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      kultur Kai Hilbert 20 März 2017

      fünf bücher fragen, was wäre wenn

      Eine Frage, die sich oft genug durch unser Leben zieht, unsere Entscheidungen erschwert und uns über die jeweiligen Konsequenzen grübeln lässt. Diese Autoren haben sich damit auseinandergesetzt und ihre Gedanken in teils emotionsgeladenen, teils kritischen Büchern niedergeschrieben.

      fünf bücher fragen, was wäre wenn fünf bücher fragen, was wäre wenn fünf bücher fragen, was wäre wenn

      Was, wenn du links statt rechts abgebogen wärst? Was, wenn du dich dazu überwunden hättest, den ersten Schritt zu machen? Was, wenn Hitler Künstler geworden wäre? Wenn doch dieses Wörtchen „wenn" nicht immer wäre. Aber da ist es nunmal und schwebt allgegenwärtig über unsere Köpfe. Egal wie irrelevant die Folgen unserer Entscheidungen manchmal erscheinen mögen, sie prägen unser Leben und können uns in eine ganz andere Richtung lenken als vielleicht gedacht. Die Faszination darüber zu sinnieren, wie es hätte anders laufen können, ist nicht nur in unseren Köpfen präsent, sondern geistert auch in denen der nachfolgenden fünf Schriftsteller herum, die sich mit der großen Frage des „Was wäre, wenn...?" beschäftigt haben.

      Das Orakel vom Berge, Philipp K. Dick
      Was wäre, wenn das Dritte Reich und Japan den Zweiten Weltkrieg für sich entschieden und die USA unter sich aufgeteilt hätten? Westküste Japan, Ostküste Deutschland, in der Mitte entlang der Rocky Mountains ein neutraler Marionetten-Staat. Wir schreiben das Jahr 1962. Durch die Straßen San Franciscos fahren Rikschas anstelle von gelben Taxis, am Time Square werden martialische Nazi-Riten abgehalten. Inmitten dieser Alternativ-Realität folgen wir mehreren Handlungssträngen, die alle auf die ein oder andere Weise miteinander verwoben sind. Antiquitätenhändler, Geheimagenten, Auftragskiller, Kleinganoven und Geschäftsmänner; allesamt ebenso getrieben wie verfolgt von ihrem eigenen Schicksal. Der rote Faden ist jedoch ein von den Nazis verbotenes Buch, das den Titel „Die Plage der Heuschrecke" trägt und mit dem völlig abstrusen Gedanken spielt, was passiert wäre, hätten die Alliierten den Krieg gewonnen. Fasziniert von diesem Gedanken begibt sich eine der Hauptcharaktere, Juliana Frink auf die Suche nach dem Verfasser dieses brisanten Schriftstücks, der verschanzt in einer Festung in den Rocky Mountains leben soll. Die Realität gerät langsam ins Wanken. Philipp K. Dick („Bladerunner") schuf die dystopische Vision einer Wirklichkeit, deren Lektüre obgleich ihrer doch bedrückenden Thematik bis ins letzte Detail fesselt.

      Drei mal wir, Laura Barnett
      Was wäre, wenn Evas Fahrrad keine Panne gehabt hätte? Die Wahrscheinlichkeit, dass sie Jim nicht über den Weg gelaufen wäre, ist zumindest hoch. Und was wäre geschehen, wenn sie statt ihn zu begleiten, ihr Fahrrad zurück Richtung College geschoben hätte? Diese Entscheidung wirkt sich essentiell auf den weiteren Verlauf beider Leben aus. Doch wir folgen den beiden nicht nur durch eine, sondern durch drei unterschiedliche Versionen ihrer Zukunft. Von Cambridge geht es nach New York oder nach London oder nach Rom. Verschiedene Destinationen und Lebensentwürfe, Professionen, Emotionen und zu bewältigende Widrigkeiten. Weder hochtrabend, noch zu seicht, aber sehr warmherzig erzählt Laura Barnett von einem Paar in dreierlei Variationen. Diese Geschichten wechseln sich in Kapiteln ab und sind am Buchschnitt anhand von farbigen Registern voneinander zu unterscheiden. Wir dürfen uns also aussuchen, ob wir die unterschiedlichen Lebenswege nacheinander oder parallel in uns aufnehmen. Aber vielleicht ist es auch mal wieder an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen!

