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      mode Anders Christian Madsen 20 April 2017

      charles jeffrey und seine loverboy-crew

      Innerhalb von nur drei Jahren haben Charles Jeffrey und seine Loverboy-Crew die Londoner Modeszene mit einer Flut aus Farbe, unkonventionellen Schnitten und einer wunderbaren DIY-Ästhetik erobert. Der bekannte Fotograf Tim Walker hat die Menschen, die hinter Loverboy stehen, backstage auf der Herbst-/Winter-17-Show fotografiert.

      Harry Charlesworth und Charles Jeffrey

      Charles Jeffrey läuft die große Treppe im Hertford House hoch, die Villa, in der die Wallace Collection zu Hause ist. Das ist sein Lieblingsort in London. „Das passt doch gut", sagt der Designer. Wir laufen an einer Balustrade vorbei, die wie ein Horn gestaltet wurde. „Perfekt für einen Auftritt mit wirklich schönen Schuhen", führt er fort. Seine Schuhe erinnern an Schnallenschuhe, wie am Hof von Versailles. Was den den 26-jährigen Designer zu seinen ersten drei Kollektionen inspiriert hat, wird auf den ersten Blick überraschend sein: Die Renaissance und die Barockgemälde aus diesem Londoner Museum — und nicht die Besucher seiner Loverboy-Partyreihe in Stoke Newington. Mit seiner blassen, gepuderten Haut, den Wangen voller Rouge und seinen geschwärzten Augenbrauen sieht Charles selbst aus wie der verrückte König aus dem 18. Jahrhundert, der sich im Glanz von Seidentapeten und vergoldetem Schnörkel in diesen opulenten Salons sonnt. Wie einer der Menschen in den Gemälden, die er sich stundenlang angeschaut hat, als er vor zehn Jahren nach London gekommen ist und am Central Saint Martins studieren wollte. „Das ist so, als ob ich in ein Geschäft gehe", erklärt er. „Als Modestudent habe ich mir Sachen angeschaut und mich eingeschüchtert gefühlt, weil ich so etwas nicht umsetzen konnte, aber weil ich jetzt einen Schnitttechniker habe, der alles kann, kann ich es umsetzen. Wie diesen Halskragen", und zeigt auf das Accessoire am Hals im Porträt einer flämischen Dame von Cornelius de Vos aus dem Jahr 1621.

      Seine Herbst-/Winterkollektion 2017, die er im Rahmen von Fashion East MAN im Januar präsentiert hat, wirkte wie ein futuristischer Karneval. Ein Fest für die Sinne aus all den Dingen, von denen er sich inspirieren lässt und daraus seine eigenen Kreationen entwirft. Charles ist der amtierende Doge der Londoner Bewegung der Anti-Establishment-Clubkids; sein Mittel dafür ist die Regenbogen-Revolution Loverboy. Das ist eine Partyreihe, ein Modelabel und ein Bekenntnis zur Individualität und Vielfalt inmitten des reaktionären politischen Klimas. Umgemünzt auf seine Mode bedeutet das Science-Fiction-Jacken, Renaissance-Silhouetten, Halskragen und Topfhaarschnitt. Ein Samtmantel im Priester-Look, halb spanische Inquisition, halb Star Trek. Charles hat offensichtlich die Dokumentation über Vivienne Westwood in der Wallace Collection, Painted Ladies, gesehen. „Sie hat sich die Kunstwerke angeschaut und sich direkt von den Kleidern inspirieren lassen", erinnert er sich. „Ich habe damals das Buch Alles nur geklaut gelesen. Die Grundaussage: ‚Wenn du dich wirklich für die Ästhetik von jemand anderen interessierst, schau dir an, was sie getan hat und leite daraus deine eigene Version ab'. Das habe ich mir zu Herzen genommen."

