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      musikinterviews i-D Staff 24 August 2016

      warum weibliche djs leider immer noch so wenig präsent sind

      Das DJ-Kollektiv Discwoman und die kreativen Köpfe hinter der Partyreihe Creamcake haben beim DJ-Workshop im Ohm Antworten darauf gegeben.

      warum weibliche djs leider immer noch so wenig präsent sind warum weibliche djs leider immer noch so wenig präsent sind warum weibliche djs leider immer noch so wenig präsent sind

      Who run the world? In unserer neuen Printausgabe The Female Gaze Issue zeigen Frauen, wie sie die Welt sehen. In den kommenden Wochen widmen wir uns in einem Themenschwerpunkt der Frage, was es heutzutage bedeutet, eine Frau zu sein.

      Während Creamcake mit den Events im Ohm und Südblock dem geübten Berliner Partygast ein Begriff sein sollte, wissen vielleicht nicht so viele, dass die Frauen hinter den Kulissen noch an vielen weiteren Projekten arbeiten. Eines fand vor gut zwei Wochen im besagten Ohm statt. Aber anstelle von Schweiß- und Rauchgeruch und lauter Musik, durch die man seine eigenen Worte nicht versteht, ging es um Austausch, Gespräch und Beats: Creamcake lud zusammen mit Discwoman, dem DJ-Kollektiv aus New York, das Cis- und Transfrauen und genderqueere Talente vertritt und mit über 150 DJs und Produzenten zusammenarbeitet, zum DJ-Workshop. Um die 40 Frauen waren dabei, ließen sich erklären, wie man Übergänge meistert, und konnten das Gelernte auch gleich selbst ausprobieren. Dazu gab es ein Barbeque im Garten und am Ende auch eine Party, die bis in die frühen Morgenstunden ging. 

      Thump war auch beim DJ Workshop dabei. Was alles passiert ist, könnt ihr hier lesen.

      Während der Workshop ein Teil der Discwoman-Tour war, arbeitet das Team von Creamcake an der zweiten Ausgabe des 3hd Festivals, das vom 11. Oktober bis 15. Oktober wieder in Berlin stattfinden wird. In Talks, Workshops, Performances und Partys offline und online wird das Thema There's nothing left but the Future? aus den verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet. Da es uns aufgrund des durchgehend spannenden Programms wirklich schwer fällt, dir das eine oder andere Event ans Herz zu legen, empfehlen wir dir einfach das Angebot aufmerksam anzuschauen und dir jetzt gleich durchzulesen, was Emma und Frankie von Discwoman und Anja und Daniela von Creamcake zu sagen haben: Warum wir Frauenkollektive brauchen, warum Frauen in der Musik immer noch unterrepräsentiert sind und welche Rolle Musik in ihrem Leben spielt. 

      Emma, 27

      Woher kommst du?
      New York.

      Was machst du?
      Ich bin DJ bei Umfang und Produzentin und Mitgründerin von Discwoman. Ich mache Musik und versuche, neuen Talenten eine Bühne zu geben.

      Warum bist du heute hier?
      Ich gebe hier einen Workshop. Ich glaube, dass Frauen nicht oft genug dazu ermutigt werden, technische Skills zu erlernen. Dabei kannst du einiges an Selbstvertrauen in einer Gruppe von Frauen gewinnen beziehungsweise in einer Gruppe ohne Männer, die dir die Welt erklären wollen.

      Warum spielt Musik so eine wichtige Rolle in deinem Leben?
      Musik fühlt sich nach etwas an, das ich nicht rechtfertigen muss. Blake Baxter hat mal gesagt, dass du einfach du selbst sein kannst, wenn du Musik produzierst. Vielleicht hört sich das im ersten Moment sehr trivial an, aber es ist wirklich das beste Gefühl! Als ich noch jünger war, kam ich zum Glück mit experimenteller Musik in Berührung. Obwohl es eine Weile gedauert hat, bis ich eins und eins zusammengezählt und Musik als Beruf für mich entdeckt habe, war es schon immer etwas unglaublich Wichtiges in meinem Leben. 

      Was ist dein Lieblingstrack auf dem USB-Stick, den du für den Workshop zum Mixen mitgebracht hast?
      Das ist echt schwierig zu sagen! Ich habe zwei Tage lange meine Platten durchforstet und bin echt froh, dass ich ein paar meiner Lieblingstracks in digitaler Form besitze, die es so nicht zu kaufen gibt. 

