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      kultur Clementine de Pressigny 9 Februar 2017

      das ist die engagierte künstlerin hinter dem freiheitsstatue-meme zur trumpwahl

      Gee Vaucher war Mitglied der Anarcho-Punkband Crass und arbeitet heute als Bildende Künstlerin. Ende letzten Jahres ist ihr Kunstwerk „Oh America“ als Ausdruck des weltweiten Schocks über die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten durch die sozialen Netzwerke gegeistert. Wir haben mit der britischen Künstlerin über ihre Kunst, ihre Ausstellung und ihren neuen Ruhm gesprochen.

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      Oh America, 1989. © Gee Vaucher, courtesy Firstsite

      Nur wenige Bilder fassen die aktuelle politische Lage so zusammen wie Oh America von Gee Vaucher, das 1989 entstanden ist und letztes Jahr in den sozialen Netzwerken als Reaktion auf die Wahl Trumps hundertfach geteilt wurde. Der Fakt, dass Gee Vauchers Arbeiten nun im Mainstream angelangt sind, ist nicht frei von Ironie, wenn man bedenkt, dass sie in der Underground-Szene Kultstatus besitzt und den Mainstream immer abgelehnt hat. Sie macht das Spiel des Kunstmarktes einfach nicht mit. Sie verkauft keine Kunstwerke, sie stellt selten aus und arbeitet lieber in ihrer kreativen Kommune in Essex, die sie sich 1967 mit dem Autor, Poet, Künstler und Crass-Bandmitglied Penny Rimbaud aufgebaut hat. Es war längst überfällig, dass es eine Retrospektive über Gee Vaucher gibt. Mit ihrer mutigen Kunst spricht sie politische wie soziale Themen an — von Tierrechten, über Krieg und Ungleichheit der Geschlechter bis zu Thatcher und der letzten US-Präsidentschaftswahl. In England läuft gerade eine der wenigen Ausstellungen mit ihren Werken. Wir haben das zum Anlass genommen, um mit der britischen Künstlerin über ihre Kunst, ihre Ausstellung und ihren neuen Ruhm zu sprechen.

      Cover for International Anthem No.2 - Domestic Violence, 1979. © Gee Vaucher

      Wann wussten Sie, dass sie Künstlerin sind?
      Ich habe zu den Kids gehört, die einfach nie aufgehört haben mit Stift und Papier zu spielen. Ich habe mich mal an Ballett versucht, aber gar nicht gemocht, dass ich auf meinen Zehnspitzen stehen muss. Danach habe ich wieder gezeichnet und nie wieder aufgehört. Jeder hat seine eigene kreative Ausdrucksweise. Wir werden zu oft — besonders als Kinder — daran gehindert, sie auszuleben. Die Kreativität wird auch oft nicht erkannt, die Kinder werden nicht ermutigt oder in eine andere Richtung gelenkt. Später heißt es dann oft, dass man sie später ausleben könne, aber dieses Später kommt nie.

      Kreativ sein hat in meiner Kindheit zum Alltag gehört. Meine Eltern haben immer aus dem Nichts etwas geschaffen. Meine Mutter hat für Essen und Kleidung gesorgt und mein Vater hat Spielzeug gebastelt oder Sachen repariert. Dass ich später kreativ sein würde, war für mich dann einfach selbstverständlich.

      Ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens bestand darin herauszufinden, wer man ist und diese Seiten auch zu zeigen. Da fallen einem natürlich gleich Malerei, Musik und Bücher ein, aber es gibt Tausende anderer Möglichkeiten, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Wenn man seine Emotionen und Probleme nicht auf irgendeine Art und Weise ausdrückt, dann ist das wie ein Ventil. Über die Zeit baut sich zu viel Druck auf und irgendwann explodiert das Ganze, das führt zu negativen Dingen wie Wut, Hass und Selbstmitleid. Das ist gefährlich für andere und für die eigene Gesundheit.

      Gee Vaucher and Penny Rimbaud, EXIT Wrap Piece, Museum of Modern Art, Oxford, 1973. © Gee Vaucher

      Warum gibt es ausgerechnet jetzt eine Ausstellung über die Werke von Ihnen?
      Ich wurde gefragt, ich habe darüber nachgedacht und zugestimmt.

      Wonach haben Sie entscheiden, was gezeigt werden soll?
      Es sollte eine Retrospektive werden, also bin ich so tief wie noch nie ins Archiv vorgedrungen. Weil ich nichts verkaufe, gibt es viele Schubladen und Schränke, die ich durchforsten musste. Am Ende hatte ich zu viele Sachen und wir mussten mehrere Serien weglassen. Wir hätten sie auch unterbringen können, aber dann wäre die Ausstellung nicht so stimmig gewesen und hätte nicht so gut ausgesehen. 