      Harriet Scott und Abolaji

      Für den schottischen Designer ist die Philosophie zur Grundlage seiner eigenen Kreationen geworden — in einer Zeit, in der alles schon mal gesagt wurde. Er bezieht sich auf Kostüme aus früheren Epochen genauso wie auf Mode der Gegenwart wie John Galliano, Jean Paul Gaultier und auch Vivienne Westwood. Er hält vor dem Porträt von Horace Vernet aus dem Jahr 1823 der schottischen Legende Allan M'Aulay inne. „Ich bin durch meine Mutter mit Westwood aufgewachsen. Sie hat Weihnachten immer etwas von Westwood von meinem Vater bekommen. Es geht aber mehr um die Attitüde", so Charles. „Mehr um die Einstellung und Wahrnehmung von Dingen, die sie alle eint. Sie haben ein Sinn für Geschichte, sie vertreten selbstbewusst ihre Meinung und sie lassen sich nicht limitieren; und es ist auch queer, nicht notwendigerweise im Sinn von schwul, sondern im Sinn von Unkonventionalität. Westwood hat das vom Punk, Gaultier kam aus der Schwulenszene", so der Designer. Wie die Großen vor ihm, hat es Charles geschafft, „für Aufsehen in der Modeindustrie" zu sorgen, wie es Business of Fashion in seinem Profil auf der Liste der einflussreichsten Menschen in der Modeindustrie 2016 geschrieben hat. Und das in einer Zeit, in der das nicht einfach ist. Er hat es auf traditionelle Art und Weise geschafft, mit ausgelassenen Veranstaltungen.

      Loverboy, die monatliche Partyreihe, die er 2014 im Club Vogue Fabrics gestartet hat, um seinen Master am Saint Martins zu finanzieren, bietet einen Ort in der britischen Hauptstadt für die bunten Ladys und Gentlemen — und für alle dazwischen. Eine hedonistische Kostümparty für die fantastischen Freaks, im Geist der legendären Partynächte Boombox und Ponystep, die vor zehn Jahren die Partys in East London waren; und Taboo aus den 80ern, die wiederum die beiden inspiriert hat. Charles ist das Gesicht einer neuen Generation von Clubkids aus East London — seinen Loverboys —, die mit ihm an seinem Modelabel arbeiten, über seinen Catwalk laufen und auf seine Partys gehen. Er verfügt über den Charme und die guten Looks, den Anführer brauchen. Zum Treffen trägt er Make-up, das an Commedia dell'arte erinnert, einen metallfarbenen Choker und Halsketten, einen Layered-Look und einen Zweireiher, wobei ein Knopf fehlt. Charles Aufstieg ähnelt vielen der Smalltown Boys, die vor ihm kamen. Geboren wurde er 1990 und ist hauptsächlich bei seinen Großeltern aufgewachsen, bis seine Mutter einen Soldaten geheiratet hat, den er heute Dad nennt. Die Familie ist von Schottland ins hessische Hanau gezogen, als Charles drei Jahre alt war. („I don't speak German but I can if you like", zitiert er Lady Gagas „Scheiße").

      Cezar Banaszczyck und James Spencer

      Was danach kam, war eine Kindheit ohne Wurzeln: Mit acht Jahren ging es zurück nach Großbritannien, nach Surrey, mit neun nach Brecon und mit zehn zurück nach Schottland. „Ich habe bis 14 mit Schwertern gespielt", erzählt er und er läuft durch den Salon Fragonard im Hertford House. „Dann habe ich Masturbation für mich entdeckt." Während seiner Jugend in Cumbernauld, ein Vorort von Glasglow, hat sich Charles per MySpace über die Boombox-Partys in East London auf dem Laufenden gehalten. Schon damals hat er seinen fetischähnlichen Signature-Look entwickelt, den frühen Entwürfe von Gareth Pugh nicht unähnlich, dessen Avantgarde-Shows ein neues Zeitalter in der britischen Mode eingeläutet haben. „Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich das Musikvideo zu Sheena Is a Parasite von The Horrors gesehen habe. Samantha Morton verwandelt sich in einen Oktopus. Schwarzes Leder, schwarzes Make-up, alles sehr monochromatisch. Es war chaotisch und verrückt. Ich hatte mich noch nie so sehr mit etwas identifiziert wie damit." Das war 2006, Charles war 16. „Wir hatten nicht viel Geld", sagt er und wird es später noch genauer erklären, „und ich weiß noch, wie ich zu Primark gegangen bin und die Skinny Jeans meiner Mutter gekauft habe. Mein Freund Stevie und ich sind durch Glasgow mit viel Schmuck und Make-up gelaufen und haben mit wenig Geld unsere Fantasie ausgelebt." Der einzige Schwule im Dorf zu sein, hat — man kann es sich denken — seinen Preis.

