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      fotografie i-D Staff 20 April 2017

      i-Diary: mit marie bamage durch afrika auf der suche nach sich selbst

      Marie hat drei Monate auf dem afrikanischen Kontinent verbracht, um dort ihre Wurzeln zu erforschen. Für uns hat sie ein Fototagebuch geführt und teilt ihre Erlebnisse.

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      „Als Mischlingskind wird man nicht nur oft mit der Frage konfrontiert, woher man kommt, sondern auch, welcher der beiden Seiten man sich mehr zugehörig fühlt. Zu meinem Hintergrund: Mein Vater stammt aus Ruanda, meine Mutter ist Deutsche, ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Im Gegensatz zu den meisten meiner Schulfreunde mit Migrationshintergrund, die jedes Jahr in den Sommerferien ihre Verwandten besucht haben, sind wir in meiner Kindheit nie zu der Familie meines Vaters gefahren; ich habe auch keine der afrikanischen Sprachen gelernt, die mein Vater spricht. Generell war der deutsche Part immer sehr dominant, während ich aufgewachsen bin. Und auch wenn ich mit meiner Selbstfindungsphase weitgehend durch und zufrieden mit mir bin, hatte ich dennoch mein Leben lang das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Irgendwie habe ich mich immer ein bisschen fehl am Platz gefühlt. Irgendetwas war nie ganz richtig und irgendwie war ich nie ganz glücklich. Deswegen habe ich beschlossen, drei Monate bei meiner Familie in Ruanda zu verbringen, mit meiner Tante zusammenzuleben (und nebenbei dem Berliner Winter zu entfliehen). Ich hatte lange gefühlt, dass es nötig ist  — immerhin war mir ein großer Teil von dem, was ich bin, bis dahin komplett unbekannt. Ein blank space, ein Nichts. Vielleicht würde ich dort finden, was mir immer gefehlt hat: das Heimatgefühl, das Deutschland mir nie so recht geben konnte. Das letzte Puzzleteil zu dem Bild meines Ichs."

      Sonntag, 13. November: Kigali, Tag 2
      Zum Abendessen bin ich mit meiner Tante und einem Freund in einem Restaurant. Alle tanzen, lachen, haben Spaß — ich bin natürlich The Whitest Girl Alive. Abgesehen von mir sind zwar noch ein paar Muzungus (Weiße) da, aber bei denen ist es etwas anderes, die sind eindeutig richtig weiß, 100 Prozent kaukasisch. Ich dagegen bin nichts Halbes und nichts Ganzes, man kann mich nicht zuordnen. Oder kann nur ich mich nicht zuordnen? Für sie bin ich ganz klar eine Weiße. Das tut weh, weil ich — bewusst oder unbewusst — wohl gehofft habe, hier eine unter vielen zu sein, mich aufgenommen zu fühlen. Und auch wenn die Blicke und das Getuschel wahrscheinlich nur neugieriger Überraschung entspringen, sie sitzen trotzdem tief. 

      Sonntag, 20. November: im Bus von Rwanda nach Tansania
      Durch die Steppe in Tansania. Seit Stunden fahren wir hier durch, auf einer Straße, die scheinbar die einzige im Umkreis von Hunderten Kilometern ist. Innerhalb einer Landschaft, die nur aus Bergen, roter Erde, Bäumen und einzelnen Lehmhütten besteht. Es ist schön zu wissen, dass es auf der Erde noch Gebiete gibt, wo die Natur nicht von der Zivilisation verdrängt wurde. Auf der anderen Seite haben die Menschen hier gar nicht die Chance, die Vorzüge der Zivilisation kennenzulernen. Können sich vielleicht nicht einmal vorstellen, dass sie existiert? Im Tiefsten fühlt sie sich vertraut an, die trockene Erde, die durstigen Zweige, die einzelnen Flecken von Grün. Als hätte hier alles begonnen, die tiefste Wurzel meines und allen Lebens.

      Sonntag, 27. November: Nungwi, Sansibar
      Ich denke über die Ziele nach, die ich für mich persönlich mit dieser Reise erreichen will. Ich will nicht unbedingt lernen, „was ich will", sondern das, was ich will, zu erkennen und durchzusetzen. Mich nicht so oft den Plänen, Ideen und Wünschen anderer unterzuordnen. Ich will lernen, ob ich mich mehr als ruandisch oder deutsch sehe — oder ob diese Frage für mich überhaupt eine Rolle spielt. Als Mischlingskind wird oft von einem gefordert, sich zu definieren und zuzuordnen. So lange ich zurückdenken kann, konnte ich diese Frage nie für mich selbst befriedigend beantworten. Was ich mich jetzt frage, ist nur, ob ich mich nicht zuordnen kann oder nicht zuordnen will?

