Die VICEChannels

      musik Moritz Gaudlitz 27 Januar 2016

      it´s tricky: der musiker über massive attack, neue kollaborationen und berlin

      Der britische Produzent Tricky ist mit seinem neuen Projekt „Tricky Presents Skilled Mechanics“ zurück. Wir trafen ihn zum Interview.

      it´s tricky: der musiker über massive attack, neue kollaborationen und berlin it´s tricky: der musiker über massive attack, neue kollaborationen und berlin it´s tricky: der musiker über massive attack, neue kollaborationen und berlin

      Mitte der 90er in Großbritannien: Brit-Pop, HipHop, Rave und TripHop, ein Genre, das in der englischen Küstenstadt Bristol entstanden ist, bestimmen die Musik. Verlangsamte HipHop-Beats treffen auf elektronische Klänge, Stimmeffekte und Rap. Geprägt wurde dieses, auch Bristol Sound genannte Genre, von Gruppen wie Massive Attack oder Portishead. Adrian Thaws alias Tricky unterstützte damals Massive Attack auf Tour. 1995 veröffentlichte er schließlich sein erstes Soloalbum Maxinquaye und wurde damit zum internationalen Star der Szene. In den Jahren danach arbeitete er zwischen London, LA, New York und Paris an vielen Nachfolgeplatten seines großartigen Debuts, immer mit mäßigem Erfolg. Maxinquaye ist übrigens auch Jahre später noch ein Megaalbum.

      Vor ein paar Monaten ist der Musiker nun nach Berlin gezogen. Seine neue Platte Tricky Presents Skilled Mechanics ist ein Gemeinschaftsprojekt, in dem sich der lässige Brite als Produzent, Musiker und Rapper mal wieder etwas zurücknimmt und befreundeten Musikern die Bühne überlässt. Wir haben Tricky in der deutschen Hauptstadt getroffen und über das neue Album, seine Zurückhaltung und Massive Attack gesprochen.

      Skilled Mechanics ist ein Album, auf dem du wieder viele Musiker zusammenbringst. Was ist neu an diesem Projekt?
      Eigentlich alles. DJ Milo und ich haben fünf Songs zusammen gemacht. Ich kenne ihn schon mein ganzes Leben, wir haben aber immer sehr viel Underground gearbeitet. Dann ist da dieses Mädchen aus Peking. In China habe ich ihren Manager kennengelernt, er stellte sie mir dann vor. Das fand ich super spannend, eine chinesische, weibliche Rapperin. Und mein Drummer Luke Harris ist dabei. Bei einem Soundcheck habe ich gemerkt, dass er singen kann! Ich war so überrascht, da ich keine Ahnung hatte. Er hat nie darüber geredet und davor auch nie gesungen. 

      Das heißt, du arbeitest mit vielen Newcomern zusammen?  
      Ja. Luke zum Beispiel hat vor ein paar Tagen Presseberichte über uns an seine Familie geschickt. Das hat mir gefallen, denn meine Familie und ich sind anders. Meine Familie weiß nicht, wann ein Album rauskommt. Lukes Dad ist ein totaler Musikfan. Es muss wunderbar für ihn sein, dass sein Sohn jetzt singt. Wenn ich Lukes Begeisterung jetzt sehe, macht mich das so glücklich. Wenn es um mich geht, ist es anders. Musik ist zwar mein Leben, aber andere so überwältigt und aufgeregt zu sehen, ist noch besser.

      Das neue Projekt ist also eine Art Charity Projekt für deine Freunde?
      Nein, nein. Mir geht es darum, Dinge mit Musik zu verändern, die Welt zu verändern. Für Luke ist es nicht so einfach als Session Musiker. Das ist ein Grund, weshalb ich ihn auch dabeihaben wollte. Nach fünf Jahren bekommt er nun das erste Mal einen Musikverlag und dann auch hoffentlich Tantiemen. Er wird kein Millionär, aber kann vielleicht davon leben. Er arbeitet so hart und gibt alles für die Live-Show. Er ist zwar seit Jahren mein Drummer, aber er spielt, als wäre es seine Show. Deshalb möchte ich ihm was zurückgeben. Und DJ Milo zum Beispiel ist eine Legende in seinem Bereich, aber es gibt viele Menschen, die ihn nicht kennen, obwohl er auch schon viel mit Massive Attack gemacht hat.

