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      kunst Alice Newell-Hanson 14 März 2017

      diese mutter hat ihre tochter 7 jahre jeden monat eine minute lang gefilmt

      Von 11 bis sie 18 Jahre alt wurde.

      Als 10-Jährige zu verstehen, was eine siebenjährige Verpflichtung bedeutet, ist bestimmt nicht einfach, gerade in einem Alter, in den man in Schultagen rechnet. „Ich musste wirklich klar sagen ‚Wenn wir das anfangen, müssen wir das durchziehen, auch wenn wir uns mal einen Tag nicht so danach fühlen.'", erklärt uns Melanie Manchot ihr Werk 11/18, das zusammen mit ihrer Tochter Billie entstanden ist.

      Die in London lebende Künstlerin beschäftigt sich in ihrer Kunst schon länger mit Identitätsfragen, oft in Verbindung mit dem Alter. Nach ihrem Abschluss am Royal College of Art hat sie für ein Projekt fünf Jahre lang ihre Mutter fotografiert. Herausgekommen ist die wunderschöne Schwarz-weiß-Fotoserie Look at You Loving Me. Sie hat Londoner Pärchen küssend in den roten Doppeldecker dokumentiert, in Berlin Kellerbands fotografiert, junge Frauen in Moskau festgehalten und arbeitet gerade an einem Dokuprojekt über zwei Bergsteigerteams in einem entlegenen alpinen Dorf.

      11/18 hat sie 2015 beendet. In der Kunstinstallation geht es um Vertrauen und Verpflichtungen, die man eingeht. 2008 hat sie angefangen, ihre damalige 11-jährige Tochter auf Super-8-Film jeden Monat für eine Minute zu filmen. Eine Routine, die so jeden Monat für die nächsten sieben Jahre wiederholt wurde. Richtiger ist vielleicht: Sie hat die Kamera hingestellt, den Hintergrund ausgerollt und ihrer Tochter überließ sie den Rest. Ihre einzige Anweisung war es, dass sie im Bild bleiben muss. Billie tanzt, lacht, wirkt nachdenklich, wird mit 14 schüchtern und wirkt aufgeklärter, je näher sie an 18 rückt. „Das sind die Jahre, in denen sich am meisten körperlich verändert. Sieben Jahre ist außerdem die Zeitspanne, die es braucht, damit der Körper einmal alle Zellen erneuert", ergänzt die Filmemacherin, und fragt: „Ist es überhaupt möglich, eine Person in ein Porträt zu drängen?" Wir wollten mehr wissen und haben ihr ein paar Fragen gestellt.

      Wie wichtig war es, dass das Mädchen des Projektes deine Tochter ist?
      Diese Information ist immer da und präsent, aber ich stelle sie nicht immer in den Mittelpunkt. Mir ist wichtig, dass die Menschen den Film erst als Porträt ansehen, und sich denken, dass jemand mit einem gewissen Alter dramatische Veränderungen durchmacht und erst dann herausfinden, dass es meine Tochter ist.

      Wie kam es zu dem Projekt? Wie hast du darüber mit deiner Tochter gesprochen?
      Als sie 9 oder 10 war, hatte ich die Idee dazu. In meinen Arbeiten geht es oft darum, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, es geht um Fragen der Subjektivität und Identität. Das Alter zwischen 11 und 18 ist eine Zeit des ständigen Aufruhrs und Trubels. Außerdem gibt es die interessante Theorie, dass sich die Zellen in unserem Körper alle sieben Jahre ein Mal komplett erneuern. Menschsein wird als physische und psychologische Kontinuität definiert. Das wird natürlich ad absurdum geführt, wenn man daran denkt, dass das Körperliche nicht stetig ist. Im Vordergrund stand die Frage: Was passiert, wenn man einer Person in einem bestimmten Zeitabschnitt dabei zuschaut, wie sie sich fundamental — chemisch, hormonell, psychologisch und emotional — wie in keiner anderen Lebensphase verändert?

