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      film Catherina Kaiser 17 März 2017

      diese doku zeigt ein leben mit angstzuständen in all seinen facetten

      Die schwedische Regisseurin Ahang Bashi hat über den Zeitraum von zwei Jahren ihre Angstzustände dokumentiert und sich auf die Suche nach dem Warum begeben. Warum gerade sie? Warum gerade jetzt, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere? Daraus ist ein zutiefst berührender und persönlicher Film entstanden, über den wir mehr erfahren wollten.

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      Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere holt Ahang Bashi die Angst ein. Noch vor einem Tag hat sie in einem Raum voller Menschen, die sie lieben, ihren Geburtstag gefeiert, jetzt kauert sie in Embryo-Stellung in ihrem Bett und die Welt ist ein dunkler Ort. Momente wie diese hat Bashi für ihren Dokumentarfilm Fragility eingefangen. Schmerzhaft ehrlich zeigt die Regisseurin alle Facetten ihrer Angstzustände: die dunkelsten Momenten, die leichten und die dazwischen. Auf der Suche nach der Ursache für ihre Panikattacken taucht die junge Regisseurin aber auch in ihre eigene Vergangenheit ein und wagt den Blick zurück in die 1980er, als ihre Familie aus dem Iran nach Schweden geflohen ist. Fragility ist bereits auf allen großen schwedischen Festivals gelaufen und hat dort den Newcomer of the Year Award gewonnen. In Deutschland hat der Dokumentarfilm nun auf dem Feminist Film Festival in Berlin Prämiere gefeiert. Wir haben die Regisseurin im Rahmen des Festivals getroffen, um mit ihr über die Arbeit an ihrem bislang persönlichsten Filmprojekt, den Zusammenhang von Kunst und Schmerz und die gesellschaftliche Wahrnehmung von Menschen mit Angstzuständen zu sprechen.

      Zunächst einmal: Du hast meinen vollsten Respekt. Fragility ist ein unglaublich privater und mutiger Film. Ich leide selbst seit Kurzem unter Angstzuständen und er hat mir sehr geholfen, meine Situation besser einzuordnen.
      Ich bin froh, dass du etwas davon mitnehmen konntest. Man muss sich sehr sicher fühlen, um das mit anderen zu teilen. Ich selbst hatte immer das Gefühl, dass ich viel Unterstützung von den Menschen um mich herum bekomme. Deshalb hatte ich wahrscheinlich auch nicht das Gefühl, etwas verlieren zu können, indem ich meine Erfahrungen so offen geteilt habe. Im Gegenteil hatte ich eher das Gefühl, dass ich etwas verlieren würde, wenn ich diese Geschichte nicht teilen würde. Ich hatte davor zwar von dieser Idee gehört, Leid in Kreativität umzuwandeln, aber am Anfang war der Film für mich aber ehrlich gesagt eine reine Überlebensstrategie. Als ich mit den Dreharbeiten begonnen habe, war ich an meinem absoluten Tiefpunkt angekommen. An diesem Punkt musste ich mich entscheiden: entweder ich lasse mich einliefern oder mache etwas total Verrücktes, wie eben einen Film über meine Angstzustände zu drehen. Diesen Film zu machen, hat mich rückblickend wirklich befreit.

      Vor deinem Film habe ich Angstzustände und Panikattacken selten so realistisch und vielschichtig in Filmen repräsentiert gesehen. Hat es Vorbilder für dich gegeben, durch die du dich weniger allein gefühlt hast?
      Leider nicht wirklich. Es gibt zwar viele Bücher zu diesen Themen, ich bin aber ein sehr visueller Mensch und lese nicht viel. Alle Darstellungen in Hollywoodfilmen von Angstzuständen oder Depressionen sind so wahnsinnig dramatisch. Da kommt mir gleich Girl Interrupted in den Kopf, verrücktes Zeug. In solchen Darstellungen habe ich mich nie wiedererkannt.

      Kannst du mir ein bisschen mehr über den Arbeitsprozess zu Fragility erzählen? Panikattacken kann man schließlich nicht planen.
      Wir waren ein wirklich kleines Team, bestehend aus mir, einem Produzenten und einer Kamerafrau, die einer meiner engsten Freundinnen ist. Zu dieser Zeit haben wir auch zusammengewohnt — das war einfach Schicksal. Der Produzent hatte mich kontaktiert, als es mir gerade richtig schlecht ging und ich hatte ihm zunächst abgesagt. Ein paar Wochen später kam mir dann die Idee zu meinem Film und ich habe mich wieder bei ihm gemeldet. Er hat mich gefragt, was ich brauche und ich habe gesagt: Zeit und eine Kamera. Am Anfang habe ich meist nur Audioaufnahmen in der Notfallaufnahme gemacht. Wir haben einfach alles dokumentiert, ohne wirkliches Konzept. Dann habe ich angefangen, mich auf die Suche nach der Ursache meiner Angstzustände zu machen. Das war der Punkt, an dem ich auch mehr als Regisseurin agiert habe.

      Hattest du diese Suche nach den Ursachen auch schon vor dem Dreh begonnen oder war das etwas, das sich durch den Film ergeben hat?
      Der Film hat mir definitiv den nötigen Push dazu gegeben. Im Film geht es ja auch darum, was passiert, wenn Dinge unter den Teppich gekehrt werden. In einem Gespräch mit meiner Therapeutin wurde mir klar, dass ich bestimmte Fragen zu meiner Vergangenheit nicht beantworten konnte. Das habe ich als seltsam empfunden. Das war auch der Punkt, an dem ich angefangen habe, mit meiner Familie über unsere ersten Jahre in Schweden nach der Flucht aus dem Iran zu sprechen.

