Die VICEChannels

      musik i-D Team 12 Juli 2017

      "menschliches leid bringt schönheit hervor“

      Juliana Huxtable über Tagebücher, praktischen Humanismus und wo ihre Kunst sie als nächstes hinführen wird.

      Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D AU/NZ. 

      In allen Texten über Juliana Huxtable, seien sie nun von Wikipedia oder aus dem Guggenheim Museum, wird betont, wie interdisziplinär ihre Herangehensweise ist. Sie kann irgendwie einfach alles: Performances in Institutionen wie dem MoMA, dem Whitney Museum und dem New Museum; sie schreibt — ihr erstes Buch, Mucus In My Pineal Glands, eine Sammlung von Gedichten, Essays und Performance Scripts — wurde Anfang des Jahres veröffentlicht; und sie macht Musik, sowohl als Gründerin der New Yorker Partyreihe SHOCK VALUE als auch als DJ.

      Im Gespräch mit der australischen DJane Brooke Powers beschreibt Juliana diese unterschiedlichen Kunstformen: DJing als etwas, das mehr Spaß macht und öffentlicher ist, als eine Performance, die im Kunstrahmen immer etwas geladener und ernster ist. Beide Künstlerinnen haben sich im vergangenen Monat in Hobart getroffen, wo sie aufgetreten sind. Nach ihren Sets haben die beiden über Tumblr, das Schreiben von Tagebüchern und Humanismus gesprochen. 

      Es ist echt beeindruckend, an wie viele Projekte du bereits gearbeitet hast. Du arbeitest sehr hart. Ich würde gerne zuerst ein bisschen über Mucus In My Pineal Glands wissen. Was genau regt dich zum Schreiben an?
      Ich habe mich mittlerweile mit dem Gedanken abgefunden, dass ich nicht genau weiß, warum. Aber ich verspüre einfach das Bedürfnis, zu schreiben, weil ich schon immer viel geschrieben habe. Mit acht oder neun habe ich angefangen, Tagebuch zu führen. Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte das Gefühl, es sei etwas Gutes und Notwendiges für mich. Für mich ist das seit meiner Kindheit ein Weg gewesen, um die Dinge in mir nach Außen zu bringen.

      Wie stark beeinflussen sich die unterschiedlichen Medien, die du nutzt, gegenseitig?
      Es war die richtige Entscheidung, Kunst nicht an einer Uni zu studieren. Wenn ich das getan hätte, glaube ich, dass ich mit nur einem spezifischen Medium arbeiten würde. Ich habe mich aber intuitiv der Musik, Kunst und dem Schreiben zugewendet, nachdem ich meinen Abschluss hatte und einen Job gemacht habe, der nichts mit Kunst zu tun hatte. Ich fühle mich also frei, die Dinge auf die Art auszudrücken, die direkt auf die Idee folgt. Eine Zeit lang habe ich Performances gemacht, weil es nichts gekostet hat und weil Zubehör günstig war — wenn ich aber heute Performances mache, tue ich das, weil ich ihre Unmittelbarkeit mag. Andere Male habe ich mich für Selbstporträts oder ein Video oder so entschieden, einfach, weil es sich in dem Moment richtig und passend angefühlt hat. Deswegen springe ich sehr oft von Medium zu Medium.

      Hast du ein Lieblingsmedium?
      Nicht wirklich, nein. Das ändert sich immer, aber es gibt Dinge, wie etwa das DJing, die ich regelmäßig mache. Zur Zeit sehe ich meine Kunst als etwas, das unabhängig von mir existiert. Früher ging es immer darum, präsent zu sein. Es ist aufregend, mich jetzt an einem Punkt zu befinden, an dem ich mir Gedanken darüber machen kann, meine Ideen auszudrücken, ohne dafür selbst vor Ort sein zu müssen.

      Ich bin total gespannt, wie deine kreative Herangehensweise ans DJing aussieht. Ich kenne deine Mixe, habe dein Set heute Abend gehört und kenne dich als Künstlerin und meine, sagen zu können, dass in dein Auflegen noch sehr viel mehr hineinfließt, als das bloße Abspielen von Hits. Kannst du mir ein bisschen genauer erklären, wie du deine Sets aufbaust?
      Was mir am Auflegen gefällt, ist, dass es auch unmittelbar ist, sich aber natürlich trotzdem von der Unmittelbarkeit der Performance Art unterscheidet. DJing ist in der Hinsicht unmittelbar, weil die Leute erwarten, dass die Musik eine Art Entertainment ist. Natürlich gibt es auch Leute, die erwarten, dass Kunst Entertainment sein sollte, aber es herrscht eher der Gedanke vor, dass Kunst uns stimulieren oder herausfordern sollte. Leute neigen eher dazu, Kunst zu analysieren. Beim DJing passiert das seltener.

