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      fotografie Sarah Moroz 15 Juli 2016

      die beeindruckende und historische queer-fotosammlung von sébastien lifshitz

      Das umfangreiche Amateurfoto-Archiv des wegweisenden Regisseurs ist ein guter Einblick in die lange Geschichte des LGBTQ-Kampfes um Gleichberechtigung.

      Der Pariser Regisseur Sébastien Lifshitz beschäftigt sich schon seit seinen Jugendjahren mit dem Aufbau seines beträchtlichen und aus internationalen Quellen zusammengetragenen Fotoarchivs. Sein Fokus liegt dabei vor allem auf der Queer-Identität—von der Kunst des Drags bis hin zur Transgender-Metamorphosis. Seine Sammlung von Amateurfotos wird nun zum ersten Mal am Rencontres d'Arles—einem großen Festival im Süden Frankreichs—unter dem Titel Sincerely Queer ausgestellt. 

      Das Sammeln dieser Bilder hat sich neben seinen Filmen zu Lifshitzs Leidenschaft entwickelt. Bei besagten Filmen ist vor allem Bambi hervorzuheben, ein Porträt von einer der ersten Transgender-Frauen Frankreichs. Dafür hat Lifshitz 2013 auch die César-Auszeichnung für die beste Dokumentation gewonnen.

      Die Fotos aus den Jahren 1890 bis 1970 dokumentieren auf eine faszinierende Art und Weise, wie die heutigen Queer-Identitäten und -Erscheinungen weit zurückgehende Vorgänger haben—auch wenn diese Vorgänger natürlich lange nicht so offen ausgelebt werden konnten. Mehr als 400 Fotos (oftmals im Kleinformat) decken dabei das gesamte Spektrum ab: Von Gar­çonnes und japanischen Kabuki über als Frauen verkleidete Männer in spießigen Wohnzimmern und Gefangenenlagersoldaten in weiblichen Theaterrollen bis hin zu als Männer verkleideten Frauen, die eine Diskussion zum Thema Gleichberechtigung anstoßen wollen. Die anonymen Fotomotive sind dabei das Testament eines ansonsten eher ignorierten Aspekts des Alltags—abgeschirmt vom öffentlichen Blick, aber trotzdem unverzichtbar für die persönliche Ausdrucksweise. Damals wurde man noch gesetztlich verfolgt, wenn man die typischen Geschlechterrollen missachtet hat. Und vom gesellschaftlichen Stigma will man hier gar nicht erst anfangen. Die dokumentierten Trans- und Homosexuellen-Communitys stehen für offensichtliche Experimentierfreudigkeit sowie für die Vermischung von Geschlechterrollen mit einem Funken der Rebellion, der vor allem Macht und Mut in sich trägt.

      Wir haben mit Lifshitz über die Komplexität der Queer-Identität, den Nervenkitzel der Fotojagd und die Anziehungskraft der Anonymität gesprochen. 

      Wie ist deine Sammlung zustande gekommen?
      Alles fing damit an, dass mir bewusst wurde, dass ich tatsächlich sammle. Ich häufte einfach immer mehr Bilder an, die mir gefielen. Im Laufe der Jahre hat das schiere Ausmaß das Ganze dann in eine Sammlung verwandelt. Ich erkannte, dass man es schon fast als Obsession bezeichnen kann, wenn man ein bestimmtes Foto dreißig Jahre lang in die Finger kriegen will. Anfangs habe ich die Bilder auch noch gar nicht geordnet, sondern hatte da einfach nur ein Durcheinander vor mir. Damals besaß ich wohl nicht das nötige Wissen, um sie zu entschlüsseln.

      Hast du jemals mehr über die abgebildeten Personen herausfinden können?
      Nein. Dabei habe ich sogar versucht, diesbezüglich historische und soziologische Nachforschungen anzustellen. Diese Bilder stellen so etwas wie eine Erinnerung dar und leider gibt es nur sehr wenige Bücher, die die Queer-Geschichte auf Fotos basierend vermitteln. Gleichzeitig verleiht der anonyme, amateurhafte und kontextfreie Charakter den Bildern etwas Mysteriöses, das ich wunderschön finde. Das regt unsere Fantasie an und lässt uns Geschichten zu den Fotos ausdenken—und das ist schon eine große Freiheit. Diese Leute waren Zeugen ihrer Zeit. Sie vermitteln dem Betrachter durch Mimik und Körperhaltung echte Geschehnisse. Wenn man hier zu allgemein oder zu wissenschaftlich rangeht, dann verliert man sich schnell in zu theoretischen Beschreibungen.