      Glaubst du, dass Frauen vor allem in der elektronischen Musikindustrie immer noch unterrepräsentiert sind?
      Ja, das sind sie, aber auch nur, weil die Leute immer noch fragen: „Warum gibt es so wenige Frauen in der Musikindustrie?". Ich würde das nicht einmal unbedingt als wahr empfinden, aber es existiert einfach ein starker Mangel an Publicity und Chancen für Frauen, deshalb denkt die allgemeine Öffentlichkeit auch immer noch, dass sie in der Musikindustrie nicht wirklich existieren.  

      Was können wir dagegen tun?
      Entscheide dich einfach mal dazu, weibliche DJs zu buchen. Das gleiche gilt auch für von Frauen produzierte Musik. Unterstützt Frauen in dem, was sie antreibt und in dem was sie verwirklichen wollen, egal wie schwierig es auch sein mag oder es entgegen aller Erwartungen ist. 

      Was ist das Beste an Discwoman und warum sind Frauenkollektive heutzutage so wichtig?
      Discwoman bestärkt mich wirklich sehr! Es ist toll, wie viele Möglichkeiten sich aus einer einfachen Idee ergeben haben und dass die Zusammenarbeit mit Menschen, die ähnliche Werte wie wir vertreten, uns letztlich zu einem Ergebnis geführt haben, von dem wir nicht einmal zu träumen gewagt hätten! Kollektive sind gerade deshalb so wichtig, weil du etwas gemeinsam aufziehen musst, um nicht das Risiko einzugehen, an Relevanz in der Branche zu verlieren. Mit einer Gruppe zusammenzuarbeiten, hilft dir dabei, mehr Stärke zu gewinnen als alleine—gemeinsam ist man immer noch am stärksten!

      Die neue Ausgabe von i­-D dreht sich rund um das Thema Female Gaze. Was bedeutet es für dich, eine Frau zu sein?
      Eine Frau zu sein, bedeutet für mich, ernst genommen zu werden, so wie und was du bist und nicht irgendeinem Standard entsprechen zu müssen oder zu lächeln, nur weil es jemand zu dir sagt.   

      Anja, 34

      Woher kommst du?
      Ingolstadt.

      Was machst du?
      Gemeinsam mit Daniela veranstalte ich bereits seit einigen Jahren Partys unter dem Namen Creamcake. Seit letztem Jahr haben wir ein neues Projekt, das 3hd Festival: Ein Festival für das Crossover von Performance, Kunst und Musik in Zeiten einer ubiquitären Digitalität, das im Oktober wieder stattfinden wird. Neben der Konzeption, bin ich auch für die technische Planung und Organisation zuständig.

      Warum bist du heute hier?
      Daniela und ich veranstalten gemeinsam diesen CDJs Workshop für Frauen und die LGBT-Community. Außerdem sehe ich mich als Hauptverantwortliche des BBQ­-Grills und des Lichtpults.

      Warum glaubst du, dass Events wie diese so wichtig sind?
      Frauen und Leute aus der LGBT-Community finden in der Musik immer noch zu wenig Raum, um sich auszuprobieren und somit entfalten zu können. Mit Events wie solchen versuchen wir, den Austausch zu fördern und den Community-­Gedanken zu stärken. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Workshops können in einem geschützten Raum—fernab von Vorurteilen—lernen, mit der Technik umzugehen und erste Schritte mit dem CDJs machen.

      Warum spielt Musik so eine wichtige Rolle in deinem Leben?
      Vom Kirchenchor bis zum heimischen Partykeller habe ich Musik in ihren skurrilsten Formen erleben dürfen. Schon damals habe ich damit begonnen, Veranstaltungen mit elektronischer Musik zu organisieren, vom Underground kann aber noch nicht ganz die Rede sein. In Berlin habe ich dann die ersten queeren Partys mitorganisiert, damals vor allem die Partyreihe einer Kommilitonin namens Milkshake. Hier erlebte ich zum ersten Mal einen Gedanken von Community und Musik abseits des Massengeschmacks. Mit Daniela habe ich dann meine eigene Reihe namens Creamcake ins Leben gerufen, das war 2011. Mir haben damals bestimmte Ansätze und Aspekte in der bekannten musikalischen Szene Berlins gefehlt, die ich mit Creamcake dann umgesetzt habe. Wir haben sehr viel Respekt vor Künstlern und Künstlerinnen und Musikern und Musikerinnen und schätzen die Szene in Berlin, dennoch haben wir schnell gespürt, dass unsere Idee eine andere war. Wir sind ideologisch stark geprägt von digitalen Medien und sozialen Netzwerken, sie bilden einen großen Teil unserer Identität. Plattformen wie Soundcloud haben uns ermöglicht, Künstlern und Künstlerinnen fernab der klassischen Vermarktungs­- und Promotionswege zu entdecken. Auf diesen Plattformen zählt lediglich die Qualität und ob es gefällt—das entspricht unserem Denken. 

