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      fotografie Catherina Kaiser 13 März 2017

      die berliner undergroundparty-szene roh und ungefiltert

      Von der Party ans Meer: Camille Bokhobzas Fotografien sind so roh, seltsam und intim wie das Leben selbst.

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      Afro, Techno und durchtanzte Nächte: Berlin liebt die Party-Reihe African Acid is The Future. Mitten drinnen in der Partymeute ist auch immer Camille Bokhobza. Der französische Fotograf hat die besondere Energie der African-Acid-Nächte eingefangen und stellt seine gleichnamige Fotoreihe aktuell in Berlin vor. Die Fotografien des 29-Jährigen sind dabei so nah dran an seinen Protagonisten, dass man fast das Gefühl bekommen könnte, selbst in der Menge zu baden. Sein Talent, Momente fast schmerzlich roh, authentisch und intim aufzunehmen sowie sein Blick für die Schönheit der oftmals seltsamen Facetten des menschlichen Daseins zieht sich allerdings auch durch seine anderen Arbeiten. Dabei bleibt er nicht nur im bunten Chaos urbaner Räume, sondern nimmt uns mit seinen Serien La Vie ,There und Strata auch raus aus der Stadt, mit seinen Freunden ans Meer oder in die Stille der Wälder und Felder. Im Mittelpunkt dieser Arbeiten bleiben allerdings auch hier fast immer Menschen — die meist enge Freunde des Künstlers sind. Am 18. März werden seine Fotos als Teil einer Ausstellung, die die zehn Finalisten des „Frames of Berlin"-Contests ehrt, in der Fellini Gallery in Berlin zu sehen sein. Wir haben mit Camille zuvor über seine Beziehung zur Fotografie, die Berliner kreative Szene und seine Beziehungen zu den Musen in seinen Arbeiten gesprochen.

      Wann und warum hast du angefangen, Fotos zu machen?
      Wie viele gute Dinge hat alles zufällig begonnen. Ein Freund in Berlin hat mir eine analoge Kamera angeboten. Zu dieser Zeit habe ich noch Architektur studiert. Ich wusste nicht wirklich, was ich damit machen sollte oder wie ich sie benutzen sollte - also landete die Kamera erst einmal auf einem Regal. Das war vor acht Jahren. Ich habe diese Kamera immer noch und benutze sie immer noch. Sie ist ganz schön kaputt und ich musste die Rückseite mit Klebeband befestigen, damit sie nicht abfällt - aber ich liebe sie. Im Sommer darauf bin ich mit meiner Liebe auf eine Insel gereist, wir haben in der Natur geschlafen und draußen gelebt. Ein Freund von mir hat mir eine andere besondere kleine Kamera geliehen, die ich immer noch oft benutze. Sie produziert Diptychen. Ich liebe was aus diesem ersten Love-Escape-Film entstanden ist. Ein Bild voller Schönheit und Freiheit. Wenn ich diesen Film heute ansehe, denke ich, dass er für mich einen wichtigen Teil dazu beigetragen hat, zu erkennen, dass wir durch Fotografie Geschichten erzählen können. Von da an habe ich mehr und mehr Bilder gemacht. Es wurde ganz natürlich für mich, immer meine Kamera dabeizuhaben. Nicht mit einer besonderen Absicht. Es war ganz einfach so. Ich habe hunderte Bilder gemacht, ohne überhaupt darüber nachzudenken, sie jemandem zu zeigen - außer meinen Freunden. Dann hat mich ein Freund besucht. Er fand mich auf dem Boden meines Zimmers, mit kleinen Drucken, die den ganzen Boden bedeckten. Er hat mir gesagt: Du magst es zwar nicht wahrhaben, aber ich sehe einen Fotografen!

      Was hat dich nach Berlin gebracht? 
      Ich bin nach Berlin gekommen weil — naja, ich habe Deutsch in der Schule gelernt — und bin hier dann durch ein Austauschprogramm meines Architekturstudiums hergekommen. Eigentlich wollte ich nach Buenos Aires, wurde dann aber nur in Berlin angenommen. Ich dachte: Berlin? Langweilig. Dann wurde ich überrascht. Ich war 20 Jahre alt, hatte keine Ahnung was ich entdecken würde und war zudem noch nie in einem Club gewesen. Mein Eindruck der Kunstszene war, dass Kunst hier überall war. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich in einem wunderbaren kreativen Pool gelandet war. Ich sah hier Leute Dinge ausprobieren, Fehler machen, Erfahrungen sammeln. Ich schätze, ich habe herausgefunden, was Underground bedeutet. Ich wollte alles sehen, jeden Ort, ich hatte das Bedürfnis nach Entdeckungen. Es schien als ob hier jeder ein Künstler ist — mehr oder weniger. Ich habe so viele interessante Menschen getroffen, Berlin hat wirklich mein Blickfeld erweitert.