      Glaubst du, dass die Kamera dir geholfen hat, mit deiner Familie zu sprechen oder denkst du, dass ihr früher oder später die gleiche Konversation auch ohne die Kamera gehabt hättet?
      Die Präsenz der Kamera hat unser Gespräch überhaupt erst ermöglicht, sonst wären diese Unterhaltungen immer wieder aufgeschoben worden. Meine Eltern haben den Film von Anfang an unterstützt, weil sie gemerkt haben, dass es mir durch die Arbeit daran besser ging. Ich glaube auch, dass sie es insgeheim selbst gut fanden, vor der Kamera zu sprechen und auch lange darauf gewartet haben, so offen über ihre Erfahrungen sprechen zu können. Wenn man sich der Welt öffnet, passiert etwas Eigenartiges, das schwer zu beschreiben ist. Es fühlt sich auf jeden Fall sehr befreiend an.

      In deinem Film ist die Flucht deiner Familie aus dem Iran ein Leitmotiv. Das Thema Trauma nach der Flucht ist ja im Moment wieder in Europa angekommen.
      Das war eine echte Offenbarung für mich. Dass es in meinem Film auch um die Flucht meiner Familie ging, war leider ein echtes Hindernis bei der Suche nach Sponsoren. Was die Leute mit Hinsicht auf die Flüchtlingskrise sehen wollen, ist Action — dramatische Bilder, wie wir sie in den Nachrichten sehen. Sie haben zu mir gemeint, dass die Zuschauer nicht daran interessiert wären zu sehen, wie ein Mädchen über ihr Kindheitstrauma spricht. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr mich das frustriert hat. Es war mir egal, ob dieser Film groß rauskommt. Wenn er nur zehn Menschen berührt und meine Familie glücklicher macht, dann reicht das. Ich bin so froh, dass ich mich nicht überreden habe lassen, diesen Teil auszulassen. Ich finde, das Thema Migration macht meinen Film erst besonders.

      Wie waren die Reaktionen in deinem Heimatland Schweden?
      Ich erinnere mich an das erste Screening, nachdem ein 60-jähriger Mann zu mir gekommen ist, mich umarmt hat und angefangen hat, in meinen Armen zu schluchzen — seine Tochter hatte wohl auch unter Angstzuständen gelitten. Danach ging alles sehr schnell, der Film ist bei allen großen Filmfestivals im Land gelaufen und hat die besten Kritiken in Schweden bekommen. Diese Reaktion hätte ich mir im Leben nicht erträumen lassen. Ich wusste zwar schon davor, dass das Thema die Menschen generell interessieren würde, weil ich so viele Menschen kenne, die unter Angstzuständen leiden, aber es war etwas Besonderes, zu erfahren, dass meine ganz persönliche Geschichte, die Menschen wirklich interessiert und bewegt hat.

      Ich habe manchmal das Gefühl, dass in Ländern wie Schweden und Deutschland auf der einen Seite zwar unglaublich viele Menschen unter Angstzuständen oder Depressionen leiden, auf der anderen Seite aber trotzdem noch diese Stigmatisierung in der Öffentlichkeit existiert.
      Die Menschen in Schweden schmeißen alles, was mit der Psyche zu tun hat, in einen Topf und schreiben Geisteserkrankung darauf. In meinem Film geht es um keine Erkrankung, deshalb habe ich ihn Fragility genannt, also Zerbrechlichkeit. Ich denke, dass wir unbedingt darauf achten müssen, worüber wir genau sprechen, wenn wir Geisteserkrankung sagen. Es gibt diese Vorstellung, dass sich Menschen mit Angstzuständen den ganzen Tag in ihren Zimmern einschließen und weinen. Diese Tage gibt es, klar, aber es gibt auch gute Momente und das wollte ich in meinem Film zeigen. Wenn Menschen Geisteserkrankung sagen, haben wir dieses Bild von komplett Verrückten im Kopf. Vor diesem Film habe ich selbst geglaubt, dass das ein Label ist, das man für den Rest seines Lebens nicht mehr los wird. Jetzt sehe ich das anders. Jetzt glaube ich, dass wir einfacher zerbrechlich als andere sind und deshalb Strategien finden müssen, um auf uns aufzupassen. Trotzdem finde ich auch, dass man das ernst nehmen sollte, aber als krank sehe ich mich nicht.

      Wie passen dein kreativer Job und deine Angstzustände zusammen?
      Ich kann mir vorstellen, dass Selbstständigkeit für andere Menschen angsteinflössend sein kann. Ich habe für mich beschlossen, meiner Gesundheit Priorität einzuräumen und das bedeutet für mich, dass ich nicht jeden Tag früh morgens aufstehen und bis spät abends in einem Büro sitzen kann. Das bedeutet natürlich auch, dass ich wahrscheinlich nie ein geregeltes Einkommen haben werde. Ich werde wahrscheinlich mein ganzes Leben in einer WG wohnen und nie eine fancy Badewanne besitzen. Das ist aber eine aktive Entscheidung. Trotzdem muss ich diesen Lebensstil immer wieder vor Menschen rechtfertigen, denen ich sage: „Wenn du glücklich damit bist, sechs Stunden in der Nacht zu schlafen, dich den ganzen Tag zu stressen, um dich dein ganzes Leben lang auf den Urlaub zu freuen, dann mach das, aber ich will kein Teil davon sein. Meine Gesundheit ist mir wichtiger". 

      Credits

      Text: Catherina Kaiser
      Fotos: Screenshot von Vimeo aus dem Video „FS - Fragility - english trailer“ von Momento Film

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      Themen:film, dokumentarfilm, interview, feminist film week, angstzustaende, depression, kultur, psychische gesundheit

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