      Ben Blackmore und Xander Ang

      Das Jahr, in dem er auf dem George Square in Glasgow angegriffen wurde, hat sein Drang, die Provinz hinter sich zu lassen, nur verstärkt. „Ich wurde von hinten angegriffen, mir wurde ins Gesicht geschlagen. Ich habe eine Zahnspange getragen und meine Wange hat sich darin verfangen. Ich musste ins Krankenhaus, damit sie die rausnehmen können", erinnert sich Charles Jeffrey. Seine Mutter war indes dauerhaft besorgt. „Sie hat mich immer unterstützt, hatte aber schreckliche Angst davor, dass ich verletzt werde. Sie sagte immer: ‚Charles, du kannst so nicht auf die Straße!'. Ich habe das Haus in normalen Klamotten verlassen und mich im Zug nach Glasgow umgezogen. Es war mir egal, ich wollte einfach nicht da sein. Für mich war es eine Flucht. Es war fast so, als ob ich mir mein eigenes London in meinem kleinen Körper geschaffen habe", sagt er über die Zeit. 2007 ist er nach London gezogen, wo er sich in den Einführungskurs am Central Saint Martins eingeschrieben hatte und ins Studentenwohnheim gezogen ist. Es muss wie eine dieser Anfangsszenen in Filmen über berühmte Nachtklubs gewesen sein: Brian geht in den Kit Kat Club in Cabaret oder Christian sinniert über die ausschweifenden Nächte in Moulin Rouge. Für Charles war dieses Paradies: Ponystep. Die Nachfolgeparty von Boombox. „Das hat sich wie die wichtigste Sache angefühlt, die ich je gemacht habe. Noch wichtiger als Student am Saint Martins zu sein. Ich habe Schwarz getragen, enge Leggins von American Apparel, ein kurzes Oberteil und Tüll und Verpackungsmaterial um mich drapiert. Ich sah aus wie ein Plaster", verrät der Designer. 

      Niall Underwood

      „Einfach da zu sein, in der Warteschlange zu stehen, zu sehen, wie Gareth Pugh und Christopher Kane an uns vorbeilaufen und Matthew Stone an den Decks steht", beschreibt Charles die Nächte. Dann war alles vorbei. Die Londoner Modeszene hatte genug vom DIY-Eskapismus und musste erwachsen werden, alles wurde kommerzieller und gentrifiziert. Damit änderte sich der Zeitgeist und auch die Stadt. „Es wurde auf einmal alles Streetwear und ein bisschen langweilig. Wir sind immer noch ausgegangen, aber zu Alibi und Efes. Ich weiß noch, wie ich dachte: ‚Das war ein echt beschissenes Wochenende, die Party war echt scheiße'. Man hat sich einfach nur betrunken. So haben wir das ein paar Jahre weitergemacht und ich habe mich in meine Arbeit am Saint Martins gestürzt." Im Bachelor hat Charles als Designassistent bei Jack Wills gearbeitet, um für ein Praktikum bei Dior in Paris zu sparen. 2011 ist er dann nach Paris gezogen, als Bill Gaytten die Übergangssaison zwischen John Galliano und Raf Simons verantwortet hat. Die Anfänge von Raf Simons bei Dior hat er noch miterlebt. Zwar habe sich Charles mit den „liebevollen Ladys von oben" in den Ateliers angefreundet, doch er war eher daran interessiert, Materialien zu kombinieren. Als ich ein Sample abgegeben habe, war die Reaktion verhalten: ‚Wissen Sie, dass es Dior ist, Charles?". Paris war wenig begeistert. Sein Ansatz fand besseren Widerhall bei der mittlerweile verstorbenen Leiterin des Mode-Masters am CMS Louise Wilson und ihrem Nachfolger Fabio Piras.

