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      fotografie Lisa Leinen 10 November 2016

      diese fotos sind eine stille rebellion gegen die digitale zensur

      ​„Es ist nicht der weibliche Körper, der mich fasziniert, sondern die Reaktion der Leute und Gesellschaft auf Frauen und deren Körper.“

      diese fotos sind eine stille rebellion gegen die digitale zensur diese fotos sind eine stille rebellion gegen die digitale zensur diese fotos sind eine stille rebellion gegen die digitale zensur

      Es ist November, hier in Deutschland ist in den vergangenen Tagen der erste Schnee gefallen. Die Tage sind schon seit einer Weile kürzer, grauer, ungemütlicher. Scrollt man durch das Online-Portfolio der Fotografin Jessica Barthel, hat man zumindest für eine kurze Zeit das Gefühl, sich in die unbeschwerten Sommermonate zurückzudenken: Pommes rot-weiß im Freibad, der ungeplante Roadtrip mit dem besten Freund, die Endorphin-berauschte Nacht mit vertrauten Fremden, die einfach nicht enden will. Jessica Barthel schafft es, dabei eine Intimität zu schaffen, die einem sofort vertraut ist. Immer wieder ist es der weibliche Körper und seine Wirkung, die sie fasziniert. Wir haben mit ihr über Kindheitserinnerungen, Schambehaarung und die greifbare Schönheit von Freundschaften gesprochen. 

      Du arbeitest in New York und Berlin. Worin unterscheiden sich die beiden Städte am meisten?
      New York is der gut aussehende, erfolgreiche Typ im Anzug, Berlin ist der Mann, den du heiraten möchtest.

      Auf welches Foto bist du besonders stolz und warum?
      Vor einigen Jahren habe ich an einem Samstagnachmittag eine E-Mail bekommen, dass die New York Times gerne eines meiner Fotos, die ich ihnen gesendet hatte, in einer ihrer „Why We Travel Section" drucken möchte. Das Bild ist lange nicht erschienen und die Ausgabe habe ich letztendlich verpasst. Trotzdem war das ein sehr schöner Moment, der mir gezeigt hat, dass jede Flaschenpost irgendwann zurück kommt.

      Siehst du deine Kamera als verlängerten Arm oder als drittes Auge?
      Auf jeden Fall als drittes Auge.

      Wie bist du zur Fotografie gekommen und wann war dir bewusst, dass du die Fotografie zum Beruf machen willst?
      Ich habe in der Oberstufe einen Fotokurs belegt und mir von meinem Kellnertrinkgeld meine erste analoge Spiegelreflex zusammengespart. Zwei Jahre später habe ich in New York meine Fotografiestudium begonnen. Die Fotografie wollte ich von Anfang an zum Beruf machen. Es hat aber noch sehr viel länger gedauert, bis mich die Leute nicht mehr nur als knipsendes Mädchen gesehen haben. Ich würde sagen, ich persönlich konnte mich Fotografin nennen, als ich angefangen habe, ausschliesslich mit Fotojobs meinen Unterhalt zu verdienen.

      Du fotografierst gerne intime Porträts von Frauen. Was fasziniert dich am weiblichen Körper?
      Es ist nicht der weibliche Körper, der mich fasziniert, sondern die Reaktion der Leute und Gesellschaft auf Frauen und deren Körper. Warum zum Beispiel erlaubt Instagram nackte, nasse Frauenpos, löscht aber eines meiner Bilder, auf dem eine weiße Unterhose und leichte Schambehaarung zu sehen sind? Da gibt es noch viel zu tun!

      Wie kommst du den Menschen auf deinen Fotos nahe? Deine Aufnahmen wirken sehr vertraut ...
      Anfangs habe ich meine Schwester und gute Freundinnen fotografiert, da war das ganz einfach. Mittlerweile sehe ich die Mädchen am Tag des Shoots zum ersten Mal. Ich versuche sie aber trotzdem wie meine Freundinnen zu behandeln, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen und die Moodboards bis zu einem gewissen Grad loszulassen.

      An welchen Ort würdest du jeder Zeit gerne mit deiner Kamera zurückkehren und warum?
      An den Ort meiner Kindheit. Ich wünschte ich hätte, seitdem ich fünf bin, immer eine Kamera bei mir gehabt und mit einer Selbstverständlichkeit Dinge festgehalten, wie es die Kids und Jugendlichen von heute tun. Ich habe vor Kurzem die Bilder des Sohnes eines Bekannten auf Instagram gesehen und war unglaublich berührt.

      Und in welche Situation?
      Als meine Eltern und ich geflüchtet sind, als ich meinen ersten Schoko-Milchshake getrunken habe, als ich damals auf Ibiza meinen ersten Jeansrock bekommen habe oder als ich das erste Mal mit meinem Vater auf der Harley gefahren bin.

      Denke groß: Wen würdest du gerne mal fotografieren? Und wo? Und wie?
      Diese Liste ist lang. Ich dachte als erstes an Patti Smith, aber ich befürchte, dass es eines dieser Shoots werden würde, bei dem aus schwer ausgehandelten 15 Minuten schließlich nur fünf Minuten werden würden und die PR-Frauen dabei mit ihrem Clipboards über meine Schulter schauen. Also wenn schon fünf Minuten, dann auf jeden Fall Jay Z, sorry, but he is the greatest. [Lacht] Wenn es aber darum geht, wen ich gerne ein bisschen besser kennenlernen wollen würde, dann auf jeden Fall Miranda July. Ich würde sie gerne ohne ihren Lockenkopf, sondern mit nassen zurückgekämmten Haaren in ihrer Badewanne in L.A. fotografieren.

      Da draußen gibt es so viele Fotografie-Talente. Was macht deine Fotos so besonders?
      Ich möchte gerne denken, dass es die Vertrautheit ist, aber letztendlich müsste man diese Frage wahrscheinlich jemand anderem stellen.

      @Jessica Barthel 

      Credits

      Text: Lisa Leinen
      Fotos: Jessica Barthel 

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      Themen:kultur, fotografie, new york, berlin, jessica barthel, feminismus

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