      War die soziale Ader in deiner Musikkarriere schon immer von dieser Bedeutung?
      Ja, von Anfang an. Ich weiß nicht, ob es aus dem Oldschool HipHop kommt, wo man jemandem weiterhilft. Es ging da nie nur um das Ich, Ich, Ich, sondern darum, jemanden zu präsentieren. Und das ist nicht nur im HipHop so ... Kate Bush wurde von Peter Gabriel vorgestellt... Jimmy Hendrix kam nach London und andere Bands haben ihn in der Szene vorgestellt. Ich denke einfach, das ist das, was man als Musiker machen muss. Ich arbeite viel mit unbekannten Künstlern zusammen und mag es, sie den Menschen vorzustellen.

      Skilled Mechanics klingt sehr technisch, auch etwas aggressiv. Wieso der Name?
      Der Name kam auf, als ich mir eine TV-Dokumentation über Militärintelligenz ansah. Ich dachte, es ist so zynisch einen bezahlten Mörder „Skilled Mechanic" zu nennen. Es ist so düster. Als ich das hörte, dachte ich mir, das muss der Name der Band werden. Luke und Milo waren der Grund für das neue Album. Und da ich ein Gemeinschaftsalbum nicht einfach unter „Tricky" veröffentlichen kann, brauchten wir einen Namen.

      Du sagst, es ist düster. Der Song „Boy" ist sehr traurig und dunkel. Du singst über deine Kindheit. Warum veröffentlichst du einen solchen Song gerade jetzt?
      Ich weiß es nicht, es ist ziemlich komisch, aber es ist alles aus der ersten Strophe heraus entstanden, die von meinem Vater handelt. Alles auf „Boy" ist echt, jedes Wort ist Tatsache, zwar sehr lange her, aber auch richtig. Vielleicht, weil ich jetzt unter einem anderen Namen veröffentliche. Skilled Mechanics und „Boy" klingen nicht nach Tricky. Bei Tricky halte ich mich stimmlich zurück, meine Geschichte aber muss von mir gesungen werden. Also gibt mir Skilled Mechanics Raum für so etwas. Bei Tricky geht es um Alles ... um meine Mutter, meine Familie. Bei „Boy" geht es nur um mich.

      Das Album ist musikalisch sehr vielseitig. Du beschränkst dich eigentlich schon seit langem nicht mehr auf nur ein Genre. War das diesmal auch geplant?
      Nein, nein... Ich rannte Daddy G (Massive Attack) in einem Studio in Bristol über den Weg. Er hat mich gefragt, was ich mache. Ich gehe ins Studio, habe ich gesagt. Er dann: „Was ist dein Plan?" Ich meinte: „Ich habe keine Ahnung." Daraufhin sagte er: „Wie kannst du in ein Studio gehen, ohne einen Plan zu haben?" Ich wusste nicht wovon er redete... Jetzt weiß ich es. Wenn man mit einem Plan ins Studio geht und dieser nicht funktioniert, dann hast du keine Möglichkeiten mehr. Wenn ich in ein Studio gehe und nichts plane, kann alles gut werden. Mit einem Plan stellst du Grenzen auf. Es sind nicht die Musiker, die Musik machen, sondern die Musik macht die Musiker. Ich versuche es zu vermeiden, Konzepte zu haben und den ganzen Tag zu arbeiten. Deshalb arbeite ich auch nicht in großen, kommerziellen Studios. Die sind wie Fabriken.

      Wo hast du das Album denn aufgenommen?
      Ich bin vor ein paar Monaten nach Berlin gezogen und habe in meiner Wohnung in Neukölln im Sommer aufgenommen. Alle Fenster und Türen auf. Luke, Milo und ich haben gekocht, es war so schön. Es ist ein Heimstudio, aber nicht wie du es dir vielleicht vorstellst. Mein Studio ist wie das eines Kindes, ganz easy. Viele Leute haben so ein Studio.

      Hat das Leben in Berlin deine Art Musik zu machen verändert?
      Berlin entspannt mich immens. Ich bin richtig entspannt, wenn ich hier bin. Und wenn ich nicht befreit bin, bin ich nicht kreativ und schaffe weniger. Hier habe ich Zeit über ein nächstes Album oder Anderes nachzudenken. Ich werde hier jetzt nicht von besonderen Sounds inspiriert, ich bin einfach sehr glücklich hier. Das treibt mich dann an, schreiben zu wollen. Als ich in London war, habe ich nichts gemacht. Ich war in Clubs, habe aber keine Musik gemacht, nichts geschrieben, es war so stressig. Hier fühlt es sich auch wie zu Hause an. Früher habe ich Berlin gehasst. Ich war oft hier, aber ich hab' die Stadt einfach nicht verstanden. Und dann war ich mal im Sommer hier für drei Tage und dann habe ich sie gemocht, endlich verstanden was alle mit Berlin haben.

