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      kunst Alexandra Bondi de Antoni 12 Mai 2015

      britta thies neue webserie translantics

      Mit Translantics hat Britta Thie in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle in Frankfurt eine Webserie geschaffen, die ein Porträt unserer Generation sein soll. Wir haben sie vorab zur Veröffentlichung der zweiten Folge zum Interview getroffen und sprachen mit ihr über das Projekt und den Vergleich mit Lena Dunham.

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      Britta Thie ist aus der jungen Berliner Kunstszene nicht wegzudenken. Ihr neuestes Projekt Translantics ist eine in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt entstandene sechsteilige Webserie, bei der man ihren Freunden und ihr durch deren Leben folgt. Eine Art Mockumentary, eine Mischung aus Improvisation und geschriebenen Dialogen, aus Echtem und Erfundenem, als Brücke zwischen Mainstream und Kunstpublikum. Man soll es sich anschauen, vielleicht gelegentlich lächeln und sich seine eigenen Gedanken über die jungen Berliner Kreativen machen. 

      Wir wollten mehr von der Künstlerin wissen, trafen sie deshalb zum Interview in ihrem Berliner Studio und zeigen euch vorab und exklusiv auf i-D den Trailer zur zweiten Folge. 

      Worum geht es in Translantics? 
      Ich zeige Ausschnitte meiner Generation. Bis jetzt ist eine Folge erschienen. Das war die erste von sechs. Also ein Sechstel. Zu sehen war eine fiktive Vernissage. In einer Episode, die ich in meiner Heimatstadt drehen werde, spielt meine Großmutter mit. Von Mal zu Mal wird sich die Narrative mehr erschließen. Es ist wie ein Videospiel: Jede Episode ist wie ein neues Level, stilistisch auch anders und am Ende wird alles Sinn machen.

      Wie bist du mit der plötzlichen Aufmerksamkeit umgegangen? 
      Ich habe mich ein bisschen bloßgestellt gefühlt. Normalerweise poste ich auf meinem Vimeo-Kanal meine Videos und sie leben vor allem im Kunstkontext. Nun werden die Videos im Massenmedium YouTube präsentiert. Ich bin ein extrem neurotischer Mensch und habe die ganzen Kommentare gelesen. 

      Wie fühlt es sich an, kritisiert zu werden? 
      Ich wurde vor allem in einem Kunstkontext entweder noch auf der UdK oder in Galerien rezipiert, aber noch nie so im Mainstream wie jetzt. Das sind YouTube-Kommentare, die ich mir durchlese und die ich vielleicht manchmal zu ernst nehme. Manchmal stehe ich zu 100% hinter meiner Arbeit und manchmal zweifle ich natürlich an mir selber. Es fehlt der protektive Raum der Ausstellung. Würde man Videokunst, die man in Galerien sieht, einfach so ohne Kontext und ohne Kunstpublikumsfilter ins Internet stellen, würden die Kommentare ganz anders ausfallen. Natürlich ist das auch spannend, weil es die Kunst in einen neuen Raum führt.

      Was hältst du allgemein von der gegenwärtigen Kunstszene?
      Kunst spricht Bildungseliten an; selektive Sammler sind das Publikum. Es gibt eine gewisse Arroganz. Ich wollte mit dem Projekt kein Entertainment machen, jedoch einen Art Zwischenzustand kreieren, in dem auch andere vielleicht Zugang zur Kunst finden. Ich dachte, dass ich es etwas narrativer gestalten kann, jeder kann es sich anschauen und es ist zugänglicher, als eine Galerie im fünften Stock irgendwo in Schöneberg. 

      Wenn du jemanden unsere Generation beschreiben müsstest, was würdest du sagen? Schau dir die Serie an? 
      Das kann ich nicht beantworten. Wir leben alle in einer digitalen Welt, hängen aber der analogen nach. Vielleicht ist die Serie ein Porträt unserer Generation in der Kunstnische. Vielleicht ist es spannend, hinzuschauen und zu sehen, was da so los ist. 

      Wenn man die Geschichte betrachtet, sind es dann oft genau diese Subkulturen, die für eine Zeit stehen?
      Ja, genau. Jedoch ist die Serie auch sehr persönlich. Ich benutze meine Freunde.