      Mirage, Matt Ruff
      Was wäre, wenn es nicht 9/11 heißen würde, sondern 11/9? Am 9. November 2001 fliegen zwei Flugzeuge in die Euphrat-Tigris-Zwillingstürme. Eines ins Verteidigungsministerium in Riad, eines stürzt in der Wüste ab — es sollte Mekka erreichen. Die Supermacht der UAS (United Arab States) wird durch die Terrorangriffe bis ins Mark erschüttert, die Bilder laufen über jeden Fernsehbildschirm auf der ganzen Welt. Die Attentäter: radikal-fundamentalistische Christen aus der Region der rückständigen CSA (Christian States of America). Die UAS besetzen die Ostküste Amerikas, der Krieg gegen den Terror beginnt. 2009: die drei arabischen Polizisten Mustafa, Samir und Amal nehmen einen mutmaßlichen Strippenzieher der Anschläge von 11/9 fest. Dieser berichtet Unglaubliches, denn dies sei nicht die Wirklichkeit. Matt Ruff scheint großer Fan von Philipp K. Dicks „Das Orakel vom Berge" zu sein und überträgt die Grundidee in unsere Gegenwart. Spannung, (Gedanken-)Spiel und Spaß — gekonnt und voller satirischem Witz spiegelt er unsere Realität, hebelt so gängige Vorurteile aus und beschert dem Leser ein unterhaltsames Lesevergnügen mit philosophischem Anstrich. 

      Adolf H., Éric-Emmanuel Schmitt
      Was wäre, wenn die für die Aufnahme neuer Studenten verantwortlichen Dozenten der Wiener Kunstakademie am 8. Oktober 1908 den jungen Adolf H. angenommenen hätten? Der zart-besaitete junge Mann wäre beim Akt Zeichnen in Ohnmacht gefallen, hätte von einem gewissen Sigmund Freud einen Ödipuskomplex attestiert bekommen, hätte sich in den Wirren des Ersten Weltkrieges zum überzeugten Pazifisten gemausert und nach der Heimkehr dem Surrealismus zugewandt, der ihn in Paris der 1940er und 50er Jahre zu einem der angesehensten zeitgenössischen Künstlern hätte aufsteigen lassen. Kein Zweiter Weltkrieg, kein Holocaust, kein Kalter Krieg. Welch schöne Vorstellung des 20. Jahrhunderts! Mit der für den Autor typischen Empathie und Zartheit versucht er sich der Person Adolf Hitler anzunähern und stellt sich die erlaubte Frage „Hätte es anders laufen können?" Es geht in keinster Form darum, Hitler und seine Taten zu verharmlosen und seinen Charakter in einem romantisch-mysteriösen Licht zu verklären. In Schmitts Notizen zum Roman ist zu lesen: „Indem ich zeige, dass Hitler ein anderer hätte werden können, werde ich jeden Leser spüren lassen, dass auch er hätte Hitler werden können." Ein streitbarer Standpunkt, aber einer der unterhaltsam aufzeigt, dass der Lebensweg einer einzelnen Person dazu in der Lage ist, den Verlauf der Weltgeschichte zu ändern. 

      Aller Tage Abend, Jenny Erpenbeck
      Was wäre, wenn die junge Mutter damals gewusst hätte, wie sie den Säugling ins Leben zurückholt? Das Kind wäre nicht gestorben. Es hätte weitergelebt. Doch wie viele potenzielle Leben stecken in einem einzelnen? Unzählige. Eines jedoch haben all diese möglichen Leben miteinander gemein: sie enden mit dem Tod. Aller Tage Abend stellt den Tod an den Anfang: die Protagonistin wird 1902 geboren, stirbt mit acht Monaten — nein, sie überlebt, ist 17 und hat Selbstmordphantasien — nein, sie ist 90 und lebt in einem Ostberliner Pflegeheim. Jenny Erpenbeck spielt meisterhaft mit dem Fächer der Möglichkeiten und lässt in jedem Lebensabschnitt der Heldin den Geist der jeweiligen Epoche durchscheinen. Ohne sprachliche Schnörkelei und durch die seltene Nennung von Namen wird die Geschichte übertragbar. Das, was wir Schicksal nennen, ist ein unkalkulierbares Zusammenspiel aus großen und kleinen Zusammenhängen, Zeitgeschichte und Privatem. Und am Ende jeden Lebens wartet der Tod — am Ende jeden Tages wartet der Abend.

      Credits

      Text: Kai Hilbert
      Foto: Imago / United Archives

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      Themen:bücherliste, bücher, kultur, must reads, das orakel vom berge, philipp k. dick, drei mal wir, laura barnett, mirage, matt ruff, aller tage abend, jenny erpenbeck, adolf h., Éric-emmanuel schmitt

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