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      fotografie Osia Katsidou 11 Januar 2016

      die fotografinnen nadia lee cohen und juno calypso über cindy shermans einfluss

      Wir nahmen die retrospektive Ausstellung im Berliner me Collectors Room zum Anlass, zwei junge Fotografinnen zu fragen, welche Bedeutung Cindy Sherman für sie hat.

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      Bild: Cindy Sherman Untitled 96 1981, © Courtesy of the artist and Metro Pictures New York

      Cindy Sherman ist die große Ikone des Selbstbildes und gehört zu den bedeutendsten Künstlern unserer Zeit. Die Galerie me Collectors Room in Berlin Mitte widmet der amerikanischen Fotografin bis April eine Ausstellung, in der man 65 Arbeiten aus ihrer 40-jährigen Schaffenszeit betrachten kann.

      Cindy Sherman ist für ihre Fotografien selbst in Tausende Rollen geschlüpft und hat Frauen jeglicher Herkunft und jedes weiblichen Klischees bis ins kleinste Detail dargestellt. Ihre Werke haben einen besonders starken Wiedererkennungswert. Zum Teil absurde, zum Teil banale Porträts zeichnen ihr Gesamtwerk aus.

      Cindy Sherman, Untitled 354, 2000, © Courtesy of the artist und Metro Pictures New York

      Bei der Retrospektive im me Collectors Room wird deutlich, welche Relevanz Cindy Sherman heute immer noch hat. In Zeiten, in denen das Selfie alle sozialen Netzwerke füllt und die Selbstinszenierung zum Vollzeitjob geworden ist, beginnen immer mehr junge Künstler sich kritisch mit dieser Problematik auseinanderzusetzen. Wir nahmen die Ausstellung zum Anlass mit Nadia Lee Cohen und Juno Calypso -  zwei junge Fotografinnen, die sich in ihren eigenen Arbeiten mit dem Frauenbild beschäftigen -, über ihre Arbeiten und darüber, welchen Einfluss Cindy Sherman auf ihre Kunst hat, unterhalten. 

      Nadia Lee Cohen 

      Wie hat Cindy Sherman deinen künstlerischen Ansatz beeinflusst?
      Sie hat sehr große Bedeutung für mich. Ich entdeckte ihre Untitled Film Stills in der Bibliothek meiner Universität, als ich etwa 18 Jahre alt war. Ich war fasziniert von der Theatralik in ihrem Rollenspiel und ihrer Fähigkeit, sich vollkommen in Charaktere zu verwandeln, die sie sich vorher ausgedacht hatte. Ihre Bilder haben etwas Unheimliches, das für den Beobachter verstörend wirken kann. Das würde ich gerne selbst mit meiner Arbeit erreichen.

      Warum denkst du, dass ihre Arbeiten so bahnbrechend sind. Welche Relevanz hat ihre Arbeit heute?
      Ich finde ihre Arbeit heutzutage absolut relevant. Wir leben in Zeiten, in denen jede und jeder online eine zweite, konstruierte Identität besitzt. Cindy Sherman macht das schon viel länger, als es das Internet überhaupt gibt. Ich denke, dass soziale Medien bloß eine moderne Darstellung des Selbstporträts sind, so wie auch sie es fertigte. Sie war ihrer Zeit voraus - allerdings ohne diese Selbstverliebtheit.

      Warum ist es dir wichtig, in deiner Arbeit Weiblichkeit, Sexualität und Identität zu erkunden?
      Weil ich eine junge Fotografin mit viel Identität und Vorstellungskraft bin. Ich möchte, dass meine Bilder zeitgenössisch und langlebig sind, deshalb entschied ich mich, weibliche Formen darzustellen. Ich fotografiere und stelle Frauen von heute dar, die mich interessieren. Ich caste Models, die etwas Schrulliges haben und sehr ausdrucksstarke Gesichter. Vor jedem Shoot stelle ich mir die Charaktere in gestellten Situationen vor, als wären sie gestohlene Momente aus einem Film. Die Sets und Ideen sind zum Großteil an Hollywood-Fantasien angelehnt, aber auch an Massenwerbung und der Gegenwartskultur. Social Media hat dazu geführt, dass wir uns nicht mehr für ein bestimmtes Selbstverständnis entscheiden müssen. Wenn Mädchen in Rollen schlüpfen, die ich mir vorher für sie ausgedacht habe - ihre Farbe, ihre Spannung und ihre Erzählstruktur - hoffe ich, dass meine Bilder die Täuschung wiedergeben.