      Was ist dein Lieblingstrack auf dem USB-Stick, den du für den Workshop zum Mixen mitgebracht hast?
      Sämtliche Produktionen von LSDXOXO, einer meiner absoluten Favoriten aktuell.

      Glaubst du, dass Frauen vor allem in der elektronischen Musikindustrie immer noch unterrepräsentiert sind?
      Auf jeden Fall. In der Berliner Subkultur hat sich in den letzten Jahren einiges geändert, doch viele Frauen sind nach wie vor durch die vorherrschenden Strukturen und Ansichten gehemmt. Die wirkliche Förderung und der Austausch in Gruppen und Netzwerken hat stattgefunden, allerdings relativ spät und mit viel Kraftaufwand. Die Community hat sich immer wieder gegen Vorurteile gewehrt, Strukturen aufgebrochen und Vorbilder geschaffen. Diesen drei Punkten zollen wir nicht nur größten Respekt und wissen, dass sie große Fortschritte bewirkt haben, sondern wir versuchen, es ihnen gleichzutun. Durch die Veranstaltung unserer Events bringen wir offene, talentierte und innovative Leute zusammen, geben ihnen ein Gefühl von Zusammenhalt und sind Teil der Entwicklung. Wir versuchen, den Menschen aus der Szene das Gefühl zu geben, dass sie gesehen und gehört werden.

      Was können wir dagegen tun?
      Grenzen aufbrechen, Vorbilder schaffen und Raum für Austausch bieten.

      Was ist das Beste an Discwoman und warum sind Frauenkollektive heutzutage so wichtig?
      Mut, Expertise und Zusammenhalt—diese Aspekte zeichnen die Kollektive aus. Jeder, der an dem Workshop heute teil nimmt, kann erleben wie eine Gruppe von selbstbewussten Frauen, die eine genaue Vorstellung von dem haben, was sie machen wollen, andere Frauen und Leute aus der LGBT-Community inspirieren und ermutigen. Es ist ein unglaublich positiver Vibe spürbar und ich denke, da kann ich für alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen sprechen.

      Die neue Ausgabe von i­-D dreht sich rund um das Thema Female Gaze. Was bedeutet es für dich, eine Frau zu sein?
      Weiblichkeit und Frausein bedeutet für mich alles, was eine Gesellschaft über Jahrhunderte dachte, das sie nicht ist. Weiblichkeit kann alles sein. Unser Anspruch ist es, veraltete und normative Formen aufzubrechen und diese neu zu definieren. Wenn wir es schaffen, einen Teil zu dieser Entwicklung beizutragen, macht uns das sehr glücklich.

      Frankie, 29

      Woher kommst du?
      Aus London, aber ich lebe mittlerweile in Brooklyn.

      Was machst du?
      Ich bin Teil von Discwoman, einer DJ-Agentur und Plattform, die sich mit Künstlerinnen beschäftigt, die sich als Frau identifizieren.

      Warum glaubst du, dass Veranstaltungen wie heute so wichtig sind? 
      Events, wo du etwas lernst und die noch dazu umsonst sind, sind nie nicht wichtig!

      Wie bist du zur Musik gekommen?
      Meine Mutter hat, als ich noch klein war, immer Mary J Blige gehört. Und natürlich durch illegale Raves auf dem Unigelände damals.

      Glaubst du, dass Frauen vor allem in der elektronischen Musikindustrie immer noch unterrepräsentiert sind?
      Auf jeden Fall! Das Patriarchat ist der Grund, warum Discwoman überhaupt existiert.

      Was können wir dagegen tun?
      Nicht aufhören, einen Platz für die Erfahrungen von denjenigen zu kreieren, die Frauenfeindlichkeit und Transphobie erleben müssen. Menschen können sich zwar ändern, aber darauf kann man sich auch nicht wirklich immer verlassen.

      Warum sind Frauenkollektive heutzutage so wichtig?
      Frauenkollektive sind so lange wichtig,  wie es Frauenfeindlichkeit und das Patriarchat gibt. Wir haben mit Discwoman angefangen, um Künstlerinnen zu feiern, die sich als Frauen identifizieren und das machen wir immer noch, das mag ich daran. 

      Daniela, 32

      Woher kommst du?
      Ich komme aus Ingolstadt und lebe seit 2007 in Berlin.

