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      kultur i-D Staff 29 März 2016

      frances cannons illustrationen sind zu real, um schön zu sein

      Die Künstlerin aus Melbourne zeichnet Frauenkörper auf eine wundervoll realistische Art und inspiriert damit Frauen auf der ganzen Welt, sich endlich selbst zu lieben.

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      Frances Cannons wichtigste Botschaft ist sehr simpel: Du sollst dich selbst lieben. Dass das bei Weitem nicht immer so simpel ist, wie es klingt, weiß jeder, der einen Körper an seinem Kopf kleben hat und in der gleichen Welt wie die von Natur aus gegen Schokoladeneis resistenten Size-Zero-Mädchen lebt. Mit ihren wundervoll realistischen Zeichnungen des weiblichen Körpers, die die Australierin regelmäßig auf Instagram postet, nähert sich Frances diesem Ziel allerdings Stück für Stück weiter an und inspiriert damit ihre tausenden Follower, ebenfalls dem Self Love Club beizutreten.

      Wir haben uns mit Frances in ihrem Atelier in Melbourne getroffen, um über Selbstliebe und Selbsthass, Panikattacken und gesellschaftliche Tabuthemen sowie Feminismus und Nacktfotos zu sprechen. Und darüber wie es das Inspirierendste ist, heutzutage selbstbewusste Frauen kennenzulernen. Frances ist genau so eine Frau. 

      Wann hast du angefangen, Frauen zu zeichnen?
      Ich zeichne zwar schon mein ganzes Leben lang, aber nackte Frauenkörper erst seit zwei oder drei Jahren.

      Sahen deine Nacktzeichnungen von Anfang an aus wie jetzt?
      Als ich im Teenageralter war, habe ich immer Frauen gezeichnet, die sehr dünn und idealistisch waren. Ich habe sie damals so gezeichnet, wie ich gerne ausgesehen hätte. Dagegen bilde ich meinen Körper jetzt so ab, wie er tatsächlich aussieht. Das ist auch der Grund, warum ich eher Plus-Size-Frauen zeichne, da mein Körper meistens die Vorlage ist und ich ihn so akzeptieren möchte, wie er ist. Es geht darum, meinen Körper lieben zu lernen. Ihn zu zeichnen, hat sehr geholfen.

      Wie hast du dich gefühlt, als du dünne Frauen gezeichnet hast?
      Ich habe damals versucht, das perfekte Bild einer Frau zu zeichnen, oder jedenfalls das, was mir in den Medien als das perfekte Bild verkauft wurde. Mein Körper sah noch nie so aus, was inzwischen völlig in Ordnung für mich ist, aber als Teenager habe ich sehr darunter gelitten. Ich mochte nie, wie ich aussah und habe immer versucht, etwas zu sein, das unerreichbar für mich war.

      Hast du mit den realistisch Zeichnungen angefangen, als du deinen Körper selbst akzeptiert hast oder kam das erst danach?
      Es war ein wechselseitiger Prozess. Zum einen hatte ich keine Lust mehr, mich ständig verändern und einen bestimmten Standard erreichen zu müssen, also habe ich angefangen Frauen anders zu zeichnen. Die Zeichnung haben mich wiederum dazu gebracht, meinen eigenen Körper zu lieben. In erster Linie mache ich das alles, um mir selbst zu helfen, und wenn ich das dann veröffentliche, scheint es auch anderen Frauen zu helfen. Das ist ziemlich cool.

      Was ist passiert, dass du angefangen hast, deinen Körper zu akzeptieren?
      Als ich an die Uni gekommen bin, hat sich mein Denken langsam verändert. Ich habe viele starke Frauen kennengelernt, die sich selbst akzeptiert haben, egal welchen Körperbau sie hatten. Im Prinzip war das das Wichtigste, das passiert ist: andere Frauen kennenzulernen, die sich selbst lieben. Das hatte ich vorher so nicht erlebt.

      Selbstbewusste Frauen sind oft die wichtigste Inspiration für eine Frau.
      Absolut. Es ist auch inspirierend, wie Frauen in einer Gesellschaft, die sie noch immer unterdrückt, so herausstechen und stark sein können. Das ist großartig.

      Würdest du sagen, dass du deinen Körper automatisch lieben wirst, wenn du dich als Person liebst?
      Ja, definitiv. Dein Körper und deine Psyche sind stark miteinander verbunden. Und wenn du anfängst zu akzeptieren, wer du bist, ob das deine Interessen sind oder deine Sexualität ist, ist das ein wichtiger Schritt, um auch deinen Körper anzuerkennen. Es kann auch andersherum funktionieren. Du kannst ein gutes Selfie von dir machen und denken „Oh, ich sehe richtig gut aus", was dir Selbstbewusstsein gibt und deine Psyche beeinflusst.

