Die VICEChannels

      kultur Juule Kay 28 Februar 2017

      diese fotografin hinterfragt, ob selfies jemals ehrlich sein können

      In ihrem neuen Projekt TWENTY-FOUR CARAT möchte uns Jessica Barthel mit der Einfachheit des technischen Fortschritts die Augen für die Vorzüge der Selfie-Kultur eröffnen. Wir haben mit der zwischen New York und Berlin lebenden und arbeitenden Fotografin über die Hintergründe ihrer künstlerischen Arbeit und die digitale Selbstpräsentation junger Mädchen gesprochen.

      diese fotografin hinterfragt, ob selfies jemals ehrlich sein können diese fotografin hinterfragt, ob selfies jemals ehrlich sein können diese fotografin hinterfragt, ob selfies jemals ehrlich sein können

      Seit jeher zählt das Porträt zur Meisterklasse der Fotografie, weil es die zu abbildende Person nicht nur physisch wiedergibt, sondern gleichzeitig ihre Persönlichkeit mit einzufangen versucht. Doch was zählt im heutigen Seflie-Zeitalter noch als echt? Genau dieser Frage ist die in Leipzig geborene Fotografin Jessica Barthel nachgegangen, die die Neuen Medien in ihrem Projekt TWENTY-FOUR CARAT gekonnt für ihre Zwecke nutzt. Über Skype und FaceTime sollen Frauen zwischen Berlin und dem Big Apple durch die Selfie-Funktion ihrer Handy- und Webcamkameras die volle Kontrolle über ihren Ausdruck und ihre Körpersprache erlangen. Während die Models posieren, wählt Barthel den entscheidenden Moment, um einen Screenshot von ihrem virtuellen Gegenüber zu machen. Was genau sie damit bezwecken möchte und warum diese einfachen Screenshots zur wahren Intimität eines Bildes zurückfinden sollen, erzählt uns die Parsons-Absolventin im Interview.

      Du bist professionell ausgebildete Fotografin. In deinem neuen Projekt TWENTY-FOUR CARAT arbeitest du jedoch gewollt mit der Einfachheit von Screenshots. Welche Absicht steckt dahinter?
      Je besser die Handykameras werden, desto wichtiger ist es zu erkennen, was einem die Fotografie wirklich bedeutet. Es geht nicht darum, die teuerste Kamera zu besitzen oder das derzeit angesagteste Model zu fotografieren. Fotografie ist Kunst und die Kunst der Spiegel unserer Gesellschaft. Ein Projekt wie TWENTY-FOUR CARAT, das mit der Einfachheit unseres Fortschritts, wie Screenshots spielt, finde ich daher enorm wichtig.

      Du wolltest, dass die Mädchen dabei den Blickwinkel ihrer Fotos selbst bestimmen. Warum?
      Ich möchte Porträts machen, die so natürlich wie möglich sind. Dass alle Frauen ganz sie selbst sind und ich sie auf meinem Bildschirm so sehen, wie sie sich selbst am schönsten finden und am wohlsten fühlen. Mit oder ohne Make-up, in Jogginghose oder Minirock. Den Winkel wählen sie selbst wie bei einem Selfie auch. Ich wiederum wähle den Moment, in dem ich sie am schönsten finde.

      Ein Skype- bzw. Facetime-Anruf hat in der Regel nicht länger als zehn Minuten gedauert. Gibt es eine Unterhaltung, die dir in Erinnerung geblieben ist?
      Einem der Mädchen bin ich in Soho über den Weg gelaufen und bin ihr für ein Foto regelrecht nachgerannt, weil ich sie so umwerfend fand. Als wir allerdings unser Skype-Date hatten, musste ich feststellen, dass sie um einiges jünger und schüchterner war, als ich sie mir vorgestellt hatte. Unser Skype-Shoot fand auf der Toilette ihrer High School statt.

      Welche Geschichte steckt hinter dem Namen TWENTY-FOUR CARAT?
      24 Karat Gold hat einen Reinheitsgrad von 99,9 %. In meiner Bildreihe steht es als Synonym für das natürliche Portrait. 

      Wie wichtig sind Privatsphäre und Intimität heutzutage noch?  
      Ich glaube, dass trotz Digitalisierung des Alltags, Intimität und Privatsphäre eine immer größere Rolle in unseren Lebensentwürfen spielen. Unser Social-Media-Profil ist zwar für viele der Mittelklassewagen der 90er Jahre, aber für professionelle Kreative als Marketingtool unerlässlich. Ich kenne so viele Bloggerinnen, die das perfekte Leben einwandfrei vorspielen können. Influencer zu sein, ist aber harte Arbeit, die nichts mehr mit dem wahren Leben oder der eigenen Persönlichkeit zu tun hat und damit auch nichts mehr mit der eigenen Intimität und Privatsphäre.

      @jessicamaraa

      Credits

      Text: Juule Kay
      Screenshots: Jessica Barthel

      Stay i-D! Like uns auf Facebook, folge uns auf Twitter und Instagram.

      Themen:selfie, selfiekultur, fotografie, screenshots, jessica barthel, gesellschaft, schönheit, natürlichkeit, kultur, twenty-four carat

      comments powered by Disqus

      Heute auf i-D

      Mehr laden

      featured on i-D

      Weitere Features