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      meinung Ebonee Davis 14 Juni 2017

      verlieren wir uns selbst in der “like“-kultur?

      Ebonee Davis ist nicht nur Kampagnenstar von Calvin Klein, sondern spricht auch offen über den Druck in der Modelbranche. In diesem Essay fragt sich das in Seattle geborene Model, was für Auswirkungen es auf unser Selbstwertgefühl und unsere Persönlichkeit hat, wenn wir uns von der Bestätigung durch andere abhängig machen. Indem wir liebevoll unsere homogen wirkenden Online-Persönlichkeiten kuratieren, riskieren wir die eine Sache zu verlieren, die wir wirklich haben: uns selbst.

      Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D UK.

      Auf einer Party letzte Woche wurde ich von einem jungen Mann mit relativ vielen Followern auf Social Media — damit meine ich mehrere Hunderttausend — angesprochen. Er hat mich um ein gemeinsames Foto gebeten. Auch wenn ich es etwas komisch fand, dass er ohne sich vorzustellen nach einem Foto gefragt hat, habe ich eingewilligt. Kurz nachdem er das Foto gemacht hatte, ist er abgezischt, um das Bild zu posten. In diesem Moment habe ich begriffen, wie einfach man im Internet die Illusion einer Freundschaft erwecken kann. Wer auch immer dieses Foto sieht, denkt, dass wir uns seit Jahren kennen würden; oder dass wir unsere Namen kennen; oder dass wir zumindest miteinander geredet haben. Diese Begegnung war nicht die erste dieser Art. Ich frage mich, wie Social Media unsere Beziehungen beeinflusst — die Beziehung zu anderen als auch die Beziehung zu uns selbst. Die sozialen Medien haben die Art und Weise verändert, wie wir uns mit anderen verbinden, wie wir miteinander interagieren und auch die Distanz zwischen uns. Instagram beeinflusst unsere psychische Gesundheit mehr als jedes andere soziale Netzwerk.

      Auch auf i-D: In unserer "Size Matters"-Reihe spricht Model Rosie Nelson über den Druck, extrem dünn zu sein

      Während meiner Jahre als Instagram-Userin habe ich immer diesen Druck gespürt, mich einem gewissen Schönheits-, Mode- und Fitnessstandard unterwerfen zu müssen. Und dieser Druck wurde stetig größer und sichtbarer, weil die Instagram-Community weiter und weiter wächst. Für die meisten ist es unmöglich, den sehr begrenzten Mainstream-Schönheitsidealen zu entsprechen, und sie leiden unter dem Druck. Dass sich viele in den sozialen Netzwerken ihre Bestätigung holen, macht das ganze nicht besser. Sie machen ihr Selbstbewusstsein von einem Bewertungssystem abhängig, das auf Likes, Kommentaren und Followern beruht. Uns selbst mit anderen zu vergleichen, war nie so einfach wie heute, denn das Internet ist ständig da. Als Konsequenz daraus sind wir in der Lage, uns ständig selbst und andere zu beurteilen, was es zunehmend schwerer macht, authentisch zu bleiben. Seien wir ehrlich: Die meisten von uns leben in ständiger Angst davor, von anderen dafür verurteilt zu werden, wer wir wirklich sind. Diese Angst hat Konformität zur Norm und Authentizität zur Ausnahme gemacht.

      Das Risiko psychischer Erkrankungen ist nicht die einzige Folge Teil einer Generation zu sein, die von den sozialen Netzwerken bestimmt wird. Bei den Castings werde ich ständig gefragt, wie viele Follower ich habe. Viele Kunden casten Models mit hohen Follower-Zahlen, auch wenn andere Models viel qualifizierter für den Job sind. Dieses Verfahren hat einen Anreiz für Models geschaffen, Kapital aus bestimmten Freundschaften zu schlagen und sich auf eine Art und Weise zu präsentieren, die der Industrie gefällt. Von uns wird ständig verlangt, dass wir unsere Authentizität untergraben, weil wir sonst dem Risiko ausgesetzt sind, unsere Einnahmequelle zu verlieren. Es gab sogar Zeiten, in denen ich mich zurückgehalten habe, bestimmte Fotos zu posten. Ich habe nur die Fotos hochgeladen, die das Leben präsentiert haben, von dem ich dachte, dass ich so sein sollte. 

