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      kunst Tish Weinstock 10 März 2017

      dieses buch besteht aus von instagram gelöschten selfies

      Wann ist ein Frauenkörper für Instagram angemessen? Diese Fragen werfen die beiden feministischen Künstlerinnen Arvida Byström und Molly Soda in ihrem neuen Buch „Pics or It Didn’t Happen“ auf. Es ist ein eindrucksvolles Zeichen gegen die Zensur durch die Plattform.

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      Arvida Byström and Molly Soda

      Arvida Byström und Molly Soda haben sich durch das Internet kennengelernt. Wo auch sonst? Ein paar Likes hier, ein paar Follows da — der Start einer wunderbaren Online-Freundschaft. Beide sind engagierte Feministinnen, die ihrem durch das World Wide Web berühmt geworden sind. Molly durch geleakte Nacktselfies und Late-Night-Sexting und Arvida durch ihre pastellfarbenen Interpretationen davon, was es heißt, eine Frau zu sein. Es war ein Match im Hashtag-Himmel auf den ersten Wisch. Bei ihrem neuesten Projekt geht es um ein Buch, in dem sie sich mit der Onlinezensur des Körpers und der Frage, was ein angemessenes Foto im digitalen Zeitalter bedeutet, auseinandersetzen.

      Arvida Byström

      Für den neuen Bildband Pics or It Didn't Happen: Images Banned From Instagram haben Molly und Arvida einen öffentlichen Aufruf gestartet, in dem sie ihre Follower gebeten haben, ihnen Bilder zu schicken, die von Instagram wegen angeblicher Verstöße gegen dessen strenge Richtlinien gelöscht wurden. Neben Einsendungen von neuen und bekannten Künstlern wie Petra Collins, Rupi Kaur und Harley Weir, und einem Vorwort von I Love Dicks Chris Kraus enthält das Buch eine Auswahl von Essays über die Politik hinter Instagrams widersprüchlichen Community-Richtlinien. Wir haben mit den beiden Künstlerinnen über Sex, Zensur und die Macht von Nacktselfies gesprochen.

      Amalia Ulman

      Wie habt ihr euch getroffen?
      Molly Soda: Im Internet! Wahrscheinlich durch Tumblr. Wir haben uns erst persönlich getroffen, als wir bereits entschieden hatten, dass wir zusammen an dem Buch arbeiten.

      Wie kam es überhaupt zu dieser Idee?
      Molly Soda: Wenn ich mich richtig erinnere, hat Instagram ein Foto von Arvida gelöscht und sie hat ihrem Frust in einem Post freien Lauf gelassen. Dann habe ich mir gedacht: ‚Wir sollten ein Buch mit all den gelöschten Instagram-Fotos machen' und sie hat mich angeschrieben. Das ist alles relativ schnell passiert.

      Warum in Buchform?
      Arvida Byström: Ich mag einfach die Vorstellung, dass wir die Fotos als Buch veröffentlichen und uns in 10, 20 oder 50 Jahren zurückblicken können und schauen, ob sich etwas verändert hat.
      Molly Soda: Das Buch ist eine Art Momentaufnahme. Wenn ein Foto von Instagram gelöscht wird, ist es verloren. Es wird einem nie gesagt, welches Foto gelöscht wurde, sondern nur, dass ein Foto gegen die Richtlinien verstößt. Durch das Entfernen erhält das Foto sofort eine neue Bedeutung. Das ist Instagrams Versuch der Dekonstruktion. Diese verlorenen und zerstörten Fotos in Buchform zu veröffentlichen, ist eine nette Art und Weise, an sie zu erinnern.

      Molly Soda

      Was für Fotos wurden euch geschickt?
      Molly Soda: Alles! Einige haben Nacktheit wörtlich genommen, andere abstrakter.

      Gab es Überraschungen?
      Arvida Byström: Die überraschendste Einsendung war mit Abstand das Foto einer Person mit Kopftuch. Die Bildunterschrift war so, dass Leute den Text als terroristische Untertöne fehlinterpretieren könnten, dabei war das gar keine Absicht.
      Molly Soda: Das Bild ist so überraschend, weil es keine Nacktheit zeigt, auch keine angedeutete. Es gibt keine Haut oder Gewalt, es ist einfach nur ein Porträt und wurde trotzdem gelöscht.
      Arvida Byström: Manchmal kann man gar nicht sagen, ob das Foto überhaupt irgendwas mit dem menschlichen Körper zu tun hat. In der Bildunterschrift wird nur etwas über „Nippel" geschrieben und das ist dann der Grund, warum es gelöscht wird.
      Molly Soda: Es wurden auch zwei Fotos eingereicht, auf den die Hände in etwas Klebrigem steckten.
      Arvida Byström: Das ist doch aber auch interessant, weil es zeigt, wie die Gesellschaft funktioniert. Wir sind weniger von Frauenkörpern überrascht als von männlichen.