      Wie hat sich deine Tätigkeit im Filmbereich auf die Sammlung ausgewirkt?
      2004 drehte ich einen Film namens Wild Side, in dem die Hauptdarstellerin transsexuell ist. Um das Drehbuch schreiben zu können, habe ich mich kurz nach der Jahrtausendwende mit vielen Transsexuellen getroffen. Das ganze Queer-Konzept war für die Medien damals quasi noch komplett uninteressant. Durch den Film entwickelte ich ein besseres und detaillierteres Verständnis für das ganze Thema. 2011 lernte ich dann Bambi kennen, eine der ersten transsexuellen Französinnen. Für meinen Film über sie musste ich mich intensiv mit ihr beschäftigen und tauchte in das Paris der 50er und 60er Jahre ein—also in die Ära des Varietés und der ersten Transsexuellen.

      Gleichzeitig war ich immer auf der Suche nach Amateurfotos von Transvestiten. Und auf Flohmärkten oder im Internet verlief diese Suche auch recht erfolgreich. Einmal stöberte ich mich in einem Berliner Second-Hand-Laden zum Beispiel durch unzählige Kisten voller Bildern und fand dabei 30 bis 40 Fotos von Berliner Transvestiten aus den 50ern und 60ern. Das war unglaublich, weil der Rest der Fotos überhaupt nichts mit diesem Thema zu tun hatte. Selbst als ich vergangenen Sonntag hier in Arles angekommen bin, fand ich in einem Second-Hand-Laden Fotos von Frauen, die sich als Männer verkleidet haben. 

      Bei der Ausstellung scheint es mehr um den Spaß mit der eigenen Identität als um Diskriminierung und den Kampf gegen die Welt zu gehen.
      Man soll ja immer den Vorstellungen und Werten eines bestimmten Geschlechts entsprechen. Diejenigen, die das nicht tun und anders sind, werden stigmatisiert. Mich interessiert es nicht, diese Opferrolle zu bedienen. Das halte ich für gefährlich und politisch gesehen als Weg zur Militanz auch für überstrapaziert. Die Realität ist viel komplexer. Bambi erzählte mir zum Beispiel davon, dass die Gesellschaft sie nicht akzeptierte und sie Schwierigkeiten mit dem Gesetz und der Polizei hatte. Gleichzeitig sagte sie aber auch: „Ich hatte ein glückliches Leben. Meine Freunde am Varieté-Theater haben mich beschützt." Ich halte bestimmte Formen des Glücks und des persönlichen Aufblühens für sehr wichtig, selbst wenn sie eine gewisse Heimlichkeit voraussetzen. Es gibt noch viel Luft nach oben. Ich hoffe, dass mein Archiv das Leben von damals besser übermitteln kann.

      Hat sich deine Beziehung zur Sammlung durch die Ausstellung irgendwie verändert?
      Wenn man sich durch ein Archiv arbeitet, dann besteht ein großes Problem darin, dass man das sichtbar macht, was vorher unsichtbar war. Obwohl man Fotos raussucht, die an sich nichts miteinander zu tun haben, muss das Ganze ein stimmiges und aussagekräftiges Bild ergeben. Da spielte bei mir viel Intuition mit rein, aber ich habe natürlich auch eine Menge gelesen. So habe ich beispielsweise herausgefunden, dass zwischen den 1890er und 1920er Jahren an US-amerikanischen Universitäten gestellte Hochzeiten zwischen Frauen stattfanden, um sie auf heterosexuelle Ehen vorzubereiten. Das hat mich doch sehr erstaunt. In Bezug auf das Varieté war es wichtig, zwischen den Café-Concerts und den Theatern aus den 20er und 30er Jahren zu unterscheiden. Dort war mehr Burlesque als Transvestitismus angesagt—obwohl das Zweitgenannte damals an Fahrt gewann und kommerzialisiert wurde.

      Interessant ist auch zu sehen, dass diese Gepflogenheiten trotz der ganzen Geheimniskrämerei nie ganz von der Bildfläche verschwunden sind.
      Solche Gepflogenheiten gibt es schon seit den alten Griechen. Das Ganze ist nicht einfach so aus dem Nichts entstanden. Die Männer aus dem 17. und 18. Jahrhundert hatten genauso wie die Frauen eine Vorliebe für extravagante Kleidung. Und auch auf Dinge wie Schmuck, Accessoires, Make-up und Perücken legte man viel Wert. Im 19. Jahrhundert kam dann jedoch das genaue Gegenteil und der männliche Kleidungsstil hatte etwas Machohaftes an sich. Dazu gab es zwischen den Geschlechtern in Bezug auf das Aussehen quasi keine Überschneidungen mehr.

      Heutzutage ist der Stand von solchen Menschen viel besser als jemals zuvor. Die Kunst und das Kino sind dabei hilfreiche Faktoren, weil sie in den Mainstream hineinragen und einfühlsame Darstellungen ermöglichen. Und dennoch ist es wichtig, wachsam zu bleiben und sich niemals zu sicher zu fühlen. Der Kampf ist nämlich noch lange nicht gewonnen.

      Credits

      Text: Sarah Moroz
      Fotos: © 2016 Éditions Textuel – Collection Sébastien Lifshitz.

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      Themen:fotografie, kultur, fotografie interview, queer, lgbtq, sébastien lifshitz, arles

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