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      musikinterview Steph Kretowicz 10 April 2015

      dan bodan über liebe, social media und politik

      Letztes Jahr war der in Berlin lebende Dan Bodan Teil von Welcome to Berlin, einem Projekt von i-D und Berlin Community Radio, das junge Künstler unterstützt. i-D hat sich mit dem Ausnahmetalent getroffen und mit ihm über das Leben diskutiert.

      „In ,Romeo' geht es um Dating-Apps", erzählt uns der in Berlin lebende Superkanadier über die Inspiration hinter seinem neuesten Album Soft am Telefon. Die gehauchten Vocals von Bodan hallen mit Delay-Effects in einer cleanen und einsamen Umgebung: „In the night, I touch the glass and it illuminates the cold / Here I am, beside your picture. Load it up". Viele der Generation Tinder werden dieses Gefühl kennen: Man sitzt vor dem Smartphone und ist sich nah, aber doch so fern. Dieser Song ist so traurig und bewegend, dass er die irrige Unterscheidung zwischen Mensch und Technologie emotional in Frage stellt.

      „Das ist doch womit jeder gerade zurechtkommen muss", sagt Bodan über unsere bildgesteuerte High-Definition-Welt. „Ich versuche die Realität, und nicht nur die virtuelle Realität, in meinen Songs abzubilden."

      Auf dem Album sticht ein Song hervor, „Catching Fire". Vom zweiten Film aus dem Tribute-von-Panem-Franchise inspiriert, liegt dem Track ein brummender Bass zugrunde, der das Motiv aus dem Filmsoundtrack widerspiegelt. Der Blockbuster ist ein Film mit potenziell revolutionärer Botschaft: ein politisches System, das von sozialer und ökonomischer Ungleichheit geprägt ist, beruht auf der propagandistischen Macht von Popkultur. Die Armen werden im Namen von Entertainment geopfert und in den Überlebenskampf gegeneinander getrieben, wo ein Wettkämpfer einen Riss im technologischen Gewand der Unterdrückung entdeckt: „Ich lebe in dir und ich werde dich fertigmachen." „Ich denke, dass es um mehr geht, als nur Strukturen und Systeme mit einem Hang zur Romantik zu beschreiben", sagt Bodan über den Einfluss von William Gibsons und Neil Stephensons Romanen auf die „das Private-ist-politsch"-Haltung auf Soft und seine Repräsentation von Computern mit Seele. „Als wir die Entscheidung getroffen haben, das Album sanfter, verdaulicher zu machen, war mir bewusst, dass es das Problem geben würde, sich am Anfang des Albums zu verlieren", schiebt er über den verträumten Blue-Eyed-Soul-Sound hinterher, der die soziopolitischen Anliegen überdeckt. „Als wir Leuten das Album das erste Mal zum Hören mitgegeben haben, haben sie die sozialkritische Komponente total übersehen und dem Album den Stempel „White Boy R'n'B" aufgedrückt, was ja relativ beliebt ist momentan. Obwohl es das nicht ist, gibt es formale Ähnlichkeiten."

      Achte auf die Lyrics des Albums und du wirst verstehen, was Bodan meint. Ob es nun um die Post-Social-Media-Paranoia in „Anonymous" mit dem wehmütigen Calypso-Rhythmus geht („blocked face and name, got an anonymous soul") oder den irreführenden Songtitel „Good Timer Summer" („well, the wheels run dry with the euro signs / and market shares are in decline"): Hier ist ein Album, das die unsichtbaren Mechanismen der Unterdrückung und Kontrolle durch Online-Netzwerke musikalisch offenlegt, was sich auch im täuschend harmlosen, pastelpinken Cover mit Mangakunst von Julien Ceccaldi fortsetzt. „Es war irgendwie alles so schön daneben auf dieser billigen Website," antwortet er auf die Frage, wieso er mit Julien für sein Albumcover zusammengearbeitet hat. „Alles wirkt so, als ob du es an der Kasse bei Starbucks bekommen könntest, dann gibt es aber dieses kleine Etwas, das es aktuell und neu und relevant und auch ein bisschen edgy macht."

      Jeder, der Ceccaldis Arbeiten kennt, wird wahrscheinlich auch mit der Kunstrichtung vertraut sein, mit der er in Verbindung gebracht wird. Die Richtung wird lose unter dem Begriff Post-Internet Art zusammengefasst. Es ist ein kaum definierter, interdisziplinärer Zugang, der unsere Verbundenheit über soziale Netzwerke als Fakt annimmt und das Internet als Medium betrachtet. „Genau genommen gibt es keine Szene, in der ich wirke oder die einen Namen hat, sondern es ist eine Art lockeres Netzwerk von Künstlern und Denkern auf der ganzen Welt, die über Websites und Tools wie Soundcloud, Twitter, oder was auch immer, lose miteinander verbunden sind." Post-Internet Art ist eine globale Community von Künstlern, die mit den Sci-Fi-Spekulationen à la Gibson und Stephenson aufgewachsen sind und durch ihre Kunst das Online-Kultur per se hinterfragen. Wenn man so will, ist genau das zeitgenössische Kunst

      „Es ist das unsichtbare Band, dass die unterschiedlichen Arbeiten auf magische Art und Weise zusammenhält, ohne dass man dem Ganzen ein Label oder einen abgedroschenen Genre-Begriff aufdrücken muss", sagt Bodan über die Kollaborationen mit den Künstlern und Produzenten Physical Therapy, 18+, Jamie Whipple of M.E.S.H. and Dena Yago für sein Album Soft. Alle haben zu einem kohärenten Werk beigetragen, das die individuelle Autorschaft meidet und das Konzept von Identität durcheinanderbringt. „Wir haben alle dieselben Bezugspunkte,  denselben Blick auf die Zukunft. Ich glaube, nur das ist es, was uns zusammenhält. Aber wenigstens tut es das."

      Bewirb dich jetzt für Welcome to Berlin - Einem Projekt von Berlin Community Radio und i-D Germany. Alle Infos findest du hier. 

      @DanBodan

      Credits

      Text: Steph Kretowicz
      Foto: Julia Burlingham

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      Themen:musik, musikinterview, dan bodan, berlin, dfa records

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