      nadialeecohen.com

      Juno Calypso 

      Wie hat Cindy Sherman deinen künstlerischen Ansatz beeinflusst?
      Ich habe als Siebenjährige begonnen, Bilder von mir selbst zu machen, ohne wirklich zu wissen, was ich da tue. Während der Schulzeit wurden uns Shermans schwarz-weißen Film-Stills gezeigt. Damals war ich ziemlich rebellisch und wollte nichts gut finden, was meine Lehrer mochten. Ich wünschte, sie hätten uns damals schon ihre Kotze- oder Sex-Bilder gezeigt. Ich hätte das mit 16 geliebt. Erst im Jahr 2011, als ich während des Studiums mit einer Selbstporträt-Serie begann, schaute ich mir ihre Arbeiten genauer an. Ich habe alle ihre Bücher in der Bücherei ausgeborgt und mir Videos auf YouTube angeschaut. Es war total ermutigend, jemanden zu sehen, der davon sprach, ganz alleine zu arbeiten. Das war ihr Einfluss auf mich, zu wissen, dass es noch einen anderen Sonderling im Alleingang gab, den es stresst, Bilder von jemand anderem als sich selbst aufzunehmen.

      Was macht ihre Arbeit so bahnbrechend und welche Relevanz hat sie heute?
      Ich wurde 1989 geboren, ich kann also nicht von den 70ern sprechen, aber aus heutiger Perspektive hat sie einiges aufgerüttelt. Sie hat den männlichen Blick auseinandergenommen und den Jungs-Club, der die Fotografie und das Kino dominierte, infiltriert. Außerdem machte sie Bilder von Würsten, die aus einer Plastik-Vagina kamen. Was will man mehr? Sie war aber auch nicht die erste Frau, die sich selbst fotografierte. Claude Cahun hat lange vor Cindy Shermans Geburt subversive Selbstporträts geschossen. Ich glaube, dass es die Frauenbewegung zurückhält, dass ihre Geschichte stets vergessen wird. Jede Generation wird als innovativ behandelt, als ob sie radikal sei. Cindy Sherman war wichtig für die 70er. Jetzt, also nach ihr, brauchen wir jemand anderen. Man hat mir oft gesagt, ich könnte meine Arbeit nicht machen, weil Cindy Sherman sie bereits gemacht hat. Es ist gefährlich, Frauen zu sagen, es gäbe nur Raum für Eine. Aber keine Frage, ihre Arbeit hat heutige Relevanz. Ihr Name muss immer auftauchen, wenn jemand versucht, die Selfie-Kultur auseinanderzunehmen. Das ist unumgänglich.

      Warum ist es dir wichtig, in deiner Arbeit Weiblichkeit, Sexualität und Identität zu erkunden?
      Ich möchte mich mit Weiblichkeit und Sexualität auseinandersetzen, weil sie wichtige Teile meiner Identität sind. Ich kann ihnen nicht entfliehen, sie sind in meinem Kopf. Meine Arbeit hilft mir, sie zu verstehen. Lasst uns einfach mal Spaß darüber machen und das Frausein so etwas leichter machen. 

      junocalypso.com

      Cindy Sherman - Works from the Olbricht Collection ist noch bis zum 10.04.2016 bei me Collectors Room zu sehen. 

      me-berlin.com

      Credits

      Text: Osia Katsidou 

      Bilder: Cindy Sherman, Nadia Lee Cohen und Juno Calypso

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      Themen:me collectors room, fotografie, cindy sherman, nadia lee cohen, kultur, juno calypso, ausstellung, berlin

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