      Was machst du?
      Ich habe Museumsmanagement und Kommunikation an der HTW Berlin studiert und bin Mitbegründerin und Musik-Kuratorin der Veranstaltungsreihe Creamcake. Seit 2015 organisiere ich gemeinsam mit Anja Weigl das 3hd Festival. Mithilfe von Musik, Kunst und Performance analysiert und diskutiert das Festival mit seinem hybriden Format die Fragen, die sich aus unserer Zeit einer totalen Digitalisierung in Bezug auf Politik und Gemeinschaft, wirtschaftliche Unsicherheit und Kommunikation ergeben. 

      Warum bist du heute hier?
      Um herauszufinden, wie das Publikum mit so einem Workshop umgeht, was für ein Publikum kommt und wie offen es ist. Es ist toll zu erleben, wie die Teilnehmer und Teilnehmerinnen neue Tricks und Tipps erlernen und eine Veränderung im eigenen Auflegen durch den Workshop erfahren. Beim Üben geht es ja vor allem darum, dein musikalisches Gehör zu trainieren und eine Routine mit der Technik zu bekommen.

      Warum glaubst du, dass Events wie diese so wichtig sind?
      Der Workshop als auch andere Events wie diese bieten eine hervorragende Möglichkeit, die eigene Selbstwahrnehmung, persönliche Ziele, Handlungen und Wissen zu erweitern, sich einer internationalen Community anzuschließen und neue Bindungen zu anderen Frauen und Queers aufzubauen.

      Warum spielt Musik so eine wichtige Rolle in deinem Leben?
      Ich habe schon als Teenager sehr viel Musik gehört. Als das Internet immer größer wurde, habe ich auf Napster und Audiogalaxy sämtliche Songs heruntergeladen und meine eigenen Compilations zum Autofahren gebrannt. Ich habe dann Anja im Club Suxul kennengelernt, wo sie und ein paar andere Freunde gearbeitet haben. Dann haben wir unsere erste gemeinsame Partyreihe Disconnected organisiert, die ein totaler Flop war. Ingolstadt war einfach noch nicht so weit. 2007 sind wir gemeinsam nach Berlin gezogen und haben die dortige, elektronische Musikszene erkundet, seitdem ist sehr sehr viel passiert. 

      Was ist dein Lieblingstrack auf dem USB-Stick, den du für den Workshop zum Mixen mitgebracht hast?
      Mein momentaner Lieblingstrack ist LIFE, der von uns auf unserem eigenen Label Creamcake kürzlich veröffentlichten EP Powerpoint des finnischen Künstlers Keiska. Wenn ich selbst auflege, liebe ich es, mit Acapellas und Instrumentals zu spielen.

      Glaubst du, dass Frauen vor allem in der elektronischen Musikindustrie immer noch unterrepräsentiert sind?
      Es ist natürlich so, dass Frauen in der elektronischen Musikszene immer noch unterrepräsentiert sind. Es gibt eine Vielzahl von Barrieren, die Frauen davon abhalten, anfangen zu produzieren und/oder aufzulegen. Eines der für mich persönlich und als Festivalleiterin grundlegenden Probleme ist es, dass eine Vielzahl von Entscheidungen, zum Beispiel welche Künstler und Künstlerinnen gefördert, gebucht oder interviewt werden, vor allem von Männern getroffen werden und sie damit vorrangig zu einer Meinungsbildung beitragen—das wollen wir unbedingt verändern!

      Was können wir dagegen tun?
      Es braucht andere Rollenbilder und eine veränderte Selbstwahrnehmung von Frauen. Frauen müssen einfach noch mutiger werden, für das einstehen was sie wollen und versuchen, es sich einfach zu nehmen, genauso wie ihre männlichen Kollegen.

      Was ist das Beste an Discwoman?
      Ich schätze an Discwoman sehr, dass sie ihr eigenes Ding machen und in kürzester Zeit eine internationale Plattform für Frauen und Queers geschaffen haben. Sie brechen die Art und Weise, mit welchen Vorurteilen Frauen in der Musikszene noch immer begegnet wird.

      Die neue Ausgabe von i­-D dreht sich rund um das Thema Female Gaze. Was bedeutet es für dich, eine Frau zu sein?
      Feministisches Denken bedeutet für mich, immer wieder meine eigene Komfortzone zu verlassen.


      Hier findest du alles aus unserer The Female Gaze Issue.

      Credits

      Einleitung und Produktion: Alexandra Bondi de Antoni
      Interviews und Produktionsassistenz: Juule Kay
      Fotos: Tereza Mundilová

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      Themen:discwoman, creamcake, berlin, kollektiv, girlpower, female gaze, the female gaze issue, musik, the female gaze, musikinterviews, alexandra bondi de antoni

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