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      fotografie Lisa Leinen 23 November 2016

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      Auf sie aufmerksam geworden sind wir durch die Arte-Doku „Prinzessinnen, Popstars & Girl Power“, die die medial und sozial erschaffenen Rollenbilder von Mädchen und jungen Frauen untersucht. Wir haben Fotografin Rania Matar dazu ein paar Fragen gestellt.

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      Feminismus ist ein Thema, das auf i-D seit jeher eine große und wichtige Rolle spielt. Immer wieder haben wir uns gefragt und untereinander diskutiert, warum dazu hier in Deutschland innerhalb unserer Generation vergleichsweise so wenig passiert. Unser Gefühl sagt uns, dass 2016 das Jahr war, in dem endlich eine Redewelle losgetreten wurde, die hoffentlich nicht so bald wieder verstummen wird. 

      Vor einigen Wochen dann stand eine Doku in der Arte-Mediathek zur Verfügung, die genau die Fragen aufwirft, mit denen sich junge Feministinnen und Frauen beschäftigen oder beschäftigen sollten. Wie und wann hat die Gesellschaft festgelegt, dass Jungs mit der Farbe Blau und Mädchen mit der Farbe Pink in Verbindung gebracht werden? Warum wollen alle Mädchen lieber Prinzessin als Powerfrau sein? Welche geschlechtsspezifischen Verhaltensmuster werden ihnen bereits in jungen Jahren eingeredet und beigebracht? Und wie ist diese Girlie-Kultur der 90er Jahre entstanden, in der Frauen sich zwar hinter feministischen Parolen versteckt, in Wahrheit aber einfach gute Popmusik gemacht haben? 

      In der Doku wurden wir auf die Fotos der libanesischen Fotografin Rania Matar aufmerksam. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen des Erwachsenwerdens—vom Mädchen zum Teenager-Girl bis hin zur erwachsenen Frau. Wir haben ihr dazu ein paar Fragen gestellt und von ihr erfahren, warum Fotografieren die beste Therapie sein kann. 

      Wir sind durch die Arte Doku Prinzessinnen, Popstars & Girl Power auf Sie aufmerksam geworden. Wie wichtig war Ihnen dieser Film? 
      Um ehrlich zu sein, bist du die Erste, die mich deswegen kontaktiert. Ich habe den Film schon längst wieder vergessen, ich habe ihn nur ein Mal gesehen, kurz nachdem er fertig war, also vor einigen Jahren. Und jetzt kann ich die DVD nicht mehr finden ... 

      Man konnte ihn jetzt in der Mediathek anschauen, in meiner Facebook-Timeline wurde er einige Male empfohlen, jetzt, wo sich in Deutschland endlich im Bereich Feminismus einiges tut.
      Ich muss ihn unbedingt noch mal anschauen, das freut mich sehr. Lass uns darüber reden!

      Gern. In der Doku sieht man Fotos von Teenager-Girls und ihren Zimmern. Was hat Sie an diesem Motiv besonders fasziniert und interessiert?
      Meine älteste Tochter hat mich auf die Idee gebracht. Sie war damals 15 und hat sich eine Zeit lang als Tomboy gekleidet, hat Fußball mit ihrem Zwillingsbruder gespielt usw. Aber plötzlich hat sie diese Verwandlung durchgemacht, und ich als ihre Mutter fand das wahnsinnig spannend und habe angefangen, alles mit meiner Kamera zu dokumentieren. Und dann habe ich nach und nach auch angefangen, ihre Freundinnen zu fotografieren, wenn sie zu Besuch gekommen sind und habe bald gemerkt: Wenn sie zusammen sind, performen sie, sie schlüpfen alle in eine gewisse Rolle. Also habe ich beschlossen, die Mädchen alle einzeln zu fotografieren—in ihrem Zimmer, denn das ist für junge Mädchen der Ort, den sie selbst gestalten, das ist ihr Reich, ihr Kokon. Das alles hat für mich eine gewisse Magie versprüht.