      Das Publikum, für das man spielt, ist außerdem auch viel unterschiedlicher, als das, wenn man eine Performance macht. Dort ist das Publikum selbstgewählte; die Leute sind alle aus ganz bestimmten Gründen dort. Auflegen ist von sich aus viel öffentlicher, und das gefällt mir. Wenn ich auch Gesang spiele, ist es meistens eine weibliche Stimme. Das ist ein interessantes Experiment: ein Raum voller Bros, die zwei Stunden lang weibliche Stimmen hören. Mir bedeutet das auf jeden Fall etwas, aber ich muss es nicht unbedingt eingehend analysieren.

      Ich erinnere mich daran, dass ich, als ich mich vor etwa fünf Jahren das erste Mal als Transfrau identifiziert habe, eines Tages auf deinen Tumblr-Account gestoßen bin. Wie beeinflusst diese offene Verwundbarkeit und die dauerhafte Erstellung von Inhalten deine künstlerische Praxis? 
      Ich glaube, dass ich dadurch in vielerlei Hinsicht ein Gemeinschaftsgefühl gefunden habe. Als ich mit meiner Transition begonnen habe, war es sehr körperlich. Ich glaube, dass sich jeder immer in einer Art Transition befindet, aber ich habe auch mein äußeres Erscheinungsbild verändert. Und das zu einer Zeit, in der ich mich sehr isoliert und einsam gefühlt habe. Ich habe es geliebt, in New York zu leben, aber es gab keine jungen Trans-Leute. Und die, die ich kannte, waren sehr speziell. Es waren ältere Frauen, die andere Erfahrungen gemacht hatten, weil es damals, als sie sich für die Transition entschieden hatten, alles noch viel schwieriger war. Sie sind ein wenig frustriert, es war also nicht so einfach, sich mit ihnen auszutauschen.

      Die Selbstdokumentation war mein Weg, auszudrücken, wer ich war und womit ich mich auseinandersetzen musste, und um ein direktes Gespräch mit anderen Leuten zu führen. Es war eine völlig neue Erfahrung, über Tumblr andere Transpersonen zu finden. Leute wie Nina Arsenal, Zackary Drucker und all die anderen. Tumblr war also ein extrem wichtiges Element bei meiner Selbstfindung, so habe ich meine Stimme gefunden.

      Vor Kurzem habe ich mich mit Freunden über queere Spiritualität unterhalten und darüber, was es für uns bedeuten kann. Hast du eine spirituelle Praxis, und glaubst du, das mit dem Queer- oder Trans-Sein eine bestimmte Spiritualität einhergeht?
      Ich würde mich selbst wohl als einen aggressiven Atheisten beschreiben. Ich wurde sehr religiös erzogen und glaube jetzt nicht mehr an Gott. Ich glaube auch nicht an Astrologie, das mache ich nur zum Spaß. 

      Auf einer gewissen Ebene gibt es einen Teil von mir, der glaubt, dass ich Humanistin bin. Nicht im kanonischen Sinn, aber ich glaube schon, dass es etwas gibt, das den Großteil der Menschen davon abhält, einen anderen Menschen abzustechen. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich glaube, dass queere Leute viel durchmachen müssen, und ich glaube, dass dieses Trauma eine Quelle der Inspiration ist. Für mich ist das eher struktureller als spiritueller Natur. Leute, die mehr durchmachen müssen, müssen schneller lernen, damit klarzukommen. Aus menschlichem Leid entsteht oft etwas wunderschönes. Das ist natürlich keine Rechtfertigung, Leute fertig zu machen, aber ich denke, dass schwarze Musiker deswegen auch die beste Musik machen. Queere Leute sind für mich die Leute, die mit die beste Kunst erschaffen. Aber ich weiß nicht, ob ich es deswegen für mich als spirituell beschreiben würde. 

      @julianahuxtable

      Credits

      Interview: Brooke Powers

      Fotos mit freundlicher Genehmigung der Red Bull Music Academy

      Stay i-D! Like uns auf Facebook, folge uns auf Twitter und Instagram.

      Themen:musik, interview, musikinterview, brooke powers, juliana huxtable, red bull music academy, kunst, nachtleben, djing

      comments powered by Disqus

      Heute auf i-D

      Mehr laden

      featured on i-D

      Weitere Features