jungen chinesischen Künstlernunterscheidet sich die Zusammenarbeit?
      Anna: Eine Sache ist wirklich anders: Viele sind nicht daran gewöhnt, gefragt zu werden, wie ihre Kunstwerke gezeigt werden sollen. Es ist oft so, dass sie ihre Arbeit am Eingang abstellen. Der Kurator schafft dann den Kontext. Doch wir überlegen zusammen. Bislang war es eine super Zusammenarbeit, doch für manche ist es am Anfang ein kurzer Schock.

      Wie steht es um Starallüren?
      Anna: Sie sind furchtbar nett und wohl erzogen. Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass der Mythos vom leidenden, verdrogten Künstler hier nicht so kultiviert wird. Man lebt mehr in bürgerlichen Strukturen: Man hat Kinder und verdient regelmäßig Geld. Ich mag das ganz gerne.

      Und wie ist das bei euren Gästen?
      Anna: Wir haben den direkten Kontrast, weil wir auch mit internationalen Künstlern arbeiten. Ich will nicht sagen, dass sie ständig diesen Stereotypen raushängen lassen, aber du merkst, dass das Künstlersein mehr in den Mittelpunkt gestellt wird. Bei den internationalen Künstlern hat man das Gefühl, dass alles Kunst ist. Und, dass man nie aus diesem Kreis austreten darf.

      Die Künstler, die alle zwei Monate neu zu euch kommen, leben auch mit euch zusammen. Welche Erfahrungen habt ihr mit dieser Intimität gemacht?
      Anna: In dieser Zeit leben wir wirklich dicht zusammen. Wir lernen sie auf eine Art kennen, wie sie fast niemand kennt. Bislang hat das zu schönen Residence-Zeiten und Kunstwerken geführt, aber wir haben beschlossen, die Residence in ein anderes Hutong auszulagern, weil wir gemerkt haben, dass das auf Dauer für eine Zusammenarbeit besser ist.

      Plakat zur nächsten Ausstellung

      Ende August initiiert ihr zum zweiten Mal ein Projektraumfestival in Peking. Warum ist es wichtig, junge Kunsträume miteinander zu vernetzen?
      Antonie: Das Schöne am ersten Festival war, dass man gemerkt hat, dass es viele Spaces gibt, die alle aus Eigeninitiative ihr Ding machen. Durch das Festival haben sie sich gefunden, neue Projekte sind entstanden. Zudem kann man Ressourcen teilen. Wenn ein Projekt mal nicht zu uns passt, kann man die Künstler in Kontakt mit einem anderen Space bringen. Wir wollen die Orte transparenter machen, sodass Leute auch sehen, was hier alles passiert. Wir wollen eine Infrastruktur schaffen, da das Netzwerke hier noch etwas fehlt. 

      Ihr lebt in einem Hutong in Dongchengim Zentrum von Peking. Was ist das besondere hier einen Kunstraum zu haben?
      Antonie: Für uns ist Kunst etwas, dass mit Leben, Alltag und Stadt zu tun hat, deshalb war es uns wichtig, dass wir unseren Raum im Zentrum gründen. Für die Residency-Künstler ist es hier einfacher, unabhängig zu sein. Man kann sich aufs Rad schwingen und die Gegend erkunden. Dagegen sind die Atelier- und Kunstgegenden recht ab vom Schuss. Kunst findet vor allem in Kunstvierteln—in einem abgeschlossenen Bereich—statt.

      Heute gibt es an die 30 Projekträume in Peking, wie hat sich das in den letzten Jahren entwickelt?
      Anna: Die Hutongszene wächst. Mittlerweile passiert mehr auf chinesischer Initiative, davor waren es oft internationale oder gemischte Teams. Ich habe das Gefühl, dass die chinesische Kunstszene sieht, dass die Hutongs ein nährreiches Biotop sind. Es entstehen aber auch Räume weit außerhalb der Stadt wie Yanjiao, wo sich eine Community von ganz jungen Künstlern versammelt hat, oder das Viertel Heiqiao, das ebenfalls wächst. Es ist weiterhin Trend, keinen fixen Raum zu haben, sondern immer wieder in leerstehende Räume oder Galerien von Freunden zu gehen, da die Preise zum Teil unbezahlbar sind. Das bedeutet aber auch, wer nicht Teil der Kunstszene ist, hört nichts von diesen Projekten.

      Ich habe auch gesucht ... mit Facebook und Google kommt man nicht so weit.
      Antonie: Für Leute von außerhalb sind die Räume von internationalen Kuratoren einfach zu finden, aber von den chinesischen Räumen wissen sie oft nichts. Es gibt sie, doch sie sind nicht auf Google oder Facebook zu finden, sondern auf WeChat.

      Wie groß ist hier die deutsche Expat-Community?
      Anna: Sie ist über sehr überschaubar. [Lachen] Es gibt viele chinesische Künstler, die in Deutschland studiert haben, es gibt hier auch ein paar deutsche Künstler, aber als internationaler Künstler ist es nicht besonders leicht in China. Für uns als Kuratoren ist es einfacher, da wir chinesische Sammler nicht davon überzeugen müssen, unsere Kunst zu kaufen.

