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      fotografie Juule Kay 4 Mai 2017

      fotografin helga paris über die zeitlose schönheit des alltags

      In ihrer Ausstellung „Berlin“, die gerade in Wolfgang Tillmans’ Galerie Between Bridges zu sehen ist, zeigt die deutsche Fotografin Arbeiten aus vergangenen Jahrzehnten und gibt damit einen ganz besonderen Blick auf die Hauptstadt preis. Wir haben uns mit Helga Paris über das Leben, den Alltag und den richtigen Augenblick unterhalten.

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      Eigentlich hat Helga Paris Modegestaltung studiert und nie wirklich vorgehabt, Fotografin zu werden, aber es gibt dann doch diese schicksalshaften Zufälle, die zu unserer Leidenschaft führen. Wenn man die mittlerweile 79-Jährige trifft, wird einem das erst so richtig bewusst. Ein Interview, das sich viel mehr wie eine nostalgische Zeitreise anfühlt, zurück in die 60er bis 80er Jahre, zurück in die DDR. Ihre Fotografien geben einen intimen Einblick in das Privatleben Paris', fast schon voyeuristisch tauchen wir ein in Alltagsszenen von damals. Es sind die vielen Details, die Menschen, ihre Mimik und Gestik und diese einzigartige Natürlichkeit, denen der Betrachter sofort seine Aufmerksamkeit schenkt. Wir wollten mehr über Paris' Faszination für das Alltägliche erfahren und haben obendrein gelernt, warum es sich lohnt, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. 

      Gab es einen bestimmten Punkt, an dem Sie gemerkt haben, dass Fotografieren das ist, was Sie machen wollen?
      Nein, gar nicht. Ich habe damals überlegt, was ich jetzt machen könnte. Mode war nicht mehr wirklich mein Traum, weil im Osten alles so konfektioniert war und nicht die freie Mode, die wir uns erträumt hatten. Als ein Freund bei uns zu Gast war, hatte ich Fotos herumliegen, die ich von unseren Kindern gemacht habe, wie jede Mutter. Er schaute auf eines und sagte: „Dit Bild is jut. Mach mal Fotografie". Und dann dachte ich mir ‚Naja, dann mach ich mal Fotografie' und nicht ‚Ich werde jetzt Fotografin'. Bis heute habe ich noch Schuhkartons voll mit alten Amateurbildern. Der Amateur ist der Liebhaber, er aus Zuneigung fotografiert und das ist tief in mich gegangen. 

      Die Fotos, die sie in Tillmans' Galerie Between Bridges zeigen, sind alle in Berlin entstanden. Nach welchen Kriterien haben sie die Menschen auf ihren Fotografien ausgewählt?
      Ich habe mich anfangs vorsichtig vorgetastet und hauptsächlich in der Nachbarschaft fotografiert. In meiner Gegend, Prenzlauer Berg, wo ich jetzt schon 51 Jahre im selben Haus wohne. Die Fotos damals sind alle sehr eng in meinem Bereich entstanden. Der Müllfahrer über uns hat meinem Mann zum Beispiel erst gezeigt, wie man sich in einer Kneipe verhält [Lacht].

      Ihre Fotos sind sehr natürlich und spiegeln verschiedene Lebensentwürfe, geradezu Alltägliches wider. Was fasziniert Sie daran und wie hat Ihr eigener Alltag ausgesehen?
      Im Alltäglichen erkennt man immer, in welchem Jahrzehnt man sich befindet. Es sind die Zeichen der Kultur, der Umgebung, wie man sich einrichtet, wie man sich kleidet. Für die Fotos, für die ich bekannt wurde, habe ich eigentlich kein Geld verdient. Das ist alles meine Zuneigung und mein soziales Interesse gewesen, ich wollte das für später dokumentieren. Mein Geld habe ich damals mit Reproduktionen, Schallplatten und Künstlerporträts verdient. Ich war nie abgesichert, aber immer frei und das war mir das Wichtigste. Seit 2008 fotografiere ich nicht mehr, nur ab und an ein paar Notizen von meiner Enkeltochter.

      Warum haben Sie mit dem Fotografieren aufgehört?
      Das ist wirklich eigenartig. Erst mal waren mir die Negative und die Durchsicht wichtiger. Ich habe 6.300 Schwarz-weiß-Negative, die zum Teil seit den 70ern nie wieder angerührt wurden. Das sind wie Kinder. Und dann war ich auch nicht mehr so neugierig. So wie ich die Kamera in die Hand nahm und sah, spürte ich eine Erregung — und die hatte nachgelassen. 

      Wenn Sie im Nachhinein Ihre Fotos ansehen, was fühlen Sie?
      Das ist ein Rückblick, der mich rührt. Man sagt, das ist eine Empathie. Dass ich spüre, was in diesem Blick so besonders ist. Dass ich gerade in diesem Moment, den Augenblick finde. Das habe ich auch immer zu Studenten gesagt: „Ihr braucht nur mit einem Stück Pappe rumlaufen und damit einen Rahmen bilden. Es reicht, nur ‚Klick' zu sagen", um zu trainieren, wann der Augenblick ist. Wir hatten damals ja nur 36 Aufnahmen, damit musste man auskommen. 

      In einem Interview haben Sie gesagt, dass Fotografieren eine Haltung ist und Sie etwas über das Leben beibringen wollen. Was haben Sie selbst vom Leben gelernt?
      Aufmerksamkeit. Ich bin natürlich ein Augen-Mensch. Wenn ich in der U-Bahn sitze, schaue ich mir immer alle Gesichter an. Dafür kann ich mir schwerer Namen merken. Dieses Interesse an Menschen ist einfach sehr stark. 

      Was würden Sie jedem angehenden Fotografen raten?
      Offen und genau hinzuschauen.

      Berlin kannst du dir bis zum 17. Juni in der Galerie Between Bridges ansehen. 

      Credits

      Text: Juule Kay
      Fotos: Helga Paris / Installation View (Detail) Between Bridges

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      Themen:fotografie, kunst, kultur, helga paris, between bridges, berlin, wolfgang tillmans, juule kay

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