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      musikinterviews Natalie Mayroth 18 April 2016

      „die helden sind gestorben, unsere zeit ist post-internet“

      In der Moskauer Subkultur kreiert die Künstlerin Yana Kedrina ihre ganz eigene Welt.

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      Um ihren Hals hängt ein kleines Kreuz. In der rechten Hand hält sie ein Mikrofon, mit der anderen stellt sie den Computer ein. Im schwarzen, bauchfreien Top und Jeans steht Yana in einem Hochhausatelier. Verträumte Melodien mischen sich mit dunklen Klangcollagen, die mal langsamer, mal schneller werden. Darüber schwebt ihr Gesang Razrushitelniy Krug (Destructive Cycle).

      Yana Kedrina alias Kedr Livanskiy schreibt ihre Texte auf Russisch. Sie ist eine der Sängerinnen und Produzentinnen, die über Soundcloud entdeckt worden ist. Jene Leichtigkeit, die sie in ihren Songs und Videos zeigt, verwundert und fasziniert. In der Moskauer Subkultur ist Yana Kedrina zu Hause. Die 25-jährige Regiestudentin ist Mitglied des Künstlerkollektivs und DIY-Labels John´s Kingdom. Aufgewachsen ist sie mit der russischen Version von The Cure und MTV. Kein Wunder, dass ihr Debütalbum January Sun auf einem New Yorker Label erschienen ist.

      Yana, vor Kurzem hast du deine erste EP veröffentlicht. Wie kam es dazu, dem russischen Winter ein Album zu widmen?
      Darüber habe ich nicht nachgedacht. Ich habe es geschrieben, weil ich Musik teilen wollte. 2MR-Records kam auf mich zu und es hat sich eine Kooperation entwickelt.

      Seit wann machst du Musik?
      Musikalisch aktiv bin ich seit meiner Jugend. Mit zwölf Jahren habe ich mit einem Freund zusammen erste Songs geschrieben. Später war ich in einer Pop-Punk-Band. Mit 19 habe ich in einer Gruppe getrommelt und auch ein bisschen Bassgitarre in einer Frauen-Psychobilly-Band gespielt.

      Du warst Mitglied einer Punkband. Wie kam es zum Stilwechsel?
      Die Tatsache, dass ich angefangen habe elektronische Musik zu machen, war vom Kino beeinflusst. Durch mein Regiestudium hat sich meine Haltung und Wahrnehmung gegenüber Musik verändert. Punk fühlte sich wie eine Sackgasse an, es hat mich nicht mehr gereizt.

      Warum hast du ins Elektronische gewechselt?
      In der elektronischen Musik gibt es mehr Möglichkeiten, Rhythmus zu formen. Mir gefällt es, Breakbeat-Elemente einzubauen. Vor gut zwei Jahren habe ich mir das Musikprogramm Ableton besorgt. Zu Beginn habe ich alles digital gemacht. Manche Songs habe ich auf Tape aufgenommen und digital rückgekoppelt. Mittlerweile benutze ich Synthesizer. Das macht den Prozess, Musik zu komponieren, spontaner.

      Deine Musik klingt sehr zart. Ist das der Soundtrack für eine neue Generation?
      In Russland herrscht momentan eine große Verwirrung. Es gibt so viele junge Leute, die aber alle verschieden sind. Schönes und Schlechtes gibt es hier überall. Mein Album ist weder über Russland noch über junge Leute. Es ist der Soundtrack zu meiner idealen Welt. Ich glaube nicht, dass dieser Stil ein Sound einer ganzen Generation sein kann, dafür ist sie zu divers, das ist unmöglich. Die Helden sind gestorben, aber es ist nicht so schlimm, unsere Zeit ist Post-Internet.

      Hat das Internet die Musikvideo-Stars gekillt?
      Das Netz erschafft seine eigenen Helden wie Kanye West oder Miley Cyrus. Meine Helden sehe ich weniger im TV verortet, mehr im Underground, doch als das Internet auftauchte, hat es den Elitismus und die Szene zugleich ausgelöscht. Zu meinen Vorbildern zählen Vordenker neuer Stile wie der Industrialkünstler Genesis P-Orridge oder der jamaikanische Musikproduzent Lee Scratch Perry. Das sind zwar sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, doch leben die Musik einfach. 