      Haben Sie dabei Kunstwerke wiederentdeckt, über die sie in den letzten Jahren gar nicht mehr nachgedacht haben?
      Ja, ich habe viele Kunstwerke wiedergefunden, die seit vielen Jahren nicht mehr angefasst wurden. Einige waren besser, als ich in Erinnerung hatte, andere bleiben dagegen besser in den Schubladen. Ich wollte Arbeiten in der Ausstellung präsentieren, an die ich mich noch genau erinnert habe, aber weil ich sie nicht so schnell gefunden und die Geduld verloren habe, bleiben sie verschollen. Je älter man wird, desto weniger Geduld scheint man zu haben, nach Dingen zu suchen.

      International Anthem No.2, Domestic Violence, 1979. © Gee Vaucher

      Wie war das?
      Das war eine interessante Erfahrung: Arbeiten wiederzufinden, die ich vergessen hatte, aber nicht ganz. In einigen davon habe ich gesehen, dass ich zu der Entstehungszeit mögliche Entwicklungen noch nicht gesehen habe oder ihnen nachgegangen bin. Es gibt Bilder, bei denen ich immer noch nicht weiß, was ich damit eigentlich ausdrücken wollte. Vielleicht nehme ich mir das wieder vor und schaue, wo das hinführt.

      Die Ausstellung hat kurz nach dem Wahlsieg von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA eröffnet. Viele Ihrer Arbeiten haben sich angesichts dieses historischen Ereignisses wieder sehr relevant angefühlt. Hat sich für Sie die Ausstellung durch die Wahl verändert?
      Nein, warum sollte sie das auch? Traurigerweise scheinen meine Arbeiten die Zeit zu überdauern. Nichts ändert sich, egal wer an der Macht ist, egal in welchem Land. Letzten Endes ficht es mich auch nicht groß an, was die an der Macht treiben. Mich interessiert die einzelne Person. Man soll Verantwortung für seine eigenen Gedanken und Handlungen übernehmen. Schlussendlich ist es doch so, dass Überzeugungen etwas kosten, wenn sie nicht alles und jeden umschließen. Für mich ist es wichtig, dass wir die Gedanken und Handlungen, die uns beigebracht werden und von denen erwartet wird, dass wir ihnen gehorchen, offenlegen.

      Diese Reise kann für einige sehr lang und schmerzhaft sein. Aber wenn wir die Welt fundamental verändern wollen, dann müssen wir uns selbst fundamental ändern. Wie wir miteinander umgehen und welche Rolle wir spielen. Die Angst vor sich selbst und anderen zu verlieren, wäre ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung, für die ganze Welt.

      Gee Vaucher and Penny Rimbaud, EXIT Wrap Piece, Museum of Modern Art, Oxford, 1973.  © Gee Vaucher

      Sind Politik und Kunst untrennbar miteinander verbunden?
      Absolut. Wo soll die Grenze zwischen den beiden liegen? Jede Form, jede Farbe und jedes Bild ist ein Ausdruck individuellen Seins, wie zum Beispiel der Entwurf einer Tasse, ein Bild von Picasso, der letzte Food-Trend oder der neueste architektonische Albtraum. Wir verfügen über fantastische Sinne, die alles aufnehmen, ob wir das nun gut finden oder nicht. Sie beeinflussen uns, die Art und Weise, wie wir fühlen. Ein einfaches Beispiel: eine einzelne Glühbirne in einem Raum ist nicht die schönste Situation. Aber Menschen leben trotzdem damit und begreifen nicht mal, dass sie zu ihrem Gefühl von Einsamkeit, Verzweiflung und Reizbarkeit beiträgt. Die Leute begreifen nicht, was für eine Macht Kreativität über sie hat, sie unterschätzen deren subtile Stärke. Im schlimmsten Fall ist Kreativität bösartig und zersetzend, im besten Fall inspirierend und lebensbejahend.

      Würden Sie sich selbst als Aktivistin bezeichnen?
      Was ist ein Aktivist? Wenn Sie damit jemanden meinen, der ständig seine Meinung kundtut oder Zeitläufe beobachtet und dadurch hofft, etwas Positives zu bewirken, dann bin ich eine Aktivistin, ja. Ich gehe heute aber nicht mehr auf die Straße. Ich arbeite lieber in meinem Atelier und versuche herauszufinden, was mich beschäftigt. Wenn ein Kunstwerk irgendetwas bewirken soll, dann sollte es die akzeptierte Norm untergraben.

      Was sollen die Besucher der Ausstellung mitnehmen?
      Inspiration, Liebe und Freude über die Möglichkeiten, die sie dadurch fühlen. Ein Verständnis dafür, dass letzten Endes jede Person einzigartig ist; dass wir allein sind und dennoch zusammen.

      Inside poster for Crass single, Bloody Revolutions, 1980. © Gee Vaucher

      Gee Vaucher: Instropective läuft noch bis zum 19. Februar in der Firstsite Gallery.

      Credits

      Text: Clementine de Pressigny 
      Fotos: Courtesy of Firstsite

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      Themen:kunst, ausstellungen, gee vaucher, crass, trump, anarchismus, politik, kultur

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