      Was hat dich an Berlin am meisten inspiriert?
      Das Gefühl von Zeit und Freiheit. Leere und Ruhe. Aber gleichzeitig diese Energie. Manchmal das Gefühl zu haben, einsam durch eine Wüste zu laufen, was dir ermöglicht, dich selbst zu erkennen und zu erforschen. Dieses süße Gefühl, zu sein wer, man sein will, ohne verurteilt zu werden. Außerdem bin ich gleich alt wie diese Stadt — geboren im Jahr 1989. Als ich hier ankam, hatte ich ein starkes Gefühl, im Moment zu leben und nicht in der Nostalgie der Vergangenheit zu schwelgen oder Angst vor der nahen Zukunft zu haben. Ein Gefühl von jetzt und hier. Es schien der richtige Ort, die richtige Zeit und alles war möglich. Zu wachsen, zu zittern, sich selbst zu verlieren, sich selbst aber besser kennen zu lernen. Ich bin so froh, dass ich die Möglichkeit hatte, in einer Stadt wie dieser zu wachsen, frei von den Zwängen unserer zeitgenössischen urbanen Gesellschaft. Ich bin traurig darüber, wie sich das aktuell entwickelt. Doch es scheint, als ob es keine andere Möglichkeit gibt. Wie andere wunderbare Städte zuvor, wird auch Berlin langsam normal.

      Kannst du dich an den letzten Moment erinnern, als du das Bedürfnis hattest, deine Kamera herauszuziehen und einen Moment einzufangen?
      Das letzte Mal kann ich nicht mit Sicherheit ausmachen. Aber ich erinnere mich an einen Moment vor ein paar Tagen: Ein Freund von mir sitzt vor dem Klavier, sein Gesicht voller weißer Farbe. Meine Freundin in der Badewanne. Jemand in der U-Bahn. Ein Vogel. Es gibt keine Zeit ohne Bilder, sie sind überall. Eine meiner Kameras ist klein und leicht, ich nehme sie immer mit. Mit ihr mache ich Bilder meiner Tage, meiner Begegnungen und Abenteuer. Manchmal vergeht ein Tag ohne Bilder und am nächsten Tag nehme ich plötzlich viel auf. Ich liebe Details, Dinge und Menschen. Meine Freunde, meine Liebe, das Unbekannte, Tiere und unsichtbare Dinge. Es ist, als ob ich aktiv und passiv zu gleich bin, zu beobachten und gleichzeitig Situationen zu beeinflussen, in dem ich Teil davon bin.

      Menschen und Interaktionen zwischen Menschen scheinen zentral für deine Arbeit zu sein — wie findest du deine Protagonisten?
      Ich bin ganz einfach umgeben von ihnen. Meine Protagonisten sind Teil meines Lebens. Ich liebe Menschen, ganz ehrlich. Jetzt lerne ich auch, die Einsamkeit zu lieben. Meine Kamera ist die meiste Zeit bei mir und nach und nach haben alle vergessen, dass sie da ist. Es wurde ganz normal und ich hatte die Möglichkeit, intime und kostbare Momente einzufangen, ohne sie zu unterbrechen. Weil man die Fotos außerdem nicht gleich ansehen kann, wird der Fluss des Lebens nicht unterbrochen, im Gegensatz zu digitaler Fotografie oder iPhones, die ich überhaupt nicht gerne mag. Es gibt keine Barrieren, keine gefakten Szenen. Leben, ganz einfach.

      Viele deine Portraits wirken roh, ungefiltert und intim. Deine Serie Zoe fand ich besonders berührend. Wie beeinflussen deine Beziehungen zu den Protagonisten deine Arbeit?
      Ich freue mich, dass du etwas von der Reihe mitgenommen hast. Die Antwort ist einfach: Zoe ist seit Jahren meine Liebe. Der Einfluss meiner Beziehung zu ihr auf meine Arbeit ist riesig. Roh, ungefiltert und intim, genau wie die Liebe. Nicht weil ich Bilder produzieren will, sondern weil mich ihre Schönheit berührt und sie in vielen Umgebungen zu sehen, wie in der Serie la vie. Ihre Persönlichkeiten und Charakteristiken machen sie einzigartig und besonders. 