      Ich finde es sehr interessant, dass du in deinen Zeichnungen Frauen in sehr starken Powerposen zeigst und im Gegensatz dazu viele mit zusammengekauerten, unsicheren Gesten. Wie passt das zusammen?
      Das hat viel damit zu tun, wie ich mich an dem Tag fühle. Wenn ich einen schlechten Tag habe, kommuniziere ich das auch in meinen Zeichnungen. Allerdings versuche ich immer, einen positiven Dreh zu finden, ein wenig Hoffnung in die Traurigkeit zu bringen. Auch wenn du dich heute scheiße fühlst, morgen wird es besser. Bei den Powerposen ist es das Gleiche. Vor allem wenn ich sauer bin, zeichne ich sie, z.B. wenn jemand etwas Gemeines auf Instagram kommentiert oder etwas Antifeministisches sagt.

      Du meinst also, man sollte die Momente, in denen man sich hässlich und dick fühlt, nicht ignorieren?
      Wenn du dich gerade selbst hasst oder überfordert bist, ist es sehr wichtig, diese Gefühle zu akzeptieren und herauszulassen. Sie sollten nicht deinen Tag dominieren, aber du solltest sie anerkennen und sagen „Okay, ich fühle mich gerade so und das ist okay". Wir sind alle Menschen und haben diese Gefühle. Wein einfach eine Runde oder leg dich kurz ins Bett, das ist Teil des Prozesses. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass negative Gefühle normal sind und Teil des menschlichen Lebens sind. Social Media trägt einen großen Teil zu diesem Problem bei. Es geht immer darum, glücklich auszusehen. Alle posten nur die positiven Ereignisse, niemand spricht von den beschissenen Tagen. Das ist aber sehr gefährlich. Nicht nur, weil du dich fragst, warum alle anderen immer gut aussehen und so viel Spaß haben, aber auch weil es nicht real ist. Deswegen finde ich es auch so wichtig, dass du deine negativen Gefühle zeigst und herauslässt, ob auf Instagram oder in Gesprächen.

      Es braucht allerdings viel Mut, um das öffentlich herauszulassen.
      Ja, aber je mehr wir unsere Menschlichkeit akzeptieren, desto einfacher wird es sein, zuzugeben, dass man einen schlechten Tag hat. Denn die traurige Seite des Lebens ist genauso real und wichtig wie die schöne Seite.

      „Words Unspoken Stuck in my Throat" von Frances Cannon

      Dein neues Projekt behandelt Angststörungen und Panikattacken. Kannst du uns mehr dazu erzählen?
      Ich habe gerade erst damit angefangen. Meine Motivation waren meine eigenen Angststörungen. Es ist ein wichtiger und großer Teil meines Lebens und für viele andere ist es das auch, selbst wenn sie nicht ständig darüber sprechen. Ich habe Leute auf Facebook und Instagram dazu aufgefordert, zu beschreiben, wie es sich anfühlt, eine Panikattacke zu haben. Daraufhin habe ich über 400 Nachrichten bekommen.

      Es ist alleine schon schön zu wissen, dass es vielen anderen auch so geht.
      Ja, es war wie eine Therapie. Ich habe sehr kreative und schöne Beschreibungen bekommen, zum Beispiel „Es fühlt sich an, als wären eine Millionen Ameisen auf meinem Rücken". Ein anderer meiner Favoriten war „Es fühlt sich an, als würden tausende Luftblasen gegen mich drücken". Ich habe jetzt angefangen, diese Gefühlsbeschreibungen zu illustrieren. Ich versuche mich gerade von meinen reinen Body-Zeichnungen zu Body & Mind-Zeichnungen weiterzuentwickeln. Das ist mein nächster Schritt.

      Denkst du, den eigenen Körper mehr zu zeigen, eventuell Fotos davon zu machen, hilft dabei, sich selbst zu akzeptieren und zu lieben?
      Auf jeden Fall. Ich habe selbst damit erst kürzlich angefangen. Fotos in Unterwäsche zu veröffentlichen, hat meinem Selbstbewusstsein extrem geholfen. Ich bekomme auch böse Nachrichten und die gehen mir auch nahe. Ich verstehe nicht, wie Leute denken können, dass mich das nicht trifft, nur weil es ein Internettroll ist. Aber er spricht über meinen Körper, den ich jeden Tag sehe, und das ist fies.

