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      kunst Alice Newell-Hanson 17 Februar 2017

      jo brocklehurst ist die vergessene illustratorin der punk- und fetischszene

      Jo Brocklehurts Zeichnungen bieten eine lebendige, persönliche und weibliche Perspektive auf Punk und Fetisch. Allerhöchste Zeit, dass wir die britische Illustratorin wiederentdecken.

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      Jo Brocklehurst hat sich bereits mit 14 Jahren für das Kunststudium auf der Central Saint Martins, der angesehensten Kunsthochschule Londons, eingeschrieben, kurz nach sie das Mädcheninternet in England links liegen gelassen hat. „Das war im Jahr 1949 und ich denke, dass sie Teil eines neuen Programms war", so Olivia Ahmad, Kuratorin des House of Illustration in London. „Sie hat schon früh über viel Talent verfügt." Unter der legendären Modeillustratorin Elizabeth Suter hat die junge Frau Aktzeichnen studiert. Die Dozentin hat oft exzentrisch gekleidete Performer auf die Studiobühne eingeladen, damit ihre Studenten sie zeichnen. „Das hat bei Jo Brocklehurst ganz offensichtlich einen Nerv getroffen", sagt Ahmad. Nach ihrem Abschluss hat sie für Modemagazine gearbeitet und später auch selbst als Gastdozentin am Central Saint Martins gelehrt. Doch es sollten ihre Zeichnungen junger Leute aus den Subkulturen der 70er bis 90er werden, die ihr ihren Platz in der Kunstgeschichte einbringen sollten.

      Die neue Einzelausstellung unter dem Titel Jo Brocklehurst: Nobodies and Somebodies im House of Illustration in London zeigt nun erstmals seit ihrem Tod 2006 wieder einen Ausschnitt aus dem umfangreichen Oeuvre von Jo Brocklehurst. Die beiden Kuratorinnen Olivia Ahmad und Brocklehurts langjährige Freundin und Muse, Isabelle Bricknall, haben sich in ihrer Auswahl auf die persönlichen Werke konzentriert: die wunderbar bunten Zeichnungen von Punks aus dem London der 70er, die kostümierten New Romantics und die Besucher der New Yorker Schwulen - und Fetischclubs der 80er mit Lack und Leder.

      Jo war selbst kein Punk. Den Großteil ihres Lebens hat sie in West Hampstead in London gelebt, ist überall hin mit dem Fahrrad gefahren. Mitglieder des anarchistischen Puppy Collectives hat sie zum Tee eingeladen und porträtiert, nachdem sie ihre Nachbarn wurden. Das war der auslösende Moment, an dem ihr Interesse für die neuen Subkulturen geweckt wurde.

      Ihre Motive hat sie überall gefunden, in den Clubs und ebenso in ihrem Haus in dem ruhigen Wohnviertel im Norden Londons. Während sie ein Auge für Detail hatte und ihr weder Nieten und Buttons auf den Lederjacken eines Punks noch der flammenrote Lidschatten einer Dragqueen entgangen sind, war Jo Brocklehurst an mehr als an der Ästhetik interessiert: „Sie hat wohl gesagt, dass es ihr mehr als um die Kleidung geht", erklärt Kuratorin Ahmad. „Sie hat mit ihnen mitgefühlt und Empathie gezeigt."

      In Interviews haben Freunde der Künstlerin über mögliche Gründe spekuliert, warum sie sich so sehr mit Menschen identifiziert hat, die außerhalb der angeblichen Norm leben. Für sie liegt die Erklärung Brocklehurts Herkunft. „Sie hat sich als Außenseiterin gefühlt und hat wahrscheinlich selbst unter Vorurteilen gelitten, weil sie halb englisch und halb sri-lankisch war ", so Ahmad. Sie war wunderschön und stylisch. Das hätten Freunde von ihr in den Interviews immer wieder betont. Doch die Illustratorin hatte trotzdem etwas Mysteriöses an sich. Sie hat immer eine Sonnenbrille getragen, manchmal sogar mehrere gleichzeitig, und sie trug über ihren natürlich braunen Haaren eine blonde Perücke. 

      Im Jahr 1980 wurden vier ihrer Illustrationen von Punks, Goths und New Romantics, in der bahnbrechenden Ausstellung Women's Images of Men in der Londoner Galerie ICA ausgestellt. „Das hat sie bekannt gemacht", sagt Ahmad. „Für das Spare Rib-Magazin hat sie die Machostereotype offengelegt und in ihren Arbeiten Humor gezeigt." Nach diesem Erfolg wurde 1983 in der Francis Kyle Gallery in London ihre erste Soloausstellung eröffnet und im demselben Jahr waren ihre Werke auch bei Leo Castelli in New York zu sehen. Jo Brocklehurst ist viel rumgereist, hat experimentiert und ihren eigenen Stil entwickelt. In den 1990ern war sie Stammgast im Londoner Fetischclub Torture Garden, um die Liebhaber von Lack und Leder zu dokumentieren. Dort haben Studenten von Central Saint Martins an den Wochenenden ihre extremsten Kreationen präsentiert.

      Seit ihrem Tod wurden ihre Arbeiten kaum öffentlich ausgestellt. Nur eines von ihren Kunstwerken hängt in einem öffentlichen Museum, dem V&A in London. Zu Lebzeiten hat sie auch nur wenig davon verkaufen können. Der Großteil ihrer Arbeiten ist nach wie vor im Besitz ihrer Familie. „Ihr Oeuvre ist so umfangreich", erklärt Ahmad. „Ein Teil davon gilt als verschollen. Das ist ziemlich rätselhaft. Wir zeigen in dieser Ausstellung nur die Spitze des Eisbergs." Aber auch diese kleine Auswahl sei ein einmaliger Schatz, so die Kuratorin zum Abschluss. 

      Jo Brocklehurst: Nobodies and Somebodies kannst du dir noch bis zum 14. Mai im House of Illustration in London anschauen.


      houseofillustration.org.uk

      Credits

      Text: Alice Newell-Hanson
      Fotos: Courtesy of the Estate of Jo Bocklehurst

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      Themen:kunst, kultur, jo brocklehurst, punk, house of illustration

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