      Darunter finden sich auch einige Fotos aus Ihrem Heimatland, dem Libanon.
      Ja, ich habe schnell festgestellt, dass mich diese Mädchen an mich erinnern, nur eben 25 Jahre später. Also bin ich in den Libanon geflogen und habe auch dort Teenager in ihren Zimmern fotografiert. Das war sehr wichtig für mich, auch als eine persönliche Aufarbeitung. Ich komme aus dem Osten, lebe aber seit vielen Jahren im Westen. Ich werde zur Zeit tagtäglich mit Nachrichten geflutet, in denen die Rede von „Denen" und nicht „Uns" ist, wenn über den Nahen Osten berichtet wird. Das alles wühlt mich natürlich sehr auf. Deshalb war es wichtig für mich und meine Arbeit sehr wichtig, mich auf das „Universelle", wie ich es gerne nenne, zu fokussieren. Ich bin im Libanon aufgewachsen, aber nur, weil ich woanders gelebt habe, in einer anderen Kultur, habe ich trotzdem die gleichen Identitätsphasen und -krisen durchlebt, und habe mich genau so viel mit der Frage auseinandergesetzt, was es heißt, erwachsen zu werden.

      Es ist also eine Art visuelle Biografie?
      Ja, es ist ein sehr persönliches Projekt, wie fast alles, was ich umsetze. Ich habe immer das Gefühl, dass ich beide Kulturen integrieren muss, damit es vollständig ist. Ich fühle mich an beiden Ort zu Hause. Hier in Amerika haben die Menschen viele Vorurteile gegenüber den Frauen aus dem Nahen Osten: das Kopftuch, die ständige Unterdrückung, all das. Aber am Ende ist es doch so: Wir sind alle Frauen, und wir sind alle gleich. Wir allen werden erwachsen, finden uns selbst, werden älter, werden alt. All das in meinen Arbeiten zu vermitteln, liegt mir sehr am Herzen.

      Was denken Sie, bei all den Gleichheiten, gibt es noch Unterschiede zwischen den Teenager-Girls aus dem Nahen Osten und dem Westen?
      Es ist das Alter, in dem man versucht, sich selbst zu finden, in dem man rebelliert, gegen das vorherrschende System oder natürlich die eigenen Eltern. Das Alter, in dem man vielleicht entscheidet, wer oder was man sein will und was eben nicht, in dem man Freunde findet und Freunde verliert. Das sind alles die gleichen Prozesse. Und man kann den Nahen Osten nicht verallgemeinern. Wenn man ein Haus einer wohlhabenden Familie betritt, sieht alles so aus wie hier in Brooklyn. Aber natürlich gibt es auch viele Flüchtlingslager und -unterkünfte, und dort sieht das Leben offensichtlich ganz anders aus. Das heißt aber nicht, dass diese Mädchen nicht auch die gleiche Lebensphase durchleben. Das zu sehen und zu erfahren hat mir sehr gut getan.

      Wenn wir darüber sprechen, muss ich sofort an das Foto von Christilla denken. Dabei habe ich mich selbst erwischt, wie ich in Schubladen denke. Ich dachte, es sei ein typisches Zimmer aus den Staaten ... bis ich die Bildunterschrift gelesen habe. Ich mag es sehr, wie Sie unser klischeebehaftetes Denken aufrütteln.
      Absolut! Genau deswegen habe ich das Foto für mein Buch-Cover ausgewählt. Mich haben so viele verschiedene Leute auf dieses Foto angesprochen, aus genau diesem Grund, eben, weil wir alle ein bestimmtes Bild im Kopf haben, wie Frauen aus dem Nahen Osten aussehen bzw. auszusehen haben. Und ja, damit spiele ich—sehr gerne.

      Die Fotos wirken sehr intim. Wie kommen Sie all den Mädchen so nahe? Ich erinnere mich an meine Teenager-Jahre, in denen ich sehr unsicher war, auch mit meinem Äußeren. Ich kann mir also vorstellen, dass Sie erst das Vertrauen der Mädchen gewinnen mussten, um sie fotografieren zu dürfen.
      Egal für welches Projekt ich mit Mädchen und jungen Frauen zusammenarbeite: Ich achte immer darauf, dass ihre Mütter nicht im Raum sind. Es ist sehr interessant, wie anders die Teenager sind, wenn ich mit ihnen alleine bin, alles hat eine ganz andere Dynamik. Und ja, es basiert viel auf einem Vertrauensverhältnis. Ich verbringe viel Zeit mit ihnen, lerne sie intensiv kennen, bevor ich ihnen mit meiner Kamera entgegentrete. Ich verurteile sie nicht, ich trete ihnen sehr neutral entgegen, ich gebe ihnen den Raum, den sie brauchen, um sich zu entfalten. Wir arbeiten sehr stark zusammen. Dadurch habe ich auch ein viel größeres Verständnis für meine eigenen Töchter entwickelt.

