Die VICEChannels

      meinung Jovana Reisinger 13 Oktober 2015

      münchen bringt mich um

      Unsere Autorin und Münchnerin Jovana Reisinger erklärt, warum München nie mehr als Basis sein wird, kein Paradies ist, aber vielleicht doch ein Ort fürs innere (kreative) Exil.

      münchen bringt mich um münchen bringt mich um münchen bringt mich um
      hotspot münchen

      München ist laut der internationalen Mercer Studie die deutsche Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Die Hauptstadt mit Herz landete auf Platz vier. Platz eins belegt Wien gefolgt von Zürich. Unter Nachbarn also. Auf münchen.de haben sie geschrieben: „München erreicht das gute Ergebnis insbesondere aufgrund der hohen Wohnqualität, der großen Auswahl internationaler Flugverbindungen sowie des vielfältigen Freizeitangebots." Schon oft habe ich das die Leute sagen hören, das Gute an München sei, dass man es so schnell verlassen kann (um zum Beispiel in die Berge zu kommen, was man nicht unterschätzen darf). Ich spottete. Außerdem behauptet der Zukunftsatlas: „München ist das wirtschaftliche Zugpferd Deutschlands mit der bundesweit besten ökonomischen Perspektive." Wunderbar! Dass hier das Geld liegt, weiß ich schon länger. Nur hatte ich bisher das Gefühl, es würde in die falschen Taschen gesteckt. Vielleicht war es wirklich so. Oder ich war blind.

      Jedes Mal, wenn ich aus München fort ging, lag das an einer plötzlichen tiefen, körperlichen und geistigen Abneigung gegenüber meiner Geburtsstadt und ich beschloss, nie wieder zurückzukehren. Ich hatte eine fatalistische Idee von München. Ihr Ursprung liegt wahrscheinlich in einem Ereignis in meinem ersten Semester: Es war ein Dozent, der häufig vom coolen und progressiven Berlin schwärmte, in dem er mit seinem Skateboard und seinen Skills zur Avantgarde gehöre, der mit knallender Stimme verkündete: „Ihr habt jetzt drei Jahre Zeit, euch ein Netzwerk aufzubauen und die wichtigen Leute kennenzulernen und euch mit ihnen anzufreunden. Die Kulturförderer. Die Geldgeber. Die wollen unterhalten werden und umgarnt. Wenn ihr nicht einmal das schafft, habt ihr hier eh nichts verloren. Ihr müsst nicht mal gut sein, nur gut reden können." OK, also gefällige Arbeiten abliefern und nett sein!

      Statistiken über die Kreativen in Deutschland behaupten, es gebe in München eine große kreative Klasse, viele angestellte Bohemiens und wahnsinnig viele freiberufliche Künstler. Vergleich: Im Pott gibt es wohl ähnlich viele und Berlin taucht immer irgendwo am Ende der Statistik auf. Städtevergleiche sind langweilig. Insbesondere der München-Berlin-Diskurs ödet seit Jahren an. Aus der Aufstellung könnte man jetzt schließen, dass München mit all seinen Künstlern, super Kreativen und Kunstinteressierten wirklich was zu bieten hat. Die sind schließlich alle da und werden hier schon irgendwas tun und wahrscheinlich nicht nur am Hungertuch nagen.

      Ich habe mich gefragt, wo diese alle sind und habe mit Menschen über meine Heimat gesprochen, die alle mitunter daran Schuld sind, dass ich es jetzt gerade sehr gut finde, endlich wieder mal zurück zu sein. Das sind Menschen, die etwas übers Leben und über München zu sagen haben. Polly Lapkovskaja, Mirko Hecktor, Jörg Koopmann und Konrad Hirsch sind nur ein Teil vieler Befragten, aber sie bilden hier einen kreativen Querschnitt. 