      Als Frau muss man sich oft behaupten. Ist John´s Kingdom für dich dein sicherer Raum, um zu experimentieren?
      Das ist nicht der Kontext des Kollektivs. Es geht nicht darum, ein sicherer Ort für Frauen zu sein. Wir sind wie eine Familie, das Label ist ein Zusammentreffen von Leuten mit der gleichen Vision, die gleichberechtigt entscheiden.

      Welche Rolle spielen Bilder in deiner Arbeit als Musikerin und Regisseurin für dich?
      Ich habe genaue Vorstellungen, wie etwas aussehen soll. Das hindert mich manchmal, denn ich gebe meine Arbeit ungern an andere weiter. In der Welt von perfekten Filtern steht für mich Qualität nicht an erster Stelle. Ich möchte nichts, das leblos aussieht. Schönheit ist nicht das perfekte Bild. Wenn es zu glatt ist, fehlt der Schmutz.

      Warum brauchst du das Schmutzige?
      An einem gewissen Punkt wird mir die Realität zu langweilig, dann kreiere ich meine eigene. Musik ist meine Ausdrucksform dafür. Ich drücke mich aber auch auf anderen Wegen aus, eben mit Fotos und Videos. Ich nutze YouTube und Instagram. Das ist für mich wie ein Tagebuch.

      Davor war flickr dein Online-Tagebuch.
      Ja, viele Leute haben flickr benutzt, weil sie einen Mythos erzeugen wollten. Andere haben auch einfach nur dokumentiert, was ihnen passiert ist. Sie haben die Welt gezeigt, wie sie ist.

      Wie verwendest du Sprache in deinen Texten?
      Das Schwierige an der russischen Sprache ist, weder zu literarisch noch zu kitschig-pompös zu klingen. Meine Songtexte sind metaphorisch. Ich benutze moderne Sprachbilder, aber auch Bilder aus der Natur, die zeitlos sind. Es gibt den offensichtlichen Text und das, was in den Zeilen versteckt ist.

      Und du scheinst eine Vorliebe für den irischen Schriftsteller James Joyce zu haben.
      Für den Track „Winds of May" habe ich die Zeilen des gleichnamigen Gedichts von Joyce gewählt, weil ich seine einfache und offene Poesie mag.

      Welche Bedeutung hat die Liebe dabei?
      Es gibt keinen expliziten Song über unglückliche Liebe zwischen Mann und Frau. Ich bin in einer harmonischen Beziehung. Ich kümmere mich nicht mehr um die Reflexion von Liebe, die Unmöglichkeit, Schmerzen oder den Kampf mit einem Selbst. Kennst du Fjodor Dostojewski? Er ist für mich ein Bezugspunkt. Es geht um eine andere Liebe, die metaphysisch ist.

      Und wie sehr bist du von russischer Musik beeinflusst?
      Ich höre viel alte russische Musik, ich bin damit aufgewachsen. Als Kind habe ich viel Rock gehört. Wir haben zu jeder amerikanischen und europäischen Band, sei es The Cure, David Bowie oder Joy Division, ein russisches Pendant. Es war cool, obwohl es eigentlich eine einzige Parodie war. Wir hatten aber auch tolle Anarcho-Bands, die von echten Helden sangen und in poetischen Bildern zu einem anderen Leben aufriefen. Die russische Revolution steckt nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik.

      Du hast in einem Interview erzählt, du könntest nicht in Europa leben. Warum?
      Ich mag Europa und die USA, besonders ihre Kultur. Aber ich fühle mich dem Durcheinander Russlands näher. Wir sind ständig auf der Suche. Es ist kein komfortables Leben. Ich mag diese Spannung, das Verdorbene. Aber auch die Sprache, Weite und Natur wie die wilden Ländereien des Altai-Gebirges oder die Taiga, die etwas Mysteriöses umgibt.

      @KedrLivanskiy

      Live kannst du Kedr livanskiy im Zuge des Torstraßen Festivals am 4. Juni in Berlin sehen. Mehr Informationen findest du hier

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      Credits

      Text: Natalie Mayroth 
      Fotos: Liza Zubkova

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      Themen:kultur, musik, musikinterviews, kedr livanskiy, johns kingdom

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