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      mode Max Migowski 21 November 2016

      5 berliner mode-absolventen, die du im auge behalten solltest

      Nach der Show ist vor der Show: Wir haben mit ihnen über ihre Visionen, Zukunftsängste und die nächsten Schritte in die kreative Unabhängigkeit gesprochen.

      5 berliner mode-absolventen, die du im auge behalten solltest 5 berliner mode-absolventen, die du im auge behalten solltest 5 berliner mode-absolventen, die du im auge behalten solltest

      Es ist wieder diese Zeit im Jahr, in der die Modeschulen Berlins ihre Küken aus dem Nest lassen. Studenten und Studentinnen der UdK, ESMOD und Kunsthochschule Weißensee präsentieren dem Who is Who der Branche ihre Kreationen. 
      Wir waren für euch dabei und haben uns eine Handvoll der vielversprechendsten Newcomer herausgepickt um uns mit ihnen über ihre Zukunftspläne und Weltanschauungen zu unterhalten. Wann sie wussten, dass sie Designer werden wollen, ob der stetig steigende Druck in der Branche ihnen Angst macht, und wen sie ihre Kreationen tragen sehen, erfahrt ihr hier: 

      Sonja Litichevskaya, ESMOD

      Svenja Trierscheid

      Wann genau wusstest du, dass du Modedesignerin werden willst und warum?
      Ich glaube so mit zwölf habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht. Ausschlaggebend dafür war unter anderem mein Vater. Er ist selbst Künstler, Comiczeichner um genau zu sein. Daher auch mein Hang zu knalligen Farben.

      Würdest du behaupten, dass du eine trendorientierte Designerin bist?
      Würde ich nicht sagen, nein. Meine Kollektion fügt sich zwar gerade ganz gut in die Trendwelle ein, aber ich habe schon vorher Ähnliches gemacht. Aber ich trage gerne meinen Teil dazu bei, russische Designer, die Ästhetik oder die Kultur im Allgemeinen in ein besseres Licht zu rücken.

      Was planst du für die Zukunft?
      Erst einmal würde ich gerne ein Praktikum bei einem größeren Designer anfangen wollen. Ansonsten werde ich wohl versuchen, mein eigenes Label zu pushen, auch wenn mir das offen gestanden ein wenig Angst macht. Aber auf alle Fälle möchte ich erst einmal in die Berufswelt eintauchen, bevor ich direkt einen Master anhänge.

      @sonjalitichevskaya

      Hagar Rieger, Universität der Künste Berlin

      Du hast dich von deiner Reise nach Äthiopien inspirieren lassen. Wo genau stellst du die Bezüge zwischen deiner Reise und den Designs her?
      Ich wollte ganz bewusst keine Klischee-Afrika-Kollektion machen. Ich habe mich mehr auf die religiösen Trachten und auf den Kitsch konzentriert. Viele Kleidungsstücke und Muster, die wir hier inzwischen als altmodisch ansehen, werden dort getragen—aber eben auch auf eine ganz andere Art und Weise als wir es gewohnt sind. Die Männermode dort ist eine ganz andere als man erwarten würde: sehr detailreich, mit vielen Verzierungen, in allen Farben und Formen. Klar, ich hätte auch die typische Serengeti-Kollektion entwerfen können, aber ich finde dieser Bereich wurde schon zu häufig von anderen Modehäusern ausgebeutet.

      Wir leben in einer Zeit, in der viele große Namen der Modebranche aufgeben, weil sie sich dem vorherrschenden Druck nicht mehr gewachsen fühlen. Macht dir das keine Angst? 
      Nein, eigentlich nicht. Es bestätigt für mich eher das, was ich seit einiger Zeit schon selbst beobachtet habe. Ich finde, es ist von immenser Wichtigkeit, sich selbst treu zu blieben und nicht jedem Trend hinterherzurennen, sich dieser Schnelllebigkeit nicht bedingungslos zu unterwerfen oder gar wegen ihr aufzugeben. Wenn man hart arbeitet, sich selbst treu bleibt, und tatsächlich etwas Eigenes geschaffen hat, muss man davor keine Angst haben. Man muss auf sich aufpassen und versuchen, sich auch in Zeiten der Geldnot nicht von der Industrie aufsaugen zu lassen. Man muss für sich abwiegen, was einem wichtiger ist. Bin ich lieber finanziell einigermaßen stabil, kann regelmäßig Urlaub machen, gebe aber dafür einen Teil meiner Kreativität auf, um der Industrie gerecht zu werden? Oder lege ich meine Vision als Priorität fest, wissentlich, dass ich dafür einige Opfer bringen muss?

      Die Modebranche gilt nicht gerade als familienfreundlich—wie lässt sich dein Beruf  mit deiner Rolle als Mutter vereinbaren?
      Es ist schwierig. Ich kann jeden total verstehen, der in der gleichen Situation wie ich ist, und ein geregeltes Einkommen über die künstlerischen Werte stellt. Derzeit erhalte ich durch ein Stipendium eine gewisse Rückendeckung und muss mir also erst einmal keine Gedanken darüber machen. Sofern es möglich ist möchte ich auch weiterhin Preisgelder und Stipendien gewinnen, um weitestgehend selbstständig bleiben zu können. Es wäre arrogant und auch ein wenig verantwortungslos zu sagen, dass egal was passiert, ich nicht in die Industrie gehe. Aber noch kommt es für mich nicht in Frage. Meine Tochter ist außerdem auch ein Teil meiner Arbeit geworden, sie war auch an der Uni oft dabei. Sie hat mich in meiner Arbeit auch extrem geprägt. Wenn du weißt, dass du dein Kind dann und dann vom Kindergarten abholen musst, weißt du gleichzeitig, was du bis dahin geschafft haben muss. Ich habe gelernt, mich nur aufs Wesentliche zu konzentrieren, statt mich permanent mit Nebensächlichem zu beschäftigen und abzulenken.

