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      fotografie i-D Staff 5 Juni 2015

      liebe und sex in der pariser underground-szene

      Er porträtiert intime Momente mit seinen Freunden und Liebhabern, Pierre-Ange Carlotti ist der Chronist der Pariser Jugendkultur im 21. Jahrhundert. Wir haben dem Fotografen ein paar Fragen gestellt, um mehr über die vibrierende Pariser Szene zu erfahren.

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      Foto: Pierre-Ange Carlotti

      Pierre-Ange Carlotti ist das Enfant terrible der Pariser Gesellschaft. Mit seinem gewagtem Ansatz hat er immer wieder bewiesen, dass seine Vision nicht nur frech und provokativ ist, sondern dass seine Arbeiten auch eine faszinierende Realität dokumentieren, die der breiten Öffentlichkeit entgeht. Seine Fotos sind eine wunderbare Mischung aus französischem Savoir-faire und jugendlicher Kühnheit, so wurde er zu dem Chronisten der alternativen Pariser Jugendkultur. Zu seinen Freunden zählt der Fotograf viele junge Wilde der Pariser Modeszene. Wir haben dem Fotografen ein paar Fragen gestellt, um mehr über die vibrierende Pariser Szene zu erfahren.

      Du kommst aus Korsika, aber du lebst jetzt in Paris. Warum?
      Ich bin in Korsika geboren und dort aufgewachsen. Ich bin als Kind nicht groß herumgekommen. Als Teenager war ich dann aber schon ein paar Mal in Paris. Ich nehme an, dass es einfach das Naheliegendste ist, in die größte Stadt deines Landes zu ziehen, auch wenn es nicht notwendigerweise die einfachste Sache war. Ich bin direkt nach meinem Schulabschluss mit 18 nach Paris gegangen und man kann sagen, dass ich hier zu mir selbst gefunden habe. Alles, was ich davor getan habe, gehört der Vergangenheit an und es war an der Zeit, nach vorne zu blicken. Ich lebe immer noch in Paris, weil ich noch Träume habe, die in Paris wahr werden sollen.

      Wie ist die Pariser Szene?
      Ich freue mich, dass ich Teil einer neuen und wachsenden Bewegung in der Stadt bin. Wir sind ein paar Leute, die sich gegenseitig unterstützen und das ist der Hauptgrund für die Veränderung, die gerade in der Modeszene passiert. Die aktuelle Mode hat dieses sexy Feeling, weil es auf Musik, Fotografie, Design und all diesen kreativen Disziplinen beruht. Ich glaube, was neu ist, ist, dass sich jeder in seinem Umfeld genauso sehr für die Fähigkeiten des anderen interessiert wie für die eigenen.

      Wann hast du mit dem Fotografieren angefangen?
      Ich erinnere mich nicht wirklich daran, wann ich damit angefangen habe. Ich erinnere mich aber noch sehr gut an meine erste Kamera. Das war eine „Spice Girls"-Kamera, die mir meine Mutter geschenkt hat, und die ich immer noch habe. Als Kind war ich ein großer „Spice Girls"-Fan, ich habe alles von denen gesammelt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich Polaroids von Leuten gemacht habe, die im Fernsehen waren und die ich faszinierend fand.

      Wie siehst du deine Arbeit?
      Ich sehe mich selbst als eine Art Reporter. Ich glaube fest an die Dinge, die ich am meisten liebe, nämlich mein Leben und das Leben der Leute in meiner Umgebung zu dokumentieren. Sie inspirieren mich. Sie versichern mir, dass alles, was sie tun, wert ist, gezeigt zu werden. Meine Bilder sollen irgendwann mal einen Einblick von dem geben, wie wir 2015 lebten.

      Du und deine Freunde seid Teil einer sehr talentierten Generation von jungen Leuten in Paris. Wie verbindest du dein Privatleben mit deinem Beruf?
      Es gibt im Prinzip kein Unterschied zwischen meinem Leben und meiner Arbeit, weil ich mein Leben fotografiere. Ich habe für Jacquemus gearbeitet, aber ihn fotografiere ich auch. Ich fotografiere Clara Deshayes für Fashion Editorials, aber wir wohnen auch zusammen. Anfangs gab es keinen Job, den einer meiner Freunde nicht ausgeübt hatte und mittlerweile haben sich alle daran gewöhnt, Teil meiner Bilder zu sein.