      Die steigende Popularität der sozialen Netzwerke hat auch zu immer größerem Cyber-Mobbing geführt. Die sozialen Netzwerke haben ihren Usern die Macht gegeben, sich gegenseitig anonym und rücksichtslos zu attackieren und zu kritisieren. Natürlich gibt es Funktionen wie "Blocken", aber die können nichts gegen den irreparablen Schaden ausrichten, der eine Cyber-Mobbing-Attacke anrichtet. Das sieht man besonders an den Profilen von Prominenten. Die Gesellschaft stellt berühmte Menschen auf ein Podest. Ihre Leben seien wichtiger und perfekter als unsere eigenen — denken wir jedenfalls. Und genau deshalb kritisieren wir sie und ihren Leben, wenn sie unsere Erwartungen nicht erfüllen. Warum erwarten wir von Prominenten Perfektion? Warum erwarten wir gegenseitig Perfektion? Wir zwängen unsere Leben in irgendwelche Kategorien, weil wir denken, dass wir so, wie wir sind, nicht gut genug sind. Wir leben in einer unperfekten Welt, dennoch haben wir das Gefühl, dass wir auf Social Media perfekt sein müssen. Wie gehen wir miteinander um, wenn uns Instagram nur sehr wenig Raum für Fehler, für Verletzlichkeit und für Makel — kurz: für Menschlichkeit — lässt?

      Indem wir diese falschen Leben befeuern und die penibel kuratierten Fotos mit der Welt teilen, haben wir eine alternative Realität erschaffen, in der nur die angenehmsten Versionen unserer Persönlichkeit existieren können. Für viele von uns, ist es unmöglich geworden, dieser Welt zu entkommen. Die Art und Weise, wie wir uns auf diesen virtuellen Plattformen kuratieren, hat auf andere Bereiche übergegriffen: wen wir daten, mit wem wir uns anfreunden, wen wir einstellen. Und sie hat beeinflusst, wie wir andere sehen und wie wir uns selbst sehen. Also wie ändern wir das? Wir müssen uns erstens eingestehen, dass wir nicht wir selbst sind. Wir müssen uns noch von veröffentlichten Persönlichkeiten distanzieren. Wir müssen uns eingestehen, dass wir innerhalb der Erwartungen von anderen gelebt haben und dass uns dabei die Angst vor Verurteilung geleitet hat. Wir müssen damit aufhören, unsere Leben mit anderen zu vergleichen und begreifen, dass unsere Urteile andere beeinflussen. Lasst uns doch einfach nur mal darüber nachdenken, warum es uns so leichtfällt, uns gegenseitig fertigzumachen. Hören wir damit auf, dass wir gegenseitig ein Gefühl der Unsicherheit und Angst vor uns selbst erzeugen. Lasst und alle Formen von Schönheit und Individualität wahrnehmen und zelebrieren. Erobern wir unsere Menschlichkeit durch Liebe und gegenseitigen Respekt für uns selbst und andere zurück und seien wir schonungslos wir selbst! Befreien wir uns! Wir sind so viel mehr als die Kategorien, in die wir uns zwängen müssen.

      Wenn du selbst in einer seelischen Krisensituation stecken solltest, gibt es kostenlose Hilfsangebote wie die örtlichen Kinder- und Jugendnotdienste oder die Nummer gegen Kummer.

      Credits

      Text: Ebonee Davis
      Foto: Kofi Dua

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      Themen:meinung, ebonee davis, like-kultur, instagram, social media, like culture, psychische gesundheit

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