      Wenn ich deine Arbeit ansehe, fällt mir deine Liebe für die kleinen, seltsamen Momente im Leben und eine Akzeptanz für die Elastizität menschlicher Identität ins Auge, vor allem in deinen Serien African Acid is the Future und Berlin Summer. Ist das etwas, das du bewusst anstrebst?
      Ich weiß nicht, ob ich das aktiv anstrebe. Das mit der Liebe für diese Themen stimmt aber sicher. Nach so etwas kann man nicht suchen, aber man kann ein Bewusstsein dafür entwickeln und abdrücken, wenn man es sieht. Die Dinge tendieren in Richtung Homogenität in unserer Gesellschaft. Doch die Details und Zeichen dafür, dass unsere Welt anders sein kann und ist, sind zahlreich. Du kannst diese Momente der Eigenartigkeit im Umfeld einer Party wie in African Acid is the Future finden. Das ist inspirierend und gibt mir Hoffnung. Die kleinen Dinge im Leben sind Türen in die Welt der Vorstellungskraft. Glückliche Zufälle, seltsame Situationen sind ein Gegenmittel zur Eintönigkeit. Die Poesie des täglichen Lebens.

      Eines deiner Fotos zeigt einen Fischer, der ein Sweatshirt mit dem Gesicht eines Wolfs trägt, in der Hand hält er einen aufgeschlitzten Fisch. Ein anderes zeigt zwei Statuen von Widdern in Berlin, die eingezäunt sind. Welche Rolle spielt Humor für deine Arbeit?
      Ich finde diese Bilder [Lacht]. Die Menschheit ist eine seltsame Spezies! Sie ziehen überall Zäune und Mauern hoch, sogar um unechte Tiere. Humor hat einen Raum in meiner Arbeit, weil es einen sehr großen Raum in meinem Leben einnimmt. Genau wie die Liebe für die kleinen Dinge, erlauben mir Humor und Witze der Dunkelheit und Trauer der Welt zu entkommen. Obwohl ich manchmal sehr dunkel sein kann und mich die absurden Entwicklungen unserer Spezies berühren, bin ich immer bereit für Quatsch.

      Nochmal zu African Acid is The Future: Du hast die Serie eine „musikalische Reise" genannt. Wie kann Fotografie mit Musik interagieren?
      In African Acid sind Fotografie und Musik eng verbunden. Als erstes war es eine musikalische Reise, die ich zu einer fotografischen Geschichte weiterentwickelt habe. Ich bin hier, um die Energie und Bewegungen aus der Luft aufzunehmen, und Rhythmus in Bilder zu übersetzen. Das ist eine wundervolle und sehr einnehmende Übung. Auch hier war es mir wichtig, die natürliche Entwicklung von Situationen nicht zu unterbrechen. Ich will niemanden in seiner Intimität stören, Musik ist das Bad in dem alle schwimmen. Zudem war ich Teil der Party und habe mitgetanzt, was die Shots mit Sicherheit auch aufgerüttelt hat.

      Du arbeitest sowohl in urbanen als auch natürlichen Hintergründen. Nach was suchst du in deinen Szenen?
      Diese beiden Seiten meiner Fotografie reflektieren die beiden Seiten meiner Persönlichkeit. Ich wurde in Städten geboren und großgezogen. Ich liebe sie, sie sind voller menschlicher Energie, Abenteuern und das kann viel Spaß machen. Aber sobald ich kann, renne ich in die Wildnis. So viel in geschlossenen Räumen zu sein, zwischen Wänden, das ist verrückt. In Städten sind wir ständig vom Horizont abgeschnitten, dem Himmel, der Erde, Pflanzen, anderen Spezien. Ich kann tagelang draußen in den Elementen verbringen, das ist auch für meine Bilder sehr inspirierend. Die Serie, die ich in der Wildnis geschossen habe, ist sehr wichtig für mich. In der Natur der Städte suche ich nicht nur nach Ästhetik. Ich versuche Energie einzufangen, ich arbeite mit Gefühlen und Instinkten. 

      camillebokhobza.com

      Credits

      Text: Catherina Kaiser
      Fotos: Camille Bokhobza

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      Themen:kultur, fotografie, berlin, kunst

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