      Harry Charlesworth

      „Ich war ein bunter Vogel am CMS. Louise und Fabio haben mir gesagt: ‚Du zeichnest das, aber du ziehst dich so an. Warum ist das, was du anhast, interessanter als das, was du auf Papier zeichnest?'. Charles Outfits wurden zu seiner Quelle. Er hat sie fotografiert und zusammen mit seinem Kommilitonen Jack Appleyard, der heute sein kreativer Partner ist, archiviert, um sie später als Referenz nehmen zu können. 2015 hat er das Label Loverboy gegründet und seine eklektische Kostümästhetik in einen Look verwandelt. „Meistens ist es etwas, das ich auf dem Boden finde", so der Fashiondesigner. Sein Lachen ist so hoch wie Tom Cruise in Interview mit einem Vampir. „Das ist mein Lieblingsbild im Museum", er stoppt vor dem J.H. Fragonards A Boy as Pierrot aus dem Jahr 1785. „Schau dir an, wie er die Blumen gemalt hat und wie sich das im Vergleich zu den Augen unterscheidet. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass es einen Grund dafür gibt, warum er die Blumen abstrakter und das Gesicht realistischer gemalt hat", sagt er und schaut sich das Kind im Gemälde an. „Er ist eine richtige Madame."

      Harry Appleyard

      Das könnte auch das Motto der sogenannten Generation Snowflake sein, zu der auch Charles Jeffrey gehört. Dieser Schneeflocke wurde der Erfolg, aber nicht auf einem Silbertablett präsentiert. „Wir mussten mal in einem Hotel schlafen, weil meine Mutter nicht genug Geld hatte", sagt er und erinnert sich daran, wie seine Mutter Pennies auf dem Hotelschalter gezählt hat und sie Mittagessen von Hilfsorganisationen in Anspruch nehmen mussten. Er hat sein Studium mit Stipendien und einem Kredit finanziert. Während des Studiums hat ihn seine Mutter mit der Miete für anderthalb Jahre unterstützt. Die Loverboy-Bewegung aus London ist keine Ansammlung von Social-Media-Gören, die einfach gerne feiern. „Als ich im Vogue Fabrics angefangen habe, hatte ich Angst. Es war der schmutzigste, verrückteste Ort, mit diesen Dragqueens, die auf den Boden gefallen sind", so Charles. „Dort existiert eine Kameradschaft, die einen andere Blick aufs Leben ermöglicht. Das ist ein queerer Space." Wir sprechen zum Abschluss über seine letzte Fashionshow mit den Perfomancekünstlern und großen Pappmachekreationen, auf die die amerikanische und britische Flagge gemalt wurde. Er gibt zu, dass es sein Kommentar zur gegenwärtigen politischen Lage ist.

      „Ich fange langsam an, zu begreifen, dass ich eine Verantwortung habe, weil ich eine Plattform habe. Ich möchte Arbeiten abliefern, die andere respektieren. Ich wusste, als ich diese britisch-amerikanischen Buttplug-Göttinnen entworfen habe", sagt er ohne Ironie, „dass das mein erstes politisches Statement ist." Das mag für den Laufsteg stimmen, aber die Bewegung, die er schon vor mehreren Saisons ins Leben gerufen hat, ist viel politischer als Charles Jeffrey und seine Loverboys denken. 

      Scotty Sussman

      Louis Chen

      Jordan

      Hier findest du alles aus unserer The Creativity Issue.

      Credits

      Text: Anders Christian Madsen
      Fotos: Tim Walker
      Show Styling: Jack Appleyard
      Haare: John Vial / Revlon Professional
      Make-up: Lucy Bridge / Streeters und das M.A.C Pro Team
      Setdesign: Gary Card
      Show Casting: Madeleine Østlie / AAMO Casting
      Setdesign-Assistenz: Lydia Chan
      Show-Casting-Assistenz: Billie Turnbull und Najia Lisaad
      Models: Charles Jeffrey, James Spencer, Cezar Banaszczyck, Abolaji / AMCK, Louis Chen, Harriet Scott, Harry Appleyard, Jordan / NII, Niall Underwood, Harry Charlesworth, Ben Blackmore / Models1, Xander Ang, Scotty Sussman
      Tänzer: Luke Smith, Jenkin Van Zyl, Kevin Brennan, Liza Keane, Waj Hussien, Alex Padfield, Bradley Sharpe, Emily Rose England, Angelica Bryant, Jack Powers Morrisey, Borys Korban und Strong Theveethivarak / Theo Adams Company

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      Themen:mode, fashion, tim walker, charles jeffrey, charles jeffrey loverboy, jack appleyard, the creativity issue, spring/summer 17, loverboy, london designer

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