      Montag, 28. November
      Ich sitze rauchend an der Straße vor meiner Hostelanlage. Man hört: den Wind, der durch die Palmen weht, das Knistern der Fleischspieße auf dem Grill vor dem Laden neben mir, Krähen, vorbeifahrende Autos. Ich finde es irgendwie komisch, hier Krähen zu hören. Krähen in Kokosnusspalmen. Ist doch unpassend. Für mich sind Krähen verbunden mit Nebel, Regen, kalter Luft, Dämmerung. Das Knistern hat aufgehört, die Fleischspieße sind fertig. Entscheide mich, erstmal zum Strand zu gehen und noch eine halbe Stunde zu lesen. Pole pole, das heißt „Langsam, langsam" auf Swahili und ist das Lebensmotto auf Sansibar.

      Donnerstag, 1. Dezember: Nungwi, Sansibar
      Am Strand, Nachmittagssonne. Es ist mein letzter Tag hier, morgen Abend fliege ich zurück nach Kigali. Ich versuche zu evaluieren, wie es mir geht — gut, voller Positivität, Dankbarkeit und Frieden. Aber auch, noch immer, voller Sehnsucht. Sehnsucht wonach? „Hey, Jambo, hey Lady" — eine Stimme nähert sich und ein Mann tritt mir in die Sonne. „Sunset Cruise?" — „No thanks", sage ich müde und habe noch kurz damit zu tun, ihn abzuwimmeln. Dieser Moment ist das Paradebeispiel dafür, wie es mir die gesamte Zeit auf Sansibar ergangen ist: jedes Mal, wenn ich versuche, in mich zu gehen und zu meinem Kern zu gelangen, kommt jemand und textet mich zu. So wunderschön es auch ist, ewig könnte ich hier nicht bleiben.

      Donnerstag, 15. Dezember: Kigali
      Spaziere durch Kimihurura, eines der typischen Reichenviertel von Kigali. Ich lasse mich treiben, passiere Villa nach Villa. Ich laufe nach links und bin jetzt offiziell in der Muzungu-freien Zone. Es ist glühend heiß, die Sonne brennt. Die soziale Rangordnung zeigt sich vor meinen Augen: wer Geld hat, wohnt auf den Hügeln, wer arm ist in den Tälern. Die Reichen schauen nicht nur sprichwörtlich, sondern buchstäblich auf die Armen herab. Ein kleines Mädchen in zerlumpter Kleidung hockt links zwischen zwei Hütten und schaut friedlich umher. Als sie mich sieht, lächle ich, sie lächelt zurück und winkt mir zu. Ich winke zurück und mein Herz wird warm. Es gibt vieles, was mich hier berührt, was ich gern fotografieren würde, doch ich spüre, dass das nicht angemessen wäre. Es ist der ewige Konflikt zwischen Moment genießen und Moment festhalten. Ich entscheide mich für ersteres, und laufe weiter.

      Donnerstag, 12. Januar: Kigali — Downtown
      Bin allein in der Stadt unterwegs und sitze in einem Café. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich die meiste Zeit unwohl; die Gründe dafür sind zahlreich: Ich kenne hier kaum jemanden, außer Leute aus der Generation meiner Tante, ich spreche die Sprache nicht, ich bin eine Weiße, eine Muzungu, jede einzelne Person auf der Straße starrt, als wäre ich ein Neandertaler und der Großteil der Leute, mit denen ich in Kontakt getreten bin, war nicht gerade freundlich. Das Starren macht mich am meisten fertig. Ich hasse es, angeguckt zu werden oder im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Zu einem gewissen Maß kenne ich das und kann es ignorieren, das hier aber ist zu viel. Es sind Blicke, die mich durchdringen, von oben bis unten scannen; sie starren in mich hinein, ziehen die Augenbrauen zusammen, die meisten drehen sich um, lange nachdem ich bereits an ihnen vorbei bin. Es ist ein Eindringen in die Privatsphäre, ich fühle mich nackt, fremd, anders und ungewollt. Das soll mein Land sein? So anfühlen tut es sich nicht.

      Samstag, 4. Februar: Autofahrt aus dem Dorf meines Opas zurück nach Kigali
      Das Ehepaar, mit dem wir gekommen sind, will offenbar noch einkaufen und wir halten auf einem Marktplatz. Ich bleibe im Auto, aber öffne die Tür, um mein Gesicht in die Sonne zu halten und innerhalb von drei Minuten bildet sich eine Menschentraube gaffender Kinder und Erwachsener. Sie stehen nur da und starren. Ich halte es nicht mehr aus und schließe die Tür wieder. Ich merke, wie sich mein Hals zuschnürt und mir die Tränen kommen. Ich lege mir meine Jacke übers Gesicht. Kinder pochen gegen die Fensterscheibe. Von den anderen beachtet mich keiner, alle kaufen seelenruhig weiter ihre Zwiebeln und Süßkartoffeln. Meine Tante macht die Tür auf, fragt mich, ob es mir gut geht, ich sage „Nein". Die andere Frau kehrt zurück zum Auto, sieht mich mit der Jacke über dem Kopf und lacht. Ich fühle mich allein.