      Wie kommst du darüber hinweg?
      Ich lerne das noch. Wahrscheinlich hatten diejenigen selber einen schlechten Tag und wollen es irgendwie rauslassen. Allerdings tun sie das nicht besonders gut. Vielleicht sollten sie lieber joggen gehen oder ein Glas Wein trinken, anstatt irgendwelche Menschen auf Instagram zu beleidigen. Allerdings sind 95% der Kommentare positiv. Viele Frauen schreiben mir, ihr Körper sieht auch so aus und sie bedanken sich, dass ich Fotos davon gemacht habe, weil sie solche Bilder sonst nie irgendwo sehen. Es gibt vielen anderen mehr Selbstwertgefühl und das stärkt auch mein Selbstbewusstsein.

      Ist es also das Feedback oder der Akt an sich, der dir ein gutes Gefühl gibt?
      Es ist auch der Akt, die Fotos zu veröffentlichen. Ich habe jahrelang nie Fotos von meinem Körper gemacht, immer nur von meinem Gesicht, weil ich mein Gesicht mag. Ich habe mich immer geschämt und zum Beispiel überprüft, ob mein Arm dick aussieht und mich auf Fotos untaggt, wenn ich unvorteilhaft aussah. Jetzt, wo ich die Fotos von meinem Körper selbst zeige, habe ich die Macht darüber. Ich entscheide, ihn zu zeigen.

      Du betonst in deiner Kunst oft, dass Frauen zusammenhalten müssen. Warum machen sie das oft nicht?
      Ich denke, das ist ein Resultat der heutigen Gesellschaft, die gerade erst aus der patriarchalen Struktur herausgekommen ist, beziehungsweise immer noch drin steckt. Frauen wird ständig gesagt, sie müssen miteinander konkurrieren, beispielsweise für einen Job ist, der für Frauen sowieso schon schwieriger zu bekommen ist als für Männer. Sie müssen immer Stärke zeigen und ihren Mann stehen. Das wird uns in der Musik, im Fernsehen, in jedem Medium gezeigt. Frauen müssen immer kämpfen, um etwas zu erreichen. Das ist einer der Gründe, warum Frauen oft nicht zusammenhalten können. Ein anderer ist der ständige Vergleich, dem Frauen ausgesetzt sind. Frauen werden überall miteinander verglichen, was dazu führt, dass wir selbst oft alles in einem Vergleichsraster sehen. Ich kämpfe damit auch. Ich vergleiche mich und meinen Körper ständig mit anderen Frauen, das ist sehr gefährlich. So wird man auch schnell gemein.


      Vielleicht sind Frauen manchmal sogar die schlimmeren Sexisten.
      Ja, viele Frauen müssen noch viel darüber lernen, was Sexismus ist und was Feminismus bedeutet. In manchen Kreisen ist Feminismus immer noch etwas Schlechtes. Sie denken, Feministen hassen Männer. Aber darum geht es nicht. Nicht nur die westlichen Gesellschaften würden von Gleichberechtigung profitieren, überall auf der Welt würde man davon profitieren. Das Gleiche gilt für Erziehung. Wenn wir früher damit anfangen würden, den Jungs und Mädchen beizubringen, dass sie sich gegenseitig mit Respekt behandeln müssen, würde es schon helfen. Wir müssen nur jetzt anfangen.

      Ich habe vor Kurzem einen Clip gesehen, in dem ein kleines Mädchen und ein kleiner Junge ihre Zimmer voller Modellflugzeuge geschmückt haben. Für den Jungen war das akzeptabel, aber dem Mädchen wurde immer erzählt, wie hübsch sie doch wäre und dass sie lieber ihr hinreißendes Kleid anziehen und ihr nerdiges Zimmer verlassen solle.
      Ja, es fängt früh an. Ich habe letztens auch einen Artikel gelesen, in dem kritisiert wurde, wie wir mit jungen Mädchen reden. Wir tendieren dazu, die Jungs zu fragen, was ihr Lieblingsdinosaurier ist und uns auf ihre Persönlichkeit zu konzentrieren, wohingegen wir kleinen Mädchen meist erzählen, wie schön ihre Frisur ist. Es ist so festgefahren, wie wir mit Kindern sprechen. Das formt schon früh das Denken bei Mädchen, dass ihr Äußeres besonders wichtig ist und nicht unbedingt ihre inneren Werte. Du würdest denken, dass wir darüber schon hinweg ist. Ich meine, es ist 2016. Kommt schon, Leute.

      @frances_cannon

      Credits

      Text und Fotos: Viola Funk

      Zeichnungen via Frances Cannons Instagram

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      Themen:frances cannon, illustrationen, kunst, kultur, melbourne, australien, zeichnungen, body positiv

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