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      film Schayan Riaz 23 Mai 2017

      dieser film zeigt, dass du nicht jedem vertrauen darfst

      Zum Kinostart des packenden Dramas “Berlin Syndrom“ haben wir die australische Regisseurin Cate Shortland und den deutschen Hauptdarsteller Max Riemelt zum Interview gebeten.

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      Was Film und Fernsehen betrifft, ist Berlin derzeit so richtig am boomen. Die Serien Homeland (5. Staffel) und Berlin Station spielen hier, aber auch die Netflix-Serie Sense8 ist zu einem großen Teil in der Hauptstadt angesiedelt, in der Max Riemelt — ein Ur-Berliner — eine der Hauptrollen spielt. Ab Donnerstag ist der deutsche Schauspieler außerdem im packenden Kinofilm Berlin Syndrom zu sehen, in dem er Andi, einen ambivalenten Lehrer, spielt, der eine junge Backpackerin aus Australien (Teresa Palmer) bei sich zu Hause gefangen hält und missbraucht. Die deutsche Hauptstadt dient dabei als perfekte Kulisse für eine Geschichte voller Obsession, Leidenschaft und Vertrauen. Wir haben uns mit der australischen Regisseurin Cate Shortland und dem Hauptdarsteller Max Riemelt zum Interview getroffen, um mehr über die Hintergründe des Films und seine Figuren zu erfahren. 

      Fangen wir ganz von vorne an. Wie kam dieses Projekt zustande?
      Cate: Melanie Joosten hat den Roman geschrieben. Sie hat mir das Buch geschickt und ich war sofort interessiert. Mich hat das Material gefesselt, vor allem die Beziehung zwischen den zwei Protagonisten. Das Buch war in so schönen Fragmenten geschrieben, und daran haben wir versucht anzudocken.
      Max: Das Casting war sehr aufregend für mich. Cate hat mich zum Beispiel beim zweiten Casting gefragt, wie ich das Drehbuch finde. Das war ein Schlüsselmoment für mich, weil ich gemerkt habe, dass sie sich sehr für meine Meinung interessiert. Und dadurch mehr über mich erfahren will. An dieser Zusammenarbeit bin ich als Schauspieler auch interessiert. Filmemacher wie Cate interessieren sich dafür, etwas Neues herauszufinden, egal ob es dann dir oder anderen Leuten etwas bringt. Das war sehr neu für mich. Normalerweise schauen dich Leute nur an und sehen dich als Material oder Werkzeug.
      Cate: Man muss Leute finden, die mit einem arbeiten wollen. Man will ja etwas aus einer bestimmten Person rausholen und schaufelt sich da richtig rein als Regisseur. Also muss man jemanden finden, der dich das machen lässt.
      Max: Manchmal weiß man ja auch gar nicht, wonach man genau sucht. Das findet man dann gemeinsam heraus, in diesem Prozess. Und bei Cate ist es interessant, wie sie ihre Geschichten erzählt. Ihre sehr subjektive Perspektive, die gefällt mir sehr.

      Berlin Syndrome ist ein sehr fesselnder Film. Wie habt ihr es geschafft, dass die Spannung durchgehend gehalten wird?
      Cate: Wir haben versucht, alles sehr persönlich und subjektiv anzugehen und haben zum Beispiel mit den Sinnen der Charaktere gespielt. Hände spielen in diesem Film eine große Rolle. Oder das Hören. Somit haben die Zuschauer immer das Gefühl, dass sie ein Teil des Films sind. Der Kameramann, Germain McMicking, hat früher Dokumentarfilme gedreht. Also war er immer sehr fokussiert darauf, dass die Schauspieler Teil der Szenerie werden. Und dieser Prozess war wichtig, damit die Zuschauer ein Teil des Ganzen sein können und sich nicht ausgeschlossen fühlen.

      Andi ist tagsüber ein anständiger Lehrer, im privaten Leben entpuppt er sich als Entführer. Wie versetzt man sich als Schauspieler in so eine Figur?
      Max: Zu bestimmten Charaktereigenschaften fühlt man sich näher. Aber so etwas hat natürlich auch viele Grauzonen. Ich werde nie verstehen, wie man jemanden unterdrücken oder manipulieren kann. Und trotzdem habe ich versucht, näher an die Figur zu kommen, ihn zu verstehen.
      Cate: Max hat immer zu mir gesagt, dass er sich in den Schulszenen normal gefühlt hat. Andi konnte zur Schule gehen und sagen "Ich bin eine normale Person, habe einen Job, bin verantwortungsbewusst und lehre afro-amerikanische Literatur."
      Max: In der Schule wäscht er sich sozusagen von seinen Sünden ...
      Cate: Genau. Aber es wird immer schwieriger für ihn. Es ist nicht einfach, jemanden zu entführen. Also lenkt er sich ab. Das ist wirklich zu viel für ihn, er hat viel um den Kopf und ist sehr gestresst. Wir haben versucht, das Ganze auch aus seiner Perspektive zu sehen. Wie er die ganze Situation sieht. Er sieht sich ja auch selbst als Opfer. Das hat uns geholfen, ihn zu verstehen.