      Isaac Kariuki

      Was für eine Rolle spielt das Geschlecht dabei? Haben mehr Frauen als Männer ihre Fotos eingereicht?
      Molly Soda: Es gab mehr Einsendungen von Personen, die sich als Frau identifizieren, das kann man schon sagen. Das liegt einfach daran, dass Frauen das Internet anders nutzen und bei ihnen die Wahrscheinlichkeit höher liegt, dass sie sich selbst fotografieren. Ich habe keine Gewaltaufnahmen gesehen.
      Arvida Byström: Ich bin sicher, dass es Bilder gibt, die zu viel Gewalt zeigen und deswegen gelöscht werden. In einem Artikel habe ich darüber gelesen, dass dafür extra Leute angestellt sind, Fotos und Videos von Enthauptungen und anderen schrecklichen Dingen auf den großen Plattformen zu entfernen. Accounts, die solches Bildmaterial hochladen, interessieren sich auch nicht für Mollys oder meine Arbeiten, deswegen haben sie auch nichts eingereicht. In unserem Buch geht es mehr um den Körper, das Frau-Sein und das Spannungsverhältnis zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit.

      Bei beiden von euch wurden Bilder entfernt. Wie fühlt es sich an, wenn einem gesagt wird, dass der eigene Körper gegen den Code einer großen, von Männern dominierten Firma verstoßen hat?
      Molly Soda: Mittlerweile bin ich nicht mehr wütend. Ich bin lange genug online unterwegs, um zu wissen, was gelöscht wird. Daher ist es wenig überraschend, wenn es dann passiert. Diese Apps und Website sind nicht deine Freunde, aber wir benutzen sie trotzdem, weil wir uns ihnen zugehörig fühlen und auf sie angewiesen sind. Andere Personen erhalten so Zugang zu unseren Arbeiten und unsere Ideen. Sie sind nützlich, auch wenn das System sehr fehlerbehaftet ist.
      Arvida Byström: Ich hänge auch schon immer im Internet ab. Ich war als Teenager total unsicher, ich habe meinen Körper gehasst. Jetzt ist mein Verhältnis zu meinem Körper entspannter. Dass ein Unternehmen mir aufgrund meines Körpers widerspricht, überrascht mich nicht. Diese Firmen beruhen auf der Idee, dass Körper nur solange nützlich sind, wie sie damit Produkte verkaufen können oder sie ihrer Firma nicht schaden. Interessant finde ich doch, was dämonisiert wird und wonach entschieden wird, was junge Leute sehen sollen, denn das „Schützt unsere Kinder"-Argument wird oft gebraucht. Man könnte es nämlich auch anders sehen: Wenn sie nur einen Körpertyp sehen (nackt oder nicht), dann ist das gefährlicher als verschiedene Körper zu sehen (nackt und angezogen).
      Molly Soda: Im gleichen Atemzug ist auch interessant, dass immer neue Probleme mit unseren Körpern gefunden werden, Sachen, über die wir uns schämen sollen, weil immer wieder Fotos gelöscht werden.
      Arvida Byström: Ich habe vor ein paar Tagen ein Foto von meiner Intimzone mit Schamhaaren gepostet, von dem ich dachte, dass es gelöscht wird. Ich trage Unterwäsche, man sieht aber keine Schamhaare, ich habe definitiv Haare darunter. In der Mitte war ein herzförmiger Ausschnitt, durch den man meine Schamhaare sehen konnte, aber weil sie nicht an der Seite herausschauten, wurde es nicht gelöscht, auch wenn es Schamhaare waren. Das Bild kommt wahrscheinlich einem Bild meine Vagina am nächsten. Es wurden Bilder im Badeanzug oder mit mehr Textil gelöscht, wo man an der Seite aber Schamhaare sieht.
      Molly Soda: Glaubst du, dass diese Fotos nicht gelöscht worden wären, wenn man keine Schamhaare gesehen hätte?
      Arvida Byström: Nein, zu 100 Prozent. Es gibt so viele rasierte Girls, die so viel von ihren Körpern zeigen, deren Fotos werden nicht gelöscht. Wo ist da die Grenze?
      Molly Soda: Man fragt sich doch, wessen Körper sind erwünschter? Einige Körper sind angemessener als andere. Interessant wäre doch mal folgendes Gedankenexperiment: Frauen mit verschiedenen Körpern machen das gleiche Foto. Welches wird gelöscht? Das mit Schamhaaren oder ohne?

