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      musikinterview Natalie Mayroth 11 Februar 2016

      „ich wollte allen zeigen, dass frauen es genauso in der elektronischen musikszene schaffen können.“

      Nach ihrem Auftritt beim CTM letzte Woche haben wir die Künstlerin Aïsha Devi zum Interview über Spiritualität und Frauenfeindlichkeit in der Musikbranche getroffen.

      „ich wollte allen zeigen, dass frauen es genauso in der elektronischen musikszene schaffen können.“ „ich wollte allen zeigen, dass frauen es genauso in der elektronischen musikszene schaffen können.“ „ich wollte allen zeigen, dass frauen es genauso in der elektronischen musikszene schaffen können.“
      Foto: Emile Barret

      In einer dunkelgrünen Robe mit Kapuze steht Aïsha Devi hinter einem Pult voll mit Synthesizer, Mixer und Computer. Wie in Trance wippt sie zu den Bässen der Musik, die aus den Boxen in die Berghainhalle schallen. Sie schließt die Augen, wenn sie das Mikro an sich nimmt und zu singen beginnt. Die Töne, die sie von sich gibt, lassen sich nicht in Worte fassen. Plötzlich tauchen neben ihr zwei kreidebleiche Geschöpfe auf. Der eine, Han, hat um seinen Hals und seine Handgelenke goldene Ketten. Sie klimpern, wenn er sich ekstatisch auf der Bühne bewegt. Neben ihm liegt Beio im roten, kimonoartigen Gewand auf dem Boden und fletscht mit den Zähnen. Sie begleiten Aïsha bei ihrem rauschenden Auftritt. Die Schweizerin setzt ihre Stimme bewusst ein und spielt mit kitschig angehauchten Ethnosymboliken wie der „Hand der Fatima" (schützt vor bösen Geistern), die sie an diesem Abend als Kette trägt. Eine Frau, die bei ihrem Auftritt im Berghain halb nackte Tänzer um sich scharrt, das erinnert eindeutig an das Grimes-Konzert 2012, die Gogos an ihrer Seite hatte. Doch bei Aïsha Devi sind es chinesische Performer (Choreografie Tianzhuo Chen), von denen sich Han gegen Ende völlig entblößt, während er seinen Körper mit rotem Puder einreibt.

      Aïsha, die eine Ausbildung als Grafikdesignerin hat, Mutter, Labelgründerin und Sängerin ist, war Jahre lang erfolgreich in der Musikwelt als Kate Wax bekannt. Die Suche nach ihrem Vater, nach ihrer Identität hat nicht nur ihr Leben verändert: Sie hat ihre Musik, ihren Kleidungsstil und ihr Bewusstsein beeinflusst. Sie lernte Hindi, begann zu meditieren. Im Oktober erschien nun ihr Debütalbum Of Matter and Spirit. Heute kann sie zu ihrem bürgerlichen Namen stehen, der Hinweise auf ihre nepalesischen Wurzeln gibt. Nach dem Auftritt treffen wir Aïsha im Backstage zum Interview. Sie ist noch etwas außer Atem, die Haare hat sie zum Pferdeschwanz gebunden.

      Aïsha, wie fühlst du dich nach deiner Show im Berghain?
      Ich fühle mich gut, es war so viel Energie und Adrenalinzu spüren. Wenn ich spiele, gerate ich in Trance, als wäre ich in einer anderen Dimension. Du hast die Musik, die visuellen und körperlichen Sinne aber auch das Übersinnliche—das versuche ich mit meiner Stimme zu erreichen. Ich möchte mein Publikum in einen anderen Sinneszustand versetzen. Und es ist unglaublich, wenn man diese Energie zurückbekommt.

      Hast du sie gespürt?
      Total, die Leute waren sehr offen. Natürlich ist mein Auftritt anders als ein HipHop-Konzert. Bei mir ist es ruhiger, es geht darum, sich selbst zu spüren, in sich zu gehen. Im besten Fall macht es etwas mit dir, mit deinem Körper, mit deinem Kopf.

      Wie kam es zu der Show mit Tianzhuo Chen und Beio?
      Das CTM-Festival hat uns gefragt, ob wir zusammen auftreten. Ich habe im Juli rituelle Musik aus Nepalim anthropologischenMuseum in Paris gespielt. Über einen Freund bin ich auf die Arbeit Tianzhuo Chen im Palais de Tokyo aufmerksam geworden. Ich war beeindruckt und habe ihm eine E-Mail geschrieben. Tianzhuo hat meine Musik gefallen und er hat das Video zu Mazdâ gemacht. Ich denke, wir werden mit dem Projekt touren.