      Daher kommt wahrscheinlich auch der Vergleich mit Lena Dunham und Girls?
      Das habe ich auch gelesen. Ich habe noch gar nicht so viel geschrieben wie sie. Sie hat eine raffinierte Serie produziert. Bei mir ist es chaotischer und nicht so perfekt. Die ganze Show hat etwas von Big Brother. Wir haben keine Zeit, etwas vorzubereiten. Es wird viel improvisiert und im Editing kommt dann die Handlung hinein. Niemand weiß, was echt und was gespielt ist. 

      Warum hast du genau diesen Cast ausgewählt? 
      Ich habe einfach gefragt, wer mitmachen will. Es ist nicht ganz willkürlich. Die zwei Hauptcharaktere sind auch im echten Leben meine besten Freundinnen. Wir wollten schon länger ein Projekt zusammen realisieren. Da hat sich das dann gut ergeben. Alle spielen eine abgewandelte Version ihrer selbst. Lily McMenemy zum Beispiel spielt auch mit. Sie ist gerade erst fürs Studium nach Berlin gezogen und ist eine der angenehmsten und uneitelsten Personen, die ich jemals kennengelernt habe. Es hat wirklich viel Spaß gemacht, mit ihr zu arbeiten. Es fühlt sich wie Schultheater oder ein digitales Kammerspiel an.

      Was reizt dich am Medium Video?
      Es ist nichts Neues, eine Webserie zu machen. Ich habe schon, als ich ein kleines Mädchen war, auf der alten High-8-Kamera Filme gedreht. In der Provinz gab es nicht viel zu tun. In anderen Episoden werden diese Aufnahmen vorkommen. Es geht um die ganze Selbstnostalgie unserer Generation, die sich selbst vermisst, die sich mit der Technologie-Nostalgie paart. Webserien sind ein Phänomen unserer Zeit. In New York zum Beispiel kenne ich einige Mittzwanzigjährige mit eigenen Serien. Alle meinen, ihre Biografie mit 25 niederschreiben zu müssen und verfilmen zu müssen, um damit die Leute zu unterhalten. 

      Was sagt deine Mutter zu deinem Erfolg? 
      Sie ist wirklich stolz, hat jedoch einen anderen Blickwinkel. Sie ist aus einer Generation, in der alles, was im Fernsehen gezeigt wird, der Wahrheit entspricht und mehr Wert ist als das, was man im Internet findet. Sie denkt, dass das Fernsehen kuratiert ist, das Gezeigte mehr Wert hat als alles im Internet, weil da jeder seine Sachen posten kann und so zu vermeintlichem Ruhm kommen kann. Das ist eine ganz andere Denkweise.

      Was können wir uns von der neuen Episode erwarten? 
      Wir sind zur analogen Eröffnung meiner digitalen Ausstellung nach Frankfurt gefahren. Ich habe dort gemeinsam mit Dan Bodan zum Release eine Perfomance veranstaltet. Dan und ich planen zudem auch noch ein Record-Release Ende des Jahres im Rahmen von Translantics, in dem wir Musik, AudioPlays und Texte im Kontext der Serie vertonen. Inhaltlich haben wir die Eröffnung meiner Show eingebettet als eine fiktive Preisverleihung in der BB, also mein Charakter, und zwei andere Charaktere nominiert wurden. Kindervideos der Hauptdarsteller werden in einer Traumsequenz während Dans und meiner Performance eingeblendet. Das ist ein Verweis auf Selbstnostalgie der 80er-Generation zu ihrer analogen Kindheit und digitaler Pubertät. Die Episode ist eine Mischung aus selbstgedrehten iPhone-Videos des Casts während des Trips nach und in Frankfurt, Kindervideos und collagierte Tagtraum-Sequenzen der Darsteller mit 3D-Animationen.

      Die erste Folge könnt ihr euch hier anschauen. Teil 2 wird am 26. Mai veröffentlicht.

      schirn.de/translantics

      Credits

      Fotos: Stills aus der zweiten Folge von „Translantics“

      Text und Interview: Alexandra Bondi de Antoni 

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      Themen:kultur, kunst, britta thie, internet, interview

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