      Wenn es um Fotos von Frauenkörper geht. Inwiefern spielt Sex bei Instagrams Zensurentscheidung eine Rolle?
      Molly Soda: Wenn man über Frauenkörper redet, dann ist ständig von Sex die Rede, weil diese Körper als Objekte gesehen werden. Es wird in diesem Sinne immer sofort sexuell, ob es ihre Absicht ist oder nicht ob sie bekleidet sind oder nicht.

      Vera Jorgensen

      Wie können sich Frauen über Likes für sexualisierte Fotos mit Kleidung freuen, wenn Fotos mit Schambehaarung gelöscht werden?
      Arvida Byström: Das ist ein großes Thema. Nackte Körper werden gesellschaftlich nur in der Privatsphäre oder in der Umkleide im Sportstudio akzeptiert. Aber ich frage mich: Sind nackte Körper so schädlich? Haben nackte Körper wirklich etwas mit Sex zu tun? Und ist Sex wirklich so gefährlich für junge Menschen? Sexualaufklärung ist wichtiger, als Fotos zu löschen oder junge Menschen ihrer Körper zu berauben. Es geht dabei gar nicht immer notwendigerweise um Sex, aber ihre Körper werden sexualisiert.

      Was für eine Rolle spielt die Hautfarbe?
      Arvida Byström: Es haben hauptsächlich Mollys und meine Follower Fotos geschickt. Und wenig überraschend, werden viele weiße, junge Cis-Frauen zu sehen seien, die oft auch ziemlich dünn sind. Ich glaube, dass diese Girls stärker das Gefühl haben, dass sie ihnen ihre Körper gehören und sie fühlen sich wohler darin, ihre Körper zu zeigen. Wenn du also eine übergewichtige, nicht-binäre Woman of Color bist, dann immer her mit deinen Fotos!

      Ser Serpas

      Welche Message wollt ihr vermitteln?
      Molly Soda: Das Buch ist kein Kampf gegen Instagram. Das ist auch kein „Free the Nipple"-Manifest und das ist auch nicht das größte Problem des Feminismus, auf keinen Fall. Es geht uns dabei einfach darum, Bilder, die uns viel bedeuten, zu zeigen, weil wir sie bisher nicht zeigen konnten.
      Arvida Byström: Man kann auch sagen, dass das Buch nicht feministisch ist. Es geht darum, wie Menschen mit ihren Körpern auf Social Media tagtäglich umgehen. Das ist der Versuch, den Mechanismus zu verstehen, wie entschieden wird, was für Körperbilder akzeptiert werden. Das Buch ist ein Beitrag in der Debatte über das auf Instagram propagierte Körperbild. Wenn ein Foto gelöscht wird, fordert Instagram einen auf, sich die Richtlinien noch einmal durchzulesen, um „Instagram sicher zu halten." Vielleicht muss man aber neu verhandeln, was sicher und unsicher heutzutage bedeutet? Es geht um eine Bestandsaufnahme, eine Momentaufnahme, die lustig ist und die hoffentlich in ein paar Jahren veraltet sein wird. Mir würde es nichts ausmachen, wenn Brustwarzen und andere Körperstellen weniger stigmatisiert würden; wenn sie als nicht mehr als unsicher gelten und genauso gesehen werden wie der Rest des Körpers. Vielleicht kann man sagen, dass es ein Buch über Körper ist, die nicht den Vorstellungen von Unternehmen entsprechen. Warum, zum Beispiel, ist ein Foto von einem rasierten Bein sicherer als von einem unrasierten? Das Foto ist sicherer, weil viel Geld und Zeit investiert wurde, um diese Haar loszuwerden.

      Arvida Byström

      Pics or It Didn't Happen: Images Banned From Instagram by Arvida Byström and Molly Soda ist bei Prestel erschienen und ab jetzt erhältlich.

      Credits

      Text: Tish Weinstock

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      Themen:kunst, kultur, arvida bystrom, molly soda, instagram, social media, feminismus, bücher

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