      Deine Musik hat meditative Ansätze, ohne es wirklich zu sein.
      Ich benutze meine Stimme als meditatives Instrument. Das funktioniert über die Frequenz, sie kann deinen Körper in einen anderen Zustand versetzen. Die niedrigeren Frequenzen haben einen Effekt auf dein erstes Chakra, du fühlst dich mit der Erde verbunden. Die höheren Frequenzen sprechen deinen Verstand an. Ich nutze dieses Wissen, dadurch kommt man zu sich, fragt sich, wer man ist.

      Selbst wenn es für einen Moment ruhig scheint, bricht deine hohe Stimme die Stille.
      Das ist mir bewusst, ich arbeite viel mit ihr. Ich habe als klassische Sopransängerin angefangen. Ich kenne die Atemtechniken und die Tricks. Wenn du die Regeln kennst, brich sie. Ich versuche meine Stimme einzusetzen, wie es Schamanen machen: Sie soll dich leiten. Für unsere Ohren mögen die Halbtöne manchmal schief klingen, doch ich mag es, aus der westlichen Harmonielehre auszubrechen, nicht der Popmusik zuentsprechen. Sie ist so auf unser Ego fixiert.

      Devi heißt übersetzt Göttin. Ist das dein richtiger Name?
      So steht er in meinem Pass.

      Vor dem Auftritt im Berghain

      Ich dachte schon, das wäre eine clevere Namensgebung, denn Jahre lang kannte man dich nur unter dem Namen Kate Wax.
      Eigentlich ist es das Gegenteil. Ich habe mich zuvor hinter dem Pseudonym Kate Wax versteckt. Ich bin bei meiner Oma in der Schweiz aufgewachsen, die mich sehr streng erzogen hat. Ich hatte viele Probleme. Ich war depressiv und essgestört. Das hat sich verändert, als ich angefangen habe zu meditieren: Ich habe dadurch zu mir selbst gefunden.

      Und du hast dich viel mit dem Buddhismus auseinandergesetzt?
      Ich habe Hindi gelernt und philosophische Schriften des Hinduismus wie die Upanishad und Sutra gelesen ...

      Warum?
      Ich liebe die Schweiz, doch ich habe mich nie am richtigen Ort gefühlt. Ich habe den Ruf aus Asien gespürt, meditiert und den Gyütö-Gesang der tibetanischen Mönche gelernt. Ich hatte das in mir, aber nicht nur weil mein Vater aus Nepal kommt. Auf der Suche nach meinen Wurzeln habe ich bemerkt, dass sich Perspektiven für mich eröffnen. Ich spüre das aber nicht als Einzige, wir haben alle genug von der westlichen Gesellschaft, vom Kapitalismus.

      Was hast du vor deiner Karriere als Musikerin gemacht?
      Ich habe eine Ausbildung als Grafikdesignerin. In der Schweiz gibt es nicht viel Platz für Subversivität, doch ich wollte frei sein, und nicht als Büroangestellte arbeiten. Das hat mich deprimiert und ich habe begonnen, Musik zu machen. Musik zu machen, bedeutet für mich Freiheit. Ich hatte es nicht erwartet, doch was ich gemacht habe, kam an und ich habe vor Publikum gesungen.

      Das war damals noch als Kate Wax?
      Als Kate war ich eine der ersten Frauen, die vor zehn Jahren als DJ mit elektronischer Musik (Computer und Synthezier) getourt hat. Es war ein narzisstisches Projekt.

      Wie kommst du darauf?
      Ich hatte das Gefühl, das ich mir als Frau etwas beweisen muss. Ich wollte allen zeigen, dass Frauen es genauso in der elektronischen Musikszene schaffen können. Ich wurde in dem Glauben erzogen, dass ich nur durch Leistung, ein gutes Leben haben kann. Heute muss ich niemanden mehr etwas beweisen.

      War es schwer, sich als Frau durchzusetzen?
      Es ist immer schwer. In der Schule war ich ein Außenseiter: Aïsha, das Mädchen ohne Eltern. Ich war alleine. Durch Musik konnte ich mich auszudrücken. Als ich gesungen habe, wusste ich, wer ich bin. Später habe ich mein Label Danse Noire gegründet und im Oktober mein erstes Album unter Klarnamen veröffentlicht.

      Wie wichtig ist es für dich Musik, mit Spiritualität zu verbinden?
      Spiritualitätist der einzige Weg, in der Moderne zu überleben. Damit meine ich das Bewusstsein für seine Umwelt. Musikmachen und Meditieren ist für mich das Gleiche. Ich habe das Gefühl, wir befinden uns am Ende einer Ära. Der Kapitalismus ist am Ende, weil wir allmählich verstehen, dass Geld und Erfolg nicht bedeuten, dass wir glücklich sind.

