Die VICEChannels

      kultur i-D Staff 15 Februar 2017

      i-Con: wolfgang tillmans

      Heute eröffnet in der Londoner Tate die zweite Retrospektive von Wolfgang Tillmans. Das haben wir zum Anlass genommen, um Freunde und Mitwirkende zu bitten, ihm genau eine Frage über sein Leben und seine Karriere zu stellen, von Hans Ulrich Obrist über Tricia Jones bis zu Frank Ocean.

      Tukan 2010 © Wolfgang Tillmans

      Alasdair McLellan, Fotograf: „Was ist deine liebste Vinylplatte?"
      Ich hasse es, offensichtlich zu sein, aber manchmal ist das Offensichtliche gut, weil das Beste manchmal eben offensichtlich ist. Für ist das Blue Monday von New Order, dicht gefolgt vom True Dub-Remix von True Faith. Blue Monday ist die perfekte Audiovisualisierung davon, was Layering in der Musik bedeutet. Man kann fühlen und hören, wie jeder Track und jedes Instrument hinzugefügt wird. Layering, und die Koexistenz von Layern, ist zentral zu meinem Verständnis der Welt. True Dab bringt das Ganze noch mal auf eine ganz andere Ebene. Blue Monday ist Ausdruck von Gleichzeitigkeit, True Dub ist für Liebhaber von Dekonstruktion.

      Alexandra Bircken, Künstlerin: „Was ist für dich der größte Unterschied zwischen Männern und Frauen?"
      Du und ich waren schon immer der festen Überzeugung, dass die menschliche Sexualität sehr wichtig ist. Der größte Unterschied zwischen Männern und Frauen ist das Vorhandensein beziehungsweise das Fehlen eines Penis. Ich weiß nur, wie es ist, einen Penis zu haben. Ich hoffe, dass sich Männer und Frauen gleichermaßen emanzipiert genug fühlen können, um Sex zu fühlen. Die destruktive Energie in Männern bezeichne ich seit Kurzem als „Penisenergie". Eigentlich würde ich gerne glauben, dass sich beide Geschlechter nicht so unähnlich sind. Wenn wir uns nicht als gleichberechtigte Partner ansehen, haben wir schon verloren.

      Collum 2011 © Wolfgang Tillmans

      Arca, Musiker: Dein Buchtitel „For When I Am Weak, I Am Strong" ist ein Ausdruck von Milde im Kampf gegen Rigidität. Erinnerst du dich noch an den Moment, als du dir dessen zum ersten Mal im Leben bewusst warst?
      Das Buch, das du meinst, stammt aus dem Jahr 1996 und trägt im Deutschen den Titel Wer Liebe wagt, lebt morgen, der englische Titel lautet For When I Am Weak, I Am Strong. Das hat meine Schwester Ruth zu mir während meiner Residency in der Sabbathday Lake Shaker Community in Maine gesagt. Sie hat mir das mal Sonntagabend gesagt und ich wusste, dass es für mich eine Relevanz hat. Unsere Schwächen anzuerkennen, gehört zu den stärksten Dingen, die wir tun können. Ich bin nicht sonderlich religiös, aber dass Jesus seine andere Wange hingehalten hat, ist doch ein starkes Zeichen. Das ist das Gegenteil dessen, was die christliche Rechte predigt.

      Frank Ocean, Musiker: „Du bist sowohl Fotograf als auf Performer auf der Bühne. Was hältst du von den ganzen Fotohandys im Publikum?
      Ich habe in den 90ern begriffen, dass Fotografieren nicht einfach nur ein passiver Akt ist, sondern auch ein sehr aggressiver sein kann. Es geht dabei mehr darum, von anderen beim Fotografieren gesehen zu werden, die Fotos an sich spielen keine Rolle. Damit symbolisiert man, dass man die Kontrolle über eine soziale Situation hat. Wenn man sein Smartphone bei einem Auftritt herausholt, ist das ein Symbol dafür, dass man sich nicht dem hingeben will, was der Performer einem gibt. Das ist ein Akt der Aneignung, nach dem Motto: Ich kontrolliere das. Was mich angeht: Ich hole auch manchmal meine Kamera raus, weil ich es als meine Pflicht ansehe. Ich habe eine Pflicht, das aufzunehmen. Nicht weil ich die Reinheit des Moments stören möchte, sondern weil ich mich verpflichtet fühle, diesen Augenblick für die Nachwelt zu erhalten.