      Viele Künstler, vor allem viele Musiker leben in Berlin. Glaubst du es ist naheliegend als Musiker früher oder später nach Berlin zu ziehen?
      Ja, vielleicht, weil es hier keine überwiegend geldorientierte Gesellschaft gibt. In London geht es nur ums Geld. Hier geht's vielmehr um die Lebensqualität, als darum, wie viel man hat. Außerdem ist die Stadt nicht so modisch. London ist so trendy, jeder denkt, er ist so verdammt cool und lebt im Nabel der Welt. Die Musik ist scheiße dort, die Mode ist scheiße, es gibt keine Typen, keine Individualität. Jeder zieht sich gleich an, London ist für mich billig. In Berlin sieht man Typen über die man sich freut und wundert.

      Und erkennt man dich hier schon?
      Ich weiß nicht. Was mir sehr wichtig ist: Spiel nicht den Superstar! Wenn du den Superstar spielst, dann bist du keine normale Person mehr. Wenn ich meine Einkäufe nicht mehr selbst erledige, dann zieht man sich selbst aus dem Leben. Wenn ich eine Show mache, schaue ich mir manchmal die Vorbands an. Die Menschen sagen dann, sie können es nicht glauben, dass ich da draußen stehe. Oder sie sehen mich bei Tesco und wundern sich darüber, dass ich da bin. Was erwarten die? Dass ein Hubschrauber landet und mich dann herausbeamt?

      Zurück zur Musik auf dem neuen Album. Was mir von Anfang an aufgefallen ist, die Songs sind mal wieder sehr kurz...
      Ja, bei mir war das schon immer so. Ein Song hat ein Anfang und ein Ende. Wenn du zwanghaft versuchst einen Song länger oder kürzer zu machen, dann ist das zu gewollt... Ein paar meiner Alben hatten sehr kurze Songs und die Plattenfirma sagte: Hey, das Album ist zu kurz! Aber ein Song sagt dir, wann er zu Ende ist. Es muss eine Reise sein, eine Geschichte. Aufgrund der Tatsache, dass Menschen heute anders Musik hören, werden nicht mehr so viele Alben geschrieben. Wenn du Kanye West bist, dann ist jeder Song des Albums eine Single, für mich ist sieht so aber kein Album aus. Ich nehme immer Alben auf, nie Singles.

      Dein Song „I'm Not Going" mit der bekannten dänischen Sängerin OH Land hat aber Single Potential oder?
      Ja! Dieser Song ist ungefähr sieben Jahre alt. Was passiert ist? Sie war bei Sony damals und fragte mich, ob ich ihr Album produziere. Sie kam damals nach Paris und wir haben vielleicht zehn Songs aufgenommen. Sony, ich glaube es war Sony, hat sie aber dann rausgeworfen und nicht für die Aufnahmen gezahlt. Also gehörten alle mir. Und das ist jetzt einer der besten Songs auf dem Album. Da ist viel Pop auf dem Album, das ist so komisch. Wir sind keine Pop-Jungs. Das war nie unsere Sache, ich war dann so überrascht über so viel Pop.

      Deine Tour beginnt und deine alten Kollegen Massive Attack geben jetzt auch wieder Konzerte. Wirst du wieder dabei sein?
      Ich habe gerade erst einen Song mit Ihnen aufgenommen, weißt du das? Er heißt „Take It There" und kommt Ende Januar! Es gibt ein englisches Sprichwort, das sagt: „Never Say Never. Sag niemals nie..." Und das ist so wahr, denn ich dachte nie, dass ich jemals wieder mit ihnen zusammenarbeiten werde. 3D hat mich kontaktiert und was so wunderbar war, ist, dass wir uns am Telefon das erste Mal seit zehn Jahren so unterhalten haben, als hätten wir uns zuletzt gestern gehört. Wir mussten lachen. Wir haben auch darüber geredet, mehr Zeug zusammen zu machen. Vielleicht sogar noch Ende diesen Jahres, um es dann im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Wir haben uns wiedergefunden, weil wir uns unterhalten haben. Es ist nicht nur eine musikalische Verbindung, es ist wieder Freundschaft. 

      Credits

      Text: Moritz Gaudlitz 

      Stay i-D! Like uns auf Facebook, folge uns auf Twitter und Instagram.

      Themen:musik, musik interview, tricky, berlin, massive attack, portishead, hiphop, rave, bristol

      comments powered by Disqus

      Heute auf i-D

      Mehr laden

      featured on i-D

      Weitere Features