      Der nackte Körper ist ein wichtiges Thema in deinen Arbeiten.
      Das habe ich gemerkt, als ich mir all meine Fotos angeschaut und festgestellt habe, dass das, woran ich am meisten interessiert bin, Nacktheit ist. Nicht nur wegen Sex, sondern weil ich mich von einer Person angezogener fühle, wenn diese Person nackt ist. Es gibt dieses Verlangen, ein Teil von diesem Körper zu haben. Der nackte Körper ist so wichtig, weil es eine Intimität ausdrückt, die ich mit den Motiven in den Fotos teile. 

      Homosexualität, Mode und Underground-Kultur sind wiederkehrende Themen in deinen Fotos. Würdest du dem zustimmen oder steckt mehr dahinter?
      Es war nie meine Absicht, eine schwule Perspektive in meinen Arbeiten einzunehmen. Mein Archiv ist voll von Fotos mit Schwulen und Lesben, einfach weil es die Leute sind, mit denen ich intim bin. Am liebsten mache ich Fotos in Nachtclubs und allgemein vom Nachtleben, und natürlich habe ich dabei auch eine tolle Zeit mit meinen schwulen Freunden.

      Wer ist momentan dein Lieblings-Modedesigner?
      Meine Lieblingstrends stammen aus einer anderen Zeit - aus New York, die Männer, die auf Kreuzfahrten gingen oder die Männer, die in Minen arbeiteten, zum Beispiel. Ich stehe auf die Farbe Schwarz, Ketten und Leder. Wenn ich jemanden in Paris einkleiden müsste, dann wäre das in Vetements. Ich stehe auf Leute, die sich so anziehen, als ob sie gerade von einer After-Party kommen. So ziehe ich mich für gewöhnlich auch selbst so an.

      Ich bin mir sicher, dass du Hunderte Geschichten über deine Nächte im Pariser Nachtleben hast. Gibt es ein Foto, mit dem du eine spezielle Geschichte verbindest oder das einen besonderen Stellenwert für dich hat?
      Vor 20 Jahren hatten meine Eltern die großartige Idee, ein leeres Grundstück zwischen zwei Gebäuden im 10. Pariser Distrikt zu kaufen. Darauf bauten sie dieses fantastische Haus, in dem sie immer noch leben. Als sie mal für zwei Wochen nicht da waren, wurde daraus das beste Hotel / Restaurant / Nachtclub der ganzen Stadt. An einem dieser Abende machte Clara eine leckere Ceviche und wir haben so viel Tequila getrunken. Ich erinnere mich daran, dass wir diesen großen, lächerlichen Kreis gebildet haben, aber ich weiß nicht mehr wieso. Ich denke, dass sich jeder, der da war, nur an wenig erinnern wird. Ich liebe Mexiko.

      Was ist der beste Moment, um ein Foto zu machen?
      Der Moment kann Stunden dauern, so gar einen ganzen Tag gehen. Ich mache gerne mit ein paar Fotos am frühen Abend. Dann fahren wir in irgendeinen Club, hängen dort rum und dann geht es wieder nach Hause für eine große Party. Ich mag es, wenn ich morgens da bin und Bilder machen kann, während sie noch am Schlafen sind. Dann warte ich, bis sie aufwachen, um am Nachmittag in der Sonne weitere Bilder zu machen. Was danach kommt, wer weiß das schon … vielleicht ein paar Drinks später und es geht wieder von vorne los.

      pierreangecarlotti.tumblr.com

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      Credits

      Text und Interview: Daniel Ortiz
      Bilder: Courtesy of Pierre-Ange Carlotti

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      Themen:fotografie, kultur, paris, pierre-ange carlotti, liebe, sex, jugendkultur, frankreich, schwul, gay, lgbt, vetements

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