      Warum hast du dich für München entschieden?
      Hecktor: Vielleicht hat sich München auch für mich entschieden. München „vergisst" nicht so schnell wie hype-getriebene, sich schnell austauschende Großstädte.
      Koopmann: 1988 hab ich mich wegen einer Frau entschieden, nicht über München hinaus zu denken. Seit 2010 lebt meine Partnerin in Kopenhagen, aber ich komme nicht mehr so einfach weg von München. Bin gerade innerhalb Münchens umgezogen, und hatte Glück, ich wohne jetzt endlich schön und dennoch erschwinglich.
      Lapkovskaja: Ich habe mich ursprünglich nicht für München entschieden, sondern siedelte 1993 über, aus meiner Heimat Belarus nachdem meine Eltern sich getrennt hatten und ich einen Münchner Stiefvater hatte.
      Hirsch: Schicksal, Zufall, lange Geschichte…Nach drei Jahren wurde der Ausreiseantrag meiner Eltern aus der DDR Richtung Bundesrepublik im August 1989 genehmigt. Am 3. Oktober 1989 ging es los. Westen! Erkunden: Station in München. Wir essen ein Eis im Café Münchner Freiheit und treffen Peter Schamoni, damals einer der renommiertesten Filmemacher der Bundesrepublik. Er suchte einen Kameramann. Mein Vater war Kameramann. Schamoni holte uns DDR-Refugees nach München, engagierte meinen Vater. Keine Entscheidung meinerseits damals. Aber für uns damals ein guter Ort und für mich bis heute.

      Was blockiert in München?
      Koopmann: Jetzt verliere ich gleich viele gute Freunde: Ich würde, als Experiment, gerne mal den FCB für fünf Jahre in der dritten Regionalliga sehen. Mal sehen, was übrig bleibt, wenn die Siegessicherheit nicht mehr trägt, wenn es andere Themen für die Leute gibt als Erfolg und Prominenz auf allen Kanälen. Sonst eher Lücken statt Blockaden: Nach dem Oktoberfest fehlt noch eine Woche ein internationales Kifferzelt-Festival, Alternativdrogen auf Weltniveau, einfach nur der Fairness halber. Aber die vielleicht wirkliche Blockade ist das Kultur-Vakuum in den Medien. Zeitungen sind allesamt ignorant in dem Bereich. Es ist wirklich kompliziert für Außenstehende mitzukriegen, wo was wann passiert.
      Hirsch: Es gibt das Isarwehr, das die Isar blockiert. Ich lasse mich ansonsten von nichts blockieren. Egal wo!
      Hecktor: In Fürstenfeldbruck gibt es eine Polizeischule und die jungen Polizisten und Polizistinnen dieser Schule brauchen anscheinend eine bestimmte Abschussquote. Deshalb streunen die schlecht angezogenen, in marodisierenden Zweiertrupps überall herum und lauern braven Bürger auf. Und zu wenig Platz. Allerdings ist der Münchner an sich auch recht geh-faul. 30 Kilometer außerhalb von München ist alles wesentlich billiger. Da dort aber anscheinend keiner hin will, plädiere ich für den Bau von 80 Stück 500 Meter hohen, von internationalen Toparchitekten designten Wolkenkratzern als Kranz um München herum entlang des Mittleren Rings. Außerdem werden dir in München, wenn dich niemand kennt, relativ wenige Chancen gegeben. Gleichzeitig ist München auch eine Rezipienten-Stadt. Kultur einzukaufen ist auch nicht immer von Vorteil für die Gewinnung eigenständiger Kultur. Aber momentan sind die Fördermaßnahmen okay.
      Lapkovskaja: Ich habe sehr unterschiedliche Etappen in München erlebt und die sind ja auch immer mit der eigenen Reife verbunden. Das lassen viele gerne weg, wenn sie über eine Stadt schimpfen. So habe ich in den Jahren, als ich arm war wie eine Kirchenmaus und gearbeitet habe wie ein Ochse, die Stadt als Feind angesehen. Jahre später zeichnete diese Stadt mich aus und gab mir Räume, um ziemlich durchgeknallte Projekte zu realisieren.

      Gibt es Dinge und Optionen, die du nur in München hast?
      Lapkovskaja: Ich finde es schwierig, von München zu sprechen, als würde einem jederzeit der Rest der Welt zu Füßen liegen. Ich bin hier, weil ich in dieser Stadt verbindliche Verbindungen eingegangen bin mit Menschen, die ebenfalls hier leben. Zum Beispiel die Musiker meiner Band Pollyester. Ich lebe hier mit meiner Tochter, die in dieser Stadt zur Schule geht. Ich will damit sagen, dass manche Entscheidungen, die man trifft, ob künstlerisch oder familiär, einen immer wieder neu mit einer Stadt verheiraten, enger oder loser schnüren können.
      Hirsch: Die Alpen manchmal verblüffend nah zu sehen und schnell in Italien zu sein.
      Und den inspirierenden Sound und Drive von Schamoni-Musik hautnah zu erleben.
      Koopmann: Mich ernsthaft zu freuen, immer wieder mal Paralleluniversen zu entdecken, geht auch schon in Spaziernähe. Seltsames, Nettes und Nerviges. Einmen wird alle geboten.
      Hecktor: Ich persönlich kann ziemlich viel realisieren, auf das ich Lust habe. Genre-befreit sozusagen. Für mich hat sich diese persönliche Freiheit in anderen Städten, in denen ich einem härteren Überlebenskampf ausgesetzt war, schwieriger gestaltet.