      Eine weitere Frage, die ich mir ständig stelle: Was kann Porträtfotografie erreichen? Findet man einen Zugang zu der Person, die man auf dem Foto sieht? Und was ist davon Performance? Wie sehr ist die Kamera Teil der Gleichung? Ich bin auch absolut fasziniert von Warhols Screen Tests. Ich finde sie revolutionär. Ich schaue sie mir oft an. 11/18 kommt einem Screentest sehr nahe. Ich habe mit einer Super-8-Kamera gefilmt. Billie steht immer an der gleichen Stelle, vor dem gleichen Hintergrund und dem gleichen Licht.

      Habt ihr mal einen Monat lang nicht gefilmt?
      Nein, auch nur ein Monat Auszeit hätte das ganze Projekt infrage gestellt. Es war sehr wichtig, dass die ganze Zeit gefilmt wird und meine Tochter hat das verstanden. Für mich geht es um Zeit und um die Auswirkungen von Zeit. Eine Super-8-Filmrolle fasst drei Minuten Film, so dass schon eine gewisse Zeitvorgabe vorhanden ist. 

      Hast du deiner Tochter Regieanweisungen gegeben?
      Nur dass sie im Bild bleiben muss. Ich war mit ihr im Studio, aber ich habe sie nie direkt angeschaut. Mir war wichtig, dass es um sie und die Kamera geht. Sie konnte das machen, was sie sollte, sie konnte das tragen, was sie wollte. Es war allein ihre Entscheidung. Sie hatte die Kontrolle über ihr Bild.

      Was für Veränderungen hast du festgestellt, nachdem du das ganze Material gesichtet hattest?
      Wie sie sich körperlich verändert. Man merkt aber auch, dass sie anfangs noch verspielter ist und mit 14, 15 schüchterner wird. Ihre Beziehung zur Kamera verändert sich auch. Ihr wird bewusster, was es bedeutet, sich vor der Kamera zu präsentieren. Ich glaube, dass die Kamera Performativität produziert. Kameras sind sehr aktiv, und nicht nur passive Maschinen, die aufnehmen. Sie sorgen für eine ganz eigene Situation.

      Während des Projekts ist auch die Selfie-Kultur aufgekommen, das war interessant zu sehen. Auch vor neun Jahren haben Leute Fotos von sich gemacht, aber es gab das Wort „Selfie" noch nicht dafür. Im Laufe des Projekts wurde das dann aber immer sichtbarer. Besonders junge Leute stehen jetzt unter dem Druck, ständig Bilder von sich selbst produzieren zu müssen und damit auf eine gewisse Art und Weise, ihre Existenz sichtbar machen zu müssen, nach dem Motto: „Ich bin hier, ich tue das, deshalb existiere ich."

      Wie fühlt sich Billie bei dem Gedanken, dass sieben Jahre ihres Lebens dokumentiert wurden?
      Wir haben uns in den ganzen Jahren das Material maximal zwei Mal angeschaut. Als ich es ihr gezeigt habe, hat sie es geliebt. Während des Prozess hatte sie immer ein Vetorecht. Ich habe ihr gesagt ‚Wenn du es nicht magst, dann veröffentlichen wir es nicht'. Dann hätte es einfach nur für uns als Familie existiert. Aber sie hat es geliebt und nennet es auch selbst ihr Werk. Die Videos zeigen auf sehr spezielle Weise, wie sie aufwächst. Das sind nicht nur die normalen Familienschnappschüsse.

      Woran arbeitest du im Moment?
      Ich schreibe und entwickle gerade die Idee zu meinem ersten Spielfilm. In dem Film soll es wieder um das Porträt einer Person gehen, die schon länger Teil meines Lebens ist und mit der ich arbeite. Die Dreharbeiten werden neun Monate dauern und begleiten einen jungen Mann, den ich mit 26 Jahren im Entzug kennengelernt habe. In seiner Familie gibt es seit Generationen Abhängige. Er hat sich gerade auf der Schauspielschule eingeschrieben und es wird um sein Training und die Veränderung gehen.

      Installation of 11/18. Image courtesy of Melanie Manchot.

      melaniemanchot.net

      Credits

      Text: Alice Newell-Hanson
      Fotos: Courtesy of Melanie Manchot

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      Themen:kunst, kultur, fotografie, melanie manchot, 11/18

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