      Habt ihr euch keine Sorgen gemacht, dass Zuschauer alle Sympathien für so eine Figur verlieren werden?
      Cate: Mich überrascht es eher, wie viel Sympathien die Zuschauer überhaupt für diese Figur haben. Das macht den Film aufregend für mich. Wenn wir nur einen Film über einen sehr schlechten Typen gemacht hätten, der diese schlimmen Sachen macht, wäre das nichts Neues gewesen. Das sehen wir doch auch so immer, die ganze Zeit. Also haben wir einen Film über eine sehr komplexe Beziehung gedreht. Und die Zuschauer sehen die Figur als Teil davon, sie sehen ihn nicht unbedingt als Täter.
      Max: Und es ist so interessant zu erforschen, von wo das alles herkommt. Seine dunklen Gedanken, sein Hintergrund, das ist ja auch sehr interessant. Niemand kommt als schlechter Mensch auf die Welt.

      Eine Assoziation, die ich beim Film hatte, war die zur Flüchtlingsdebatte. Spielt die Vorstellung, dass Menschen ein Doppelleben führen, nicht in die Hände von Rechtspopulisten? Dass man keinem Flüchtling vertrauen kann.
      Cate: Das größere Thema für mich ist eher, was für Bürger oder was für einen Staat wir kreieren wollen. Andi kreiert auf merkwürdiger Art und Weise einen totalitären Staat in seiner Wohnung. Dort ist er der barmherzige Diktator. Er hat diese ganzen utopischen Träume darüber, wer sein Land bevölkern wird und wie er es regiert. Er baut eine ganze Erzählung für sich auf. Und ich glaube, das ist es, was uns im Moment interessiert. Wie kann es jemand auch nur wagen, zu entscheiden, welches Land von wem bevölkert wird? Ich hoffe, dass wir durch den Film das erreichen, was wir am Ende zeigen. Am Anfang sind alle Touristen in Berlin nur eine Masse. Am Ende fallen sie als einzelne Personen wirklich auf. Ich glaube, in meinen Filmen untersuche ich Beziehungen und versuche, dass Zuschauer einen Einblick und ein Mitgefühl für andere bekommen.
      Max: Wir hatten einen Typen auf der Pressekonferenz, der meinte, er wäre jetzt echt schockiert oder hätte echt Angst, seine Tochter zur Schule zu bringen. Weil wir es ja einfach so hinnehmen, dass alle Lehrer nett sind. Und die Schule steht ja auch als Symbol für Sicherheit. Aber wenn man sich jemanden näher anschaut, ist diese Person dann wirklich so? Wir kategorisieren Menschen auch gerne als Überlebensmechanismus. Um die Welt schnell verstehen zu können, damit wir keine Probleme haben. Manchmal sollte man eben auch näher hinschauen — das ist auch eine Botschaft des Films.

      Was bedeutet Berlin als Stadt für euch?
      Max: Zu Hause. Ich bin hier geboren und sie ist meine Heimatstadt. Und sie bedeutet mir alles. Sie ist meine Identität.
      Cate: Berlin hat eine unglaubliche Geschichte. Jeder kennt diese Geschichte. Man kommt mit großen Erwartungen hierher. Es ist sehr aufregend, dass die Geschichte sich immer wandelt und sehr schnell ist. Ich kann mir keine andere Stadt vorstellen, außer vielleicht Beirut, die sich in den letzten 50 Jahren so viel verändert hat. Es ist nicht nur die Kunstszene. Die Kunstszene und die Politik sind sehr eng miteinander verbunden. Hier gibt es ganz viel Konflikte. Und wenn man wie ich aus Australien kommt, wo es eine langsamere, isoliertere, in auf eine gewisse Art und Weise auch einfachere Kultur gibt, dann ist Berlin sehr aufregend. Vor allem wenn man als junger Tourist hierher kommt. Seit der Weimarer Republik existiert diese Vorstellung von Berlin als dieser Stadt des freien Sex und der Dekadenz.

      Berlin Syndrom läuft ab 25. Mai in den deutschen Kinos.

      Credits

      Text: Schayan Riaz
      Fotos: über Höhnepresse

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      Themen:film, berlin syndrom, berlin syndrome, interview, max riemelt, berlin, cate shortland

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