      Wie sieht dein Tag aus, wenn du nicht auf Tour bist?
      Ich lebe sehr zurückgezogen. Nachts, wenn alle schlafen, produziere ich Musik. Nach dem Aufstehen meditiere ich für zwei Stunden und kümmere mich natürlich auch um meine Tochter. Oft kommen Freunde zu mir. Gelegentlich gehe ich auf ein Konzert, doch in Genf, wo ich lebe, passiert nicht so viel.

      Es gibt eindeutig aufregendere Orte, warum bleibst du trotzdem in der Schweiz?
      Genf, die Schweiz im Allgemeinen ist sehr materialistisch orientiert: Große Autos und ein Haus sind wichtig. Wir leben in einer Komfortzone von Privilegien. Aber ich möchte dort bleiben. Wir haben die Alpen, das Wasser und es gibt einige tibetanische Communitys. Man sagt: Indien ist für die Götter und die Schweiz für Menschen. [Lacht]

      Das heißt, die Leute probieren ungern Neues aus?
      Sehr wenig, die Elektroszene ist immer noch auf dem Cocaine-House-Feeling. Es geht viel um Entertainment. Auf der anderen Seite gibt es ein wachsendes Problem mit den Rechten. Das macht mir Sorgen.

      Ist das nicht gerade ein europäisches Problem?
      In der Tat, es ist eine Antwort auf die Ermächtigung des Selbst. Aber ich kämpfe mit meinen Freunden dagegen. Politisch aktiv zu sein, gehört zu meiner Lebenseinstellung.

      Glaubst du, dass du etwas ändern kannst?
      Ich bin überzeugt davon. Ich kann mit meiner Musik etwas verändern. Als Künstlerin habe ich eine Stimme, es ist wichtig zu kämpfen.

      Deine Musik ist trotz der Einflüsse westlich.
      Menschen aus China, Indien, Nepal oder Tibet erkennen in meiner Musik Elemente ihrer Kultur. Die Geschichte der elektronischen Musik ist nicht lang. Ich transportiere das alte Wissen in eine neue Form. Das Repetitive beim Mönchgesang ist zum Beispiel eng mit elektronischer Musik verknüpft. Was wir als elektronische Musik kennen, hat schamanische Wurzeln und Ursprünge aus afrikanischen Kulturen.

      Bist du öfters in Asien?
      Ich fahre jedes Jahr, besuche Tempel, singe mit Mönchen. Ich fühle mich der Kultur verbunden. Durch Musik kann man Menschen mit Übersinnlichem verbinden. Ich möchte kein Popstar sein, ich möchte eine Schamanin sein.

      Ich habe versucht, deine Texte zu entschlüsseln. Doch es ist unmöglich. Singst du in einer Geheimsprache?
      Wenn ich singe, mische ich englische Wörter mit Hindi und schamanischem Lauten. Das kannst du auch verstehen: Es ist eine Sprache, die vom Körper, vom Herz ausgeht. Der exakte Wortlaut ist nicht entscheidend, es geht um die Frequenz der Stimme, das nennt man Obertongesang. Bei asiatischen Sprachen wird der Kehlkopf mehr benutzt, die Aussprache ist tiefer als beim romantischen Französisch.

      Aber, warum braucht man diese alten Traditionen. Ist man ohne nicht freier?
      Wenn man sich unsere Geschichte ansieht, fällt auf, dass wir früher nicht so materialistisch waren. Das Spirituelle hat eine größere Rolle gespielt. Heute will man uns weismachen, dass man konsumieren muss, um Sehnsüchte zu stillen. Wenn wir zu diesen Traditionen zurückkehren, macht uns das frei vom Verlangen nach Konsum.

      Wie wirkt sich das auf Musik aus?
      Es ist das Bewusstsein darüber, dass wir Kraft haben, etwas Eigenes zu machen. Wenn ich im Rad der Musikindustrie feststecken würde, würde ich David Guetta-Musik machen. Doch ich mache etwas Neues, dafür musste ich lange kämpfen.

      Warum trägst du viele indische, nepalesische Symbole?
      Ich liebe sie. Mein ganzes Leben ist voll von Symbolen. Es ist eine Art von moderner Propaganda.

      Spielst du damit?
      Nicht mehr und nicht weniger als Religion mit Symbolen spielt. Das Visuelle beeinflusst unser Denken.

      soundcloud.com/aisha-devi

      Credits

      Text: Natalie Mayroth

      Fotos: CTM bei der Performance und via Aïsha Devi / Emile Barret

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      Themen:musik, interview, musikinterview, aïsha devi, ctm, ctm 2016, transmediale, berghain, ctm festival

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