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      fotografie Emma Do 16 Juni 2017

      diese fotografien zeigen, wie sich mikroaggressionen anfühlen

      Frustration, Vorurteile und verinnerlichter Rassismus.

      Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D Australia / New Zealand.

      Dass die eigene Identität ständig unter dem Brennglas begutachtet wird, sorgt bei denen, die sichtbar zu den Anderen gehören, oft für Beklemmungen. Für diejenigen, deren Gesicht und Stimmen nicht zur angeblichen australischen Identität gehören, braucht es nur einen beiläufigen Kommentar von einem Fremden, einem Freund oder einem Lover, um sich plötzlich anders zu fühlen. Fotograf Bryan Tang ist in seiner Jugend von Malaysia nach Australien gezogen. Seine Erfahrungen spiegeln sich in den Geschichten vieler Einwanderer wider.

      Bryan wurde kürzlich eingeladen, eine Fotostrecke zu dem Thema Asien und Australien zu gestalten. Als junger Modefotograf sind seine Arbeiten überwiegend unpolitisch, aber diese Einladung bot ihm die Chance, zusammen mit anderen asiatischen Fotografen, eine Serie zu entwickeln, in der sie Rassismus direkt thematisieren. Unter dem Titel Colour Correction hat er mit seinen Models die Momente nachgestellt, in denen sie Opfer von Mikroaggressionen wurden. Wir haben uns mit Bryan über internalisierten Rassismus in seinem Leben und in seiner Arbeit gesprochen und er hat uns erklärt, warum asiatische Gesichter relativ neu für ihn sind.

      Auch auf i-D: Mandarin lernen mit Model Liu Wen

      Wie bist du auf die Idee zu Colour Correction gekommen?
      Ein Freund von mir hat eine Fotoausstellung in einem Restaurant organisiert und mich gefragt, ob ich mich daran beteiligen will. Ich fotografiere hauptsächlich Mode, also dachte ich mir, dass ich dieses Mal etwas Persönlicheres mit einer Botschaft entwickeln könnte. Etwas, das ich so in der Mode nicht ausdrücken kann. In der kreativen Welt wird Asiaten meistens nur eine Nebenrolle eingeräumt: nicht vor der Kamera, ob das nun in der Mode oder im Film ist. Ich dachte mir einfach, dass es cool wäre, eine filmische Fotoserie mit Asiaten als Protagonisten umzusetzen.

      Du hast in früheren Gesprächen gesagt, dass du für deine Modefotografie kaum asiatische Models ablichtest. Warum eigentlich nicht?
      Ich glaube nicht, dass es im Vergleich zu Frauen viele männliche asiatische Models gibt. Thomas, einer der Männer auf den Fotos, gehört zu den sehr wenigen männlichen Models in Melbourne. Und um ehrlich zu sein, muss ich mich noch mehr anstrengen und noch mehr nicht-weiße Gesichter shooten und das auch den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite, klarmachen. Wenn mir Agenturen Listen mit den Models für ein Shooting schicken, befindet sich manchmal nur ein asiatisches Gesicht darauf. Ich habe neulich ein bezahltes Shooting für eine Publikation in Asien gehabt. Die haben mir klipp und klar gesagt, dass sie ein weißes Model wollen, weil es luxuriöser und prestigeträchtiger wirkt, auch wenn die Fotos nur für den asiatischen Markt produziert wurden.

      Wie hat es sich angefühlt, ein Projekt umzusetzen, für das du nur asiatische Gesichter fotografiert hast?
      Das war erfrischend und hat sich echt angefühlt. Endlich konnte ich etwas machen, das ich schon immer machen wollte, aber bisher nicht umsetzen konnte.

      Wie haben sich die Models gefühlt, als sie Momente mit Rassismus und diversen Mikroaggressionen nachstellen sollten?
      Sie waren sehr offen. Mikroaggressionen passieren so oft und irgendwann hast du einfach keine Lust mehr, darauf zu reagieren. Du weißt einfach, dass egal, wie oft du es einer Person erklärst, warum etwas falsch ist, sie es doch nicht verstehen werden. Das ist echte Aufklärungsarbeit nötig. 