      @hagarrieger

      Nicolas Stephan Fischer, Universität der Künste Berlin

      Stini Roehrs

      Du kritisiertest die Unnahbarkeit der Mode für den Konsumenten. Inwiefern lieferst du mit deinen Kreationen einen Kontrast hierzu?
      Beim Erstellen einer Kollektion mache ich mir zunächst Gedanken um das Leben und die Gesellschaft an sich und folge nicht nur einem ästhetischen Ansatz. Ich denke, dass sich daraus etwas ergibt, was für alle nachzuempfinden ist. Anders gesagt suche ich nach einem visuellen Ausdruck unserer Zeit und weil wir alle in dieser leben ergibt sich auch ein direkter Bezug zu dem was entsteht.

      Wie ist es dazu gekommen, dass du dich (kritisch) mit Millenials auseinandersetzt
      Startpunkt der Kollektion war die Frage, ob Millenials noch zur Revolte fähig sind und wenn ja wie diese aussehen könnte. Grundlage dessen war vor allem die Beobachtung, dass meine Generation meist unpolitisch ist und wenig für die eigene Meinung oder Ideale einsteht. Abschließend kann ich jedoch sagen, dass wir sehr wohl veränderndes Potenzial haben. Dieses entlädt sich allerdings auf ganz andere Art als bei den Generationen vor uns. Es geht vor allem um Entscheidungen, die das persönliche Leben umfassen und dann im weiteren Verlauf erst die gesamte Gesellschaft verändern.

      Wen siehst du in deinen Designs?
      Menschen, die etwas bewegen wollen, die nachdenken, reflektieren und vor allem nicht resignieren. Ich denke, dass unsere Gesellschaft in den vergangenen 50 Jahren eine immense intellektuelle Entwicklung durchgemacht hat, die noch lange nicht am Ende ist.

      @nicolasstephanfischer

      Stella Stangenberg, Kunsthochschule Weißensee

      Beschreibe deinen Stil in drei Adjektiven:
      Entwickelt, glamourös, humorvoll.

      Warum designst du nur Mäntel?
      Zum einen formuliere ich mit dieser Kollektion einen Gegenentwurf zum derzeitigen Überangebot und der einhergehenden Überproduktion in der Mode. Ausschließlich Mäntel zu kreieren ist ja eine Ansage an das Modesystem und ein Angebot, die gängigen Wertvorstellungen von unserer Kleidung zu hinterfragen. Der Mantel bietet sich hierfür sehr an, weil er als äußerste Schicht unseres Körpers einen hohen Statement-Charakter hat. Für mich persönlich stellte sich der Entschluss, mich auf den Entwurf von Mänteln zu konzentrieren, als großer Freiraum heraus, denn diese Reduktion ermöglicht ein umso dichteres Arbeiten mit den Materialien, der Variation und an den Details. Generell geht es mir beim Entwerfen dann immer um das Kleidungsstück selbst, um sein Material, seine Struktur und Passform—davon bin ich besessen—und weniger um die Geschichte dahinter. Zum anderen braucht es eigentlich nicht mehr, als einen Mantel und Schuhe, um gut gekleidet das Haus zu verlassen.

      Was genau ist es also, das du mit deiner Kollektion aussagen möchtest?
      Genau das: Zieh dir einen guten Mantel an, scheue nicht davor zurück, etwas mehr Geld für ihn auszugeben und ehre ihn!

      @stellastangenberg

      Aïcha Abbadi, Universität der Künste Berlin

      Wie würdest du deine Mode erklären?
      Poetisch, skulptural, manchmal auch etwas brutal. Ich versuche immer eine Art Symbolik in meine Materialverarbeitung mit einzubinden. „Border-Fashion" nenne ich meine Arbeit gerne. Also Mode, die die Grenzen austestet. Mode, die kein kommerzielles Massenpotential hat.

      Du wolltest für dieses Projekt den Fokus auf das Making" legen, statt auf das Marketing"—worauf willst du hinaus?
      Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem die Mode ihre Authentizität verliert. Alles und jeder ist ersetzbar. Durch gewisse Marketing-Strategien werden den Designs künstliche Identitäten verliehen, ein Wiedererkennungswert wird zwanghaft erzeugt. Für mich ist es aber am interessantesten wenn sich der Designer selbst in seiner Arbeit widerspiegelt.

      Was gibt Berlin dir?
      Ich komme ursprünglich aus Luxemburg, bin aber zum studieren nach Berlin gezogen. Die Stadt ist ein idealer Nährboden für junge Kreative so wie mich. Für Leute, die schon eine gewissen Vorstellung haben, aber diese noch präzisieren wollen. Gerade an der hier ansässigen UdK fühle ich mich diesbezüglich sehr wohl, weil man individuell gefördert wird. Trotz der Tatsache, dass ich keine gebürtige Berlinerin bin, fühle ich mich nicht weniger Teil des Ganzen. Hier gibt es Platz und Freiheit für Alle.

      @aichaabbadi

      Credits

      Text: Max Migowski

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      Themen:modeinterviews, mode, udk, esmod, weißensee, berlin, modeschule, design, newcomer, fashion

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