      Wie arbeitet man in München als Künstler?
      Hecktor: Weitermachen, genau das machen, was man immer gemacht hat. Und dann ist man auch wieder ganz schnell woanders. Rosenheim ist momentan der Hotspot in Deutschland. Da geht einiges an Kultur.
      Lapkovskaja: Ich arbeite einfach. Wenn wir proben, im Keller, in Giesing, verlassen wir die Stadt. Die gibt´s dann gar nicht! Die gibt´s dann vielleicht, wenn wir verzweifelt überlegen, wo man in dieser Stadt um 2:00 Uhr Morgens noch eine Cola oder was Ernsteres herbekommt. Dort unten stehen Hartschalen-Panzer-Gehäuse für unsere Instrumente, damit die nicht zu Bruch gehen, wenn wir diese Stadt verlassen. Ich habe mich nicht darauf spezialisiert, München zu besingen. Ich weiß nur, dass es schön ist, nach München zurückzukehren, wenn man die Möglichkeit hat, viel zu reisen.
      Koopmann: Ja, das ist manchmal schwierig. Ich arbeite effektiver an meinen eigenen Sachen, wenn ich wo anders bin. Liegt aber vielleicht mehr an der Ablenkung im Alltag und den Routinen als an der Stadt. Frustrierend ist schon manchmal wie wenig Leute sich hier für Kunst interessieren oder sich dafür Zeit nehmen. Sonntag Mittag mit vier Leuten im Kino oder Konzerte mit 15 Besuchern - wenn Kultur als Ablenkung und Freizeitspaß fungieren muss und nicht integrales Bedürfnis von Leuten ist, dann wächst Kultur immer im Schatten. Als Kurator versuche ich in der Lothringer13 ein vielfältiges Angebot zu schaffen, unkommerzielle Freiräume zu etablieren. Aber es braucht Geduld und Kondition. Es gibt so viele Gründe, warum was nicht funktioniert, aber im Musikbereich wird München mittlerweile bei vielen Tourneen von tollen Bands außenvorgelassen. Die kommen nicht mal in die Nähe der Stadt.
      Hirsch: Kunst kannst du überall machen. Kunst ist stärker als der Ort.

      Und „den Durchbruch" erlebt man auch in München?
      Hirsch: Durchbruch ist überall möglich, wenn es dir gelingt, dass der Funke überspringt.
      Koopmann: Durchbruch klingt bedrohlich. Sehr viele der Künstler, die mir persönlich wichtig sind, haben ihr Profil eher durch die Arbeit an anderen Orten geprägt. Ohne Glasgow, Brighton, Kopenhagen, St.Gallen, Köln, Amsterdam oder Wien wäre die Szene sehr viel ärmer an spannenden Leuten und Werken.
      Lapkovskaja: Da frage ich mich, durch was genau ich durchbrechen soll. Man denkt immer in München werden Ärsche bekrochen und woanders wird man entdeckt. Woanders kriechen sie auch nicht schlecht. Das habe ich auf meinen Reisen selbst gesehen.
      Hecktor: Ein Durchbruch kommt eben dann, wenn der kommt. Ein Dammdurchbruch zum Bespiel. Ein Dammdurchbruch kann allerdings auch gezielt durch Sprengung erfolgen. Da hat München einen strategischen Vorteil, Dämme sind weit weg. Theater-Karriere-Durchbrüche funktionieren überall, wenn man viel macht und gute Kontakte zur regionalen und überregionalen Presse (Klüngelei) hat, die ganze Zeit hinter Zeitgeist-Themen hinterher jagt oder lesen kann und deshalb versteht, was gerade bei den Kulturreferaten »förder-en-vogue« ist, stehen die Chancen vielleicht etwas höher.

      Was passiert als nächstes für Künstler in München?
      Hecktor: Dogwalking und Housekeeping. Zum Spaß und der Körper erholt sich dabei prächtig. SPA!
      Lapkovskaja: Das Oktoberfest wird dieses Jahr sein breites Grinsen für immer verlieren.
      Koopmann: Art Basel Mjunik, soweit ich meinen insider-Kanälen trauen kann.
      Hirsch: Das hängt doch ganz von uns ab.