      Iguazu, 2010 © Wolfgang Tillmans

      Terry Jones, Gründer von i-D: „Wie können wir dabei helfen, eine neue Generation ohne Angst zu aktivieren, gerade in Zeiten, in denen täglich Nachrichten über eine angsterfüllte Politik eintreffen?"
      Ich glaube, dass sich die Mehrheit nicht auseinander dividieren lassen und zusammenstehen möchte. Alle von uns verfügen über einen ausgeprägten Sinn für Einsamkeit in dieser Welt. Ein Sinn für Verbundenheit kann uns aber dadurch helfen. Aus Gründen, die ich selbst nicht richtig verstehe, gibt es viele Menschen, die von der Spaltung leben. Um auf deine Frage einzugehen: 52 Prozent haben gegen Trump gestimmt, 48 Prozent haben gegen Brexit gestimmt. Es braucht nur ein paar Prozent, um eine Veränderung zu bewirken. Diese Prozente kommen aus Kentucky und Missouri ­— nicht New York. Die einzige Möglichkeit ist es, dass man sich mit den Menschen in diesen Bundesstaaten beschäftigt. Die moderaten Republikaner sind die einzige Rettung. Die müssen wir überzeugen, dass die USA unter Trump eine falsche Richtung einschlagen.

      Tricia Jones, i-D Original Mum: „Welche deiner derzeitigen Freiheiten ist für dich die wichtigste, die du schützen willst?"
      Dass ich in meinem Körper frei bin. Ich möchte in keinem Staat leben, in dem ich nicht meine Sexualität ausleben kann. Sexualität ist das Erste, das Diktatoren kontrollieren wollen.

      Lucy Kamara, Claire De Rouen Books: „Denkst du an Schönheit, wenn du arbeitest?"
      Schönheit ist beinahe ein toxisches Wort. Das heißt nicht, dass ich mich davor drücke, weil Schönheit wichtig ist. Es kommt eben darauf an, was wir als Gesellschaft darunter verstehen. Warum ist es OK, wenn sich zwei Männer zur besten Sendezeit im Fernsehen umbringen, aber es ist nicht OK, zwei küssende Männer zu zeigen?

      Juan Pablo & Karl, Chingaza 2012 © Wolfgang Tillmans

      Linder Sterling, Künstlerin: „Wie ist das Verhältnis zwischen der Linse und Larynx?"
      Sich öffentlich zu äußern, hat so viel mehr Macht als visuelle Informationen zu verarbeiten. Die Stimmbänder allein, wie die Fotolinse, bewirken noch nichts und bilden noch keine Kultur, nur in Verbindung mit der Sprache und innerhalb einer bestimmten Zivilisation wird es zu Kultur.

      Ashley Heath, Chefredakteurin Pop Magazine: „Was hat es mit dem Song „Bournemouth Runner" von The Fall auf sich? Als du da studiert hast, musstest du jemals einen Bournemouth Runner absolvieren?"
      Als Lutz mich besucht hat, haben wir uns im Triangle Club in Bournemouth die Drinks von anderen geschnappt. Wir haben zwar keine Runner gemacht, aber andere mussten wegen uns neue Drinks bestellen. Wir haben dann darüber gelacht, wie absurd es ist, dass man von anderen Drinks klaut. Wir fanden das aber lustig.

      Max Pearmain, Stylist und ehemaliger Chefredakteur von Arena Homme+: „Wenn du die Möglichkeit hättest, das Internet abzuschalten, würdest du es machen?"
      Jetzt ja vielleicht. Die Menschen würden sich viel netter und mit größerer Achtung begegnen.

      astro crusto, a 2012 © Wolfgang Tillmans

      Lutz Huelle, Designer: „Nach deinem Engagement und Aktivismus in der Anti-Brexit-Kampagne: Kannst du dir vorstellen, dass du politisch wirst? Wäre der Gang in die Politik nicht die logische Schlussfolgerung?
      Zwar denke ich, dass viel mehr von uns in Parteien eintreten sollten, aber ich möchte meine Stimme nicht nur für eine Partei einsetzen. Die richtige Politik wird in Parteien gemacht. Etwas im Internet zu posten oder eine bloße Meinung zu haben, verändert nicht sehr viel. Wenn man sich im Ortsverband einbringt und zu den Sitzungen geht, kann man wirklich etwas verändern. Ich möchte für den Rest des Jahres viel von meiner persönlichen Energie in den Kampf gegen die Rechten mit ihrem xenophoben Anti-EU-Kurs stecken. Die bedrohen unsere freien Gesellschaften und wollen uns in eine neue autoritäre Ära führen. Jeder junge i-D Leser sollte sich bewusst darüber sein, dass das, was gerade in der westlichen Welt passiert, für mich und andere, viel ältere Menschen die größte Sache ist, die wir in unseren Leben erleben.