      Wie alt sind Ihre Töchter jetzt?
      18 und 22, aber als ich A Girl and Her Room angefangen habe, war meine älteste Tochter 15 und als ich mit den Arbeiten zu L'Enfant-Femme begonnen habe war meine jüngste Tochter 11—das Projekt habe ich ihr gewidmet. Auch das Mutter-und-Tochter-Projekt ist natürlich persönlich inspiriert, ich habe mit den Fotos dazu angefangen, als meine Tochter von Zuhause ausgezogen ist, um aufs College zu gehen. Das war für uns beide ein großer Schritt. Zudem ist dieses Projekt eine ganz neue Erfahrung für mich, weil ich meine Mutter verloren habe, als ich erst drei Jahre alt war. Ich habe diese Mutter-Tochter-Beziehung ganz neu kennengelernt, ich hatte keinen Vergleich.

      Die Fotos sind sehr ausdrucks- und gefühlsstark. Einige habe ich minutenlang angeschaut, weil ich immer mehr über die Beziehung zwischen den beiden erkennen und erahnen konnte.
      Ich bin sehr glücklich, das zu hören, denn genau das ist es, was ich erreichen möchte. Es ist eine sehr komplexe Beziehung zwischen einer Tochter und einer Mutter, jede ist anders. Es geht mir bei den Fotos um das Zwischenmenschliche, aber auch um das Thema des Erwachsenwerdens und des Älterwerdens. Ich finde, dass einige Töchter ihren Müttern sehr ähnlich sehen, es ist nur die Zeitspanne, die sie trennt. Manchmal denke ich, ich kann doch erst 25 sein, aber dann steht meine erwachsene Tochter vor mir, und ich realisiere, dass ich die Zeit nicht aufhalten kann. Meine Kinder sind ein ehrlicher Spiegel für mich.

      Hat sich die Beziehung zu Ihren Töchtern durch die Fotostrecken verändert?
      Als meine Kinder noch sehr klein waren, habe ich sie ständig fotografiert. Aber irgendwann haben sie sich geweigert, sich ablichten zu lassen. Aber zur gleichen Zeit haben meine Töchter mich inspiriert und sich auch in meine Arbeit eingemischt. Sie haben mir Freundinnen vorgestellt, oder haben immer wieder nach den Mädchen gefragt, haben sich alle Fotos angeschaut und mich beraten. Meine Jungs dagegen haben sich aus all dem komplett rausgehalten. Einer von ihnen meinte sogar zu mir „Wenn du jemals Freunde von mir in ihren Zimmern fotografierst, rede ich nie wieder ein Wort mit dir." Sie hatten und haben immer noch eine ganz andere Beziehung zu meiner Arbeit.

      Als ich mir Ihre Fotos angesehen habe, musste ich natürlich auch an meine Beziehung zu meiner Mutter denken, die sich alle paar Jahre verändert.
      Ja, ich glaube auch, dass diese Beziehung sich alle paar Jahre verändert, auf Grund des Alters, aber auch auf Grund der Umstände. Mein Verhältnis zu meiner ältesten Tochter hat sich sehr verändert, als sie aufs College gegangen ist. Durch die Distanz sind wir uns wieder viel näher gekommen, sie wurde zu einer engen Freundin. Und noch mal: Weil ich keinen Vergleich zu der Beziehung zu meiner eigenen Mutter habe, war das eine ganz neue Erfahrung für mich. Die Fotografie ist mein Weg, um damit umgehen zu können. 

      @RaniaMatar

      Ihre Arbeiten sind momentan hier zu sehen: Becoming, Pictura Gallery, Bloomington / Mortal Things: Portraits Look Back and Forth, Tufts University Art Gallery / Deux Univers: Filles et Femme, Galerie Janine Rubeiz

      Credits

      Text: Lisa Leinen
      Fotos: Rania Matar / INSTITUTE courtesy of the artist, Pictura Gallery and Galerie Janine Rubeiz

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      Themen:fotografie, rania matar, naher osten, a girl and her room, arte, dokumentation, erwachsenwerden, feminismus

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