      Warum bleibst du hier?
      Hecktor: Ich bin tatsächlich nur zur Hälfte der Zeit in München.
      Koopmann: Jetzt, wo du es sagst, ich wollte heute eigentlich in Venedig sein. Sehen was der Urmünchner Okwui so versammelt hat. Aber ich muss das schieben, noch sitze ich am Katalog für das Fotodoks Festival. Und im Herbst will ich endlich an meinem Material arbeiten, das ich letztes Jahr in Japan produziert habe. Das schlummert und reift hier in mildem Münchner Klima...Oh, das vermisse ich grade, Kyoto, das München Japans...
      Lapkovskaja: Ich sag´s mit KAMERAKINO: MUNICH ME MATA aber was soll das überhaupt? Der Ort, an dem man lebt, ist nicht dazu da, alle Bequemlichkeiten zu bieten. Und ich bin nicht dazu da, rastlos nach dem Paradies auf Erden zu suchen. Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass meine Heimatstadt Minsk und München beide mit M beginnen und eine fast identische Einwohnerzahl haben.
      Hirsch: Ich bin hier, weil ihr hier seid! Und ich würde gern mal mit einem Schnellzug nach Italien fahren. 

      München ist nur die Basis. München ist kein Paradies. München ist Ort für das innere Exil. Es stimmt schon, man wird in München auch gut in Ruhe gelassen, es ist unaufgeregt. Will man es boshaft sagen: Man wird schlichtweg ignoriert und es passiert wenig Spannendes. Einmal im Netzwerk hat man das Gefühl, problemlos vor sich hin probieren zu können. Das Geld nervt dann aber immer noch. Mein Umfeld hier tut was. Die arbeiten, reißen sich den Arsch auf, aber jammern wenig, was sehr angenehm ist. Es gibt Institutionen, Museen, Sender mit Geld, die Lust auf die Kreativen haben. Man kann seine Konzepte schnell verwirklichen. Man hat schnell einen Ansprechpartner. Das ewige Pitchen nervt, aber einem wird zugehört. Ist man drin, wird man unterstützt.

      Und gleichzeitig gibt es eine Wurschtigkeit, eine Oberflächlichkeit, die als Koketterien getarnt ist. Eine Lethargie der Kunststudenten und Kreativen, die die Ironie einfach nicht überwinden wollen. Eine elitäre Bodybuilding-Aura. Hier ist man schnell Szene und dieses Crew-Love Gebussel ist eher peinlich. Manche lassen sich davon verschlucken und werden träge, schieben alles dem nächsten in den Arsch. Andere spielen aber trotzdem nicht mit. München ist eine gute Basis. Wenn man nach Draußen schaut. Es gibt ernstzunehmende Institutionen, sehr umfangreiche Festivals und Programme und eine gute Nachwuchsförderung. Es herrscht ehrliches Interesse! Es spornt einen immer wieder an, weil es trotz allem eine große, sehr talentierte und fleißige Konkurrenz gibt. Hier schläft man wenig, die Leute sind wach. Sonst wäre es wahrscheinlich wirklich einfach zu teuer. Um Armut als künstlerische Notwendigkeit zu feiern, ist München die falsche Umgebung. Kein Bullshit. Die konstruktive Kritik kommt nur schwer zu einem durch, aber die Lästereien kriegt man auch mit. Und das Beste: Man kommt tatsächlich schnell weg von hier. In zwei Wochen bin ich schon wieder weg. Aber ich komme ja doch wieder zurück. Und wieder. Und wieder. 

      Das könnte dich auch interessieren: 

      Credits

      Texte: Jovana Reisinger 

      Bild: Ludwig Abraham

      Die Menschen, die in dem Text erwähnt werden: 

      Polly Lapkovskaja ist u. A. Musikerin und Sängerin der Gruppe Pollyester.

      Jörg Koopmann ist u. A. Fotograf und Kurator der Lothringer 13.

      Mirko Hecktor ist u. A. Tänzer, Choreograph und DJ.

      Konrad Hirsch ist u. A. der Mann, der das filmische Erbe von Schamoni verwaltet und restauriert. Schamonis haben jetzt auch einen Laden in der Bayerstrasse 4. 

      Stay i-D! Like uns auf Facebook, folge uns auf Twitter und Instagram.

      Themen:meinung, münchen, kunst, kultur, pollyester

      comments powered by Disqus

      Heute auf i-D

      Mehr laden

      featured on i-D

      Weitere Features