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      meinung Sydney Lima 20 März 2017

      der i-d guide für junge kreative

      Fotos von deinem Kaffee oder deinem Essen auf Instagram hochzuladen, ist keine Kunst mehr, es ist ein Job. Model und Autorin Sydney Lima hat ein paar Tipps für dich, wenn du auch zu den jungen Leuten gehören willst, deren Jobbeschreibung vor allem aus einem Wort besteht: Schrägstrich.

      Im Café sitzt ein Girl mit einem extrem ausdruckslosen Gesicht. Ihr Verhalten hat etwas Unheimliches. Ihr Outfit passt nicht so recht zum regnerischen Februarwetter und irgendwas scheint sie zu stören. Sie sieht gestresst aus, aber nicht zu gestresst, sie kann immerhin noch einen Schmollmund ziehen. Der Löffel steht in einem perfekten 45-Grad-Winkel in der Tasse, aber sie rührt damit nicht herum. Der Löffel berührt nur ganz leicht die Oberfläche, fast so, als ob er nicht dreckig werden soll.

      Als sie ihren Kopf leicht neigt, sehe ich eine Canon-Kamera durch das Fenster. Als der Boy hinter der Kamera, der gerade seinen Abschluss an der Kunsthochschule gemacht hat, ins Café kommt und sich neben sie setzt, sagt er: „Ich glaube, wir haben's" und klickt sich durch Bilder, die in den letzten 25 Minuten entstanden sind.

      Er öffnet seinen Laptop und lädt die Bilder auf eine soziale Plattform hoch. Plötzlich trifft es mich wie der Blitz: vor mir sitzen zwei junge Kreative.

      Als ich jünger war, wollte ich nichts werden. Keine Ärztin, das Fernsehen hatte mich genügend überzeugt. Und mit Sicherheit auch keine Lehrerin, weil ich schon früh gemerkt habe, dass jede Person, die mit Frau und Herr angesprochen wird, miserabel aussieht. Ich hatte dafür kurz mit dem Gedanken gespielt, Karate-Champion zu werden. Als sich aber ein Junge im Samstagskurs über die Höhe meines Highkicks lustig gemacht hat, war es damit auch wieder schnell vorbei. Er hatte nicht meine genetische Veranlagung berücksichtigt, denn ich habe kurze Beine und der Kick war proportional gesehen womöglich sogar ziemlich beeindruckend.

      Letztlich hab ich mich, wie so viele, die nichts mit sich anzufangen wissen, von Job zu Job in der Kreativbranche gehangelt und das mehr schlecht als recht. Ich hatte immer Jobs, die in den Jobbörsen zwar als Teil der Kreativbranche angepriesen wurden, die aber wenig bis rein gar nichts mit Kreativität zu tun hatten. Für jemanden, der Probleme mit dem Erscheinen und der Pünktlichkeit hat, habe ich mich aber ganz gut geschlagen. Manchmal haben mich die Produzenten gefragt, ob ich bei einer Produktion assistiere oder dem Team meine fragwürdigen Schauspielfähigkeiten präsentiere.

      Es dauert aber nicht lange, bevor du realisiert, dass sich die Leute in der Industrie einen Scherz mit dir erlauben, dich finanziell und körperlich verarschen. Man fragt sich unweigerlich, warum immer mehr junge Leute dazu ermuntert werden, ihr Potenzial als junge Kreative auf Freelance-Basis zu sehen. Welche Optionen haben junge Kreative heutzutage überhaupt, außer sich wie Carrie aus Sex and the City zu fühlen?

      Du könntest dir, wie das Duo aus dem Cafe, Social Media zunutze machen und ein Influencer werden. Als Influencer kannst du Kaffeeschaum und schrullige Sprüche auf Servietten sooft fotografieren, wie du willst und die Ergebnisse mit der Welt teilen. Du kannst auch über Nacht zu einem Nutritionist werden. Alles, was du dafür brauchst: vier reife Avocados und eine Smartphone-Kamera. Oder du wirst Aktivistin und engagierst dich in der „Free the Nipple"-Bewegung, weil du weißt, dass Nacktbilder mit Emojis für viele Follower sorgen. Oder du machst viele Selfies und stellst dabei deine vorteilhaften Gesichtszüge in den Vordergrund, so sorgst du für Unsicherheit!

