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      film Colin Crummy 11 April 2017

      dieser film zeigt, was es bedeutet im heutigen amerika schwarz zu sein

      Das unvollendete Buch des Autors und Menschenrechtsaktivisten James Baldwin findet seine Stimme in der neuen Dokumentation „I Am Not Your Negro“.

      2017 jährt sich der Todestag des Schriftstellers James Baldwin zum 30. Mal. Seine Worte lesen sich allerdings, als hätte der Afroamerikaner sie unmittelbar nach Ferguson oder Baltimore niedergeschrieben — oder als Auseinandersetzung mit Obama, #BlackLivesMatter und dem aktuellen politischen Klima der USA. In der Dokumentation I Am Not Your Negro macht Filmemacher Raoul Peck genau das. Er verwendet Baldwins Worte aus Fernsehauftritten und Audio-Clips, um das amerikanische Unvermögen zu untersuchen, sich einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Rassismus der damaligen und heutigen Zeit zu stellen.

      Die Dokumentation des in Haiti geborenen Filmemachers basiert auf Baldwins geschriebenen und gesprochenen Worten, Samuel L. Jackson führt im Original als Erzähler durch den Film. Was sich bei der posthumen Neubetrachtung von Baldwins Werks zeigt, ist eine tiefgreifende Analyse des Unwillens der weißen amerikanischen Bevölkerung, sich mit ihrer rassistischen Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. 

      Peck, der sich selbst als politischer Filmemacher im Geiste Ken Loachs versteht, hatte sich ein simples Ziel gesetzt: „Letzten Endes wollte ich Baldwin wieder in den Vordergrund bringen, an die vorderste Front. Ich wollte, dass seine Worte für die aktuelle Generation tun, was sie für mich und viele andere Menschen getan haben." Um das zu bewerkstelligen, sicherte sich Peck die Rechte zu Baldwins schriftlichem Nachlass. Vier Jahre dauerte es allerdings, bis der Grundstein für I Am Not Your Negro gelegt werden konnte, als die Schwester des Schriftstellers dem Filmemacher ein unvollendetes Manuskript zeigte.

      Remember This House, das Baldwin vor seinem Tod 1987 nicht mehr vollenden konnte, sollte die Ermordung von drei Freunden — Martin Luther King Jr., Malcolm X und Medgar Evers — in einer schneidenden Erzählung über Rassismus verbinden. Diese 30 von Baldwin geschriebenen Seiten bildeten die Grundlage für I Am Not Your Negro. „Alles ergab Sinn", sagt der Dokumentarfilmer. „Der Film handelt davon, dieses Buch zu ergründen, und es ist natürlich auch eine Entschuldigung dafür, überall hinzugehen und den ultimativen Baldwin-Film zu erschaffen." 

      Die Dokumentation ist so auch ein Vermächtnis an Baldwin den Künstler — die Art von Film, die dich in der Bibliothek nach seinen Werken Ausschau halten lässt; Büchern wie Giovannis Zimmer oder seinen Essay Hundert Jahre Freiheit ohne Gleichberechtigung, der auch als Inspiration für das Oscar-gekrönte Drama Moonlight diente. 

      Baldwins Schriften erweisen sich in I Am Not Your Negro, der ebenfalls für einen Oscar nominiert war, als unfassbar aktuell. Auch wenn der Film seinen Ausgangspunkt in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 1960er hat, reicht er anhand von Baldwins prophetischen Worten bis in das zeitgenössische Amerika von heute, das durch die eigene Selbstleugnung geradezu paralysiert ist. 

      „Ich wusste, dass der Film aktuell sein würde", sagt Peck über die Kritik des Films am modernen Amerika. „Baldwin ist eine der Stimmen, die dir heute helfen kann. Das, was du heute bei Trump siehst, haben wir nämlich bereits gespürt; diesen Aspekt, dass Ideologie tot ist, dass Geschichte tot ist, dass Politik nichts mehr ist, dass es keine Seiten mehr gibt — weder Links, noch Rechts. Die Wissenschaft hat einen schlechten Ruf. Ich habe mich an der Stelle von jungen Menschen gefragt: Wie findest du bei all dem deinen Weg?"

      Baldwin hat einen Weg vorgeschlagen. „Zurück zu Baldwin zu gehen, hieß zurück zu den Grundlangen zu gehen", erklärt Peck. „Du kannst sie nachverfolgen. Heutzutage ist eine solche Klarheit selten. Es stellt sich nicht die Frage, wie aktuell etwas ist. Ich wusste einfach, dass der Film wichtig sein wird."

      Eine der vielen Stationen, an denen I Am Not Your Negro auf seiner Reise vor und zurück in der amerikanischen Geschichte Halt macht, ist Hollywood. Hier hinterfragt der Filmliebhaber Baldwin die andauernde Rolle der Popkultur, Lügen über Ethnien in der USA zu verbreiten. In dem Film vergleicht das Baldwin damit, dass er als kleiner Junge bei Cowboy und Indianer immer zu den Cowboys gehörten wollte — ohne zu merken, dass er einer der Bösen ist. 

      Peck findet die passenden Bilder zu Baldwins Worten. Am wohl eindringlichsten ist eine Sequenz mit Doris Day, die Verkörperung des amerikanischen Celluloid-Traums der 50er, gefolgt von Fotografien schwarzer Männer und Frauen, die an Bäumen aufgehängt wurden. In Amerika kann es schnell vorkommen, dass du zwar hier lebst, aber gleichzeitig gleichzeitig die Realität dieses Ortes nicht sehen kannst. 

      „Diese beiden Welten existieren", sagt Peck. „Ich verleugne Doris Day nicht. Ganz im Gegenteil, du kannst tatsächlich so viel Doris Day sein oder Doris Day schauen, wie du willst, und den ganzen restlichen Teil ignorieren. Du musst dich hier nämlich nie wirklich damit auseinandersetzen."

      I Am Not Your Negro ist kein plumpes Weißen-Bashing, dennoch spricht der Film eine brutale Wahrheit aus. Rassismus ist nicht bloß eine Abfolge gewalttätiger Einzelfälle, sondern ein Fall kultureller Ignoranz, ein systematisches Denkversagen. „Die absolute Mehrheit dieser Augenblicke sind Ignoranz oder einem Mangel an Empathie. Nichts weiter", erklärt der Regisseur. „Wenn Baldwin über diese grausame, gewaltige, gedankenlose weiße Mehrheit spricht, dann geht das sehr tief. Deswegen kommen die meisten Menschen mit einem guten Gewissen davon. Es handelt sich nämlich einfach um die Realität."

      Mithilfe des talentierten Filmemachers ist I Am Not Your Negro Baldwins Weckruf von dieser Realität.

      I Am Not Your Negro läuft bereits im deutschen Kino.

      Credits

      Text: Colin Crummy

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      Themen:film, kultur, i am not your negro, james baldwin, aktivismus, black lives matter

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