      Scott Kind, Grafikdesigner: „Do you really want to hurt me?"
      Love will tear us apart.

      Shit buildings going up left, right and centre 2014 © Wolfgang Tillmans

      Maureen Paley, Galeristin: „Wenn du durch die Zeit reisen könntest: Wohin würdest du reisen?"
      Als Neil Young zum ersten Mal „Like a Hurricane" singt. Das ist mein Lieblingssong.

      Hans Ulrich Obrist, Direktor der Serpentine: „Erzähle mir über deine nicht realisierten Projekte"
      Meine Musik der letzten zwei Jahren ist für mich eine echte Überraschung gewesen. Ich habe meine Leidenschaft dafür wiederentdeckt, das möchte ich ausbauen. Eine andere Idee, die ich schon lange mit mir herumschleppe, ist ein Buch über gesammelte Gespräche mit Ärzten zu veröffentlichen. Ich liebe es, mich mit Ärzten zu unterhalten. Ich möchte die manchmal auf Ausstellungseröffnungen oder Abendessen dabei haben. Ein japanischer Sammler ist Herzchirurg. Der hat mich mal mit zu einer Operation am offen Herzen mitgenommen. Ein paar Bilder sieht man in den Truth Study Center Tables in der Ausstellung in der Tate Modern. Ich bin aber kein Hypochonder, wenn ich mit Ärzten spreche, mich interessiert eben nur enorm die Wissenschaft dahinter und wie das alles funktioniert.

      paper drop Prinzessinnenstrasse 2014 © Wolfgang Tillmans

      Neil Tennant, Musiker: „Was für einen Einfluss hat die Musik auf deine Fotografie? Haben deine DJ-Gigs und deine Performances deinen Zugang zu visueller Kunst verändert?
      Ich habe in einer meiner Antworten weiter oben schon mal von meiner Liebe für das Layering der Musik gesprochen. Wie sich die Musik Ebene für Ebene aufbaut und das dann wieder aufgelöst wird. Die Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen Dingen gehört für mich zum Leben dazu, so viele Dingen laufen gleichzeitig ab. Visuell gilt das gleichlautend, deshalb existieren in meiner Kunst verschiedene Themen, Genre und Formate gleichzeitig nebeneinander und nicht voneinander getrennt. In der Musik denke ich manchmal visuell, was den Rhythmus und den Klang angeht zum Beispiel. Mir hat ein Kurator mal gesagt: Wie klingt das?, dieser Raum swingt. Wenn ich nachts die Ausstellungen aufbaue, höre ich Musik auf voller Lautstärke. Musik hat meine Kunst schon immer beeinflusst. Deshalb ist es nur logisch, dass ich jetzt auch tatsächlich Musik mache.

      Matthew Collin, ehemaliger Chefredakteur von i-D: „Welchen Stellenwert nimmt Aktivismus mittlerweile in deiner Arbeit und deinem Leben ein?"
      Die meisten Geschichten, die wir in deiner Zeit als Chefredakteur von i-D gemeinsam umgesetzt haben, hatten irgendwie immer einen aktivistischen Blickwinkel. Das hat mir so gut gefallen, weil ich Aktivismus schon immer cool fand und i-D war eine der coolsten Publikationen, die es gab. Das war eine perfekte Paarung. Das Nachtleben, die Clubkultur, Musik und Mode haben schon immer zum Kern von i-D gehört, aber immer aus einem DIY-Winkel. i-D hat dafür gestanden, dass es bei Style eben nicht ums Geld geht.

      Ich möchte mehr Zeit meinem politischen Aktivismus widmen. Die Feinde der EU sind auch die Feinde der Werte, die mir wichtig sind. Marine LePen, Donald Trump und Wladimir Putin wollen die Auflösung der EU. Die EU ist nicht mein Feind. Ich werde mich auch weiterhin öffentlich für sie einsetzen. Ich werde meine Poster in alle Sprachen der EU übersetzen und sie als kostenlosen Material bereitstellen. Ich mache das nicht, weil es ein Kunstwerk ist. Ich mache das, weil ich ein Bürger der EU bin.

      Credits

      Fotos: Courtesy of Tate

      Stay i-D! Like uns auf Facebook, folge uns auf Twitter und Instagram.

      Themen:fotografie, wolfgang tillmans, i-con, tate, alasdair mclellan, frank ocean, arca, kultur

      comments powered by Disqus

      Heute auf i-D

      Mehr laden

      featured on i-D

      Weitere Features