      Ist die Ästhetik so anders?
      Antonie: Bis vor zwei, drei Jahren haben chinesische Sammler hauptsächlich chinesische Kunst gekauft. Seit der Art Basel Hongkong öffnet sich der Markt. Gerade kauft man auch international, aber dann große Namen und nicht unbedingt junge, internationale Künstler, die in Peking leben. Es gibt trotzdem immer mehr Internationale, die hier produzieren. Wenn man aus der Stadt rausgeht, kann man recht günstig riesige Studios mieten.

      In den letzten 30 Jahren hat sich China massiv durch die Öffnung verändert. Auf der einen Seite hat man hier nicht so etablierte, dafür aber auch nicht so eingestaubte Strukturen. Welche Rollen übernehmen darin die freien Kunsträume?
      Anna: Viele, deshalb boomt es gerade. Es gibt zwar Strukturen, Museen und Galerien, die teilweise auch zentral liegen und die versuchen, den Kunstdiskurs nach vorne zu bringen. Viele sind jedoch nur Hüllen, bei denen man das Gefühl hat, dass der Inhalt noch fehlt.

      Ich hatte den Eindruck, dass auch hier viele junge Arbeiten sehr vom Internet beeinflusst sind. Werden durch die Vernetzung die Themen ähnlicher?
      Antonie: Visuell unterscheidet es sich nicht mehr so groß, dennoch sind die Themen andere. Die neue Generation an jungen Künstlern hat sich verändert. Die Vorherige war sehr stark mit sich selbst beschäftigt und auf den Westen zugespitzt. Jetzt wird das in eine globale Sprache übersetzt und das hat sicher mit dem Internet zu tun.
      Anna: Viele renommierte Künstler haben aber auch in England oder Amerika studiert. Das heißt natürlich, dass sie das, was sie gelernt haben, zurückbringen. Teilweise wissen sie es nicht, doch China ist furchtbar international.

      Das heißt, die Kunst wird gleicher?
      Antonie: Der Unterschied ist, dass jetzt die gleichen Themen, wie von Künstlern in Berlin oder New York behandelt werden können. Man muss als chinesischer Künstler nicht mehr nur chinesische Themen bearbeiten. Das ist eine positive Entwicklung. Davor waren sie fast ein bisschen darin gefangen, etwas zu machen, das gezwungen kritisch politisch war. 

      Und Post-Internet dominiert den Diskurs?
      Antonie: Es ist schon Thema und ein ziemlicher Trend. Es sieht gut aus, verkauft sich gut und das auch außerhalb von China, da es zugänglicher ist. Kunstwerke, die sich mit sozialen Problemen vor Ort auseinandersetzten, brauchen mehr Hintergrundwissen. Die großen Kunstwerke, die davor durch Ausstellungen in Europa gereicht wurden—wie Mahjong oder Ai WeiWei—waren immer recht verständlich.

      Ihr habt in Zürich und Berlin gelebt. Ist die Projektraumszene vergleichbar mit Peking?
      Anna: Wir haben uns letzten Januar mit den Organisatoren vom Berliner Projektraumfestival getroffen und festgestellt, dass viele Strömungen in Peking und Berlin sehr vergleichbar sind und sich Themen überschneiden.
      Antonie: In Berlin bespricht man eher Einzelheiten, während hier die Gespräche auf einer Makroebene stattfinden: Was ist Kunst? Braucht man Kunst? Warum sollte man einen Non-Profit-Raum haben und was heißt das eigentlich? Was ist kuratieren und ein Kurator? Es geht noch ganz viel um Definitionen. In Europa dagegen diskutiert man, ob man kuratieren überhaupt noch sagen sollte, oder ob man andere Wörter dafür finden kann. Das ist ein spannender Diskurs, der in China stattfindet und bei dem wir Teil sein können. 

      Habt ihr Pläne für die Zukunft? 
      Antonie: Im
       Herbst launchen wir mit der Designerin Sonja Zagermann einen Verlag, in dem die Projekte, die hier passieren, aber auch Künstlerbücher erscheinen werden. Es geht darum, Kunstwerke nicht nur zu dokumentieren, sondern in eine gedruckte Form zu übersetzen.

      yi-projectspace.org

      Ausstellungsansicht „Vjjzszhhzz" mit Juliana Huxtable, Mai-Thu, Perret, Lhaga Kondhoor, Jeanne Graff (2016)

      Utopia Group (Deng Dafei & He Hai) beim Filmen einer neuen Arbeit im Hof (2014)

      Ausstellungsansicht von „On the bright side there is colour" mit Michael Bodenmann und Jiajia Zhang (2015)

      Credits

      Text und Fotos: Natalie Mayroth 

      Letzten drei Fotos: yi-projectspace.org

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      Themen:kunst, kultur, china, post-internet, peking, i:project space

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