      Mittwoch, 15. Februar
      Worauf ich mich freue: Funktionierendes Internet, Customer Service (ja der ist hier wirklich noch schlechter als in Deutschland), Qualität, sinnhafte und zuverlässige Informationen, Privatsphäre, ein Leben ohne Moskitos, Milchpulver, Stromausfällen, ohne angestarrt zu werden und ohne Kommunikationsbarrieren.

      Was ich vermissen werde: Avocados aus Opas Garten, Sachen schneidern lassen, Mangos für 30 Cent, Sonne, den Ausblick von einem der hinter jeder Ecke auftauchenden 1.000 Hügel, meine Tante, die ich im Verlauf dieser Zeit als die stärkste, selbstloseste Frau kennengelernt habe, die ich kenne und als einzige weibliche Vorbildfigur, die ich je hatte, und die innere Ruhe, die ich von den Menschen hier gelernt habe; die feste Überzeugung, dass alles irgendwie okay sein wird.

      Donnerstag, 16. Februar: „Going „back to the roots" 
      Ich habe viel Zeit hier damit verbracht, nach dem Heimatgefühl zu suchen, von dem ich dachte, dass ich es haben müsste. Nach diesem Etwas, das gefehlt und diese konstante latente Unzufriedenheit in mir ausgelöst hat. Das fehlende Teil in dem Puzzle meiner Identität. Aber vielleicht war das Puzzle nie unvollständig. Vielleicht war nur die Anordnung falsch oder ein Teil hat in die falsche Richtung gezeigt. Vielleicht fehlt mir gar nichts. Vielleicht war ich schon immer vollständig und brauchte bloß einen Perspektivwechsel, um das zu sehen.

      Ich kenne jetzt das Land, aus dem ich (zur Hälfte) komme. Ich weiß, wie das Leben hier funktioniert, habe die Mentalität der Leute, ihre Art, miteinander umzugehen kennengelernt und kenne die politischen und gesellschaftlichen Diskussionen, die hinter vorgehaltener Hand geführt werden. Vielleicht war es schlicht das Bild von diesem Land, dieses Wissen, was mir gefehlt hat, nicht unbedingt die hundertprozentige Identifikation damit. Mein Bild von mir selbst hat sich nicht geändert, aber ich habe jetzt ein Bild von Ruanda. Und ich habe Sicherheit gefunden. Sicherheit, dass ich zufrieden bin mit meinem Leben und mit mir als Person. Das nehme ich aus dieser Reise mit.

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      Sonntag, 19. Februar: Flug Addis Abeba - Frankfurt
      Vielleicht wurde ich in den letzten Wochen nicht nur deshalb immer unglücklicher, weil mir auffiel, dass ich mich isoliert und unverstanden fühle, sondern weil es wehtut, dass der Ort, der meine Heimat sein sollte und den so viele Leute gern als mein Zuhause hätten, mich so fühlen lässt. Ich bin ein sehr psychisch, emotional orientierter Mensch, achte auf die kleinen Dinge, zwischenmenschliche Gefühle. Und Ruanda ist eben dritte Welt, es ist anders dort. Dinge funktionieren anders, die Prioritäten werden anders gesetzt. Das Land kann ich nicht ändern, mich aber auch nicht bzw. will es gar nicht. Als wirklich dauerhaft vereinbar sehe ich beides gerade nicht. Aber wir werden sehen, die Möglichkeit eines Lebens dort steht mir offen. Was ich daraus mache, wird sich zeigen. 

      Donnerstag, 23. Februar: Wieder in Berlin. Ich bin zur Ruhe gekommen.
      Zum ersten Mal seit Jahren fühle ich mich nicht konstant angespannt, gestresst, besorgt oder habe Angst, irgendetwas zu vergessen. Ich habe in Ruanda Probleme gesehen, die viel gravierender sind als hier, die Menschen aber umso entspannter. Und mit Recht, denn alles regelt sich irgendwie — was meinen Erlebnissen nach hauptsächlich daran liegt, wie sehr sich die Leute dort gegenseitig unterstützen. Sei es mit Geld, Transport, Ratschlägen oder einem Anruf bei dem Cousin von einem Freundesfreund. Zurück in Deutschland laufe ich entspannt durch die Straßen, lasse mir Zeit bei den Dingen, die ich tue, und lache mehr (auch über mich selbst) — ich fühle mich Zen.

      Hier geht's zu weiteren Fototagebüchern aus unserer Rubrik „i-Diary".

      Credits

      Text und Fotos: Marie Bamage

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      Themen:fotografie, afrika, marie bamage, dokumentation, kultur, i-diary

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