      Wie auch immer dein persönlicher Standpunkt beim Thema Social Media ist, wenn du erfolgreich bist, wird es nicht lange dauern und du wirst als Model arbeiten. Da wir alle besessen vom Neuen sind, wurde Instagram zum Jagdrevier für die New Faces der nächsten Saison. Dort wird der Coolheitsgrad daran gemessen, wer schon mal in einer Streetwear-Kampagne zu sehen war oder in der ersten Reihe einer Fashionshow platziert wurde.

      Falls du aber nicht so eitel bist und lieber im Hintergrund wirkst: versuche es in der Werbebranche. Wie bei jedem richtigen Job in der Kreativbranche musst du Überstunden ohne Ende schieben und wirst dafür nur gering oder gar nicht entlohnt. Erwartet wird, dass man dir deine Begeisterung förmlich ansieht und du jede Minute bereit bist, zu erklären, warum du unbedingt für ein Unternehmen arbeiten willst, das Kekse verkauft — und das alles bitte mit einer guten Portion Leidenschaft. Zu deinem Job werden kreative Aufgaben gehören, wie das Bestellen von Druckerpapier oder des Mittagessens deines Vorgesetzten. Du wirst auch einen Großteil deiner Arbeitszeit damit verbringen, für eine Kopfhörerwerbung nach ethnischen Stereotypen zu casten. Und die Produktion der Werbung kostet 1000 Mal mehr, als du in einem Jahr verdienen wirst.

      Falls du auch noch unter Bindungsängsten leidest, solltest du kein Vollzeit-Freelancer werden. Du wechselst von einer unterbezahlten Personal-Assistent-Stelle zur unterbezahlten Assistenz des Regieassistenten, der denkt, er wäre der Beste. Doch das sind nur ein paar der Freuden des Daseins als Selbstständiger. Selbstständigkeit geht außerdem meistens Hand in Hand mit schlechtem Geldmanagement. Wenn du — wie ich — irgendwas im Internet bestellst, um deinen Kontostand zu checken, dann halte dich von der Selbstständigkeit fern.

      Und natürlich gibt es immer die Option, Künstler zu werden und deiner Kreativität rund um die Uhr freien Lauf lassen. Künstler sind zwar auch Teil der Freelancer-Community, aber die negativen Aspekte verdienen ihren eigenen Absatz.

      Das Künstlerleben ist teuer. Deshalb wählen diese Karriere oft die Glücklichen, die aus einem reichen Elternhaus stammen. Idealerweise hast du Eltern, die mit Geld alle Probleme lösen. Und nett wäre auch, wenn deine Eltern ein Landhaus besitzen, wo du hinfahren kannst, wenn dir alles ein bisschen zu viel wird.

      Solltest du geldtechnisch nicht zu diesen Glücklichen gehören, dann muss deine Künstlerkarriere wohl warten, während du in einer Kneipe Teilzeit arbeitest, um die Miete für dein WG-Zimmer zusammenzubekommen.

      Einstein hat mal irgendwas davon geredet, dass Kreativität ansteckend sei, und dass man sie weitergeben sollte. Ich muss Einstein widersprechen. Als das Pärchen das Café verlässt, blitzt es wieder in einer Ecke. Ein tätowierter junger Mann fotografiert den gleichen Kaffee mit dem gleichen Schaum und lädt es auf dieselbe Social-Media-Plattform.

      Da sind die Allround-Kreativen. Und ja, sie sind überall. Darunter leiden mehr Menschen als unter einer normalen Erkältung. Gute Besserung und frohes Instagrammen!

      Credits

      Text: Sydney Lima

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      Themen:meinung, junge kreative, influencer, kreativbranche, kreativindustrie sydney lima

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