      Erzähle uns mehr über die Personen in den Fotos. Wie hast du sie kennengelernt?
      In den Porträts sind Jenny Wang, Lei Lei K, Thomas Chow, Nick Teng und Charmaine Salcacio zu sehen. Diesen Menschen folge ich online und mit ihnen habe ich vorher auch schon zusammengearbeitet. Jenny hat zu den ersten Personen gehört, an die ich gedacht habe, weil sie sich sehr direkt und offen gegen Rassismus ausspricht. Auch ihr Instagram-Account ist in-your-face-direkt @asiangirlfriend. So sehen die Leute asiatische Frauen.

      Viele Asiaten werden die Zitate sofort verstehen. Das Foto mit Lei Lei, wo ihr gesagt wird, dass sie nicht asiatisch aussieht, auch wenn sie offensichtlich asiatisch aussieht. Wie sah der Kontext aus?
      Ein älterer Freund von Lei Lei hat ihr das gesagt. Der Gedanke dahinter war, dass sie zwar asiatisch ist, aber weil sie im Westen aufgewachsen ist, profitiert sie vom White Privilege. Aber natürlich war damit auch gemeint, dass sie nicht asiatisch genug aussieht. Du siehst sie an und denkst dir, wie kann jemand denken, dass sie weiß ist oder dass sie als Weiße durchgeht? Das ist doch verrückt. Lei Lei war so schockiert, dass sie das Gespräch nicht weiterführen konnte. 

      Das Zitat bei Charmaine, dass sie halb wie eine Weiße aussehen würde, hat bei mir einen Nerv getroffen. Ich bin in meiner eigenen asiatischen Familie und Freunden mit der Vorstellung aufgewachsen bin, dass halb weiß halb asiatisch schöner sei.
      Charmaine hat mir gesagt, dass das tatsächlich viele asiatische Menschen sagen. Sie habe sich anfangs stolz deswegen gefühlt, dass sie halb wie eine Weiße aussieht, auch wenn sie das gar nicht ist. Je älter sie wurde, desto wichtiger wurde ihre philippinische Identität und je stolzer wurde sie darauf. Sie dachte sich dann nur "Warum wird meine asiatische Seite nicht auf die gleiche Weise zelebriert?"

      Das ist zeigt sich auch schon an der Sprache. In Australien reicht schon "You look half", man muss gar nicht mehr das „wie eine Weiße" hinzufügen. So sehr sind weiße Schönheitsideale von den asiatischen Communitys verinnerlicht worden. Hattest du selbst Vorurteile, die du ablegen musstest?
      Ich war anfangs sehr vorsichtig und habe zu viel Scham davor gespürt, meinen vollständigen Namen zu verwenden. Ich habe eine Abkürzung benutzt. Ich kannte damals einfach keine anderen erfolgreichen kreativen Asiaten. Ich dachte, dass mich die Leute nicht ernst nehmen würden oder nicht mit mir zusammenarbeiten würden, wenn ich meinen echten Namen verwende. Ich habe lange dafür gebraucht, dass mir das egal wurde. Mittlerweile verwende mich meinen ganzen Namen und ich belüge mich nicht mehr länger. Und die Leute reagieren auch nicht anders. Das liegt hoffentlich auch daran, dass ich besser geworden bin.

      Warum war es dir wichtig, eine Fotoserie umzusetzen, die sich mit Rassismus und Mikroaggressionen auseinandersetzt?
      Rassismus hat viele verschiedene Gesichter und Formen, es gibt da nicht nur den einen Rassismus. Er kann von Fremden, aber auch von Freunden und sogar von Partnern kommen. Die Öffentlichkeit ist mehr an direkten Rassismus gewöhnt, nicht an den indirekten. Diese Fotoserie ist mein Versuch, um auf beiläufige Kommentare oder scheinbar gutgemeinte Kommentare aufmerksam zumachen. In Wahrheit verbergen sie dahinter tiefsitzende Stereotype oder Annahmen, von denen die Leute vielleicht gar nichts wissen. Ich hoffe, dass diese Fotos eine breite Diskussion über Identitäten auslöst und die Leute sich mal selbst reflektieren.

      Credits

      Text: Emma Do
      Fotos: Bryan Tang

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      Themen:fotografie, bryan tang, mikroaggressionen, rassismus, identität, identitätspolitik, asien, australien, asiatisch, asian, beauty, modefotografie

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